HADSCH IST NICHT UMRA
HADSCH IST NICHT UMRA
Mekka, 5.-9. Juni 1992
Seitdem ich zum ersten Mal die grandiose Große Moschee von Mekka betrat, habe ich stets Heimweh danach gehabt. Ich leide nicht an billiger Nostalgie, sondern sehne mich nach der in Mekka herrschenden Atmosphäre von Frieden und Theozentrismus: Gott ist stets, fast greifbar, im Visier. Deshalb ist es völlig irreführend, Mekka mit irgend einem christlichen Pilgerort zu vergleichen. Diesesmal erreichten wir den Haram durch eines der vielen neuen Verkehrstunnels, die man durch den felsigen Untergrund der Stadt gesprengt hat. Aus dieser Unterwelt unmittelbar vor der Großen Moschee aufzutauchen ist ästhetisch wie emotional ein Schock.
Und so umschritt ich ein weiteres Mal die Kaäba und lief ein weiteres Mal zwischen den Hügeln al-Marwa und al-Safa hin und her, allerdings nicht wie 1982 im Winter, sondern bei 44°C, und nicht nur als einer von Zehntausend, sondern als einer von 600.000... Es geht so eng zu, daß es unmöglich ist, sich vor der hart zuschlagenden Sonne mit dem Schirm zu schützen. Das ist kritisch; denn unter den Bedingungen des Hadsch braucht man über zwei Stunden zur Erfüllung derjenigen Riten, die man unter den Bedingungen der Umra in 40 Minuten erfüllen könnte. Zwei Stunden können aber ausreichen, sich einen Sonnenstich zu holen.
Das Gedränge ist so groß, daß man sein Fortbewegen kaum kontrollieren kann; man wird zu einem Wassertropfen in einer riesigen menschlichen Woge.
Wie froh war ich jetzt, daß ich mich zunächst durch eine Umra mit den Örtlichkeiten vertraut gemacht hatte. Gleichwohl war es bei solcher physischen Beanspruchung manchmal recht schwierig, sich der geistigen Dimensionen des eigenen Tuns bewußt zu bleiben. Beim nächsten Mal versuchte ich, die Ka'aba auf dem Dach der Moschee-Einfassung zu umkreisen, obwohl sich der Radius (und damit die zurückzulegende Strecke) dabei enorm vergrößert. Doch der Dachboden war glühend heiß. Nachdem ich zunächst wie ein Tanzbär von einem Fuß auf den anderen gehüpft war, gab ich diese schlechte Idee auf. Unter solchen Bedingungen und bei einer so großen Pilgermenge sind Ausfälle und Todesfälle unvermeidlich, vor allem zufolge Sonnenstich und Kreislaufkollaps. Nach jedem Gebet wird denn auch für diejenigen Pilger gebetet. die seit dem letzten Gebet verstorben sind. Jeder ist sich bewußt, daß man das nächste Mal schon für ihn beten könnte.
Beim Umrunden der Ka'aba ist mir, als sei ich dabei, mich auf Gott einzuorten, auf Ihn zu kalibrieren. Ich spreche dabei: „Oh Allah, gib daß Deine (objektive) Realität zu meiner (subjektiven) Realität wird, eine Realität, die mir jederzeit und überall bewußt bleibt! " Ein privates Gebet. das zum Leitmotiv meiner Pilgerfahrt wurde.