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OPFERFEST AN ORT UND STELLE

OPFERFEST AN ORT UND STELLE  

Mina, 11./12. Juni 1992

Auf der ganzen Welt feiern heute die Muslime ihr Opferfest in Nachahmung dessen, was sich hier und heute ereignet. Heute werden rund 10.000 Metzger aus der ganzen muslimischen Welt in und um Mina etwa 500.000 Schafe nach muslimischem Ritus schlachten (bzw. schachten). Der größte Teil des Fleisches wird sofort tiefgefroren in bedürftige Regionen wie Somalia oder der Sudan geflogen. Als ich für mein Opferlamm bezahlte, bestimmte ich sein Fleisch für Bosnien.

Diese Tieropfer sind von höchster religöser Symbolik, erinnern sie doch an die Bereitschaft Abrahams und seines Sohnes Ismael, Gottes Befehl seiner Aufopferung zu vollziehen. Nachdem beide diesen äußersten Test des Gottesgehorsams bestanden hatten, wurden Menschenopfer ein für alle Mal durch Tieropfer ersetzt. Und auch deren Blut erreicht Gott nicht, sondern unsere Bereitschaft, auf uns Teures zu verzichten, sobald es uns auf dem Weg zu Gott im Wege steht. Erst dann sind wir gegen Götzendienst immun.

Auf meinem dritten Weg zum „Steinigen des Bösen" mitten in der Nacht durchquerte ich das schlafende Mina. Der Gestank, der vom Schlachten mitten auf der Straße, von überreifen Abfällen und von den (wegen der Klimatisierung) ständig laufenden Fahrzeugmotoren ausging, war so schlimm, daß ich mir ein in Eau de Cologne getränktes Taschentuch vor die Nase pressen mußte. In dieser nicht gerade amüsanten Situation begegnete ich einem türkischen Pilger, der mir die entwaffnende Frage stellte: „Schaytan nerede?" („Wo ist der Teufel?), als müsse in Mina jeder türkisch verstehen und auch genau wissen. wo sich der Teufel versteckt. Aber statt in Lachen auszubrechen, zeigt ich ihm, wie er zu den zu steinigenden Säulen findet, stolz auf mein Türkisch und stolz auf meine Ortskenntnisse.(Nicht immer weiß man so genau, wo der Satan zu finden ist...)

Am 2. Festtag lud mich König Fahd b. 'Abdalaziz zum Mittagessen in seine Residenz auf einem der Mina umgebenden Berge. Unter den Gästen traf ich u.a. den Sultan von Brunei, einen Sohn des iranischen Staatspräsidenten Rafsanjani und den ägyptischen Erfolgsautoren Anis Man-sour. So wurde ich daran erinnert, daß die Pilgerfahrt nach Mekka stets ja auch ein politisches und intellektuelles Gipfeltreffen und eine Art mobiler Universität ist. Das königliche Mittagessen folgte islamischer Etikette: sich vor dem Essen ausgiebig zu unterhalten; sich beim (schnellen) Essens darauf zu konzentrieren; und nach dem Essen sofort aufzubrechen. So mußte ich also nicht darauf warten, daß der König die Tafel aufhob, sondern verabschiedete mich, sobald ich genug gegessen hatte.

P.S. Als ich wenige Tage danach von Jiddah nach Casablanca zurückflog, gab mir der Steward die jüngste Ausgabe von TIME Magazine. Die Überschritt auf dem Deckblatt lautete: „Islam -muß die Welt sich fürchten?"