
Neun Jahre an der Deutschen Schule Istanbul (DSI)
Siegfried Nauhaus
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Siegfried Nauhaus
Bremen, Mai 2007
Was macht ein Lehrer am Wochenende? Er korrigiert. Hier in Istanbul vorzugsweise am Esszimmertisch des großzügigen türkischen "Salons". Von da aus kann er nämlich von Zeit zu Zeit den freizeitdurstigen Blick über das Goldene Horn zur Hagia Sophia oder über den Bosporus nach Asien schweifen lassen. Wenn er das nächste Heft aufklappt, bleibt sein Blick mitunter an den strahlend weißen Segeln eines auslaufenden Club-Mediterrane-Schiffs hängen oder an einem Riesenfrachter auf dem Weg ins Schwarze Meer, der unter blauestem Himmel um das Topkapı-Serail, den alten Sultanspalast, herumkommt. Und manchmal kann er seinen Blick nicht mehr lösen von der faszinierenden neuen Umgebung. Am Wochenende möchte sich die Seele, wie man hier sagen würde, schließlich ausruhen oder wenigstens bei sich sein.
Heute allerdings könnte man eher außer sich sein angesichts des frühsommerlichen Treibens um uns herum: Die Kastanie im Garten der früheren französischen Botschaft nebenan beginnt auszutreiben und jetzt, gegen Abend, jagen sich von unten angestrahlte Lachmöwen, Tauben und Mauersegler in Höhe unseres auf Vogelflughöhe befindlichen Balkons. Im Hintergrund glänzt die um Gewässer herum gebaute Stadt, die sich seit Tagen bei über 20 Grad, blauem Himmel und blitzblank von ihrer besten Seite zeigt.
Unsere Wohnung befindet sich auf dem nördlich des Goldenen Horns gelegenen Hügel von Beyoğlu (sprich: Beiolu, das ğ ist ein Dehnungslaut) in einem Haus, das wie eine hochkant stehende Streichholzschachtel an die Höhe gebaut ist. Wohnzimmer und Balkon an der Schmalseite sind nach Südosten ausgerichtet: auf den blau schimmernden, etwas dunstigen Zusammenfluss von Bosporus, Goldenem Horn und Marmarameer, das natürliche Herz der Stadt, mit einer Armada von kaum erkennbaren Fischer- und Segelbooten sowie den gewöhnlichen Passagier- und Handelsschiffen. Rechts davon treffen die flach und gleichsam mit dem Goldenen Horn von Westen her kommenden letzten Sonnenstrahlen auf die dem Okzident zugewandte Seite der Moscheen, der Konstantinssäule, der Hagia Sophia und auf den jetzt wieder durch das Frühjahrsgrün halb versteckten Sultanspalast. Links, auf der anderen Seite des Wassers, also im Osten, in Asien, schiebt sich die gold-gelbe Häuserfront von Kadiköy, dem antiken Chalcedon (hier tagte 451 das vierte ökumenische Konzil und legte das immer noch gültige chalcedonische Glaubensbekenntnis fest), vor die hinten im Marmarameer liegende Silhouette der Prinzeninseln.
Mit anderen Worten, die Welt liegt uns zu Füßen, an Perspektive fehlt es hier nicht, aber auch nicht an Unmittelbarkeit und Gegenwart.
Wenn wir nicht über das Wasser schauen, sehen wir rechts die ehemaligen Botschaftsgebäude Frankreichs, Hollands, Österreichs, Russlands. Heute beherbergen diese Paläste die entsprechenden Generalkonsulate, da die Botschaften nach der Erhebung Ankaras zur Hauptstadt in den zwanziger Jahren dorthin umgezogen sind. Auch Auslandsschulen und Kirchen erkennt man von hier aus. Wir wohnen nämlich in der Neustadt - neu, weil sie etwa 1500 Jahre jünger ist als die um 500 v. Chr. entstandene Altstadt. Sie ist seit dem Mittelalter das Viertel der Europäer und Christen.
Wenn wir aus unserem vierten Stock hinunter steigen ins alltägliche Leben, wird es ganz türkisch-normal. Da steht der Müll in Plastiktüten auf der Straße. Er wird von wilden Hunden, die nachts in Rudeln auf Nahrungssuche gehen, Katzen, die im Schatten der Autos leben, und Altwarensammlern, von denen es etwa 200.000 in der Stadt gibt, erst getrennt und dann jeden Tag gegen Morgen zusammengekehrt und abgefahren. Da gibt es kleine Gewerbebetriebe, Lebensmittelläden und einen Obst- und Gemüsestand, die bis tief in die Nacht hinein geöffnet haben. Da waschen Leute gelegentlich ihren Teppich auf der Straße oder sitzen auf einem Hocker vor dem Haus und trinken Tee. In den kleinen Straßen unterhalb unseres Hauses werden während des Opferfestes - es entspricht, was Zeitpunkt und Opfergedanken betrifft, dem christlichen Osterfest - Hammel geschlachtet, und bei fast jedem Wetter vergnügen sich hier etwa 20 Kinder mit Spielen, die ich noch aus meiner Kindheit kenne: Fangen, Seilspringen, Hüpkern (Himmel und Erde) etc. und natürlich Fußball, wenn denn ein Ball zur Hand ist.
Überhaupt ist Istanbul eine Mischung aus Weltstadt und anatolischem Dorf. Tag und Nacht herrscht hier ein Gewusel, wie wir Bremer es nur einmal im Jahr auf dem Freimarkt erleben, und es bieten sich alle Arten von Geschäften, Kinos, Theatern, eleganten Restaurants, Jazzlokalen, Kneipen, auch Szene-Kneipen an, die sich von denen im Oster- und Steintor in Bremen nicht wesentlich unterscheiden. Die großstädtischen Dimensionen werden überall durch ein ungeheuer lebendiges, sich ständig erneuerndes Netz kommunikationsfreundlicher mittelständischer Strukturen unterlaufen, sodass abseits der großen Straßen der Viertelcharakter dominiert. Einkaufen gehen wir an der Ecke, auf dem Wochenmarkt oder bei SPAR. Die "Süddeutsche" gibt es am Kiosk in der Fußgängerzone. Fisch kaufe ich auf dem ständigen Markt nahe den Çiçek-Passagen an der Istiklal.
Dort habe ich in der ersten Zeit auch Obst und Gemüse gekauft. Beim ersten Mal waren die Apfelsinen unten in der Tüte angefault. Ich habe sie zurückgebracht und dem Händler klarzumachen versucht, dass ich jetzt hier wohne. Seitdem werde ich nicht mehr als Tourist behandelt, was das Einkaufen sehr entspannt. Dass Fremde vor allem in der Geschäftswelt anders behandelt werden als Einheimische, mussten wir erst lernen. Das ist ein Teil der Kultur, also nicht bös oder persönlich gemeint. Fremdenfeindlichkeit scheint es hier überhaupt nicht zu geben.
Istanbul trägt natürlich auch die eher unzuträglich-chaotischen Merkmale einer Dritte-Welt-Metropole: Strom- oder Wasserausfall, unregelmäßige Postzustellung, bröckelnde, schmutzige Häuserfassaden. Im Winter kann man bei Windstille von uns aus manchmal kaum das Goldene Horn sehen und erst am späten Vormittag die Fenster öffnen, weil die meisten Häuser noch Ofenheizung haben. Und die Leute verheizen außer minderwertiger Kohle alles, was brennbar ist, auch Plastik und Gummi. Erst nach und nach werden Gasheizungen und -herde eingeführt. Die herbstlichen Regenfälle verwandeln die Straßen, weil zu wenige Gullys vorhanden sind, gelegentlich in Wildbäche, die hier und da Menschenleben fordern. Und im Sommer trägt der Südwind den Gestank unserer modernden Exkremente vom Goldenen Horn zu uns zurück.
Die bröckelnden Häuserfassaden haben in unserer Umgebung übrigens sehr oft auch eine historisch-politische Dimension. Sie gehören zu Häusern von Griechen, die nach dem großen Pogrom 1955 geflohen sind, ihr Eigentum aber nicht verkaufen konnten, weil sie den Erlös nicht ausführen durften. Istanbul war nämlich von dem großen Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei in den zwanziger Jahren ausgenommen worden und unser Stadtteil bis in die fünfziger Jahre zum großen Teil von Griechen bewohnt.
Alles in allem umgibt uns eine sehr lebensfreundliche Atmosphäre, die neben dem türkischen Charakter wohl auch einen erfreulichen ökonomischen Entwicklungsrückstand als Ursache hat.
