NICHT KARL MARX, SONDERN IBN KHALDUN
NICHT KARL MARX, SONDERN IBN KHALDUN
Bonn, 28. April 1982
Wer noch immer glaubt, der Islam sei eine fortschritts-hemmende Religion, kann sich keine bessere Lektüre gönnen als „Al-Muqaddimah", die „Einführung" zu Ibn Khalduns Weltgeschichte (Kitab al-'Ibar) aus dem Jahre 1377 (Princeton, 1967). Der damalige Großkadi der Mali-kitischen Rechtsschule in Kairo hat alleine mit diesem über 400-seitigen allgemeinen Teil seiner Geschichtsdar-stellung Wissenschaftsgeschichte gemacht. Er ist - 500 Jahre vor Karl Marx und Max Weber - zugleich Vater der Geschichtsphilosophie und der Soziologie geworden, weil er nicht wollte, daß Geschichte „nicht mehr als nur Information" sei.
Es ist der früheste Versuch überhaupt, zyklische Entwicklungsgesetze von Zivilisationen bloßzulegen und eine quellenkritische Geschichtsschreibung zu begründen. Ibn Khaldun setzte sich bereits mit dem Zusammenhang von Klima und Charakter, städtischer Spezialisierung und Kultur auseinander. Doch lassen wir ihn lapidar selbst sprechen:
Nicht Karl Marx, sondern er schrieb 1377: „Die unterschiedlichen Bedingungen zwischen den Menschen sind das Resultat ihres unterschiedlichen Broterwerbs." Nicht erst Thomas Mann („Buddenbrooks"), sondern Ibn Khaldun stellte fest, daß „Prestige allenfalls vier Generationen anhält."
Nicht Friedrich Nietzsche, sondern er meinte, daß „weniger entwickelte Nationen sich besser als andere dazu eignen, die Übermacht zu gewinnen."
Nicht Friedrich Hegel, sondern Ibn Khaldun konstatierte, daß „Dynastien einer natürlichen Lebensspanne wie Individuen unterliegen."
Nicht erst J. J. Rousseau, sondern schon er ging davon aus, daß es zwischen Regierten und Regierenden einen Sozialkontrakt gibt.
Schon vor Entstehung der modernen Souveränitätslehre urteilte Ibn Khaldun (gegenüber der Schia), daß „nur der, der von der Bevölkerung anerkannt wird, ihre Angelegenheiten (als Kalif) leiten kann."
Nicht erst David Hume, sondern er stellte schon heraus, daß „die Funktionsweise zwischen Ursache und Wirkung unbekannt ist."
Nicht erst Carl von Clausewitz, sondern bereits Ibn Khaldun lehrte, daß es im Krieg niemals Siegesgewißheit geben kann, sondern daß Sieg und Überlegenheit von „Glück und Chance" bewirkt werden können, da beide stets von einer Vielzahl von Ursachen abhängen. Nicht erst Friedrich Schiller und Immanuel Kant, sondern bereits er führte ästhetische Urteile auf philosophische Kategorien zurück, berücksichtigte dabei aber auch schon psychologische Mechanismen. (Er erkannte z.B., daß dem Menschen die eigene Form als perfekt harmonisch erscheinen muß.)
Besonders sagt mir Ibn Khalduns Rationalität bei Darstellung von Ontologie und Sufitum zu. Als echter Schüler des Al-Asch'ari verneint er metaphysische Erkenntnisfähigkeiten des menschlichen Intellekts. „Der Intellekt ist ein korrektes Maß. Aber er kann nicht benutzt werden, Fragen wie die Einheit Gottes, das Jenseits, die Wahrheit von Offenbarungen, Eigenschaften Gottes etc. abzuwägen. .. Man könnte dies mit einem Mann vergleichen, der eine (korrekte) Goldwaage sieht, aber darin Berge wiegen möchte." Kann man es besser sagen? Über Sufis schreibt er, sie versuchten, schon vor dem Tode künstlich diejenigen Erfahrungen zu machen, die sie erst im Tode machen werden. „Wenn es ihnen gelänge, übernatürliches Wissen zu erwerben, wäre dies ein bloßer Zufall."
Unter den Schülern der Sufis - so sagt Ibn Khaldun -seien „Narren, Dummköpfe, Geisteskranken ähnlicher als rationalen Wesen".
„All diese Wege zu übernatürlichem Wissen entziehen sich jedem Beweis und sind daher nicht verifizierbar." Hart. Wahr.
Man halte fest: Ibn Khaldun war nicht genialer Sonderling bzw. kein Zufallsprodukt. Er war Produkt der islamischen Hochkultur.