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PURITANISCHE FUNDAMENTALISTEN

PURITANISCHE FUNDAMENTALISTEN
 

Brüssel, 14. Februar 1985

Den Saudis wird oft vorgeworfen, puritanische Fundamentalisten zu sein. Dies ist ein sonderbarer Vorwurf, wenn er sich darauf bezieht, daß sie der Verehrung des angeblichen Grabs der Urmutter Eva in Jeddah und auch dem Grabkult auf dem historischen Medinenser Friedhof Al-Baki' ein Ende gesetzt haben. Oder darauf, daß sie dem Lotterleben, das Heinrich von Maltzan noch 1860 in Mekka vorfand („Meine Wallfahrt nach Mekka", Tübingen 1982) - Rauschgifthöhlen, Prostitution, Räubereien - einen eisernen Riegel vorschoben. Aber auch dann ist der Vorwurf der Orthodoxie kurios, wenn er sich nur darauf bezieht, daß die Saudis ihre Religion ernstnehmen, an den geoffenbarten Texten festhalten, zu den Wurzeln des Islam zurückfinden wollen. Daß der Fortschritt im Rückgriff liegen kann, haben doch auch die christlichen Kirchen entdeckt. Es ist insbesondere nicht primitiv, von der Hypothese auszugehen, daß die gesellschaftliche Organisation des Frühislam unter dem Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm, und den ersten vier „rechtgeleiteten" Kalifen Modellcharakter auch für ein postindustrielles Staatswesen haben könnte.
Und schon garnicht naiv ist es, im Einklang mit der bereits im 9. Jahrhundert bei Al-Asch'ari hochentwickelten islamischen Erkenntniskritik auf Sprachspiele im Sinne der spekulativen Metaphysik zu verzichten, wie dies seither auch westliche Geistesgrößen wie David Hume, Immanuel Kant und Ludwig Wittgenstein nahegelegt haben.
Letztlich geht es bei der westlichen, liberalen wie sozialistischen Kritik am islamischen Fundamentalismus aber wohl darum, daß man Islam mit rechtsstaatlich-parlamentarischer Demokratie für unvereinbar hält. Dabei leben viele Liberale und Sozialisten in Monarchien, deren staatliche Grundprinzipien ebenfalls in religiösen bzw. ideologischen Vorstellungen des Mittelalters verankert sind.
In der Tat: Wenn das Christentum der Autokratie eines feudalen Gottesstaates nicht notwendig verschrieben ist, dann auch nicht der Islam!
Dagegen spricht nicht, daß die Menschheit leider immer wieder im Christentum wie im Islam mit „erleuchteten Herrschern", „Stellvertretern Gottes", „aufgeklärten Monarchen" und „gottesfürchtigen" Kaisern, Sultanen, Kalifen sehr schlechte Erfahrung machen mußte. Die Rechtsgeschichte des Islam ist tatsächlich die Geschichte eines andauernden Kampfes einer befreienden Rechtsidee - von Rechtssicherheit, Gerechtigkeit und Billigkeit - gegen die allzu oft siegreiche Macht der faktischen Willkür.
Daher konnte Prof. Karl J. Newman in der heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung auch fragen, „ob es denn heute unter dem Halbmond irgend einen Staat gibt, der nicht durch eine Diktatur regiert wird?" Und daher ist die islamische Welt der übrigen Welt auch immer noch den konkreten Beweis schuldig, daß eine moderne islamische „Theodemokratie" (Maududi) auch in der Praxis ein partizipatorischer Rechtsstaat i.S. des Qur'an und der Völkerrechtsentwicklung sein kann.