Istanbul, April 1998
Foto: Franziska Nauhaus
Die Schule ist nur ein paar Minuten von uns entfernt, hat vorwiegend türkische Schülerinnen und Schüler, die Uniform tragen, aufstehen, wenn wir hereinkommen, ausgesucht intelligent sind und teilweise haarstäubend unruhig. Türken sind eben temperamentvolle Südländer. Der Unterricht ist fordernder und seine Vorbereitung zeitraubender, als wir das aus Bremen kennen, und die Korrekturen sind zahlreich, weil die Klassen relativ groß sind.
Sobald man das schwere schwarze Stahltor sowie das Wachhäuschen passiert hat und an mehreren altar-ähnlichen Installationen mit Atatürkbüsten, -bildern, und -zitaten vorbei in die oberen Etagen gelangt ist, hat man über das Goldene Horn hinweg nach Südosten einen weiten Blick auf den Bosporus und das Marmarameer mit seinem immer währenden Passagier- und Frachtschiffsverkehr. Sieht man aus einem der Flurfenster nach Südwesten, erblickt man in ein paar hundert Metern Entfernung den Galataturm, Mittelpunkt des alten seit Jahrhunderten von Italienern bewohnten Europäerviertels Galata. Das Alman Lisesi liegt am Rand dieses Viertels. Es war eines der ersten Gebäude des gegen Ende des 19. Jahrhunderts nördlich davon entstandenen neuen Ausländerviertels Beyoğlu. Auch hier sprach das Bürgertum bis in die fünfziger Jahre hinein griechisch, italienisch und französisch.
1868 von deutschen und schweizerischen Kaufleuten und Handwerkern mit 2 Lehrern und 23 Schülern als selbstverwaltete private Bürgerschule gegründet, ist die inzwischen etwa 900 Schüler und 70 Lehrer starke Deutsche Schule Istanbul (Özel Alman Lisesi) heute immer noch ein von einem Verein getragenes privates Gymnasium, aber die bildungspolitische Selbstverwaltung wurde nach und nach durch eine, oder besser: zwei staatliche Verwaltungen ersetzt, nämlich eine deutsche, seit 1910, und eine türkische, seit 1932. Der Zugriff des türkischen Staates hatte zur Folge, dass türkische Staatsangehörige an nichttürkischen Einrichtungen Unterricht in türkischer Geschichte, Sprache, Literatur und in Sozialgeografie sowie Staatsbürgerkunde erhalten, und zwar in türkischer Sprache durch türkisches Personal (heute etwa ein Drittel des Kollegiums) und unter einem tür kischen Subdirektor. Inzwischen sind noch "Religion und Ethik" sowie ergänzend Musik, Kunst und Sport als türkische Fächer hinzugekommen. Darüber hinaus beansprucht die türkische Regierung ein Aufsichts- und für türkische Schüler auch ein umfassendes Genehmigungsrecht in Bezug auf Lehrpläne und Lernmittel. Die türkischen Schüler machen heute etwa 90% der Gesamtschülerzahl aus. Die wenigen nichttürkischen Schüler, also auch die deutschen, haben seit 1968 einen freieren Gaststatus.
Als Begegnungsschule ist das Alman Lisesi eine zweisprachige Schule mit integriertem Programm und einem Abschluss, der den Zugang zu den Hochschulen des Gastlandes und fakultativ auch den zu deutschen Hochschulen öffnet. Um an einer türkischen Universität studieren zu können, muss man aber eine allgemeine Hochschulzugangsprüfung bestehen, auf die sich die türkischen Schüler zwei Jahre lang vor allem an den Wochenende in Repetitorien vorbereiten. In Deutschland gelten die türkischen Schüler, sobald sie das Abitur gemacht haben - das sind jährlich ungefähr 70% - als Bildungsinländer. Die Begegnungsschule wurde in den vergangen zwanzig Jahren für deutsche Auslandsschulen entwickelt und unterscheidet sich erheblich von einer deutschsprachigen Schule mit deutschen Abschlüssen für Kinder deutscher Bürger, die vorübergehend im Ausland sind. Normalerweise werden die deutschen und die Schüler des Gastlandes gemeinsam unterr ichtet, das ist in Istanbul aber nicht so.
Die Tatsache, dass unsere Schule türkischen Recht unterliegt, hat verschiedene Konsequenzen. Deutsche Mitbestimmungsrechte gelten hier z. B. nicht. Der Schulträger kann sie zugestehen, sie haben dann aber keine Rechtsverbindlichkeit. Ein anderer Punkt ist die türkische Schulaufsicht, die sich vorbehält, die Einstellungskriterien für Lehrer festzulegen - es werden ja türkische Schüler unterrichtet - und die Lehrpläne und Lernmittel für die türkischen Schüler zu genehmigen. Für die Lektüre im Deutschunterricht hat das zum Beispiel weitreichende Folgen: Die gesamte moderne Dramatik einschließlich Wedekind und Brecht ist für den Unterricht in türkischen Klassen nicht zugelassen. Da wir häufig trotzdem an gewohnten Methoden und Inhalten festhalten, ist ein großer Teil dessen, was wir im Unterricht machen, eigentlich verboten. Aber die Behörde kontrolliert die Einhaltung staatlicher Vorschriften nur selten und wen n man ein gutes Verhältnis zu seinen Schülern hat, kann man auch schon mal etwas Verbotenes, wie zum Beispiel den "Steppenwolf", lesen, ohne verraten zu werden. Wenn aber ein Kontrolleur kommt, kann es schon mal penibel werden. Ich benutze zum Beispiel gern Wandkarten im Geschichtsunterricht der deutschen Klassen und lasse sie hängen, damit die Schüler sich das Kartenbild einprägen können. Das wurde moniert und verboten, weil die Gefahr besteht, dass türkische Schüler in der Pause eine Karte sehen, die staatlich nicht zugelassene Aussagen enthält, etwa den Hinweis "von der Türkei besetzt" in Bezug auf Nordzypern.
Die meisten Kolleg/inn/en arrangieren sich angesichts ihrer nur episodischen Mitarbeit an der Schule mit diesen Verhältnissen. Es geht auch ganz gut, wenn man gelernt hat, dass die Konfrontation mit dem Staat sinnlos ist und man sich verhalten muss, wie die türkische Gesellschaft es seit Jahrhunderten tut: Man passt sich nach außen hin an, macht aber im übrigen, was man will.
Die personelle Kontinuität an der Schule, und damit auch Verhaltens- und Entscheidungsstrukturen im alltäglichen Bereich, werden durch das türkische Kollegium und das etwa 25-köpfige Verwaltungs- und Dienstpersonal bestimmt, die in der Regel viele Jahre an der Schule bleiben, während das deutsche Kollegium häufig wechselt. Viele Lehrer kommen nach dem Referendariat als Programmlehrer (eine Sparversion der Auslandsdienstlehrkraft) zu uns und warten darauf, dass sie in Deutschland eine Beamtenstelle angeboten bekommen. Andere gehen wegen der Kinder oder der Arbeitsbelastung früher nach Deutschland zurück als sie müssten. Aber auch als Auslandsdienstlehrkraft darf man nur sechs Jahre bleiben, wenn man eine Funktionsstelle hat, acht.
Noch ein Wort zu unseren türkischen Schülern. Um eine weiterführende Schule besuchen zu können, müssen sie eine allgemeine Prüfung ablegen. Die Deutsche Schule, die als eine der besten Schule der Türkei gilt, hat in der Regel die Auswahl unter den Besten. Für den Unterricht heißt das, wenn ein Lehrer fachlich nicht fit ist, kein ordentliches Unterrichtskonzept hat oder die benötigten Fachbegriffe und Satzstrukturen nicht so vermittelt hat, dass die Schüler ihn auch verstehen können, verliert er ihre Aufmerksamkeit. Bevor der reguläre Gymnasialunterricht mit Klasse fünf beginnt, lernen die Neulinge allerdings ein Jahr lang Deutsch. Die nur zweijährige Oberstufe ist für unsere Schüler besonders schwierig, weil sie gleichzeitig das ebenfalls zweijährige Repetitorium für die Hochschulzugangsprüfung, dem sich fast alle türkischen Schüler unterziehen, absolvieren müssen. Es findet in einer Schul e neben der Schule statt, in der unsere Schüler zunächst einmal für alle Bereiche die türkischen Fachbegriffe lernen müssen, ehe mit der eigentlichen Prüfungsvorbereitung beginnen werden kann. Außerdem muss man bei der Prüfung schließlich Spitzenwerte erreichen, denn nur mit ihnen bekommt man die Erlaubnis, eine Universität zu besuchen, die europäisches Niveau hat. Diese Zweigleisigkeit ist anstrengend.
