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VON DER LEHRE DES TAUHID

VON DER LEHRE DES TAUHID  

London, 24. Oktober 1984

Mein den Dadaismus in Zürich begründender Großonkel Hugo Ball ist nicht nur als Lautdichter (vgl. „Tenderenda" 1914-1920, Zürich 1967), sondern auch als hellseherischer Kulturkritiker aktuell geblieben (vgl. „Zur Kritik der deutschen Intelligenz", Bern 1919; „ Die Folgen der Reformation", München 1924; „Die Flucht aus der Zeit", München 1927).
Darüber habe selbst ich erst heute entdeckt, welchen Beitrag Onkel Hugo für das Verständnis auch islamischer Theologie mit seinem Buch über „Byzantinisches Christentum" (München, 1923; 2. Aufl. Insel-Verlag 1979) geleistet hat, und zwar mit seiner Studie über Dionysius Areopagita.
Dieser fürwahr seltsame „Heilige" wurde im Mittelalter noch für einen Zeitgenossen des Paulus und daher für einen „Zeugen" der neuen Religion gehalten. So behandelte ihn noch Thomas von Aquin. Inzwischen steht indessen fest, daß der seiner Person nach immer noch unbekannte Dionysius „Areopagita" ein Neoplatoniker reinsten Wassers unter Einfluß des Proclus (Proklos) war. Seine „mystische Theologie" einschließlich seiner Lehre über die himmlische Hierarchie konnte er der Kirche also erst im 6. Jahrhundert untergeschoben haben (vgl. Bd. 2 der Reclam-Geschichte der Philosophie).
Für Studenten des Islam ist Dionysius als ein griechischer Sufi von höchstem Interesse, wenn sie alle Aspekte der Schia und der islamischen Mystik, insbesondere die Phänomene „Lichtmystik", „Erleuchtung", „Übergottheit", »Ekstase", Bereinigung mit Gott" begreifen wollen.

Allerdings besteht Dionysius im 1. Brief an Gaius darauf, „daß die wahre Erkenntnis Gottes das Nichterkennen ist". „Und wenn einer Gott geschaut haben will und versteht, was er geschaut hat, hat er IHN nicht selbst gesehen... Denn ER selbst ist über dem Erkennen und über dem Sein, unerkennbar, nicht seiend, er ist überseiend... Die völlige Nichterkenntnis... ist die wahre Erkenntnis,..." Hugo Ball identifizierte bei Dionysius viele Reste von gnostischer Magie und persischen Lichtmysterien, wie sie für antike Geheimkulte mit ihren phantastischen Kosmologien und Engellehren typisch waren. Bedeutsam geblieben ist, daß diese Vorstellungen sämtlich auf der Charakterisierung des Materiellen, des Sinnhaften, als minderwertig basierten. Solcher Manichäismus, solche Verteufelung der Welt, stand Pate bei der Schaffung höherer Sphären, zu denen man von Stufe zu Stufe durch „Erlösung" bzw. „Heiligung" aufsteigt.
Von hier führt nur ein kleiner Schritt über die sufische Auslegung des „Lichtverses" (Qur'an 24:35) zu keinem geringeren als dem enigmatischen Doktor des Islam schlechthin, Abu Hamid Al-Ghasali, dem wissenschaftlichen Licht seines 11. Jahrhunderts. Dieser große und vielfacettige Geist ist vielen nur bekannt als der Zertrümmerer der spekulativen Philosophie mit seinem Werk „Tahafut al-Falasifa" („Destructio philosophorum"). Doch neben dem nüchternen, rationalen Autoren der bekannten „Bekenntnisse" und des umfassenden „Ihya 'Ulum al'din" gibt es auch Al-Ghasali. den Sufi, wie er sich in „Mishkat al-Anwar" („Die Nische des Lichts") darstellt.
Heute habe ich diese Schrift endlich im islamischen Buchladen in der Londoner Seven Sisters Road in englischer Übersetzung durch W Gairdner gefunden (New Delhi, 1981). Am Flughafen Heathrow verschlinge ich das Werk beim Warten auf den Abflug.
Al-Ghasali zerbricht sich darin den Kopfüber eine Reihe dunkler bzw. mehrdeutiger Begriffe im Qur'an, bei deren Auslegung sich gnostische bzw. neoplatonische Vorstellungen geradezu anbieten.
So kann man al-ruh als Seele, Geist, göttliche Inspiration, aber auch als personifizierten „Heiligen Geist" verstehen wollen.
Al-muta („der, dem gehorcht wird") kann Gabriel sein, aber auch in mystischem Verständnis ein „Demiurg" (also im Sinne Platos der Vizeregent Gottes) bzw. der Ersterschaffene oder die „erste Emanation". Nicht anders steht es mit dem Wort „Logo/', das man wörtlich verstehen mag, aber auch als das personifizierte Wort Gottes, die Weltseele, das Sein, die Emanation. Ähnlich steht es mit al-amr: bedeutet dies den Befehl Gottes, den an seiner Stelle Befehlenden und Bewegenden, den Demiurg? Selbst al-nur kann als das geschaffene Licht, als Gott, als Muhammad oder auch als Demiurg verstanden werden.
Es ist nicht von ungefähr, daß bei all diesen Auflösungsversuchen dunkler Begriffe die Vorstellung von einem Vizeregenten/Demiurg eine Rolle spielt, also von einem höchsten Wesen neben/unter Gott, das an Stelle des unbewegten und nichtbewegenden Urgottes, auf seinen Befehl hin, die Schöpfung in Gang setzt und erhält. Nach dieser (natürlich platonisch-gnostischen) Vorstellung ist der über jede Aktion erhabene Urgott nur indirekt Erstbeweger, der Demiurg aber der direkte Erstbeweger. Es liegt auf der Hand, daß die Andeutungen, welche Al-Ghasali in „Mishkat al-Anwar" in dieser Richtung wagt und als mystisch geschaut deklariert, gefährlich nahe an die Idee einer Gottessohnschaft und damit an eine Verletzung der Lehre von der Einheit Gottes (des tauhid) heranreichen.

Ich komme deshalb nicht darum herum, diese Schrift des verehrten Meisters als ein abschreckendes Beispiel für Verwirrungen zu sehen, vor denen Allah so eindringlich gewarnt hat: „In ihm (dem Qur'an) gibt es eindeutige Verse - sie sind sein Kern - und andere, mehrdeutige Verse. Diejenigen nun, die in ihrem Herzen abschweifen, folgen dem, was darin mehrdeutig ist,... Aber niemand weiß es zu deuten außer Allah" (3:7). Sage mir also, was einen Sufi mit der griechisch-persischen Gnostik verbindet, und ich sage dir, was ich von ihm halte.