KISMET IST KEIN ARGUMENT
KISMET IST KEIN ARGUMENT
Bonn, 27. Februar 1980
Muhammad Asads hinreißende Biographie, „Der Weg nach Mekka" (Frankfurt 1955) hat mir klar gemacht, daß sich der sogenannte Fatalismus im Orient nicht auf die Zukunft, sondern auf die Vergangenheit bezieht. Er lehrt den Muslim lediglich, in der Wirklichkeit dessen, was sich - möglicherweise gegen seinen Willen - ereignet hat, den Willen Gottes zu sehen. So betrachtet, ist „kismet"kein Argument für Däumchendrehen. Wichtig war mir auch Asads Feststellung, daß die von Paulus in das Christentum getragene Leibfeindlichkeit dem Menschen seine ganzheitliche Würde nimmt. So aber lebt das Manichäische im Westen fort und bewirkt noch heute die Spaltung in Sakrales und Profanes, die dem Muslim fremd, ja naturwidrig ist. Asad macht auch bewußt, aufweiche Umwertung gesellschaftlicher Werte es hinauslief, als der Prophet Muhammad die Religion in die Politik hineintrug und zugunsten der Glaubensgemeinschaft (ummah) völkischen Bindungen (heute: Nationalismus) die Daseinsberechtigung absprach. Gleiches gilt von dem islamischen Gebetsritus: er muß den stolzen Beduinen zunächst geradezu unzumutbar entwürdigend vorgekommen sein!