Solche Faktoren und der Mangel an Kontinuität in der deutschen Lehrerschaft tragen sicher auch zu der eingangs erwähnten Unruhe in manchen Klassen bei, die dann ihrerseits die Kontinuität unter Umständen weiter untergräbt. Wie anstrengend die Arbeit sein kann, merke ich besonders freitags nach der Schule, wenn Gaby als Zeitbombe durch die Wohnung irrt und ich sie großräumig umgehe in der Illusion, durch Minimierung der Reibungsfläche die Zündung zu vermeiden.
Aber ich denke, wir bleiben noch ein bisschen. Schließlich ist das Schuljahr bald zuende, und es liegen etwa drei Monate unterrichtsfreie Zeit vor uns, die wir allerdings auch nutzen wollen, um das Land kennen zu lernen..
Istanbul, Mai 1998
Heute morgen fand die letzte Konferenz dieses Schuljahrs statt, die Aufenthaltsgenehmigung für uns, das Auto und sonstiges Umzugsgut ist um ein Jahr verlängert; und nach einer zweitägigen pädagogischen Fortbildung in der nächsten Woche geht's ab ans Mittelmeer. Kurz: Unser erstes (Schul-) Jahr in der Türkei ist überstanden, und wir leben noch und im ganzen gut.
Dafür gibt es inzwischen etliche Zeugen, nämlich unsere zahlreichen Besucher. Sehr angetan sind sie in der Regel von der Qualität und Lage unserer Wohnung, den mit Schlössern und Villen bebauten Bosporusufern sowie den Prinzeninseln und der "Blauen Moschee", teilweise von der Lebendigkeit der Stadt (einige müssen sich nach längerer Stadtfahrt im Auto zur Entspannung hinlegen), der guten türkischen Küche und den Çöp (sprich: Tschöp = Müll) - Katzen vor unserer Haustür.
Während wir mit den ersten Besuchen zusammen die Sehenswürdigkeiten der Stadt noch selbst entdeckt haben, lassen wir uns inzwischen schon mal dazu hinreißen, den Besuch des Topkapı-Saray (Sultanspalast) ohne uns zu empfehlen, zumal wenn Schule ist. Dafür schämen wir uns inzwischen ein bisschen, denn ein Kollege, der im fünften Jahr hier ist, gestand uns neulich, dass er diese Anregung erst nach der 30. Besichtigung gewagt habe.
Andererseits kennen wir inzwischen einige jener Seiten der Stadt recht gut und zeigen sie gern, die Pauschaltouristen normalerweise verborgen bleiben. Zum Beispiel das türkische Bad um die Ecke. Mit den illustren, in Reiseführern genannten Hamams haben wir genau die Erfahrungen gemacht, vor denen Einheimische warnen: Rippenbruch bei der lieblos-brutalen Massage und unverschämter Nepp. Dann können wir vertrauenswürdige Händler für Gold, Silber, Teppiche, Lederbekleidung etc. im Großen Basar empfehlen und natürlich Kneipen, Musiklokale, Restaurants.
Den freundlichsten und m. E. zutreffendsten Eindruck vom Leben der Stadt bekommt man jedoch bei ganz unspektakulären Spaziergängen. Zum Beispiel auf dem Weg von unserem Haus zu dem SPAR-Supermarkt, wo wir häufig einkaufen: vorbei am Bakal (Tante-Emma-Laden) und dem Gemüsestand, an Cafés und Kostümverleih durch das Antiquitätenviertel Çukurcuma mit seinen vollgestopften Lädchen und der Moschee mittendrin und die Treppen rauf nach Cihangir. Dieses Viertel ist nicht schön im ästhetischen Sinne, aber es lebt. Die kleinen Händler haben ihre Waren auf den Bürgersteig gestellt, die Katzen liegen im Schatten unter den Autos, Kinder spielen Ball, an einer Stelle ist wegen eines Wasserrohrbruchs die Straße aufgerissen, auf der Treppe zum Galatasaray-Gymnasium sitzen Schüler und manchmal trifft man einen Kollegen oder eine Kollegin, die hier wohnen.
Ein anderer schöner Spaziergang führt über die Galatabrücke, durch Ägyptischen Basar am Eingang zur Altstadt und dann nach rechts in den Teil des riesigen basargleichen Stadtviertels, der Tahtakale (Holzburg) genannt wird, weil dort alle möglichen Holzprodukte verkauft werden, wie Gefäße; Stile für Besen, Schaufeln, Äxte; Stühle, Hocker, Kleiderbügel etc.. Dort befindet sich auch die Rüstem - Pascha - Moschee, die wegen ihrer vielfältigen Kachelung als eine der schönsten der Stadt gilt. Ein paar Schritte weiter erreicht man die nördliche Begrenzungsmauer der Süleyman - Moschee. Hier gibt es lauter kleine Gewerbebetriebe, die mit zum Teil hundert Jahre alten Maschinen Metallteile herstellen. Sie sind häufig offen, und Neugierige dürfen sich nach Belieben umschauen. Etwas weiter stehen noch mehrere Reihen alter osmanischer Holzhäuser, manche verfallen, andere restauriert, und vermitteln einen Eindruck davo n, wie die Stadt im 19. Jahrhundert ausgesehen haben könnte. In den Gärten stehen Feigenbäume, durch die hindurch man auf das Goldene Horn mit der alten Werft und der Atatürkbrücke blickt. Wenn man die Süleyman Moschee mit der ehemaligen Armenküche, jetzt Restaurant, hinter sich gelassen hat, kommt man zur Universität und schließlich zu dem malerischen Buchmarkt inmitten von Teegärten an der Seite der Beyazit - Moschee. Von hier aus kann man in den Großen Basar gehen oder mit dem Bus wieder nach Hause fahren und auf dem Balkon Tee trinken.
Dieser hoch über der Stadt gelegene Balkon ist wohl unsere größte Attraktion. Von hier aus blickt man auf die berühmten Gebäude der Altstadt, die man gerade besichtigt hat, auf Kreuzfahrtschiffe, die die meisten Gäste nur aus der Zeitung kennen, oder auf die kleinen Lachmöwen auf dem Dach der alten französischen Botschaft, die gerade fliegen lernen.
Ein Thema, das nicht nur uns, sondern auch unsere Gäste beschäftigt, ist die Frage nach einem EU-Beitritt der Türkei. Diese Frage macht uns Kopfzerbrechen, weil wir unter anderem aufgrund unserer Erfahrungen mit diesem Land Vorbehalte entwickelt haben, andererseits aber auch wissen, wie empfindlich die Bevölkerung, der wir uns verbunden fühlen, auf Einwände reagiert.
Man würde zum Beispiel allergrößte Enttäuschung hervorrufen, wenn man als Lehrer vor einer türkischen Klasse sagen würde, dass man den Beitritt des Landes nicht befürwortet. Die Identifikation der Bevölkerung mit der Nation ist hier außerordentlich groß, vergleichbar vielleicht mit dem Nationalismus von uns Deutschen in den zwanziger und dreißiger Jahren. Ein Beispiel: Als Gaby sich im Unterricht einer 7. Klasse dazu äußert, dass den Farben Rot und Gelb im Straßenverkehr nicht immer die gleiche ordnungstiftende Achtung entgegengebracht wird wie in Deutschland, steht ein Schüler auf und verkündet in vollem Ernst, er liebe sein Vaterland. Darüber hinaus ist das weltpolitische Gewicht, das Deutschland seit der Wiedervereinigung erlangt hat, von außen viel deutlicher sichtbar als in Deutschland selbst und wird vielfach erheblich überschätzt. Deshalb sieht man in unserem Land den Hauptverantwortlichen f ür den EU-Beitritt der Türkei. Dass Deutschland sich aber, ähnlich wie die Türkei selbst, insofern noch in der politischen Pubertät befindet, als es seine Bedeutung als erwachsene Nation noch nicht einschätzen, geschweige denn in außenpolitische Konzepte umsetzen kann, wird dagegen für das hiesige Bewusstsein durch die wirtschaftliche Potenz unseres Landes verdeckt.
