KONSEQUENZ Ä LA KÜNG
KONSEQUENZ Ä LA KÜNG
Brüssel, 15. Januar 1986
Beginnend mit seinem vielbeachteten Buch „Christentum und Weltreligionen" (Piper 1984) zeigt der Tübinger Theologe, Prof. Dr. Hans Küng, den konsequenten Ausweg aus der verfahrenen christologischen Debatte: anzuerkennen, daß Jesus wie Muhammad - Friede sei mit ihnen - nichts mehr und nichts weniger als ein Prophet war.
Er setzt damit die Entmythologisierung des Neuen Testaments, wie sie vom großen Marburger, Prof. Dr. Rudolf Bultmann, betrieben worden war, logisch fort und pflegt damit die ökumenischen Beziehungen in einem neuen, weitesten Sinne.
Auf dem 6. Tübinger Gespräch über „Die Islamische Welt zwischen Tradition und Fortschritt" stellte Küng 1985 zu Recht fest, daß die 1442 formulierte Position „extra eccle-siam nulla salus" (außerhalb der Kirche kein Heil), also auch die Position „extra ecclesiam nullus propheta" (außerhalb der Kirche kein Prophet), seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) nicht mehr die gültige Lehre ist. Seither sei auch von der katholischen Kirche anerkannt, daß der Islam ein Weg zum Heil sein kann. Auf dieser Basis schließt Küng konsequent, daß Rom auch Muhammad, den Propheten dieses anerkannten Heilsweges, mit Hochachtung betrachten müsse, zumal es „nach dem Neuen Testament unzweideutig auch Propheten nach Christus" und „unleugbare strukturelle Übereinstimmung zwischen dem Prophetentum des Alten Testaments und dem Prophetentum des Muhammad" gebe (Zeitschrift für Kulturaustausch, 1985/3, S. 315 ff.).
Seine darob aufschreienden theologischen Widersacher fordert der streitbare Schweizer dazu auf, erst einmal ihre „Hausarbeiten beim Studium des Islam" zu machen; die meisten christlichen Theologen hätten „hier einen riesigen Nachholbedarf."
Für alle gilt das sicher nicht, sonst wären nicht erst kürzlich wieder zwei Priester, aus der Erzdiözese Paris, zum Islam übergetreten. Küngs Feststellung gilt allerdings für die Mehrheit der christlichen Theologen und selbst für manche westliche Orientalisten. Unter westlichen Prominenten, zumal Intellektuellen und Künstlern, hat es stets einige „Wanderer zwischen den religiösen Welten" (Wolfgang Lerch), d. h. vom Christen-und Judentum zum Islam, gegeben: etwa Richard Burton, Marmaduke Pickthall, Louis Massignon, Muhammad Asad, Eva de Vitray-Meyerovitch, Maurice Bejart, Martin Lings, Roger Garaudy, und wohl auch Pere Fou-cauld, um nicht Cat Stevens und Cassius Clay bemühen zu müssen.
Diesem Phänomen ist ein soeben erschienenes Buch von Lisbeth Rocher und Fatima Cherqaoui gewidmet - „D'une foi l'autre" (Paris, 1986).
Doch die typischen westlichen Orientalisten und Islam-Wissenschaftler haben halt doch diese Religion und ihre Kultur weniger systemimmanent beurteilt, sondern an westlichen Maßstäben gemessen. Dieses Herangehen, vom Leidener Snouk Hurgronje ebenso wie von dem Briten Montgomery Watt symbolisiert, war letztlich ein Aspekt der westlichen Kolonialisierungspolitik. Ignaz Goldziher hat dies mit der Bemerkung anerkannt: „Was bliebe von den Evangelien, wenn man ihnen gegenüber mit den an den Qur'an angelegten Methoden vorgehen würde?" (Introduction to Islamic Theology and Law", Princeton 1981, S. 13) Die Antwort darauf könnte lauten: Wenn man die nach trägliche Uminterpretation der Evangelien aus ihrer Zeit verstehen wollte, müßte man auch Zusammenhänge erläutern wie solchezwischen dem persischen Sonnengott Mithras und sei
nem Mysterienkult sowie dem dies soli (Sonnengott)
und seinem „Sonntag" in der christlichen Mythologie;zwischen der ägyptischen Trinitätsgöttin Isis (Stellet
mam/Meeresstern), der großen Muttergöttin Magna
Mater (bzw. Dea Dia und Kybela), den römischen
Saturnalien sowie dem christlichen Marien- und Weih
nachtskult;zwischen der römischen Sitte, verstorbene Kaiser
durch Senatsbeschluß zu vergöttlichen, und dem Kon
zil zu Nicäa.Tatsächlich, der Islam hat von der Anlegung zeitkritischer Maßstäbe an den Qur'an nichts, das heutige Christentum von der Anlegung solcher Maßstäbe an sein Christusverständnis alles zu befürchten. Hans Küng weiß dies. Er kehrt nichts unter den Teppich.