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VOM UMGANG MIT DEM TODE

VOM UMGANG MIT DEM TODE  

Usküdar, 11. August 1985

Oberhalb von Usküdar erstreckt sich der größte Friedhof des Orients und wohl der ganzen Welt: Karaca Ahmed Mezarligi genannt. Meilenweit nichts als Gräber in einem dichten Zypressenwald, jedes Grab so ausgerichtet, daß der Tote auf seiner rechten Seite liegend das Auge nach Mekka gerichtet hält. Diese parallele Ausrichtung der Gräber verleiht jedem muslimischen Friedhof seine „ordentliche" Struktur, so als habe ein Magnet alle Begrabenen wie Metallspäne auf sich gezogen. Als zweiter Unterschied zu christlichen Friedhöfen fällt der geringere Grad an Grabpflege und die Seltenheil bombastischer Grabmäler auf, obwohl die Türken in dieser Hinsicht mehr als die Araber tun. Im Islam gilt lautes Wehklagen als unschicklich; Klageweiber, die sich die Haare raufen und die Kleider zerreißen, sind unmuslimisch. Erst recht widerspricht es dem Geiste der Religion Allahs, Verstorbene in Stein zu verewigen, als habe man es mit Götzen zu tun. Diese Zurückhaltungen in den äußerlichen Erscheinungen der Trauer und diese Geduld im Unglück sind oft von westlichen Beobachtern als Herzlosigkeit und Fatalismus mißverstanden worden. Man übersah dabei, daß der Muslim auch in der Grabpflege letztlich von seiner liebenswerten Obsession bestimmt wird, alles zu vermeiden, was zu einer Verletzung des tauhid, der Einheit Gottes, führen könnte. Um Gottes Willen, IHM nichts beigesellen! Im übrigen übersehen Christen oft, daß es in ihrer Kosmologie und Eschatologie wenig Unterschiede zum Islam gibt. Auch für den Muslim gilt: „Diese Welt ist ein ständiges Vergehen, wie die nächste Welt ein ständiges Sich Nähern ist" (Abd al Qadir as-Sufi). Auch der gute Muslim bereitet sich auf seinen Tod bewußt vor, wie zum Beispiel, wenn er als Pilger auf (oder vor) dem Berg Arafat steht. Der Qur'an ist an allegorischen Schilderungen von Himmel und Hölle nicht eben arm. Man muß aber nur etwa „Das Totenbuch des Islam" von Abd ar-Rahim ibn Ahmad al-Qadi (Scherz Verlag 1981) lesen, um zu entdek-ken, mit wie viel fantastischem Detail fromme Sufis die künftigen Ereignisse um das Erschallen der Trompete, das Aufstellen der Waage, das Überqueren der schmalen Brücke über das Feuer und anderes mehr ausgemalt haben.
Viel Stoff hat ihnen dafür Muhammads Vision einer Himmelsreise gegeben; sie hat sozusagen die Geographie des Jenseits abgesteckt.

Nichts davon wird den wahren Muslim davon überzeugen, daß er wirklichen „Durchblick" hätte. Auch ein „Totenbuch" als Etikette für das Durchschreiten des Zwi-schenzustands zwischen Leben, Tod und Auferstehung illustriert letztlich nur unser Unvermögen, über die letzten Dinge mehr zu wissen als uns geoffenbart wurde. Ich habe meine Füße gerne auf festem Boden. Mein Totenbuch ist die 36. Sure des Qur'an, die Sure Ya-sin.