LEGENDEN, DIE KEINE SIND
LEGENDEN, DIE KEINE SIND
im D-Zug nach Hamburg, 2. Dezember 1985
Auf dem Weg zu einem Vortrag in der Führungsakademie der Bundeswehr in Blankenese lese ich „Die Bibel kam aus dem Lande Asir" von Kamal Salibi (Hamburg 1985). Darin beweist dieser protestantische libanesische Professor mittels einer Ortsnamensanalyse seine These von den Ursprüngen Israels.
Ganz im Gegensatz zur herkömmlichen Bibelwissenschaft unterstellt er dabei die historische Realität der biblischen Erzählungen, nimmt jedoch die Geographie der Bibel nicht als gegeben an.
Seine Analyse führt zu dem Schluß, daß sich die Geschichte der jüdischen Stämme bis etwa 500 vor Christus im wesentlichen in Westarabien abgespielt hat, nämlich in der saudi-arabischen Provinz Asir, d. h. zwischen Taif und dem Jemen; denn im auffälligen Kontrast zu der mageren Ausbeute in Palästina fand Salibi in dem alten Asir hunderte von Orten, deren Namen sowohl nach der Konsonantenfolge wie nach der Entfernung zueinander und ihrer landschaftlichen Umwelt den fraglichen Schilderungen in der Bibel entsprechen. Wenn aber die hebräische Bibel in Westarabien entwik-kelt wurde, also auch der jüdische Monotheismus, und Abraham dort lebte, dann gewinnen auch die „Legenden" des Islam, die im Südhidschaz spielen und sich um Mekka und seine Ka'aba ranken, neue Glaubwürdigkeit. Es überrascht kaum, daß sich israelische Wissenschaftler vehement gegen diese Beweisführung stemmen, weil sie - m. E. völlig zu Unrecht - befürchten, daß die Anspruchsgrundlage für die israelische Siedlung in Palästina daran Schaden nehmen könnte.
Kritiker weisen darauf hin, daß es sehr alte Orts- und Flußnamen, welche miteinander identisch sind, sowohl in Palästina wie im Südhidschaz gibt. Dieser Einwand ist nicht schlüssig, weil Einwanderer seit jeher auch Namen aus ihrer früheren Heimat in die neue verpflanzt haben. Man denke an Bismarck, North Dakota, oder Athens, Pennsylvania.
Noch wichtiger: Salibi verifiziert mittels seiner Methode auch Aussagen des Qur'an, welche sich auf die hebräischen Patriarchen beziehen. Wörtlich: „Wo der Koran biblische Geschichten erzählt, bringt er nicht einfach biblisches Material in verstümmelter Form, wie es heute in der Forschung allgemein angenommen wird. Seine Inhalte sind, wo sie der hebräischen Bibel entsprechen, unabhängige (seil, und jetzt durch Ortsnamensanalyse verifizierte) Versionen derselben historischen Überlieferung ..."
Salibi lokalisierte nicht nur das ursprüngliche Jerusalem (nämlich al-Scharim 35 km nördlich von Nimas) und den Garten Eden (nämlich die Oase Dschunaina im Wadi-Bischa-Becken), sondern auch den ursprünglichen „Jordan-Fluß" als in Wirklichkeit einen Steilhang (nämlich den Sarat-Hang in Asir) sowie Sodoma und Gomorra -sämtlich in der Region Asir.
Wenn Salibi recht hat, hat er mit einem Geniestreich nicht nur vieles in der Bibel, sondern ebenso viel im Qur'an ortsnamensgeschichtlich untermauert; damit aber auch die zahlreichen Überlieferungen, welche die Gründung von Mekka, den Bau der ersten Ka'aba sowie das von Abraham angebotene Sohnesopfer mit diesem gemeinsamen Vorfahren von Juden und Arabern verbinden. Sagt er doch: „Das Leben Abrahams spielte sich eindeutig in der Gegend von Rijal Alma und ... dem Bergland. .. von Qunfudha (seil, südlich von Taif) ab."
Ja, besonders die Riten der Pilgerfahrt nach Mekka, Arafat, Muzdalifah und Minna gewinnen aus Salibis Forschungsergebnissen zusätzliche historische Legitimation.