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IM WEIßEN PILGERGEWAND

IM WEIßEN PILGERGEWAND  

Mekka, 20. Dezember 1982

Der Augenblick, den man selbst als Muslim kaum zu erträumen wagt: Im weißen Pilgergewand betreten wir die Große Moschee - Al-Masdschid al-Haram - und erblik-ken die Ka 'aba im offenen Innenhof. Wie leicht ist man enttäuscht, wenn man weltbekannte Sehenswürdigkeiten, die man aus Büchern und Filmen schon kennt, endlich wirklich erlebt. Hier ist es anders.
In der Moschee empfängt uns keine schwüle, sakrale oder gar magische Atmosphäre, aber auch kein Jahrmarktsgetriebe: alles ist licht, würdig und von höchster ästhetischer Intensität. Die große Menschenmenge ist nicht bedrückend oder gar laut. Im Gegenteil: sie verrichtet ihr gemeinsames Gebet in einem unisono der Stille; sie räumt jedem Betenden seine Individualität ein. Zehntausend Gläubige umgleiten die Ka'aba lautlos: ein hypnotisierender Effekt.
Uns hüllt das köstliche Gefühl ein, hier in Sicherheit, in Geborgenheit und in Brüderlichkeit willkommen zu sein. Man glaubt, das, was mit „Salam!" gemeint ist, mit Händen greifen zu können.
Würde, Ästhetik, Glaubensintensität, Internationalität. Es ist eine kosmopolitische Einheit: nur an der unterschiedlichen Farbe der Füße merkt man während des Gebets, daß man aus allen Kontinenten zusammengekommen ist. Rassen spielen in Mekka keine Rolle. Die Ka'aba gibt mit ihrer architektonischen Schlichtheit, als Urtypus des dreidimensionalen Gegenstands schlechthin, perfekte Antwort auf die islamische Suche nach dem richtigen Gottesbild. Wenn Gott - um mit Ibn Sina zu sprechen - auch das Einfache in höchster Potenz ist, dann ist dieser leere, ungeschmückte, rohe Würfel die bestmögliche Entsprechung dazu. Die Ka'aba ist ein ruhender Angelpunkt, ein „stillpoint", und als qibla (Gebetsrichtung) der symbolische Mittelpunkt einer Weltreligion, die genau weiß, daß Gott weder im Osten, noch im Westen ist, sondern jenseits von Zeit und Raum. Neben dieser architektonischen Lösung für ein „Haus Gottes" wirken selbst gothische Kathedralen und barocke Kirchen wie Firlefanz. Nach dem rituellen Unischreiten (tawaf) der Ka'aba unter klarem Sternenhimmel (welche andere Religion hat sternenoffene Gotteshäuser?) werden wir zum Schwarzen Stein (hadschar aswacf) geleitet, den viele Pilger tränenüberströmt so lange, wie man sie nur läßt, küssen. Dieser Brauch hat dem Islam viele Mißverständnisse eingetragen. Man wird andererseits kaum behaupten wollen, daß die christlichen Rom-Pilger, welche den großen Zeh der Petrusstatue im Petersdom schon fast weggeküßt haben, dieses Metall anbeten. Ebenso unzulässig ist es, Mekka-Pilgern ähnliches hinsichtlich des Schwarzen Steins nachzusagen, auch wenn Steingottheiten in Arabien populär gewesen waren. Symbole können, sie müssen sich aber nicht verselbständigen. Jedes einzelne „Alluhu akbar!" - „Gott alleine ist groß" (wie es Lawrence of Arabia übersetzte) - ist lebendiges Dementi der Steinanbetung.
Im Gegensatz zum Christentum, das sich jüdische und heidnische Festgebräuche verschämt, wenn nicht unaufrichtig, angeeignet hat, bekennt sich der Islam ohne weiteres zu den Urquellen seiner Riten. Ja, der Prophet Muhammad,Friede sei mit ihm, behauptete garnicht, eine neue Religion zu begründen. Seine Mission war es, die Religion Gottes wiederherzustellen bzw. zu vollenden.