NACH MALCOLM X
NACH MALCOLM X
LH 419 von Dulles nach Rhein-Main, 27. Mai 1997
Wie schon letztes Jahr habe ich erneut eine Vortragsreise in die Vereinigten Staaten absolviert. Im letzten Jahr stand die beeindruckende zentrale Versammlung von 12.000 amerikanischen Muslimen (ISNA-Conference) in Colum-bus, Ohio, im Mittelpunkt. In diesem Jahr hatte die amerikanische muslimische Bürgerrechtsorganisation CAIR (Council of American-Islamic Relations ) ein „coast-to-coast"-Programm vorbereitet, das mich vom Silikon Valley, dem „Mekka" der kalifornischen Computer-Industrie, über Phoenix (Arizona) sowie Dearnborn, Detroit, Lan-sing, Milwaukee, Chicago und Patterson, N.J., wieder bis Washington, DC, führte.
Es ist eines, die amerikanischen Muslime im Hauptstadtbereich bei der Arbeit zu sehen - das Internationale Institut für Islamisches Gedankengut (IIIT) in Herndon, VA.; die amerikanische Hochschule für Sozialwissenschaftliche und Islamische Studien (SSIS) in Leesburg, VA.; das Internationale Institut für Islamische und Arabische Wissenschaften (IIASA) in Fairfax, VA.; oder den Amerikanischen Muslimischen Rat (AMC) in Washington als Ansprechpartner der US-Regierung.
Es ist etwas ganz anderes, den muslimischen Alltag in der amerikanischen Provinz zu erleben. Doch gerade dies stimmte mich optimistischer denn je und überzeugte mich von der Richtigkeit der alten These, daß die Erneuerung der muslimischen Welt im 21. Jahrhundert aus dem Westen kommen wird, vor allem aus den USA. Dieses Urteil ruht auf folgenden sieben Beobachtungen:Im Gegensatz zu Europa ist Amerika kein vom Athe
ismus geprägter Kontinent. Der durchschnittliche Amerikaner ist aktives Mitglied einer Kirche. Dies kommt dem Islam zugute.
Amerika war religiös stets pluralistisch. Auf eine Religion mehr oder weniger kommt es da nicht an. Dies begünstigt den Islam.
Amerika leidet nicht wie Europa an kollektiven Erin
nerungen an muslimische Eroberungen und hat keine
muslimische Gegenküste.Die eingewanderten amerikanischen Muslime sind zu
einem hohen Prozentsatz gutverdienende Akademiker.Während die muslimische Bevölkerung in Europa in jedem Land von einer kompakten Gruppe maghrebinischer, indo-pakistanischer oder türkischer Gastarbeiter repräsentiert wird, ist die amerikanische Umma eth
nisch diffus und bietet somit weniger rassistische Angriffspunkte.Fast alle amerikanischen Muslime sind amerikanische Staatsbürger; ein Großteil von ihnen, die muslimischen
Afro-Amerikaner, ist schon seit rund 200 Jahren in den USA ansässig. Insofern ist der Islam kein Ausländer phänomen.Schließlich sind auch amerikanische Muslime in vieler
Hinsicht typische Amerikaner, nämlich hinsichtlich Eigeninitiative, Dynamik, Organisationstalent, Durchsetzungsbereitschaft, Medienbewußtsein, technischeBegabung etc.Gewiß, nicht alles „dort drüben" ist rosig. Dabei macht mir weniger Sorge, daß es noch die heterodoxe Bewegungen des Louis Farrakhan gibt („Nation of Islam"): schließlich haben auch Muhammad 'Ali und Malcolm X von dort zum sunnitischen Ideal gefunden. Mehr Sorgen bereitet mir die unzureichende Integration, selbst in der 2. Immigrantengeneration, zwischen arabischen, indopakistanischen und schwarzen Muslimen in Amerika. So natürlich nationale Affinitäten sind, dürfen sie sich doch strukturell nicht verfestigen.
Im Gegensatz zu den Muslimen in Europa stehen ihre amerikanischen Brüder und Schwestern allerdings unter einem spezifischen handicap, nämlich der äußerst geschickten und mächtigen, ja dominierenden jüdischen Lobby. Solange diese davon ausgeht, daß alles, was dem Islam schadet, gut für Israel ist, werden auch die amerikanischen Muslime bergauf zu kämpfen haben.
Doch auch bergauf kann man gewinnen.