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ACH, WENN SIE DOCH NUR WALFISCHE WÄREN !

ACH, WENN SIE DOCH NUR WALFISCHE WÄREN !  

Bonn, 19. Juli 1993

Im Auswärtigen Amt treffe ich meinen guten alten Freund Dr. Hansjörg Eiff, unseren letzten Botschafter im inzwischen zerbrochenen Jugoslawien. Wir sind beide darüber deprimiert, daß die sogenannte zivilisierte Welt, angeblich ein Hort für Humanismus und Menschenrechte, nun schon zwei Jahre lang zusieht, wie Bosnien zerstört und seine muslimische Bevölkerung massakriert wird. Aus meiner Sicht hätte die gesamte Tragödie vermieden werden können, wenn einige der NATO-Staaten rechtzeitig und entschlossen gegen die wahren Urheber des Konflikt eingeschritten wären.
Das Gegenteil war der Fall. Nicht Serbien wurde effektiv isoliert, sondern Bosnien. Ausgesprochene Drohungen wurden mit langen Fristen versehen, die signalisierten, daß nichts zu befürchten ist. Wenn überhaupt jemand abgeschreckt wurde, dann die westliche Welt, aufgrund von Selbstabschreckung. Während die Serben mitanhörten, daß nur eine politische Lösung in Frage komme, verwirklichten sie viele ihrer Ziele militärisch, dank des Dayton-Abkommens endgültig. Und die sog. Sicherheitszonen der Vereinten Nationen erwiesen sich als Todesfallen. Vor diesem Hintergrund erschien mir das humanitäre Engagement des Westens als moralisches Alibi. Man stellte sicher, daß die armen Bosnier wenigstens nicht hungrig waren, während man sie folterte. Ein amerikanischer Senator rief deshalb aus: „Ach, wenn die Bosnier doch nur Walfische wären!" (Dann hätten sich wenigstens Green Peace und der World Wildlife Fund für sie verwendet.) Er hätte auch rufen können: „Ach, wenn die Bosnier doch nur Ölquellen gehabt hätten!"

Wie ist das horrende Versagen der westlichen öffentlichen Moral gegenüber den Vorgängen im Balkan zu erklären? Die Unfähigkeit, aus richtigen Erkenntnissen die nötigen Schlußfolgerungen zu ziehen, ist ein Symptom von Dekadenz. Könnte der moralische Verfall der westlichen Welt einen Grad an Hedonismus und krassem Konsum-Materialismus erreicht haben, der uneigennützige Opfer nicht mehr zuläßt? Ist die Entchristlichung des Okzidents schon so weit fortgeschritten?
Oder - das wäre die zweite mögliche Erklärung - hat das westliche Untätigbleiben etwas damit zu tun, daß die Bosnier Muslime sind? Wäre der Westen nicht sofort energisch eingeschritten, falls die aggressiven Serben Muslime und ihre bosnischen Opfer Katholiken gewesen wären? Ist die Vorstellung von einem islamischen Staat mitten in Europa vielen Menschen nicht unheimlich? Die Bosnier waren die ersten, aber durchaus nicht die letzten Menschen in Europa, die zu Ende des 20. Jahrhunderts um ihres islamischen Glaubens willen verfolgt werden. Das Vorbild für solche Religionskriege mit „ethnischer Säuberung" hatte ja bereits das Spanien der allerka-tholischsten Könige im 16. Jahrhundert geliefert, als Juden und Muslime aus Andalusien vertrieben wurden. Die mediale Hetzkampagne gegen alles Muslimische geht jedenfalls weiter, mit Desinformation, Diffamation und Haßti-raden. Als habe sich in der Nazi-Zeit nicht gezeigt, wohin Schreibtischtäterschaft führen kann. Längerfristiger Schaden wurde von der Bosnien-„Affäre" aber auch in der arabo-islamischen Welt angerichtet, wo die Jugend Begriffen wie „Menschenrechten" und „Demokratie" seither immer häufiger mit Zynik begegnet. Sie sind es leid, immer wieder - wie sich aus einem Vergleich des westlichen Vorgehens gegenüber Algerien und Haiti ergibt - als Muslime mit unterschiedlichem Maßstab gemessen zu werden.
Diese von der Bosnienpolitik beschleunigte Entwicklung ist das krasse Gegenteil dessen, was man unter Brückenbau zwischen Orient und Okzident versteht. Wenn der Westen diesen Kurs nicht korrigiert, nimmt der von Samuel Huntington skizzierte „Zusammenprall der Zivilisationen" den Charakter einer sich selbstverwirklichenden Prophezeiung an.