IM GARTEN DES PROPHETEN
IM GARTEN DES PROPHETEN
al-Madina, 1.-3. Juni 1992
Die Grabmoschee des Propheten Muhammad, aus seinem Anwesen entstanden, wurde immer wieder vergrößert. Jetzt überdeckt sie nicht nur wie noch 1982 einen Straßenblock, sondern ein ganzes Stadtviertel. Von 11 Minaretten umgeben - 14 sollen es werden - erlaubt sie neuerdings 480.000 Gläubigen, gleichzeitig dort zu beten. Obwohl die Moschee teilweise zur Seite hin und nach oben offen ist, sind die Temperaturen gemäßigt. Eine von Bodo Rasch gegründete muslimische deutsche Ingenieurfirma, die Sonderkonstruktionen und Leichtbau GmbH in Leinfelden-Oberaichen, hat gigantische Leichtmetall-Schirme entwickelt, die sich bei Sonneneinfall im dafür besten Winkel entfalten, doch bei Nacht die kühlere Luft in die Moschee eindringen lassen. Gleichzeitig läuft gekühltes Wasser durch ihren Boden... Zur Zeit des Nachmittagsgebets strömten mehrere hunderttausend Pilger konzentrisch auf die Moschee zu, so auch der algerische Parteiführer Scheich Nahnah und ich -wir jedoch in einer klimatisierten Limousine. Man möge es glauben oder nicht: Ein jeder machte Platz, völlig friedlich, ohne hämische Bemerkung und ohne auf die Karosserie zu hämmern wie es in jeder anderen Situation der Fall gewesen wäre. Religiöse Überzeugung kann also doch soziologische Gesetze außer Kraft setzen! In der Moschee komme ich mit Not noch zwischen einem pakistanischen Banker aus Bahrain und einem türkischen Gastarbeiter aus Bochum zu sitzen. So manifestieren wir drei in nuce die Universalität des Islam.
Aber erst nach Mitternacht, als die Moschee ein wenig leerer wurde, gelang es uns endlich, den historischen Teil der Moschee, den ehemaligen Garten des Propheten (al-rauda) zu betreten, in dem damals die Kioske seiner Frauen standen. So kommen wir genau vor 'Aischas ehemaligem Raum zu stehen, genau da, wo Muhammad starb und begraben wurde, gleich neben seinen Getreuesten, den Kalifen Abu Bakr und 'Umar.
Hier, wo der Prophet lebte, arbeitete, predigte, aß, schlief, Liebe machte und starb, verloren manche meiner Mitpilger vor Ergriffenheit völlig die Fassung. Sie schluchzten und weinten hemmungslos. Hatten sie nicht jahrelang erträumt, dem Manne so nahe zu kommen, der ihr Leben so drastisch verändert hatte?
Im Gegensatz zu 1982 reicht die Grabmoschee jetzt unmittelbar an den historischen Friedhof al-Baqi'a heran. Neu ist aber auch, daß nunmehr keines der Gräber mehr -auch diejenigen von 'Uthman, Fatima und 'Aischa nicht -erkannt werden kann.
Der ganze Friedhof wurde zur Bekämpfung potentieller Heiligenverehrung wellenförmig eingeebnet. Als Scheich Nahnah und ich merkten, wie sich die Mienen zahlreicher iranischer Pilger angesichts dieser Veränderung zornig verfärbten, machten wir uns vorsichtshalber aus dem Staub. Doch es kam zu keiner Explosion. Auch die schiitischen Pilger wissen, daß jede Gewalttätigkeit ihre Pilgerfahrt annulieren würde.
Radikal sind die saudischen Wahhabiten allerdings auch im Umgang mit ihrem winzigen architektonischen Erbe. 1982 hatten meine Frau und ich die Qiblatain-Moschee und diejenige von Qubba noch einigermaßen intakt gefunden. Beide Gebäude mußten inzwischen größeren modernen Strukturen weichen. Der strenge tauhid, die ausschließliche Zentrierung auf Allah, resultiert eben in einem anderen Wertebewußtsein und setzt andere Prioritäten. Und so ist die Stringenz der saudischen Denkmals-Nichtpflege letztlich doch imponierend. Nach dem Nachtgebet verbrachten Scheich Nahnah und ich viele Stunden mit algerischen Studenten. Jeder darf dreimal raten, worüber wir diskutierten.