Die Luxemburger Entscheidung des Europäischen Rates vom Dezember 1997, mit den Beitrittsverhandlungen der Türkei noch nicht zu beginnen, hat aufgrund beider Aspekte, des nationalen Bewusstseins der Türken und ihrer Wertung Deutschlands als einer europäischen Großmacht, die im Nahen Osten ein Gegengewicht zu den USA bilden könnte, zu einer Enttäuschung unserem Land gegenüber geführt, deren Ausmaß und Folgen noch gar nicht abzuschätzen sind. Sichtbar ist vorläufig: Ministerpräsident Yılmaz ist ein Stück seiner politischen Legitimation weggerissen worden, und er stopft das Loch mit antideutscher Demagogie; die bürgerliche Linke hat ihr wirksamstes innenpolitisches Druckmittel verloren: Demokratisierung als Schlüssel zur EU. Alles in allem war die Entscheidung des Europäischen Rates geg en die Aufnahme der Türkei in den Kreis der EU-Beitrittsländer für die Türkei und die deutsch-türkischen Beziehungen eine ziemliche Katastrophe.
So gesehen ist es schwer verständlich, wie die Bundesregierung (im Rahmen der EU) eine so wichtige Regionalmacht wie die Türkei, die sich auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt nach Deutschland und Europa ausrichten will, mit der Entscheidung vom Dezember '97 so vor den Kopf stoßen konnte.
Im täglichen Leben, das gelegentlich von Frust gezeichnet ist, fällt häufig die Standardbemerkung: Solange die Türken noch nicht gelernt haben ... gehören sie nicht in die EU. Was uns Deutsche am Verhalten von Türken stören kann, ist nicht nur die Missachtung roter Ampeln, sondern auch der Umgang mit der Vergangenheit, wie der Vertreibung und Ermordung der Armenier 1915, den wir Deutschen inzwischen mühsam erlernt haben, der Umgang mit schwierigen Gegenwartsproblemen, wie der Zypernfrage oder dem Kurdenkrieg sowie der narzisstisch-feudalistische Ehrbegriff, der auch in der Politik eine große Rolle spielt. Manche dieser Vorbehalte scheinen mir, auch wenn sie nicht immer ernst gemeint sind, einer ernsthaften Überprüfung wert. Würde dieser Ehrbegriff es zum Beispiel aushalten, dass die Türkei als das bevölkerungsreichste Land in der EU we gen seines Entwicklungsrückstands nicht sofort die gleiche Rolle spielen dürfte wie Deutschland oder Frankreich? Würden die geforderten ökonomischen und politischen Anpassungen nicht als Demütigung empfunden?
Unserer persönlicher politischer Standort, nach dem nicht nur die Schüler fragen, ist noch keineswegs fest. Dazu ist die Auseinandersetzung mit unserem Gastland noch zu frisch und emotional. Außerdem entwickelt sich dieses Land ja auch selbst, obgleich auf der politischen Ebene eher Stillstand zu herrschen scheint.
Aber wir arbeiten daran - und an uns. In den nächsten Wochen vor allem in Form eines Urlaubs, der das Angenehme, nämlich psychische und physische Entspannung, mit dem Nützlichen, dem Kennen-lernen des Landes und seiner Sprache, verbinden soll. Zunächst suchen wir Kuşadasi an der Ägäisküste heim, dann intensivkursen wir sprachlich in der Nähe von Izmir, und schließlich richten wir von der touristisch noch wenig befleckten (wir fangen damit praktisch an) Halbinsel Datça weiter im Süden aus unser Augenmerk auf die antiken Kleinodien der Umgebung.
Juni 1998
Foto: Franziska Nauhaus
Als mich meine politisch engagierte Tochter (26) seinerzeit fragte, was ich in diesem Land suche, habe ich geantwortet, ich wolle seine gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse möglichst unvoreingenommen an Ort und Stelle kennen lernen. Das war nur ein Teil der Wahrheit. Ein anderer Aspekt, den sie, wie ich fürchtete, unverantwortlich gefunden hätte, war die Abenteuerlust. Ich wollte erfahren, wie ich über längere Zeit in einem ganz anderen Milieu zurechtkomme.
Beide Aspekte, vor allem der zweite, haben im abgelaufenen Jahr in der Tat einen großen Teil der gedanklichen Beschäftigung mit und der psychischen Arbeit an unserem Hiersein ausgemacht.
Im ersten Jahr eines Auslandsaufenthalts steht natürlich das Sich-einrichten am neuen Arbeitsplatz im Vordergrund: neue Verwaltungsstrukturen, neue Kollegen, neue Stoffe, neue Anforderungen - jeder Unterricht muss quasi als Fremdsprachenunterricht konzipiert werden -, eine andere Schülerpopulation. Nach längeren Unterrichtsphasen haben viele Kolleginnen und Kollegen das Gefühl, "raus" zu müssen, und sobald die Schultür für mehrere Tage zugemacht wird, katapultieren sie sich quasi vom Schreibtisch in die europäisch-heimelig-komfortablen Touristenhotels am Schwarzen Meer, am Mittelmeer, in Thailand oder Sri Lanka. Diese Fluchtbewegung ist auch auf einen fatalen psychischen Effekt zurückzuführen, den der Arbeitsstress im ersten Jahr hervorruft und den man offenbar erst nach und nach in den Griff bekommt: Man tendiert in Phasen der Überlastung dahin, alles Unvertraute als störend zu empfinden. Der so entstehende Unmut, der sich hier an der Andersartigkeit der neuen Umgebung reibt, neigt dazu, unerfreuliche Einzelerlebnisse zu verallgemeinern, d. h. sich in Vorurteilen niederzuschlagen, und treibt einen in touristische Enklaven, wo man das Gefühl hat, sich vom Gastland zu erholen.
Für uns war es sicher eine große Erleichterung, dass sich sehr schnell relativ enge Beziehungen innerhalb der Gruppe der neugekommenen Lehrer entwickelt haben, die ja alle in der gleichen Situation sind. Einige Kollegen wohnen ganz in der Nähe. Man geht gelegentlich von der Schule aus zusammen nach Hause, man trifft sich beim Einkaufen oder geht mal kurz auf einen Kaffee vorbei. Andere wohnen in Asien. Sie besucht man per Schiff, was immer auch ein kleines Ausflugserlebnis ist. Am Wochenende gibt es häufig Einladungen, oft zum Essen. Gott sei Dank sind einige Kolleginnen und Kollegen mit Türken bzw. Türkinnen verheiratet. So gibt es nicht immer nur Kassler, Gans oder Kohl und Pinkel, Spätzle mit Geschnetzeltem etc., was Deutsche im Ausland offenbar besonders schätzen, sondern wie gestern zum Beispiel türkische Vorspeisen. Diese Mezeler (sprich: Meseler mit stimmhaftem S) sind Esskultur auf höchstem Niveau, das muss man diesem Land auch in den vorurteils geladensten Frustsituationen lassen. Aber es gibt auch Geselligkeit außerhalb des Einzugsbereichs Schule, zum Beispiel unseren Türkisch-Kurs im französischen Generalkonsulat, den wir mittlerweile als Stammgäste in einer sehr netten Kneipe ausklingen lassen, oder den Heiligabend-Gottesdienst in der evangelischen Gemeinde und die Silvesterparty bei Pfarrer Duncker, zu der wir auch als Nicht-Gemeindemitglieder eingeladen waren. (ich glaube, er hofft noch)
Überhaupt spielt sich unser Leben hier vorwiegend im eigenen zivilisatorischen Dunstkreis ab und nur peripher im türkischen Umfeld. Da ist zunächst einmal (noch) die Sprachbarriere bzw. die Tatsache, dass wir uns fast nur unter Deutschen und deutsch sprechenden türkischen Schülern bewegen. Selbst die Medien, einschließlich Film und Oper, verlangen uns kein Türkisch ab. Darüber hinaus ist die Geselligkeit der deutschen und österreichischen Kolonie nicht nur zu Weihnachten und Ostern so intensiv, dass, lässt man sich einmal darauf ein, für Beziehungen zur einheimischen Bevölkerung kaum Zeit bleibt. Deshalb beschränken sich unsere diesbezüglichen Kontakte bisher weitgehend auf die Putzfrau und das geschäftliche Leben: Den Lebensmittelhändler an der Ecke und die Gold-, Silber-, Lederwaren- und Teppichhändler im großen Basar, an die die Neulinge von den Alteingesessenen jeweils weitergereicht werden.
