DIE VIER "NACHTIGALLEN" AUS ISTANBUL
DIE VIER „NACHTIGALLEN" AUS ISTANBUL
Brüssel, 31. März 1985
Mit einer Konzertserie in der Protestantischen Kirche an der Place Royale wird die sakrale Musik der Buchreligionen vorgestellt. Ganz nach Hugo Balls Motto: „Die Kunst ist der Religion weit näher als die Wissenschaft." Heute gastieren die „Muezzins aus der Türkei" mit Qur'an-Rezitationen und türkischsprachigen „Mev/ur"-Gedichten, meist von Süleyman Celebi (14. Jhd.), also mit Auszügen aus dem Ritus der hanefitischen Feierlichkeiten am Geburtstag des Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm.
Der Ansager erklärt den Unterschied zwischen der instrumentalen Musik der islamischen Sufis und dem auf Rhythmik und Melodik des Qur'antextes aufbauenden, einstimmigen Gesang der Hodschas. Er bittet darum, den vier Istanbuler Muezzins keinen Applaus zu spenden, da die sakrale Musik des Islam sich nicht konzertant vom Gebet ablösen lasse.
Diese vier „Nachtigallen" bestechen mit dem gepreßtnasalen Einsatz ihrer großen, hellen, flehenden Stimmen und dem tiefkonzentrierten Ernst ihres Vertrags. Viele der Zuhörer sind ganz offensichtlich berührt, ja bewegt. Sie haben einen Zipfel islamischer Hochkultur erfaßt. Und dennoch nagt der Zweifel! Wurde der Qur'an hier nicht doch ästhetisch aufbereitet l'artpourl'an genossen, mit zwar nicht ausgebildeten, aber geübten Stimmen? Hatte nicht Friedrich Nietzsche den richtigeren Instinkt als er in „Die Geburt der Tragödie" dem (wahren) Christentum nachsagte: „es negiert alle ästhetischen Werte"' Wurde heute nicht doch durch das gleichhäufige Auftauchen der Worte „Allah" und „Muhammad" das Vorurteil erhärtet, Muslime seien Mohammedaner? Haben die Wahhabiten nicht recht, schon der ästhetischen Ausschmückung der Gebetsrufe Adhan und Iqama einen Riegel vorzuschieben? Ist heute nicht der Punkt überschritten worden, an dem der Gebetsinhalt von seinem künstlerischen Ausdruck überlagert wird, sich Kunst zwischen den Beter und sein Gebet schiebt?