OHNE OFFENBARUNG BLIND
OHNE OFFENBARUNG BLIND
Belgrad, 28. März 1978
Es ist eine gute Sache, sich von der schwierigen Lektüre eines Buches durch die Lektüre eines anderen schwierigen Buches zu erholen. Daher lese ich meist wenigstens zwei Bücher parallel. Zur Zeit greife ich dabei auf Klassiker unter den islamischen Philosophen des 10. -13. Jahrhunderts zurück, wie etwa auf Ibn Rushds „Tahafut al-Tahafut" („Die Widersprüche der Widersprüche" London 1969). Averroes geht darin - wie es bei uns noch im 19. Jahrhundert üblich war - geradezu aggressiv mit seinem geistigen Widerpart, Abu Hamid al-Ghasali, um. Das zeigt sich schon im Aufbau. Ibn Rushd zitiert Absatz für Absatz nahezu das komplette Werk des Algazel („Tahafut al Falasifa" l „Die Widersprüchlichkeit der Philosophen"); Absatz für Absatz läßt er dann seine Widerlegungen folgen, eingeleitet jeweils mit dem stolzen „Ich sage:"
Diese islamischen Philosophen des Frühmittelalters hatten sich noch nicht von den Fragestellungen ihrer griechischen Anreger befreit, folgten also den von Plato, Aristoteles, Plotinus und Proclus gelegten Gleisen. Damit reduzierte sich ihre Problematik aufprägen wie die Ewigkeit oder Geschaffenheit der Welt; das Verhältnis zwischen Seiendem und Möglichem; die Natur der Seele. Besonders aber waren die Damaligen von kosmologischen Rätseln fasziniert: Ob Gott, der Unbewegte, der Erstbeweger sein könne? Warum die Gestirne sich nicht auf umgekehrter Laufbahn befinden? Wie viele Engel es geben könne?
Diejenige philosophische Frage, die uns heute am meisten berührt, die Sinn - Frage, wurde seinerzeit nur
gestreift. Etwa im Gewände der Frage, ob Gott sich durch Schaffung der Welt einen Wunsch erfüllt habe? Man war eben in Aristoteles' System eingefangen rückwärts fixiert. Oder hatte man doch beherzigt, daß es unzulässig ist, göttliche Motivforschung zu betreiben? All diese Zeugnisse hoher Intelligenz beeindrucken heute nur noch als Zeugnis dafür, wie hilflos diese Intelligenz doch ist, wenn sie zu metaphysischen Deduktionen gebraucht wird. Es kann eben nur zu Absurditäten führen, wenn wir unsere von Zeit und Raum geprägte Logik auf Denjenigen anwenden, der nur eine unräumliche Gegenwart kennt: Gott.
Gegenüber den Rätseln des Seins bleibt selbst das Erkennbare letztlich unerklärlich. (Wodurch selbst das Wundersame normal wird!) Mit anderen Worten: ohne Offenbarung sind wir blind.