Wenn man letzteren glauben darf, tut sich nach dem ersten Jahr im Ausland neben Schule, importiertem Sauerkraut und Edeltourismus nach und nach ein zeitliches und psychisches Fenster auf, durch das man einen Blick auf das Gastland werfen kann. Viele Kolleginnen und Kollegen kommen erst dann dazu, Türkisch zu lernen oder sich über das Land zu informieren.
Die türkische Gesellschaft, insbesondere Istanbul, bietet dem Fremden zumindest auf den ersten Blick ideale Integrations- wie auch Ausweichmöglichkeiten. Mit der Vielfalt des kulturellen Angebots gerade in dem Stadtteil, in dem wir wohnen, kann wahrscheinlich kaum eine deutsche Stadt konkurrieren. Das Konsumgüterangebot unterscheidet sich so gut wie nicht von dem in Deutschland. Die Massenkommunikation verwendet die vertraute Technik und folgt den gewohnten Leitbildern. Es gibt eine englischsprachige Tageszeitung, und die deutschen Zeitungen treffen nur einen Tag später ein. Man braucht also auf fast kein zivilisatorisches Hilfsmittel zu verzichten, das einem in Deutschland schwer entbehrlich geworden ist. Aber die meisten Elemente westlicher Zivilisation sind natürlich eingebunden in die überkommenen türkisch-islamischen Strukturen, so dass man als Angehöriger der europäisch-am erikanischen Lebenswelt beides hat, das Vertraute und das Fremde.
Die Qualität des letzteren wird einem allerdings erst nach und nach bewusst. Manches, das wir urlaubstolerant bzw. solange wir über entsprechende psychische Reserven verfügen, interessiert, amüsiert oder langmütig registrieren, erzeugt, sobald die Belastungsgrenzen erreicht sind und verstärkt durch die Sprachbarriere, Unsicherheit, aggressive Abwehr, manchmal sogar das Gefühl des Diskriminiert-werdens mit der Tendenz zu paranoischen Projektionen, wie wir sie gelegentlich an ausländischen Mitbürgern in Deutschland beobachten. Neben den klassischen Toleranzproben, wie Schmutz, Lärm und Hitze, gehören dazu Verhaltensstrukturen, an denen wir uns immer wieder stoßen. Sie resultieren aus dem Fehlen eines öffentlichen Raumes, in dem sich die Angehörigen beider Geschlechter nach einheitlichen Prinzipien bewegen können. Günter Seufert drückt das in seinem Buch "Café Istanbul" (1997) folgendermaßen aus: "...tendenziell wird das Verhalten des einzelnen nicht über allgemeine Normen, auf die sich jeder unabhängig von seiner Position berufen könnte, sondern über die Einbindung der Person in Hierarchien und damit über personale Beziehungen kontrolliert." In fast allen Sektoren der Gesellschaft, auch den modernen, werden traditionelle, an die großfamiliären und dörflichen Gemeinschaften erinnernde Strukturen reproduziert, soweit sogar, dass Taxifahrer und Fahrgast sich als Familienmitglieder (großer Bruder, Tante etc.) anreden. Zu dieser natürlich patriarchalischen Lebensform gehört auch, dass die ehrbare Frau nur über ihr Verhältnis zu einem Mann (Frau, Mutter, Schwester, Tochter) definiert wird. Eine anonyme Großstadtgesellschaft, die so durch Kleingruppen und Seilschaften unterwandert ist, wird für Mitglieder freun dlicher und überschaubarer, für Außenstehende aber unzugänglicher.
Während der Mangel solcher Substrukturen es immigrierten Türken in Deutschland sicher schwer macht, sich außerhalb ihrer Gettos zu behaupten, stellen sie für Ausländer in der Türkei neben der national-religiösen eine zweite Integrationshürde dar. Nicht als Gemeinschaftsmitglieder ausgewiesene Individuen müssen sich oft erst als Gast, Freund, Ehegatte oder durch ihre gesellschaftliche Position legitimieren, ehe ihre persönliche, materielle und sexuelle Integrität geachtet wird. In der Öffentlichkeit gelten als Ausländer erkennbare Individuen häufig von vornherein als nicht legitimiert. Sie werden bei geschäftlichen Kontakten, wie Wohnung mieten, einkaufen, Taxi fahren leicht mal über den Tisch gezogen. Frauen, vor allem natürlich ausländische, die außerhalb des Hauses ohne Mann, Kind, Ehering, Kopftuch etc. auftreten, müssen zumindest optisch mit ihrer Disqualifizierung rechnen.
Der Neuling registriert ärgerliche Erlebnisse dieser Art mit dem Bewusstsein, falsch reagiert oder nicht genug aufgepasst zu haben. Zu einem Frustrationserlebnis werden sie aber mitunter für diejenigen, die jahrelang an ihrer Anpassung gearbeitet und sich das Recht, wie Türken behandelt zu werden, erworben zu haben glauben. Das beobachten wir an Kollegen und Kolleginnen, die schon länger hier sind. Sie reagieren auf überhöhte Preisforderungen, falsch herausgegebenes Wechselgeld, den Umweg eines Taxifahrers oder die offene Anmache durch türkische Männer oft viel empfindlicher als wir. Die ursprüngliche Kontaktsuche kann bei ihnen umschlagen in Resignation oder Ablehnung. Abgesehen von enttäuschenden oberflächlichen Geschäftskontakten und unerfreulichen zwischengeschlechtlichen Begegnungen auf der Straße kann man aber in der Öffentlichkeit stets mit einer freundlichen, lebendigen, von Ressentiments freien Aufmerksamkeit rechnen.
Fast unmöglich ist offenbar das Eindringen in die private Sphäre und eine Verankerung dort, die für beide Seiten zufrieden stellend ist. Die Erfahrungen von Kolleginnen und Kollegen wie auch eigene kann man so zusammenfassen: In der türkischen Gesellschaft selbst und in Bezug auf Fremde sind so viele Bereiche tabuisiert, dass man unweigerlich irgendwann in ein Fettnäpfchen tritt, und dann ist oft nichts mehr zu retten. Anders ist es uns ergangen mit türkischen Intellektuellen, die in Deutschland gelebt oder studiert haben und/oder mit einem deutschen oder in Deutschland aufgewachsenen Partner zusammenleben. Sie sind, soweit ich sehe, die einzige Gruppe von Einheimischen, zu denen spannende enge, ja freundschaftliche Beziehungen entstehen können. Aber auch hier ist es nicht einfach über die Armenierfrage, dem Kurdenkrieg, der Besetzung Nordzyperns etc. zu sprechen. Diese aufgeklärten Türken sind oft Kemalisten, die ihr Geschichtsbild nicht gerne infrage ge stellt sehen. Eine weitere Möglichkeit der Integration in die türkische Gesellschaft ist übrigens das Einheiraten in eine türkische Familie, was im Kollegium auch gelegentlich passiert.
Die Politik ist übrigens ein Bereich, der sich uns auch mit Hilfe von Sekundärliteratur nur sehr schwer erschließt. Während der Aufbruch Atatürks ins bürgerliche Zeitalter und das Bestreben des Militärs, diesen Ansatz vor religiösen Gefährdungen zu schützen, grundsätzlich nachvollziehbar sind, ist das bei der praktischen politischen Umsetzung nicht immer der Fall.
Nicht als fremd, aber für uns Deutsche als gottseidank der Vergangenheit angehörend, nicht uns als ausländische Gäste unmittelbar betreffend, aber doch als sehr bedrückend empfinde ich jene Verhältnisse, die ich vor allem aus der Berichterstattung kenne, deren Realität ich aber beobachtend miterlebe, wenn ich samstags auf die Istiklal gehe, die verkehrsberuhigte Hauptstraße und die Flaniermeile Istanbuls, eine Straße von in Deutschland nicht vorstellbarer Lebendigkeit. Sie bietet sich, besonders samstags, natürlich für politische Demonstrationen an. Aber das Bild beherrscht die Polizei. Sie hat offenbar den Ehrgeiz, unter allen Umständen jeweils eher am Ort und in der Überzahl zu sein. Freie Flächen, auf denen Demonstranten erwartet werden, parkt sie mit Mannschaftswagen zu und in den Seitenstraßen warten schwer bewaffnete Hundertschaften, die allein durch ihre Anwesenheit jede dem Staat nicht genehme Äußerung als H ochverrat dis-qualifizieren.
