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OB DABEI PERLEN SÄUEN VORGEWORFEN WERDEN?

OB DABEI PERLEN SÄUEN VORGEWORFEN WERDEN?  

Brüssel, 9. März 1985

17. Internationale Buchverkaufsmesse im Centre Regier. Unter den Druckerzeugnissen vor allem des französischen und niederländischen Sprachraums suche ich Optimist nach islamischer Literatur. Doch dem Islam ist kein Stand gewidmet. Der Auskunftskomputer schickt mich unter dem Stich wort „ islamique" vielmehr zu einem Tisch mit östlicher Esoterik. Darunter figuriert ein Buch über die „Tanzenden Derwische" von Konya und über die Streiche des Sufi Nasreddin Hodscha. Nur der deutschsprachige Stand der Brüsseler Gutenberg-Bücherei hat eher verschämt einiges aus der Produktion des Kölner Verlags Islamische Bibliothek ausgelegt. Umso breiter machen sich die Ausstellungsstände nicht nur kommunistischer Staaten, sondern auch islamischer Häretiker, christlicher Grals-Sekten, homosexueller Organisationen und astrologischer Zirkel. Am großen Stand der Bahai werben enthusiasmierte Belgierinnen für ein „Seid umschlungen Millionen!" ä la Baha'ullah. Schräg gegenüber davon verspricht der „Daheshismus" den direkten Weg zum Heil.
Fehlt es den Muslimen an Einfallsreichtum, Arbeitskraft oder Organisationstalent, es mit der Werbebereitschaft der politisch wachen Bahai aufzunehmen? Oder ist es unter der Würde des Islam, sich - wie die Katholische Kirche im Centre Regier - neben sektiererischen Grüppchen in optischer Gleichsetzung einreihen zu lassen?
Ist der Islam nicht überhaupt jeder organisierten Missionsarbeit abhold? Sieht er nicht das Werben für den Islam (da'wa) einzig in der natürlichen Ausstrahlung des gläubigen Muslims?
In der Tat gibt es im Islam keine Missionsarbeit nach christlichem Modell. Der Islam versteht sich vielmehr als eine Religion der Offenen Tür. Er versteht Glaubenswerbung als eine Haltung der Einladung. Der Muslim vertraut darauf, daß der Islam eine „self-explanatory" Botschaft ist, also ohne weiteres für sich einnimmt: durch seine Klarheit, Einfachheit, Natürlichkeit und Nüchternheit.
Daneben spielt die vom Qur'an gestützte Überzeugung eine Rolle, daß Gott - und nur Er - auf den geraden Weg (sirat al-mustaqim) führt, wen Er will, und wie Er will. Der Straßenmission bedarf es dann nicht ohne weiteres. Doch Glauben darf nicht in Fatalismus umschlagen. Der Muslim muß die Kausalität aller Dinge und Ereignisse auf Allah zurückführen, darf sich aber nicht sperren, selbst - als Instrument Gottes - Glied einer Kausalkette zu werden. Er muß so beten, als stürbe er morgen; und so arbeiten, als lebte er noch hundert Jahre. Auch der Marxismus ist schließlich eine Geschichtsauffassung, die nach den Lehren des deterministischen Histomat Passivität nahelegt. Und doch hat Lenin den bekannten bolschewistischen Aktivismus in den Kommunismus hineingetragen. Geschichtsbewußte Parteikader sollen der Geschichte „auf die Beine helfen": dem „unvermeidlichen" Gang der Geschichte im Sinne des Fortschritts zum Sozialismus soll voluntaristisch nachgeholfen werden.
Sollten nicht auch die Muslime alles tun, was aus ihrer ehrlichen Sicht der Ausbreitung ihres Glaubens dienen würde? Und Gott die Sorge überlassen, ob dabei Perlen Säuen vorgeworfen werden!