LIEBE FÜR EINEN DOLLAR
LIEBE FÜR EINEN DOLLAR
Hongkong, 16. Juni 1971
Auf dem Weg nach Tokyo und Kyoto zu deutsch-japanischen Planungsstabsgesprächen machen mein Chef, Ministerialdirektor Dr. Dirk Oncken, und ich zum Verschnaufen in Hongkong Halt. Beim Überfliegen von Vietnam hatten wir - während uns die Air France ein süperbes Mahl aus der Küche des Ritz servierte - Luftangriffe auf den deutlich sichtbaren Ho Tschi Minh-Pfad beobachten können. Jetzt jedoch befinden wir uns in einer typischen Kriegsetappe. „Prostituierte aller Länder, vereinigt euch!" scheint jemand gerufen zu haben. Beim Schlendern durch die engen Gassen kann man sich dieser Mädchen kaum erwehren. Wirklich erschütternd aber, daß sich eine blutjunge Chinesin an mich klammert und immer wieder weinerlich darum fleht, ich möchte sie doch für „one dollar only!" nehmen. Um mehr zu verdienen, mußte man auf diesem Sektor wohl schon Perverseres bieten, wie etwa besonders sadistische chinesische Sodomien. Die amerikanischen Streitkräfte jedenfalls erlitten an der Sex-Front Krankheitsverluste, welche den Gefechtsverlusten an der Kriegsfront nicht nachstanden. Schon bevor AIDS auf den Plan trat.
Wenn immer sexuelle Dekadenz zu solchen Folgeerscheinungen führt, spielt sich im christlichen Bereich Ähnliches ab: Zunächst gibt es erhobene Zeigefinger, die von Strafe oder gar Rache Gottes, z. B. an den Homosexuellen oder den Drogensüchtigen, sprechen. Anschließend empört man sich über solche metaphysisch-irrationale Interpretation medizinisch erklärbarer Kausalitäten und bedauert die Opfer, wie es sich in christlicher Nächstenliebe gehört.
Der Muslim sieht den gleichen Komplex nüchterner. Er weiß, daß Gottes Verhaltensgebote die innere Ordnung der Dinge widerspiegeln, also nicht für Gott, sondern für den Menschen gemacht sind. Ob dieser die Gebote einhält (und sich damit selbst einen Gefallen tut) oder nichi (und sich damit selbst schadet), fügt Gott nichts hin/u und nimmt Ihm nichts weg.
Der eine fährt betrunken gegen den Baum, der andere bekommt AIDS durch Analverkehr, ein Dritter wird als Beifahrer eines Unfallfahrers oder Ehefrau eines AIDS-Infizierten schuldlos Folgeopfer. Die Mechanik ist die gleiche: nicht Strafe, sondern notwendige automatische Konsequenz für ein Leben gegen die Ordnung der Dinge. Das qur'anische Recht heißt nicht umsonst „Straße41 (Schari'a).
Und diese hat der Muslim im Auge, wenn er mit cU-i Fatiha, der ersten Sure des Qur'an, regelmäßig um „Rechl-leitung" bittet.