MEINE ZUHÖRER NAHMEN DAS FÜR EINEN WITZ.
MEINE ZUHÖRER NAHMEN DAS FÜR EINEN WITZ.
Brüssel, 27. November 1984
Als Vorsitzender der „Konferenz der Informationsdirektoren der Verteidigungsministerien" gebe ich den Teilnehmern heute im NATO-Gebäude eine Analyse der mittelfristigen Trendentwicklung der öffentlichen Meinung. Ich lege dabei den Finger auf einen schleichenden Bewußtseinswandel, wie er sich derzeit vor allem bei vielen Anhängern der „Grünen" zeigt. Viele von ihnen bezeichne ich als idealistisch, ja moralistisch, doch pessimistisch. Sie gehen von postmaterialistischen Werten aus und zeigen ein besonderes Bedürfnis nach Geborgenheit in der Gemeinschaft und nach Führerschaft. (Man betrachte nur die Hingabewilligkeit während Rock-Konzerten!) Und viele dieser „Nachfolgegeneration" (successorgeneration) sind von unseren staatlichen Institutionen enttäuscht und daher voller Zukunftsängste.
Ich zeige auf, daß sich hinter diesem Phänomen eine kulturgeschichtliche Entwicklung verbirgt, wie sie von hellhörigen Kulturkritikern, so dem Harvard-Soziologen Daniel Bell („The Cultural Contradictions of Capitalism") und dem Belgier Leo Moulin („L'Aventure europeenne"), schon lange vorhergesehen worden war. Anschließend assoziiere ich mich mit folgender Erklärung dieses Stadiums der Wissenschafts-und Technologieexplosion: Die westliche Gesellschaft, charakterisiert von Demokratie und Industrie (kapitalistische Marktwirtschaft technologischer Prägung), ist auf der Grundlage judeo-christlicher Werte in ihrer humanistisch-liberalen Ausprägung entstanden. Grundlegend waren insbesondere religiöse Vorstellungen wie die Einzigartigkeit der individuellen Seele, die Brüderschaft in Christus, Gottes Befehl, sich die Erde Untertan zu machen, sowie Tugenden wie Arbeit und Sparen.
Inzwischen wissen wir, daß die daraus hervorgegangene westliche Zivilisation Toxine, also zersetzende Gifte, in dem Maße abgibt, in dem sie erfolgreich ist. Beispielsweise ist zu beobachten, wie Individualismus zu Narzißmus entarten kann, Selbstbestimmung und Liberalismus zu Anarchismus, Toleranz zu Wertneutralität, Wandel zu Traditionsfeindlichkeit, Wohlstand zu Hedonismus, Fleiß zu Arbeitswut („workoholism"), Wettbewerb zu Konsumwahn, Sensitivität zu Weinerlichkeit, Brüderschaft zu Totalitarismus, Gleichheit zu Gleichmacherei und Gottvertrauen zu einer Mentalität der Risikoverweigerung. Kurzum, ich beschrieb die Symptome einer Dekadenzphase der westlichen Welt und warf dann die Frage nach ihrer Regenerationsfähigkeit auf. Sind unsere demokratischen Mechanismen flexibel genug, mit dem Wandel fertig zu werden? Oder wird der Westen eben an seiner Flexibilität zugrunde gehen, indem er Entwicklungen zuläßt, welche diese Flexibilität zerstören? Die wackeren Informationsoffiziere aus den Hauptstädten reagierten betreten. Hatte ich doch nichts weniger behauptet, als daß unsere Probleme auf den Verfall der Religion zurückgehen. Einige fragten mich immerhin, ob ich denn eine Lösung in neuer Religiosität sähe? Ich antwortete klipp und klar, daß ich keine Chance sähe, daß die bestehenden Kirchen wieder relevant werden könnten, und auch keine Chance zur soziologischen Konstruktion eines tragenden „Überbaus". Dann fügte ich leise hinzu, daß es nicht ausgeschlossen sei, daß sich neue Religiosität einer anderen Religion zuwenden könnte, die sozial, unhierarchisch, natürlich und relevant ist, nämlich dem Islam. Meine Zuhörer nahmen das für einen Witz. Ich nicht.