DER PILGER UND SEINE LOGISTIK
DER PILGER UND SEINE LOGISTIK
Rabat, April 1992
Es ist alte deutsche militärische Weisheit, daß letzlich alle Probleme auf Logistik reduziert und damit lösbar werden können. Im Falle meiner bevorstehenden Mekka-Pilgerschaft (al-hajj) geht es dabei um Dinge wie Impfung gegen Gehirnentzündung, Pilgervisum der saudischen Botschaft, Buchen eines Fluges nach Jeddah - in Konkurrenz mit 50.000 Marokkanern - und natürlich um das Besorgen der Pilgerkleidung: zwei gleichgroße, ungenähte weiße Frottee-Tücher (l x 1,80 m); ungenähte Sandalen; ungenähter Ledergürtel mit drei Fächern (für Ausweise, Geld und Medikamente); ein womöglich lebensrettender weißer Sonnenschirm; und eine ungenähte Umhängtasche (für ein Qur'an-Exemplar, Notizpapier sowie Notrationen, vor allem zum Trinken.)
Unser Hausarzt weiß genau, was ein Pilger mitsichführen sollte: etwas gegen Fieber, Kopfweh, Magenweh, Erbrechen, oder Durchfall und Heftpflaster für geschundene Füße.
Doch all dies ist ja nur das physische Gepäck für ein spirituelles Erlebnis. Es gilt, auch seinen Kopf anzufüllen mit viel Wissen über Sinn und Bedeutung der Hadsch-Riten, Gebetstexten und geschichtlichen Daten dazu. Sonst besteht die Gefahr, daß man von den physischen Strapazen der Pilgerreise inmitten zwei Millionen anderer überwältigt wird.
Deshalb lese ich und frage ich ehemalige Pilger wie Freund Tilman Schaible so viel ich nur kann. Ich möchte unbedingt auf Hadsch gehen. Sonst wäre mein Leben als
Muslim ja unvollständig. Gleichzeitig habe ich aber auch Angst vor meiner Courage: Werde ich durchhalten können? (Als ich Tilman gesagt hatte, daß man im Juni wohl mit Temperaturen um 40° C rechnen müsse, hatte er da nicht kurz und trocken gebrummt: „Du meinst wohl 50°!").
Meine stille Besorgnis wird durch die schon einsetzenden „Abschiedsbesuche" von Freunden und Nachbarn nicht weniger. Schließlich erinnert man sich hierzulande sehr wohl, wie gefahrlich die etwa ein Jahr beanspruchende Rundreise nach Mekka - 12.000 km zu Wasser und auf dem Landweg - vor nicht allzu langer Zeit noch gewesen war.
Häufig war, häufig ist der Hadsch eine Reise ohne Wiederkehr...