Wie im privaten Bereich scheint auch auf politischer Ebene ein sich auf Individualrechte berufender Verfassungspatriotismus bzw. eine ihn tragende breite Bildungs- und Bürgerschicht weitgehend zu fehlen. Die Parteien agieren offenbar als Klientelvertretungen, die über ihre Spezialinteressen hinausgehende Normen nur solange akzeptieren, wie sie ihnen unmittelbar nützen. Deshalb versteht sich das Militär vielleicht nicht ganz zu Unrecht als Garant der von Atatürk initiierten Westorientierung des Landes und als Statthalter eines noch nicht vorhandenen verfassungspatriotischen Bürgertums. Aber indem es durch die noch in seinem Auftrag erarbeitete Verfassung wie durch die Kontrolle der Regierung und offenbar auch der Gerichtsbarkeit den offenen politischen Diskurs verhindert, reduziert es seinerseits die Parteien auf die Vertretung von Gruppeninteressen und verhindert so die Entstehung der politischen Klasse, die es nur vorübergehend zu vertreten meint.
Kurz, wenn man als Gast dieses Landes sein politisches Bewusstsein nicht völlig abschaltet, wächst mit der Zeit das Gefühl, in einem militärisch gesicherten politischen Vakuum zu sitzen, in dem schon das Nachdenken über Lösungen strafbar ist und das unkalkulierbare politische Eruptionen geradezu provoziert. Sehr ungemütlich, übrigens auch für Türken! Sich in der Türkei in einem Bereich zu betätigen, in dem Politik thematisiert wird - das gilt natürlich besonders für die Gewerkschaften - setzt viel Engagement und eine hohe Risikobereitschaft voraus.
Entgegen dem ersten Eindruck sind die Entfaltungsmöglichkeiten, die die türkische Gesellschaft einem von der Schule nicht beanspruchten politisch-gesellschaftlichen Aktivitätspotential bietet, also nicht leicht zu erschließen. Denn für vorübergehende oder halbherzige Integration gibt es in der türkischen Gesellschaft offenbar wenig Raum.
Ich vermute, dass die möglichen Kontakte und Aktivitäten sowie die fast unbegrenzten Zerstreuungsmöglichkeiten vor allem im touristischen Bereich nicht ausreichen, um das Wohlbefinden in einem fremden Milieu für einen längeren Zeitraum zu sichern. So ließe sich jedenfalls das für den Neuankömmling anfangs überraschend intensive Leben innerhalb der deutschen Kolonie erklären sowie das zunächst manchmal befremdliche Verhalten einzelner: Was den Gästen im Gastland an Nestwärme fehlt, versuchen sie über die Familie und den Freundeskreis hinaus durch landsmannschaftlich-heimatliche Kuschelecken selbst zu produzieren. Die kirchlichen Gemeinden spielen dabei eine sehr große Rolle; ferner: Tanz-, Sport-, und Spielgruppen; Arbeitskreise zur Beschaffung bzw. Herstellung von Adventskränzen, Weihnachtsbäumen, Stollen, Sauerkraut etc.; Schulbasare zu den großen christlichen Festtagen; große Bälle, eine Spezialität der Österreicher, oder das alljährliche Kohlessen bei dem Bremer Kollegen, das übrigens im Vorfeld eine sehr umsichtige Logistik erfordert. Einige Kolleginnen und Kollegen fallen auch da natürlich heraus, obwohl sie die Wärme genauso nötig hätten. Sie landen unter Umständen in psychischen Sackgassen, die wahrscheinlich nur für die Außenstehenden komisch sind. Da hat es zum Beispiel eine Kollegin gegeben, die sich eines Tages ohne Abschied mit zwanzig nun nicht mehr "herren"losen Katzen - davon gibt es hier Tausende - auf Nimmerwiedersehen ins Flugzeug nach Deutschland gesetzt hat. Andere reagieren auf Liebesmangel gar nicht mit aktiver Zu-, sondern nur mit Abwendung. Eine Form, die schon häufiger vorgekommen sein soll, ist die öffentlich plakatierte Rücknahme des Du im Kollegium, eine andere - die wohl schärfste Form aktiven Liebesentzugs - die Verweigerung der Verabschiedung nach Beendigung des hiesigen Dienstes.
Da kaum jemand sich das Einsatzland ausgesucht oder sich spezifisch darauf vorbereitet hat, sind die Schwierigkeiten, denen man im Gastland begegnet, genauso wenig absehbar wie die Formen, in denen man auf sie reagiert. Insofern beinhaltet Auslandsschuldienst in der Tat das Abenteuer des Sich-selbst-Entdeckens.
Die Möglichkeit des unvoreingenommenen Kennen-lernens des Landes an Ort und Stelle dagegen muss man stark relativieren. Man hat natürlich bereits einen den Erkenntnisgegenstand betreffenden Kategorienapparat im Kopf. Mir hat zum Beispiel die Kenntnis der deutschen Geschichte von 1873 bis 1965 bei der Entwicklung eines vorläufigen politischen Interpretationsmodells für dieses Land sehr geholfen. Außerdem ist der eigene Erkundungsradius nicht nur aufgrund der Sprachbarriere so beschränkt und daher mitunter irreführend, dass das Kennen-lernen eines Landes ohne verallgemeinernde Literatur gar nicht zu bewältigen wäre. Trotzdem hat ein Lernprozess, an dem alle Sinne beteiligt sind und bei dem ein ständiger Abgleich von Wissen und Erleben stattfindet, eine so andere emotionale Qualität als das Schreibtischstudium, dass durchaus die Chance besteht, den mitgebrachten Kategorienapparat einer gründlichen Revision zu unterziehen.
Wir haben im behutsamen Vorgriff auf die zu erwartenden Spielräume im Sommer neben entspanntem Zuhausesein in Istanbul einen Urlaub an der Ägäis-Küste geplant, der zwar viel Touristisches und Griechisch-Vertrautes enthält, aber auch Ausflüge ins innere Anatolien sowie einen Intensivkurs in Türkisch.
Soweit unsere formale Perspektive nach der Phase bloßer Hierseinsbewältigung. Darüber, wie wir uns in der Zukunft bewegen werden, mag man nach den Überraschungen der ersten Monate gar nicht mehr spekulieren, denn die Erfahrungen mit uns selbst als Ausländern sind mindestens so abenteuerlich wie die mit dem Ausland selbst.
Istanbul, Juli 1998
Am 3. Oktober lädt das hiesige Generalkonsulat zu einem Empfang für ausgewählte Mitglieder der deutschen Kolonie und zahlreiche türkische Gäste. Dort trifft man sich unter Kronleuchtern und den Augen Wilhelms II., unterhält sich und lernt neue Leute kenne, wie hier ansässige Journalisten der großen deutschen Zeitungen oder Vertreter deutscher Firmen, deren Kinder wir in der Schule unterrichten. Zwischendurch werden zu Wein, Bier und Säften Häppchen gereicht und man genießt vom Balkon aus beglückt die Aussicht auf den immer lebendigen Bosporus. Um 21 Uhr fangen die Kellner an, die Gläser einzusammeln, und den schwerfälligeren Gästen wird um halb zehn durch Teilverdunkelungen eine weitere Chance zum dezenten Rückzug eingeräumt.
Im letzten Jahr wären wir gern länger geblieben und haben beklagt, dass man als Biertrinker hätte verdursten können. Diesmal jedoch ist vielen von uns etwas anderes aufgefallen, nämlich dass es weder Begrüßung noch Ansprache gab und dass die Nationalhymne - die türkische singen wir zweimal pro Woche - nicht einmal in konzertanter Form gespielt wurde, kurz, dass es nichts gab, das in irgendeiner Form auf den Anlass des Empfangs verwiesen hätte.
