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UNTERWERFUNG DES INTELLEKTS

UNTERWERFUNG DES INTELLEKTS  

Aachen, 5. Februar 1983

Auf dem Treffen der deutschsprachigen Muslime in der Bilal-Moschee fragte man mich, ob meine Tätigkeit als Leiter des NATO-Referats im Auswärtigen Amt mit meinem Islam vereinbar sei. Meine Antwort konnte eindeutig sein: Durchaus! Erste Voraussetzung für die Stärkung und Ausbreitung des Islam ist, daß die größte äußere Gefahr für die islamische Welt - der sowjetische Expansionsdrang - gebannt wird. Ich räumte ein, daß die atheistische, materialistische Sowjetunion als Führungsmacht des Weltkommunismus für den Islam ideologisch vielleicht weniger gefährlich ist als die agnostische, materialistische Technologiegesellschaft des Westens. Der atheistische „Fortschritt" des Westens komme nicht - wie die atheistische Sowjetunion - brutal mit Panzern, sondern auf den leisen Sohlen des technologischen Gefälles. Es sei gleichwohl richtig, daß vor jeder geistigen Erneuerung des Westens zunächst sichergestellt sein müsse, daß er sich überhaupt für den Islam entscheiden könnte, wenn er dies wollte, trot/ sowjetischer Panzer in unmittelbarer Nachbarschaft Insoweit deckten sich derzeit die Interessen der NATO und des Islam.
Dann fragte man mich, wie ich denn zum Islam gekonv men sei. Nun, alles, was sich sagen läßt, läßt sich kür/ sagen. Daher faßte ich zusammen: „Schon beim ersten Lesen des Qur'an «tieß ich auf die mehrfach gemachte Aussage, daß »keiner des anderen Last trägt« ( u.a Sure 6:164). Dies verblüffte mich, bis mir die weitreichenden Konsequenzen dieser theologischen, nicht ethischen/moralischen Feststellung aufgingen: Der Muslim steht seinem Gott unmittelbar, ohne jede Vermittlung, unmittelbar gegenüber. »Wer ist es, der da Fürsprache bei Ihm einlegen könnte ohne Seine Erlaubnis?«, heißt es dazu im Thronvers. Ein Muslim ist daher der emanzipierte Mensch schlechthin.
Gleichzeitig bedeutet die Formel »keiner trägt des anderen Last« eine Verneinung der Vorstellung von Erbsünde. Auch das ist fundamental: Wenn man sich nicht als erlösungsbedürftig ansieht, wird man weder einen Erlöser suchen, noch einen solchen finden. Dieser eine Satz des Qur'an erhellt also die gesamte Fehlentwicklung, welche das Christentum genommen hat.
Damit war mir auch klar geworden, daß der Islam im Verhältnis zum Christentum kein Rückschritt war, sondern darüber hinausführte, daß der Prophet Muhammad, - um es marxistisch-hegelianisch auszudrücken - das Christentum vom Kopf wieder auf die Beine gestellt hat." Als man weiter insistierte, wie denn bei mir der Groschen gefallen sei, erzählte ich noch folgendes: „Der Agnostiker sagt, er kenne alles bis zu den Grenzen unserer Erfahrungsmöglichkeit; jenseits sei wahrscheinlich nichts. Dies ist keine intelligente Haltung. Intelligent ist es vielmehr zu sagen: Ich weiß weder, ob es Gott gibt, noch ob es Ihn nicht gibt.
Von dieser Position ausgehend, habe ich eines Tages die Grenze des Erfahrbaren nicht länger mit der Grenze der Wirklichkeit gleichgesetzt. Das war eine reine Glaubensentscheidung. Wie man dazu kommt, ist schwer zu analysieren.
Wahrscheinlich ist der letzte Anstoß das Eingeständnis gewesen, daß der Mensch in seinen Erkenntnismöglichkeiten ein kleiner Wicht ist, daß die für ihn würdige Haltung das Eingeständnis seiner Beschränktheit und Geschaffenheit ist. An die Stelle des dümmlichen Stolzes des scheinbar selbstgenügsamen und mutigen Agnosti kers tritt dann die bewußte Unterwerfung, auch des Intellekts, unter Größeres. Und das Größte unter dem Großen ist Gott. Allahu akbar.
Damit will ich jedoch nicht auf die schiefe Bahn einer Gottesbeschreibung führen. Es ist zwar nichts schlechtes dabei, die 99 »Namen« Gottes aus dem Qur'an aufzuführen. Nur dürfen wir nicht glauben, wir hätten damit Sein Wesen erfaßt und umschrieben. Wir haben damit nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit Gottes berührt."