DIE OFFENBARUNG UND DER ÖLSEGEN
DIE OFFENBARUNG UND DER ÖLSEGEN
Jeddah, 28. Dezember 1982
Zweimal in der Geschichte ist den Arabern das große Glück in den Schoß gefallen: einmal als der Islam Mekka zu einer Drehscheibe der Welt machte; zum zweiten Mal mit dem Ölboom seit 1973.
Als Gott dem arabischen Propheten auftragen ließ: „Trage vor im Namen deines Herrn..." (Sure 96:1) war dies ein Geschenk von dauerhaftem Wert. Der Ölsegen ist von ambivalenterer Natur.
Doch beide Ereignisse können einem schon den Kopf verdrehen, wenn man im Hidschaz zuhause ist, und Träume von einem arabischen „erwähUejj Volk" wecken. Zum Glück habe ich davon bei meinen jungen, reichen, saudischen Freunden um Rafiq Banawi nichts gespürt: ihre aristokratische Würde ist Art des freien Beduinen und von Bankkonten unabhängig. Das Interesse meiner saudischen Bekannten gilt denn auch nicht dem Dollarkurs, den Spot-Markt-Preisen oder der Marcuseschen „Befreiung der Sexualität". Auch sie beschäftigen sich vielmehr intensiv mit der für sie relevanteren Frage, welche Rolle wohl Jesus im Verhältnis zu Mohammed am Jüngsten Tag zukommen werde. Und statt sich in seidenen Kissen zu wälzen, telephonie-ren die Freunde sich im Rundruf wach, damit keiner das fadschr-Gebet am frühen Morgen verschläft. Wie lange dieser Rigorismus wohl noch dem Luxus standhalten werde, fragt man sich im Westen - und denkt dabei an die unausweichlich scheinenden Dekadenzerscheinungen in dieser Weltregion. Nun, die Saudis durchlaufen garnicht erst alle Stadien der industriellen Revolution; sie treten fast unvermittelt in das post-industrielle Zeitalter ein.