Kann es sein, dass das Leben im fremden Umfeld uns nach und nach eine andere Sicht unserer selbst und unseres Heimatlandes unterschiebt? An einem unserer ersten Tage in Istanbul waren wir bei unserem Vermieter eingeladen, einem Architekten und Teppichproduzenten, der in den sechziger Jahren in Deutschland studiert hat. Er fragte uns, was wir mit Begriff Heimat verbinden. Mir fielen spontan der Holocaust und meine schreckliche Jugend als Flüchtlingskind in Westdeutschland ein. Heute wäre das möglicherweise anders. Vielleicht reichert sich mit dem Erleben des Gastlandes nach und nach so etwas wie ein Kulturpatriotismus bei uns an oder, schlichter gesagt, ein Bewusstsein für die Qualitäten des europäisch-amerikanischen Kulturkreises, die fünfzig Jahre nach dem Ende der deutschen Katastrophen im 20. Jahrhundert wieder unbefangener und als historische Errungenschaften gesehen werden können. Ich denke da an die Demokratisierung der politischen Kultur, die Aufklärun g einschließlich der durch sie ermöglichten wissenschaftlichen und technischen Revolution, den auch durch das Christentum geprägten europäischen Humanismus. Diese Dinge sind bis heute keine Konstituenten der türkischen Gesellschaft. Türkische Intellektuelle, Schriftsteller oder Journalisten, die unsere Schule besucht haben und gelegentlich als Gäste zu den Schülern sprechen, weisen diesen gegenüber häufig darauf hin, dass unsere Schule eine der wenigen Möglichkeiten in der Türkei ist, analytisch-kritisches Denken zu erlernen.
Ein Ereignis, das in jüngster Zeit unsere Vorbehalte gegenüber der Politik dieses Landes genährt hat, war die Reaktion der Türkei auf die Behandlung Öcalans in Italien. Bei uns entfesselte sie zunächst den beliebten Sport, unserem Gastland die EG-Fähigkeit abzusprechen. Aber als dann die Rechtsradikalen skandierend durch die Istiklal marschierten, Sympathisanten von der Polizei gejagt, italienische Textilien öffentlich verbrannt, die italienische Schule aus Sicherheitsgründen geschlossen und das alles in den Medien wie Siegesmeldungen wiedergegeben wurde, fiel manchem von uns spontan die Nazizeit ein. Ob die Pogrombereitschaft der türkischen Bevölkerung noch so groß ist wie 1955 und 1964, als die Istanbuler Griechen vertrieben wurden, deren Häuser um uns herum immer noch leer stehen, aber seit diesem Jahr versteigert werden, lässt sich schwer sagen, da die Lage sich nach dem unentschiedenen Spiel von Galatasaray gegen Juventus Turin schlagartig wieder beruhigte. Möglicherweise haben die 20 000 Polizisten vom Flughafen zum Stadion, die aufgeboten werden mussten, um die von Politik und Presse aufgehetzte Bevölkerung im Zaum zu halten, der Regierung die ökonomische Dimension ihres Wahnsinns deutlich gemacht.
Als wir im Sommer in Kuşadası, einem hübschen kleinen, aber etwas heruntergekommenen Urlaubsort an der ägäischen Küste, Bekannte besuchten, haben wir ziemlich viel erfahren über das, was im Moment auch den Hintergrund der Regierungskrise ausmacht: die Korruption. Das scheinbare Touristenparadies Kuşadası z. B. wird angeblich beherrscht von einem Syndikat aus Mafia, Militär und Verwaltung. Davon merkt man normalerweise nichts. Aber gelegentlich finden nicht aufzuklärende Morde an führenden Kommunalpolitikern statt, oder öffentliche Plätze werden mit brachialen Methoden einer Nutzung zugeführt, die die anliegenden Gaststättenbesitzer brotlos macht. Die Justiz funktioniert allerdings noch und spricht tapfer Urteile. Aber das interessiert niemanden. Denn die Polizei setzt Urteile gegen Einrichtungen dieses Syndikats nicht um.
In diesem Sumpf von Verwandtschaftsbeziehungen, Seilschaften und diversen ehemaligen Banden, die in den siebziger Jahren von den Regierungsparteien gegen die damals sehr militante Linke unterstützt wurden, hängen die Parteien offenbar immer noch, so dass man nachvollziehen kann, wenn vor allem die kleinen Leute, eine Partei wählen, die etwas für sie tut und, da anders, nur besser sein kann als die herrschenden, nämlich die Fazilet Partei, d. h. die Fundamentalisten.
Die Tatsache, dass die Türkei in vieler Hinsicht dem Westen noch nicht sehr nahe ist, hat aber auch ihre schönen und lustigen Seiten.
Zum Beispiel hatte die Elternschaft von Gabys türkischer achter Klasse zu einem Eltern-Kinder-Lehrerabend mit Essen und Livemusik in ein hübsches Schwimmbadrestaurant, wie es sie hier häufiger gibt, eingeladen. Wir hatten uns vorher Gedanken darüber gemacht, mit was für Leuten wir wohl am Tisch sitzen und wie wir uns den ganzen Abend über unterhalten würden, zumal unser Türkisch noch sehr gebrochen ist. Aber die beiden Ehepaare bei uns am Tisch sprachen englisch und deutsch. Kaum hatte das Essen begonnen, setzte, was hier üblich ist, die ans Europäische angelehnte, was nicht üblich ist, Musik ein, und zwar so schwungvoll, dass die Mädchen gleich zur Tanzfläche eilten. Die Jungs folgten ihnen etwas später, gaben sich aber nur wenig mit ihren Klassenkameradinnen ab, sondern holten die Mütter auf die Tanzfläche, zu denen sie offenbar ein sehr viel vertraulicheres Verhältnis haben, als wir es kennen, und schließlich ihre Lehrerinnen. Kurz, es gab keinerlei Kommunikationsprobleme, sondern einen sehr lebendigen türkischen Ess- und Tanzabend, wie wir ihn bisher in türkischen Lokalen nur als Zaungäste miterlebt hatten.
Was uns in den nächsten vierzehn Tagen erwartet, wissen wir noch nicht genau, es hängt wohl auch von unserer eigenen Einstellung ab. Dem Hörensagen zufolge handelt es sich um ein ziemlich lustiges Stück aus dem 19. Jahrhundert, eine Art Köpenikiade: Es kommt nämlich die seit langem angekündigte Schulinspektion aus Ankara, die unter Umständen wochenlang das Haus auf den Kopf stellt und türkische Lehrerinnen und Lehrer das Fürchten lehrt. Gegenstand der Untersuchung ist vor allem der korrekte Anzug, die Übereinstimmung von Lehrplan und Klassenbucheintrag, die Archivierung von alten Klassenarbeiten, die vorschriftsmäßige Führung der staatlichen Notenbücher, die Suche nach verbotenem Schrifttum, wie Brecht oder Ionesco, und einiges mehr in dieser Art. Viele Vorschriften werden normalerweise nicht beachtet, weil wir schon vertürkt sind und sie uns lächerlich erscheinen. Aber von einem Tag auf den anderen muss es so erschein en, als ob. Wer also das Wort "türken", wie wir es im Deutschen verwenden, nur vom Hörensagen kennt, hat jetzt Gelegenheit, die dazugehörige Praxis im Herkunftsland zu erfahren.
Viele von Euch haben gefragt, wie sich die Fastenzeit, der Ramadan, auf das Leben hier auswirkt. Wenn man als Tourist hier wäre, würde man wahrscheinlich nichts Besonderes bemerken. Die Läden und Restaurants sind geöffnet wie sonst auch. Aber wir haben gelegentlich den Eindruck, dass die Leute etwas nervöser sind und die Taxifahrer wütender hupen. Kurz vor 17 Uhr verschwinden viele Leute von den Straßen, die Taxi- und Dolmuş (Sammeltaxi) - Fahrer lassen ihre Wagen stehen, die Lokale füllen sich. Und wenn die Sonne untergegangen, die Fastenzeit des Tagesalso beendet ist, werden die Kanonen abgefeuert (heute natürlich Platzpatronen), die Muezzins fangen an zu beten und die Gläubigen stürzen sich auf die Nahrungsmittel. Wir manchmal auch, nämlich auf die ofenfrischen Fladenbrote, die es hier, im Unterschied zu Deutschland, nur abends im Ramadan gibt. Die Minarette mancher Moscheen haben in dieser Zeit eine besondere Beleuchtung. Sofern die Moschee mehrere Minarette hat, sind Spruchbänder aus Glühlampen zwischen ihnen ausgespannt. Die Lokale sind abends übrigens viel leerer als sonst, weil auch viele nicht Strenggläubige die Fastenzeit nutzen, um keinen Alkohol zu trinken. Aber, wie gesagt, das bemerkt man alles erst, wenn man es weiß. Etwas anderes kriegen Leute mit leichtem Schlaf trotz Ohropax, wie Gaby etwa, auch so mit. Das sind die Trommler, die zwischen drei und fünf Uhr nachts durch die Straßen ziehen und die Gläubigen - und andere - wecken, damit diese rechtzeitig vor Sonnenaufgang frühstücken. Gegen Ende der Fastenzeit klingeln sie dann tagsüber bei ihren Opfern und bitten um eine Gabe für ihren Dienst. Wenn Gaby ihnen öffnen sollte, werden sie wünschen, hier nicht geklingelt zu haben.
