EIN GEWICHTIGER SCHLUCK WASSER
EIN GEWICHTIGER SCHLUCK WASSER
Belgrad, im Ramadan 1978
Dieses Jahr haben wir beschlossen, das Fasten sozusagen probeweise so einzuhalten, wie es den Muslimen vorgeschrieben ist. Wir versuchen aber entgegen der weitverbreiteten Sitte nicht, auf Kosten des Schlafs nachts an Nahrung hereinzuholen, was dem Körper unter Tag entgangen ist. (Es wäre wohl auch nicht im Sinne des freitäglichen Fleischverbots, wenn der Katholik daraus ein Fischgelage machen würde.)
Wichtig ist aber, kurz vor Fastenbeginn am frühen Morgen noch kräftig Wasser zu trinken. (Jedenfalls als Wasserspeicher läßt sich der Mensch nicht mit dem Kamel vergleichen!)
Die ersten zwei Fasttage sind die schwersten. Daher ist es keine Erleichterung, das (später nachzuholende) Fasten auf Reisen unterbrechen zu können. Unter Tag gilt es, die biologischen Energiekurven gut auszunutzen. Im Hinblick daraufteile ich meine Arbeit unter die Kategorien „Muß", „Soll" und „Kann" ein und komme so beruflich über die Runden. Allerdings achte ich sorgfältig darauf, andere Verkehrsteilnehmer nicht durch Blutdruckabfall bzw. Blutzuckerabfall zu gefährden. (Seit dem 7. Jahrhundert haben sich die Risiken, durch Unachtsamkeit zu töten, vertausendfacht.) Dutzendmal tagsüber wird man beim Fasten in diesem land daran erinnert, in einer Ausnahmesituation zu sein. Dafür sorgt schon die im jugoslawischen Außenministe-num übliche Sitte, ausländischen Diplomaten bei Arbeitsbesuchen türkischen Kaffee, Saft und Wasser zu reichen. Doch da es in diesem sich atheistisch gebenden ötaatsgebilde noch über eine Million Muslime gibt – in Bosnien, in der Herzegovina und im Kosovo - begegnet man der an sich heiklen Zurückweisung solcher Gastfreundschaft im Ramadan meist mit Verständnis oder doch wenigstens Respekt.
Schon bald stellt sich ein körperlicher Zustand ein. der zum Kräftesparen anhält. Man bewegt sich langsamer. spricht nicht mehr unnötig und beobachtet das jetzt noch irrerwirkende Hasten der Geschäftigen mit kontemplativer Gelassenheit, Gewinn an Unabhängigkeit und - vielleicht - Weisheit.
Der Beginn des Essens am Abend, die Olive, der Schluck Wasser, werden zu einem gewichtigen Erlebnis; der Körper belebt sich wie eine trockene Pflanze, die man gießt. Man genießt jetzt besonders die leichte, vegetarische Kost. Und gewinnt von Tag zu Tag an Moral und Selbstvertrauen in die Fähigkeit, Prioritäten richtig zu sei zen.
Geht es nicht letztlich um Immunität gegenüber der Versuchung des schirk derVergötzung des Nebensächlichen?