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DIE LETZTEN IBADITEN

DIE LETZTEN IBADITEN  

Beni Izguen, 26. Mai 1989

Nichts ist erholsamer als sich in die M'Zab-Region zurückzuziehen, eine Steinwüste 650 km südlich von Algier. Hier hatten die letzten wahren Ibaditen vor religiöser Verfolgung durch andersgesinnte Muslime Unterschlupf gefunden, indem sie die Infrastruktur für sieben Städte (darunter Ghardaia, Malika, Beni Izguen und El-Ateuf) aus einer völlig unwirtlichen Felslandschaft heraushauten. Noch heute klammern sie sich dort kompromißlos an ihre rigoristische Interpretation des Islam und ihre islamischdemokratischen Traditionen. Ethnisch Berber, sprechen sie das beste Arabisch im Lande. Während des algerischen Befreiungskriegs kämpften die „Mozabiten" heldenhaft gegen Frankreich; das Hauptquartier der Aufständischen für den gesamten algerischen Süden befand sich bei ihnen. Nach dem Krieg jedoch weigerten sich die Mozabiten, irgendwelche Orden und Ehrenzeichen, Renten oder sonstige Privilegien vom algerischen Staat anzunehmen: Sie hatten nur für Allah und Seine Umma gekämpft. In der Folge gab es keine andere Region in Algerien, die sich so konsequent wie der M'Zab einer sozialistischen Durchdringung entzog.
Über El-Oued und Ouargla - Hassi Messaoud konnten wir wegen eines Sandsturms nicht erreichen - fuhr ich mit meinem VW-Golf bis Beni Izguen. Hier sollten 350 Männer meinen Vortrag über „10 Punkte, die mich am praktizierten Islam stören", hören. Es handelte sich um folgende:

(1) Predigtstil. Am Freitag habe man oft den Eindruck,daß sich der Prediger wie ein General vor der Schlacht weniger an den Verstand als an Emotionen richte.Gewaltsamkeit. Manch junge muslimische Aktivisten setzen stärker auf strukturelle Gewalt als auf Überzeugungsarbeit, als könne man das Stadium von Mekka (Gewinnen von Herz und Verstand) über springen und sofort, wie in al-Medina, einen islamischen Staat von oben erzwingen.

Stagnation (taqlid). Eine Tendenz zur kritiklosen Nachahmung der Altvorderen, aus Angst vor unzulässigen Neuerungen (bid'a), behindere die notwendige Fortentwicklung der islamischen Jurisprudenz.

Arroganz. Mißtrauen von Muslimen aus traditionellen muslimischen Ländern gegen Muslime aus anderen Teilen der Welt. Habe Muhammad Asad nicht zurecht festgestellt, daß es im Westen wenig Muslime, aber viel Islam gebe und in der muslimischen Welt viele Muslime, aber weniger Islam?

Despotismus. Die Geschichte der muslimische Welt sei eine Geschichte der Despotie gewesen, obwohl der Qur'an Regierung im Einvernehmen mit den Regierten fordere (al-schura).

Technophobie. Es gebe weder „islamische" noch „unislamische" Technologie, sondern nur ihre islamische oder unislamische Nutzung. Die Muslime hätten nur die Wahl, die Technologie beherrschen zu lernen oder von ihr beherrscht zu werden.

Puritanismus. Es gebe eine Tendenz, den Islam - eine Religion in Reichweite von jedermann auf rigoristische Manier zu einer elitären Religion zu machen.
Irrelevanz. Andererseits gebe es die Gefahr, sich an Zweitrangigem und Nebensächlichem festzubeißen und den Islam so einer talmudischen Gesetzesreligion anzunähern. Worauf es ankomme, sei die Hingabe an Allah, nicht aber die Art und Weise des Zähneputzens.

Zersplitterung. Der innerislamische Pluralismus werde zu weit getrieben. Muslim sein heiße nicht, Eigen brötler zu sein.Marginalisierung der Frau. Dies sei unislamisch und beraube die islamische Welt des vollen Potentials der Hälfte ihrer Bevölkerung.Mangel an Toleranz hatte ich nicht gerügt. Zu Recht! Ich wurde nicht aus Beni Izguen vertrieben, sondern höflich, respektvoll und skeptisch angehört. Viele der Zuhörer gehörten ja der technischen Intelligenz des Landes an. Zwischenzeitlich wurde meine Frau zu Hause von kindlichen Mozabitinnen betreut, die sich außerhalb noch immer total - bis auf eine Auge - verschleiern; sie waren nur an „Kindern, Küche, Kirche, Krankheiten" (und Schmuck) interessiert. Als ich daher beim Tee meine Gastgeber fragte, ob ein gebildeter Mann denn nicht eine gebildete Ehefrau brauche, war die Antwort deprimierend: „Weshalb? Schließlich verbringt man ja nicht viel Zeit mit seiner Frau !" (Und das im Dunklen, war ich versucht, ironisch hinzuzufügen.)
Auf dem Rückweg gerieten wir zwischen Djelfa und Ber-rouaghia am hellen Tag in einen undurchdringlichen Staubnebel. Das bedeutet, daß die Wüste dabei ist, den sog. Grünen Gürtel südlich des Atlasgebirges zu überspringen. Nichts kann eben der kombinierten Wirkung von Sonne, Wind und Trockenheit widerstehen. Doch die Wüste, dehnt sie sich nicht auch in den Herzen der Menschen ständig weiter aus?