GLAUBEN UND ABERGLAUBEN
stanbul, 15. Juli 1984
Wer glaubt, in islamischen Ländern gebe es die in der Sure Al-Falaq erwähnten, „auf Knoten blasenden" Zauberinnen, Zauberpulver und den Bösen Blick nicht mehr, irrt. Es irrt auch, wer da glauben sollte, daß das qur'a-nische Verbot der Weissagung dem ernstgenommenen Kaffeesatzlesen ein Ende gemacht hätte. Daß sich viele über den Islam erhabene „moderne" Türken mit solchem Spuk befassen, bestätigt die Volksweisheit, „wo nicht Glaube, da Aberglaube". Kurioser - wenngleich menschlich - ist allerdings, daß sich ein Maß an magischem Tun selbst im Gewebe des Islam eingenistet hat. Dabei spielt bekanntlich die Sure Ya Sin eine ambivalente Rolle.
Niemand sollte etwas dagegen einwenden, wenn diese Sure (wie andere) von einem entlohnten Hodscha mit der guten Absicht rezitiert wird, Segen auf Lebende oder Verstorbene herabzuflehen.
Bedenklicher ist es schon, wenn vom Vortrag der Sure oder ihrer Deponierung in Amuletten eine quasi automatische Schutzwirkung erwartet wird. (Ist eine Waffe gegen das „Schicksal" denn nicht eine gegen Gott geschmiedete Waffe?)
Und ganz und gar verwerflich ist es, wenn Frauen dabei ertappt werden, Ya Sin über ein Gebräu von Milch zu sprechen („Sütlü Yasin"), falls sie davon Zauberkräfte erwarten.
Wir haben es bei allem mit dem schier unausrottbaren Bedürfnis des Menschen zu tun, sein Schicksal (und das anderer) zu manipulieren, die Zukunft zu kennen und einflußreiche Kräfte zu mobilisieren.
Es ist traurig, daß es auch dem Islam nicht gelungen ist, dem garaus zu machen. Hätte es im Qur'an noch öfter heißen müssen, daß niemand die Stunde kennt; daß Allah belohnt und bestraft, wen er will; daß keiner des anderen (Verantwortungs-)Last trägt?
Ist diese Religion, der Islam, für manche seiner Anhänger zu nüchtern? Brauchen sie einen byzantinischen Gott, auf Goldgrund, zum Anfassen? Einen Gott am Kreuz? Ein Gottesbabylein in der Wiege? A'udhu bi-llah! Da sei Gott vor!