'ZWEIERLEI MAß
'ZWEIERLEI MAß
Brüssel, 29. November 1985
Das heutige Frankfurter Allgemeine Magazin (Nr. 300) und TIME vom 2. Dezember 1985 beschäftigen sich in der gleichen Woche mit den Chassidischen Juden in Jerusalem (Mea Schearim) bzw. Brooklyn. Sie schildern diese orthodoxen Fundamentalisten mit ihren strikt eingehaltenen rigiden Eß- und Bekleidungsvorschriften; die Absonderung ihrer Frauen im Gottesdienst und beim Festefeiern; ihr tägliches Studium von Bibel und Talmud im Rahmen des „um die Lehre gebauten Zaunes" (gemeint ist das im Islam als taqlid bekannte Phänomen, also das Erstarren der Traditionen durch Verbot neuer Interpretation).
Man schildert ihre Intoleranz gegenüber der Verletzung der Sabbath-Ruhe, ihre Scheu vor Abbildungen und ihre Entschlossenheit, Gottes Wort im Alltag umzusetzen. Bemerkenswert daran ist nur, wie grundsätzlich positiv und wie behutsam im leise Kritischen die Kommentierung des Chassidismus in beiden Magazinen ausgefallen ist.
Man entdeckt darin eine „positive Kraft" (TIME, S. 48); läßt sich sogar dazu hinreißen, die Rollendifferenzierung der Geschlechter positiv zu würdigen: „Obwohl die Luba-vitscher keinen Sinn für feministische Anliegen haben, sieht Harris (die Quellensammlerin) im Leben ihrer Frauen Menschlichkeit und findet unter ihnen fast ama-zonenhafte Schwesterlichkeit. Die Männer halten ihre Frauen in Ehren; Untreue ist nicht zu beobachten." Hört! Hört! möchte man da ausrufen. Läßt sich doch leicht ausmalen, mit welch beißender Kritik, vor allem wegen der „Benachteiligung" der Frauen, die gleiche Schilderung verbunden worden wäre, wenn sie orthodoxen islamischen Fundamentalisten gegolten hätte. Die Charakteristika der Chassidim, eines um das andere, wären auf islamischer Seite als Beweis für Rückständigkeit, Borniertheit und Obskurantismus aufgeführt worden.
Da muß es halt doch einen feinen Unterschied geben. Oder zweierlei Maß.