DIE SCHIA-SEKTE
DIE SCHIA-SEKTE
Bonn, 19. Mai 1982
Die Iranische Botschaft übersendet mir die Verfassung der Islamischen Republik Iran in deutscher Übersetzung. Dabei benutzt sie - wie neuerdings auch in allen Verbalnoten des diplomatischen Schriftverkehrs - statt der üblichen anschließenden Höflichkeitsbezeugung die Wunschformel, daß „die Unterdrückten über die Unterdrücker obsiegen mögen".
Die Verfassung bezeichnet sich als „Grundlage für die Fortsetzung dieser (islamischen) Revolution im In- und Ausland" bzw. als Auftrag zur „Schaffung einer einzigen Weltglaubensgemeinschaft". (Solche Töne hat die Welt seit Veröffentlichung des Kommunistischen Manifests 1848 nicht mehr gehört!) Durch Art. 154 wird die Republik verpflichtet, den „gerechten Kampf der Unterdrückten gegen die Unterdrücker in aller Welt"zu unterstützen. Dabei steht gem. Art. 5 der Führungsauftrag „während der Abwesenheit des entrückten 12. Imams - möge Gott, daß er baldigst kommt" derzeit dem Ayatollah Khomeini zu.
Seit der Geiselnahme der amerikanischen Botschaftsangehörigen in Teheran (1979), dem Beginn des irakisch-iranischen Krieges und den Attentaten schiitischer Selbstmordkommandos im Libanon betrachtet die ganze Welt mit wachsender Faszination (und Furcht) dieses Phänomen eines fundamentalistisch-schiitischen Staates, des ersten wahren seit der Fatimiden-Herrschaft in Ägypten vor 1000 Jahren. Dies gilt auch für Muslime.
Sie wissen, welche große Rolle Perser von Anbeginn - seit Salman, dem Prophetengefährten - im Islam gespielt haben. Waren doch viele der größten islamischen Denker persischer Herkunft, von al-Farabi über Ibn Sina und al-Ghasali bis al-Zamakhschari. Muslime wissen im übrigen, welche einzigartige religiöse Phantasie von jeher Persien charakterisiert hat. Kein anderes Land hat je so viele Religionen kreiert oder beherbergt - Sonnen-und Feueranbeter, Gnostiker, Platoniker, Zoroastrer, Mazdäer, Nestorianer, Siebener-Schiiten, Ismaeliten, Alewiten, Parsen, Ahmadiyya-Gläubige, sog. Teufelsanbeter, Drusen und Bahai.
Kein Muslim wird jedoch der im Iran herrschenden Zwölfer-Schia das Muslimsein absprechen, schon weil er gehalten ist, das Urteil darüber in allen Fällen Allah zu überlassen. Sagte doch Muhammad: „Wenn jemand seinen Bruder einen Ungläubigen nennt, fällt dies auf einen von ihnen zurück" (Muslim, „Sahih", XXVII, Nr. 116 f.)
Dies bedeutet indessen nicht, daß der Sunnit auch gehalten ist, die Unterschiede zu der schon im 7. Jahrhundert entstandenen Schia-Sekte zu übersehen. Im wesentlichen Gegensatz zur Sunna geht die Schia davon aus, daß nicht jeder Muslim prinzipiell gleiche Chancen zum richtigen Verständnis des Qur'an hat, sondern daß es dafür in den Blutsverwandten Muhammads eine privilegierte Schicht gibt. Dies berührt nicht nur die Globalität des Islam, seine Internationalität und sein Gleichheitsideal, sondern fügt in diese prinzipiell nichtsakrale Religion quasi-priesterliche Funktionen ein. Schließlich kontrastiert die nüchterne, jedem Extrem abholde Sunna als „Religion der Mitte" mit der für die Schia typischen flag-gelantischen Trauerhaltung.
Der Muslim ist gehalten, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen. Wenn er dies tut, wird er um die Feststellung nicht herumkommen, daß die westliche Perzeption dessen, was im Iran ist, der Ausbreitung des Islam im Westen enge
Grenzen setzt, solange Sunna und Schia identifiziert werden. Dies ist nicht das einzige Beispiel dafür, wie - um mit Max Weber zu sprechen - Gesinnungsethik in einer verantwortungsethischen Welt kontraproduktiv wirken kann.