FINGER WEG VOM QUR'AN
FINGER WEG VOM QUR'AN
Lissabon, 22. September 1985
Gegenüber dem Gulbenkian-Museum (mit seiner traumhaften Sammlung islamischer Kunst) erhebt sich neuerdings die monumentale Lissaboner Moschee, eine Re-interpretation der Ihn Tulun-Moschee von Kairo im Geiste des Weimarer Bauhauses. Derzeit gibt es 15.000 Muslime in Portugal, meist Mozam-biker und daher Ismaeliten. So viele Muslime hat es in diesem Lande seit 700 Jahren nicht mehr gegeben. Als ich mich beim Moscheebesuch dem Bücherstand nähere, rennt ein Junge aufgeregt auf mich zu, um mich -den vermeintlich christlichen, also wohl auch „unreinen" Touristen - am Berühren des Qur'an zu hindern. Er wollte Unrecht wehren.
Das versteht nur, wer weiß, daß dem Muslim körperliche Reinheit als „die Hälfte der Religion" anempfohlen ist, und daß Gläubige nach der Sunna gehalten sind, das Heilige Buch nur im Zustand der rituellen Reinheit zu lesen. (In früheren Jahrhunderten, als die Christen ihr Buch noch in höheren Ehren hielten, hätte man dies ohne weiteres mitvollzogen.)
Sobald das Mißverständnis aufgeklärt ist, bringen sich unsere mozambikischen Brüder geradezu um, um Bül-ben und mir den weiteren Tag über behilflich zu sein. Brüderlichkeit ohne erkennbare Grenzen.