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Rabat, 15. März - 8. April 1992

Gegenüber Buchhändlern und Medien kündigte der Eugen Diederichs Verlag Anfang 1992 mein Buch „Der Islam als Alternative" an. Dies löste sofort Widerstand aus, lange bevor das Buch gedruckt wurde war, ja sogar unter den Verkaufsagenten des Verlags. Von linksstehenden Feministinnen angeheizt, schrieb die deutsche Presse, daß ich unter anderem ein Befürworter der Vielehe, des Steinigens von Ehebrechern und des Schiagens von Ehefrauen sei -alles frei erfunden! Daher sei ich als Botschafter eines christlichen Landes (welches wohl?) nicht tragbar. Sogar im Bundestag wurde unter SPD-Abgeordneten diskutiert, ob ich nicht zurückberufen werden sollte. Hauptproblem meiner Verteidigung war, daß mein Buch, das alle Vorwürfe Lügen strafte, noch nicht erschienen war, sondern erst am 6. April verfügbar wurde - drei Wochen nach Beginn der Medienkampagne gegen mich. Jetzt mußte ich sogar lesen, daß ich ein Mitglied meiner Botschaft in den Selbstmord getrieben und meine weiblichen Mitarbeiter zum Kopftuchtragen gezwungen hätte. Schlimme, wenngleich völlig unbegründete Vorwürfe. Als Informationsdirektor der NATO von 1983 - 1987 war ich selbst ein Medienmensch gewesen und hatte ständig mit (auf Sicherheitspolitik spezialisierten) Journalisten zu tun. Dies war allerdings eine internationale Elite, so daß mir das Potential für Hinrichtungsjournalismus damals verborgen geblieben war.

Vor dem Hintergrund der Rushdie-Affaire, des 2.GolfKriegs und der seither noch hemmungsloser gewordenen





Diffamierung des Islam sind gewisse deutsche Medien darunter „Bild am Sonntag", nunmehr darauf aus, an mir als Opfer zu beweisen, daß der Islam verfassungswidrig sei. Wenn dies gelänge, würde auf friedensgefährende Weise eine Linie zwischen guten Demokraten und bösen Muslimen mitten durch Deutschland gezogen. Ausgrenzen nennt man das.

Es wäre ganz einfach, mit der gegen mich angewandten Methode zu „beweisen", daß Juden- und Christentum ebenfalls „verfassungswidrig" sind. Schließlich findet sich eine Vorschrift über die Steinigung von Ehebrechern nicht im Qur'an, sondern in der Bibel. Und nicht der Qur'an, sondern das Neue Testament enthält empörend entwürdigende Vorschriften über die Frau.

Die Medienattacken sind inzwischen so bösartig geworden, daß ich mich rechtlos gestellt fühle. Denn da ich als Botschafter angegriffen wurde, darf ich mich nicht selbst verteidigen, sondern muß dies meinem Dienstherrn, dem Auswärtigen Amt, überlassen. Dieses aber konnte bis vor wenigen Tagen nichts unternehmen, weil das Buch nicht verfügbar war. Als das Auswärtige Amt schließlich ein Vorexemplar erhielt, stellte sich - viel zu spät - heraus, daß es sich um ein nicht zu beanstandendes Sachbuch handelt und keiner der gegen mich erhobenen Vorwürfe stichhaltig war.

Das A.A. stellte sich daraufhin mit einer Presseverlautbarung vor mich, und so bleibe ich Botschafter in Marokko wie bisher. Die Medien allerdings hatten kein Interesse daran, meine Rehabilitierung abzudrucken; und auf eine Entschuldigung, etwa von Frau Däubler-Gmelin, MdB (SPD), warte ich noch immer.

In der Tat: Niemand entschuldigte sich, auch nicht für das Leid, das man meiner alten Mutter und meiner Familie





angetan hatte. Ich hatte im übrigen weniger als meine Umwelt gelitten, zumal die Kampagne in den Monat Ramadan fiel. Mein Fasten half mir, mehr als ohnedies schon zu zweitrangigen Dingen wie Karriere und Prestige geistigen Abstand zu halten.

Für die Gemeinschaft der Muslime in Deutschland wird dieser Vorfall wahrscheinlich noch lange Auswirkungen haben, war es doch der erste Versuch, ihnen anzuhängen, daß ihr Verhalten, ja Dasein, politisch nicht korrekt sei. Könnte es sein, daß die Tabuisierung eines anti-jüdischen Anti-Semitismus zum Aufblühen eines anti-arabischen Anti-Semitismus führt?

Richtet sich ein religiöser „Rassismus ohne Rassen" künftig schlechthin gegen Muslime, welcher Hautfarbe auch immer?