PANTHEISMUS, HEGEL UND GNOSTIK LASSEN GRÜßEN
PANTHEISMUS, HEGEL UND GNOSTIK LASSEN GRÜßEN
Brüssel, 25. November 1985
Seit Wochen läuft in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine religiöse Debatte ab, die sich an Urs von Baltha-sars Kritik an Hans Küngs Christsein oder Nichtchristsein (25.10.1985) und über Leonardo Boffs „Befreiungstheologie" entzündet hat.
Man reibt sich die Augen und fragt sich, ob dies nur ein Medienereignis, ein Dialog unter Theologen oder ein tiefergehendes soziologisches Phänomen ist: Ist etwa in der breiten Bevölkerung ein religiöses Dogmendefizit bloßgelegt worden?
Verwundern würde das nicht. Kennt man doch die deprimierenden Daten einer Flucht aus Kirchen und Glauben, welche Alt-Bundespräsident Prof. Dr. Karl Carstens am 29. August 1985 in Genf feststellen ließ: „Meine größte Sorge im Hinblick auf die Zukunft sind nicht die Atomwaffen ..., nicht die Zerstörung der Umwelt..., nicht die Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt... Meine größte Sorge ist, daß wir in unserer Zivilisation die religiöse Dimension verlieren könnten. Dann allerdings könnte das Ende über uns hereinbrechen. Wenn der Mensch sich selbst zum Maßstab aller Dinge erhebt, ..." Zu diesen deprimierenden Daten gehört, daß „fester religiöser Glaube" nach einer Emnid-Umfrage unter deutschen Jugendlichen 1985 mit nur 14 % Zustimmung auf den Abstiegsplatz der Werteskala gerutscht ist; daß nur 6 % der deutschen Protestanten und nur ein Viertel der deutschen Katholiken regelmäßig in ihrer Kirche zu finden sind; daß sich viel von der spektakulären Jugendreligiosität als politischer Aktivismus einer Minderheit ent-Puppt.
Für den Muslim ist an dieser Debatte vor allem anderen von Interesse mitzubeobachten, daß durch Küng und Boff die Frage der Gottes- und Menschennatur Jesu („unvermischt und ungetrennt") wieder auf den Tisch gekommen ist, fast so als habe es die Konzilien von Nicäa (325) und Chalkedon (451) nicht gegeben. Trinitätsapologetik ist natürlich auch heute Gestammele. Der neue katholische Erwachsenen-Katechismus beispielsweise versucht es auf indirektem Wege und mit mystischen Formulierungen: „Gnade ist Gott selbst in seiner Selbstmitteilung an uns durch Jesus Christus im Heiligen Geist. Gnade bedeutet im tiefsten, daß wir von Gott durch Jesus Christus im Heiligen Geist unbedingt angenommen, bejaht und geliebt sind und daß wir in dieser Liebe ganz eins sind mit ihm. Gnade ist also personale Gemeinschaft und Freundschaft mit Gott, personale Teilhabe am Leben Gottes"
Für Aussagen wie die von mir kursiv gesetzten ist der islamische Mystiker Halläg 922 als Gotteslästerer hingerichtet worden.
Mit den zitierten Worthülsen wird doch tatsächlich versucht, den besonderen Status von Jesus als „Gottessohn" im katholischen System selbstverständlicher zu machen, indem man alle Menschen diesem Status potentiell annähert.
Der Pantheismus läßt grüßen.
Dagegen wetterte ein am jüdisch-islamischen Gottesbegriff orientierter altkatholischer Leserbriefschreiber in der FAZ, die Vorstellung vom „lieben Gott" sei jedenfalls dann ein „gefährlicher, sentimentaler und verdummender Irrtum", wenn man nicht zugleich auch von einem zornigen Gott spreche. Das allerdings hielt Prof. Dr. Dr. Hans Waldenfels nicht davon ab, am 24.11.1985 gleichenorts die „radikale Tatsache der Inkarnation Gottes" als „Menschwerdung Gottes, als voll ige
göttliche Entäußerung" darzustellen und schließlich das Ungeheure zu behaupten: „Er, Gott, wurde durch die Inkarnation wirklich ein anderer." Da sträubt sich fast die Schreibmaschine. Hegel läßt grüßen.
Ein weiterer Leserbriefschreiber nimmt tagsdrauf die Position eines Illuminaten ein: „Christi Botschaft ist keine Botschaft für den Verstand... Sie ist eine Botschaft an... unsere Seelen." „Gott hat uns einst als seine vollkommenen Strahlenkinder, als reine Geisteswesen geschaffen..."
Wie eine Botschaft die Seele unter Umgehung des Verstandes erreicht, erfahren wir nicht. Die Gnostik läßt grüßen.
Den absoluten Gipfel einer letztlich atheistischen Theologie erreichte jedoch der französische Historiker Jean Delumeau mit seinem Buch „Ce que je crois" (Grasset 1985). Darin schildert der Autor, daß das Christentum die Gottesvorstellung derart radikal, ja revolutionär, umgestaltet hat, daß manche Christen dies bis zum heutigen Tage nicht nachvollziehen konnten. (Recht hat er.) Wenn Christus Gott sei, dann sei Gott der Ohnmächtige mon-puissant), Dienende, Leidende. Und Gott leide in all den Armen und Unglücklichen weiter, mit denen sich Jesus identifiziert habe.
Daran schließt Delumeau die Erwartung, daß sich vieles ändern würde, „wenn die Leute nur wüßten, daß Gott mit uns - und mehr als wir - unter all dem Schlechten auf dieser geplagten Welt leidet." Moral aus Mitleid mit Gott?
Wie erhaben, klar und konsistent ist doch das islamische Gottesbild im Vergleich mit der geschilderten Lust am Fabulieren!
Es ist das von Ihm Selbst gezeichnete Bild, wie es aus dem Qur'an hervortritt, des Einen, Ungeteilten, nicht Gezeugten, nicht Zeugenden, sondern Erschaffenden, Vollkommenen, Unvergleichlichen, Absoluten, Unabhängigen, der weder der Vervollkommnung noch des Menschen bedarf, und der Sich ihm in Seiner Allmacht mitteilt und ihn zum Heil führt - durch Propheten -, ohne einer Inkarnation, eines Sohnes, eines Sohnesopfers, einer Selbstaufopferung zu bedürfen.
Angesichts dieser christologischen Spekulationen innerhalb so kurzer Zeit, Ende des 20. Jahrhunderts, ist es noch so aktuell und relevant wie vor 1400 Jahren, die Sure Al-Ihläs (112) Wort für Wort zu zitieren:
„Sprich: »Er ist Allah, ein Einziger Allah, der Absolute. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und keiner ist Ihm gleich.«"