HÄTTE DER HERR GERICHTSPRÄSIDENT A.D. DOCH GESCHWI
HÄTTE DER HERR GERICHTSPRÄSIDENT A.D. DOCH GESCHWI
Brüssel, 8. Februar J985
Wenn immer sich Christen dazu verführen lassen, das Trinitätsdogma rational zu verteidigen, verlieren sie sich in einer oft amüsanten Wortakrobatik, nur um sich schließlich wieder auf die Unerklärbarkeit dieses „Mysteriums" zurückzuziehen.
Da schreibt der ehemalige Präsident des Bundesarbeitsgerichts, Dr. Gerhard L. Müller, in einem Leserbrief der heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das Christentum habe Jesus nie als ein Mischwesen des „Halb-Gott und Halb-Mensch" verstanden. „Hier geht es um einen Zusammenhang von Gott und Mensch so eigener Art. daß sich wohl kaum eine.. .religionsgeschichtliche Analogie aufweisen lassen dürfte." (Kommentar: So feingesponnen werden religiöse Atavismen nicht.) Müller fährt fort: ,yon der Auferweckung Jesu reflektierte (die frühe Kirche) auf den eine personale Gegenwart Gottes in einem Menschen real bedingenden Grund in der Personenwirklichkeit Jesu bei und in Gott..." Er sei als Gott verstanden worden, „weil er in seinem ewigen Sohnsein schon immer in Gott lebt und nun, Goti bleibend, das Menschsein aus Maria annimmt", und zwar „durch Gottes eigenen Geist". Es gehe dabei um einen „Neuansatz alles Menschlichen, das in Jesus. ..seinen irreversiblen Anfang nimmt."
Uff! Hätte der Herr Gerichtspräsident a.D. doch geschwiegen, statt solche Leerformeln lyrisch aneinander zu reihen! (Oder sollen wir Muslime für solche ungewollte Schleichwerbung für den Islam danken?) Wäre es nicht besser gewesen, ohne Verlust an Würde den geistigen Bankerott gegenüber dem „Mysterium" der Trinität einzugestehen - wie gegenüber allen kosmologischen Allegorien - und stattdessen der geschichtlichen Entwicklung der Dreifaltigkeitsvorstellung auf den
Grund zu gehen?
Mysterien sind zwar definitionsgemäß unerklärlich. Die Vorfrage, ob es sich um ein Mysterium handelt, darf, ja muß allerdings gestellt werden.
Dann hätte Herr Müller einräumen müssen, daß er – wie schon Johannes, Paulus und Dionysius „Areopagita" - gnostischen und neoplatonischen Wortspielen zum Opfer gefallen ist.
Auch für das Trinitätsdenken gab es keine Stunde Null.
Doch dies ist ein weites Feld...