RESISTENZ DES GLAUBENS
RESISTENZ DES GLAUBENS
Bonn, 26. Februar 1981
Wenn Muslime die Gefahren beurteilen, die dem Islam seitens der kommunistischen und seitens der westlichen Welt drohen, fürchten viele das Zersetzen des Westens mehr als das Zertrampeln des Kommunismus. Dahinter verbirgt sich die Beobachtung, daß es der atheistischen Propaganda in der Sowjetunion (sowenig wie den sowjetischen Kampfpanzern in Afghanistan) bisher nicht gelungen ist, den Islam in den mittelasischen Sowjetrepubliken zum Aussterben zu bringen.
Die Widerstandsfähigkeit des Islam unter totalitären Regimen hat sicher damit zu tun, daß es nicht möglich ist, ihm durch Verhaftung von Bischöfen, Priestern und durch Konfiszierung der Qur'an-Bücher wesentlichen Schaden zuzufügen; denn es gibt nach wie vor Tausende von Gläubigen, die den Qur'an auswendig können (hafiz). Und in einer nichtsakralen Religion genügt jedes saubere Plätzchen als Gebetsplatz.
Ähnliche Resistenz zeigt der Islam zwar auch gegen offene christliche Missionierungsversuche, nicht jedoch gegenüber dem schleichenden antireligiösen Einfluß der technologiegeprägten westlichen Zivilisation. Materielles Zweckmäßigkeitsdenken, Gewinnmaximierung, Produktivitätsfetischismus, Fortschrittsmythologie, naturwissenschaftliche Arroganz, philosophische Agnostik, Werteneutralität, wachstumsorientierte Durchrationalisierung aller Lebensbereiche, Subjektivismus und Liber-tinage - dies und anderes mehr sind die Symptome, Phänomene und Nebenprodukte einer Industriegesellschaft, die eo ipso religionsfeindlich und religionszerstörend ist.
Musterbeispiel für eine De-Islamisierung dieser Art ist die Türkei. Atatürk behandelte den Glauben des Landes als Ballast bei seinem Weg in die Moderne; als einen rückwärtsgewandten Hemmschuh auf diesem Weg. In den türkischen Städten ist der Islam in der Tat bei der Mittelschicht stark verschüttet worden, also bei den „Gebildeten", die dem Kult des Fortschritts, der Prosperität und „Wissenschaftlichkeit" leichter huldigen als ihrem Schöpfer. Von ihnen hört man oft: „Ich bin zwar kein praktizierender Muslim. Aber in meinem Herzen glaube ich an Allah. Dabei bin ich vielleicht besser als mancher Muslim, der fünfmal am Tage betet." So sprechen Muslime, denen vom Islam bestenfalls Ungenaues, häufig jedoch Kurioses, von Großmüttern vermittelt wurde, nachdem Atatürk den Religionsunterricht quasi in den Untergrund verdrängt hatte. Andernfalls müßten sie wissen, daß Islam selbst von Mystikern nie nur als eine Sache des Herzens verstanden werden darf, sondern notwendig die Unterwerfung unter das Gesetz, die Schari'a, impliziert. Ist es nicht ironisch, daß sich das türkische Kultusministerium heute darum bemüht, die zwangsläufigen Folgen der Vernachlässigung des Islam in der Türkei zu mindern und dabei auch das Aufblühen privater Koranschulen sowie unabhängiger Moscheen und Derwischorden - auch von Gastarbeitern in Deutschland - in den Griff zu bekommen.