DER WEG NACH MEKKA
DER WEG NACH MEKKA
Bonn, 18. August 1980
Wir sind nahe genug am Ende dieses Jahrhunderts, um urteilen zu können, daß der (einer Rabbiner-Familie in Lemberg entstammende) Österreicher Leopold Weiss, besser bekannt als Muhammad Asad, quantitativ wie qualitativ einen wahrhaft säkularen Beitrag zum Verständnis des Islam im Westen geleistet hat. Seine Wirkung im Westen geht nicht nur auf den Respekt vor seiner Gelehrsamkeit zurück, sondern auch auf die Hochachtung vor den charakterlichen Qualitäten dieses unerschrockenen Muslims.
Asad hat denn auch ein buntes Leben gelebt, in dessen Verlauf er sich als ungemein vielseitig begabt erweisen konnte. Mit 14 Jahren riß er erfolgreich zu den Soldaten aus; mit 19 Jahren assistiert er Dr. Murnau bei der Filmregie; mit 22 Jahren hat er es geschafft, Reporter und Nahostspezialist des prestigereichsten deutschen Journals, der Frankfurter Zeitung, zu sein; dann wird er Freund von Ibn Saud und Mohammed Iqbal, Unterstaatssekretär im pakistanischen Außenministerium, Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York... Das sind nur einige der Stationen in einem „curriculum vitae", das Denken und Handeln, Philosophie und Religion, Ästhetik und Politik echt islamisch verbindet. Asad ist sozusagen ein Renaissance-Mensch ä iq Islam. Seine Bücher sind allesamt Klassiker geworden: Schon mit „Islam at the Crossroads" aus dem Jahre 1934 gab Asad der ihrer selbst unsicher gewordenen, apologetischen islamischen Welt ein Stück Würde und kulturgeschichtlichen Selbstvertrauens zurück.
Schrieb er nicht schon vor 50 Jahren in Delhi: „Möglicherweise wird eine neue Serie von Weltkriegen bisher unbekannten Ausmaßes und der Terror der wissenschaftlichen Errungenschaften die materialistische Selbsttäuschung der westlichen Zivilisation auf so grausame Weise ad absurdum führen, daß ihre Menschen doch wieder aufs neue ernst und bescheiden nach der geistigen Wahrheit suchen werden; dann könnte ein erfolgreiches Predigen des Islam im Westen möglich werden." Asads glänzend geschriebene, aufregende Biographie, „Der Weg nach Mekka" (1954) ist Dokument einer nachvollziehbaren Konversion zum Islam. In seinen „Principles of State and Government in Islam" (1961) räumt Asad ohne weiteres ein, daß es seit dem Medinenser Kalifat, also seit dem Kalifen Ali, keinen wirklichen islamischen Staat mehr gegeben hat. Dann weist er nach, daß es in Qur'an und Sunna nur sehr wenige eindeutige Rahmen-und Detailvorschriften für die Gestaltung von Staat und Gesellschaft gibt. Die Schlußfolgerungen dieser Schrift sind weittragend: (i) Die Rechtsmaterie gemäß dem großen Gebäude des islamischen Rechts (fiqh) ist viel umfangreicher als sein bindender Kern, (ii) Im Rahmen eines Grundgesetzes und einer Gesetzgebung, welche auf den Qur'an bezogen sind, könnte ein islamischer Staat viele Züge einer parlamentarischen Demokratie und eines Rechtsstaates tragen, etwa nach Vorbild des amerikanischen Präsidialsystems und seines Supreme Court, (iii) Von Re-islamisie-rung ist also nicht notwendig eine Theokratie mittelalterlichen Zuschnitts zu befürchten.
Oft übersehen wird, daß Asad auch die historischen Bücher über die Frühzeit des Islam aus der Hadith-Sammlung des Al-Buhari nicht nur übersetzt, sondern sehr eingehend kommentiert hat („Satjih Al-Buhari, The Early Years of Islam", 1938). Umso bekannter ist Asads genialisch kommentierte Qur'an-Übersetzung in shakespear'sches Englisch geworden („The Message ofthe Qur'ari\ 1980). Stets das Vernünftige auf geradestem Wege suchend, ohne Scheu vor dem Abschneiden nur historisch bedeutsamer Zöpfe, natur-und sprachwissenschaftlich auf der Höhe der Zeit, steht der Kommentator Asad dem ägyptischen Reformtheologen der Jahrhundertwende, Muhammad Abduh (Autor der berühmten Islam-Darstellung „Risalat al-Tawhid'\ 1897), sehr nahe. Daß sich der Österreicher um seiner geistigen Integrität willen an seinem Lebensabend noch einmal (zugunsten von Tanger und dann Lissabon) aus Medina löste, zeigt uns, daß der Achtzigjährige sich treu geblieben ist.