DER "PROPHET" JOSEPH SMITH
Washington, P.C., 26. Mai 1984
Zur Außenministerkonferenz der NATO sind wir in einem der Marriott-Hotels untergebracht. Diese Hotelkette gehört einer mormonischen Familie; so findet man im Nachttisch das Buch der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage" das erst 1830, ausgerechnet auf (sofort wieder verschwundenen) goldenen Tafeln, ausgerechnet in den Vereinigten Staaten, aber in biblischer Sprache, aufgetaucht war.
Heute glauben über drei Millionen Menschen an diese „amerikanische Offenbarung" und beweisen damit, daß nichts so absurd ist, daß es nicht inbrünstig für wahr gehalten würde. (Credo quia absurdum?) Mit so viel abenteuerlich Wundersamem kann eine nüchterne Religion wie der Islam allerdings nicht konkurrieren. Und will es auch nicht.
Ich lege das Buch Mormon in die Nachttischschublade zurück, breite meinen Gebetsteppich aus Konya in Richtung Mekka aus und verrichte das Nachtgebet, bevor mich die Folgen der transatlantischen Zeitverschiebung nach 10-stündigem Flug, der Jet lag", einholen. Was wohl der Prophet Joseph Smith dazu sagen würde?
Istanbul, 9. Juli 1984