FRAUENSCHLEİER MİT MAß UND ZİEL
AI-Madina, 25. Dezember 1982
Zum nachmittäglichen maghrib-Gebet in der (nach meinem Geschmack etwas zu farbenfroh-glitzernd geratenen) Moschee des Propheten muß sich meine Frau von mir trennen. Bülben taucht in ihrer schwarzen Abaya schwarz verschleiert unter Hunderten gleichgekleideter Schwestern in einem anderen Moschee-Eingang unter. Anschließend warte ich an einer Straßenlaterne, bis mich meine Frau anspricht. Rollentausch? (Das umgekehrte Verfahren wäre zu riskant gewesen, könnte man doch dabei die falsche Frau ansprechen.) Beim Warten mache ich mir Gedanken über die Sitte der Totalverschleierung in Saudi-Arabien, die ja nicht arabischen, sondern byzantinisch-persischen Ursprungs ist. Hochgestellte städtische Damen hatten wohl mit Hilfe des unpraktischen Schleiers demonstriert, daß sie zur „leisure class" (zur nichtarbeitenden Schicht) gehörten. Verschleiert hatten sie sich noch rarer und kostbarer gemacht. Zugleich förderte die Verschleierung wohl noch den orientalischen Eifersuchtskult. Es steht jedenfalls fest, daß sich die Frauen vor und nach dem Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm, nicht total verschleierten, so wenig heutige Beduinenfrauen Gesichtsschleier tragen.
Andererseits ist die Gepflogenheit saudischer Frauen, das qur'anische Bedeckungsgebot sozusagen „überzuerfüllen" nicht ohne innere Logik: Wenn es Zweck des Bedeckens von Haar, Busen und Armen ist, die Frau vor dem Charakter als Sexobjekt zu bewahren - sie also insoweit zu befreien -, die Gefährdung von Ehen durch „Abwerbung" zu verringern und einem eitlen, ruinösen