Draußen gab es heute Nachmittag - bis mitte Januar wird es jeden Tag so sein - die üblichen Kanonenschläge und jetzt, um 21 Uhr, ist großes Feuerwerk. Die Türken feiern den Fastenmonat, an dessen Ende das Zuckerfest steht. Wir nehmen es als Auftakt zum Weihnachtsfest.
Istanbul, Dezember 1998
Foto: Irene Petter
Heute ist Sonntag, der 18. April 1999. Der Himmel ist blau, die Bäume um uns herum grün, und auf dem klassizistischen Palais mittendrin weht die französische Flagge. Das heißt, der Herr Generalkonsul ist zu Hause. Aber vor dem Portal wird ein großer Renault mit Picknickkörben, Kindern und dem in der Türkei unerlässlichen Grill für die Fahrt ins Grüne beladen. Alle Welt genießt die Wärme und das Ende des vergrippten Winters.
Zuende ist auch der seit Wochen allgegenwärtige Wahlkampf, denn heute findet der für jeden erwachsenen Türken verpflichtende Gang zur Urne statt. Zu wählen sind Parlamentsabgeordnete und Kommunalpolitiker. Zu letzteren gehören auch der Bürgermeister unseres Stadtbezirks Beyoğlu und der Ortsamtsvorsteher unseres Viertels Tom Tom Mahallesi, das übrigens nach einem offenbar europäischen Kapitän benannt ist und vom Nachbarviertel durch die Straße des Halsabschneiders (Boğazkesen), also wohl des Henkers, getrennt wird. Der Antiquar ein paar Häuser weiter, bei dem wir auf dem Weg zum SPAR - Supermarkt gelegentlich auf einen Tee vorbeischauen, hofft, dass der Bürgermeister diesmal kein Fundamentalist sein wird. Denn er will das Haus nebenan kaufen. Aber der jetzige fundamentalistische Bürgermeister verlangt neben der fälligen Steuer auch ein "freiwilliges" kommunales Opfer, nämlich die Begrünung eines Straßenabschnitts.
Während für unseren Trödelhändler die Folgen der Wahl noch unsicher sind, profitieren wir auf jeden Fall. Denn unser Mittagsschlaf wird in Zukunft nicht mehr durch die Lautsprecherwagen der Parteien gestört und Montag haben wir frei, weil die Wahllokale solange genutzt werden, dass man die Klassenräume für den nächsten Unterrichtstag nicht mehr einräumen kann.
Viele Türken sind angesichts der Wahlen ratlos. Sie geben aus Protest gegen den Mangel an Alternativen ungültige Wahlzettel ab. Jeder weiß überdies, dass in Wirklichkeit das Militär die Richtlinien der Politik bestimmt und unabhängig vom Wahlausgang zumindest die fundamentalistische Fazilet - Partei und die autonomistische Kurdenpartei Hadep offen oder unter einem Vorwand von bestimmten Regierungs- und kommunalen Funktionen fern halten werden.
Beobachtungen wie diese legen es nahe, die ethnischen, religiösen, sprachlichen und anderen kulturellen Bruchlinien, die der amerikanische Historiker Samuel P. Huntington ("The Clash of Civilizations" - 1996) als bestimmend für die zwischenstaatlichen Beziehungen im 21. Jahrhundert ansieht, bei nicht eindeutig zuzuordnenden Staaten wie der Türkei zunächst als innerstaatliche Konfliktlinien wahrzunehmen. Das sich alle paar Jahre wiederholende Schauspiel von Verbot und Neugründung der oben genannten Parteien, die fantasiereiche staatliche Repression einerseits und ihr hartnäckiges Sich-behaupten andererseits ist Ausdruck dieser politisch nicht bewältigten ethnisch-sprachlichen wie religiösen Differenziertheit des Landes. Ein Reflex ihrer asiatisch-europäischen Geschichte, also einer kulturellen Uneindeutigkeit, ist das schwankende Selbstverständnis der Türkei auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt: Mitglied der Europäischen Union oder asiatische Führungsmacht? Istanbul, die sich über beide Kontinente erstreckende Metropole, vereinigt alle Gegensätze der Türkei und wirkt oft wie ein Seismograf.
Ethnisch-religiöse Konflikte erlebt regelmäßig der im Nordwesten Istanbuls gelegene Stadtteil Gazi. Nach Ereignissen wie der Gefangennahme Öcalans meidet man ihn am besten. Hier finden jene Straßenschlachten statt, die fernsehinformierte Freunde gelegentlich mit der sorgenvollen Frage: Lebt ihr noch? zum Telefon treiben. Es handelt sich um einen inzwischen eng und schematisch bebauten Bezirk, der sich in den letzten zehn Jahren aus einem Slum zu einem Gemeinwesen von der Größe einer mittleren deutschen Stadt entwickelt hat. Hier haben sich traditionelle ostanatolische Dorfgemeinschaften um Kaffee- und Gemeindehäuser herum neu angesiedelt, so dass Gazi zu einem alewitisch-kurdischen Zentrum geworden ist. Im Unterschied zu den sunnitisc hen Türken gehören die Kurden oft einer Gruppe der schiitischen Moslems, den Alewiten, an. Diese versammeln sich in Gemeindehäusern mit angegliedertem Kaffeehaus anstatt in Moscheen, befürworten die Trennung von Kirche und Staat, wählen, sofern sie nicht für Autonomierechte eintreten, traditionell sozialdemokratisch-kemalistisch und vertreten einen kaum durch formale Verhaltensvorschriften geprägten Islam. Streng gläubige Sunniten, die übrigens nicht kemalistisch wählen, werten denn auch das unorthodoxe Verhalten ihrer Glaubensbrüder gelegentlich als Missachtung der allen gemeinsamen Religion. Wenn es nicht die Kurdenfrage ist, die zu Auseinandersetzungen in diesem Stadtteil führt, ist es diese unterschiedliche Auffassung vom gottgefälligen Verhalten. Vor vier Jahren zum Beispiel gab es hier Straßenschlachten mit 17 Toten, die durch tödliche Schüsse auf alewitische Kaffeehäuser ausgelöst wurden.
Vieles spricht dafür, dass solche Auseinandersetzungen nicht spontan und zwangsläufig entstehen, sondern durch staatliche Maßnahmen provoziert werden. Die zum Teil tödlichen Konfliktlinien zwischen Türken und Kurden, Laizisten und (strenggläubigen oder fundamentalistischen) Sunniten, Sunniten und Alewiten sind letztlich dadurch geschaffen worden, dass der Staat die Bedürfnisse der jeweils letzten Gruppe nicht achtete oder sie sogar diskriminierte. Während die türkischen Regierungen ihre Haltung gegenüber den Kurden seit den zwanziger Jahren nicht verändert haben (Ministerpräsident Ecevit: Es gibt kein Kurdenproblem), versucht der Staat seit einigen Jahren den Fundamentalisten dadurch den Wind aus den Segeln zu nehmen, dass er die mehrheitlich noch nicht fundamentalistischen Sunniten, massivst unterstützt und die Ausgrenzung anderer Religionen entweder duldet oder aktiv betreibt. So hat der Staat in den letzten Jahren den Bau von Tausenden von Moscheen gefördert (zuerst übrigens in alewitischen Dörfern, wo sie nicht gebraucht werden), die kostenlos mit Wasser und Strom versorgt werden. Bei Auseinandersetzungen zwischen Alewiten und Sunniten, wie in Gazi, schaut die Polizei entweder zu bzw. weg oder sie greift zugunsten der letzteren ein. Nach dem Konflikt von 1995, während dessen auch ein Junge von der Polizei zu Tode gefoltert wurde, gab es immerhin einige Anklagen gegen Polizei-Offiziere. Aber die Urteilsverkündung wurde trotz eindeutiger Bezeugung der Verbrechen bis heute verschleppt.
Seit 1995 protestierten bis vor drei Monaten jeden Samstag die Mütter verschwundener oder bekanntermaßen von der Polizei gefolterter Kinder, die so genannten Samstagsmütter, in unserem Stadtbezirk Beyoğlu, weil hier die größte mediale Resonanz zu erwarten ist. Seit Januar jedoch wird dieser Konflikt nur noch von der anderen Seite dargestellt, und zwar durch die Präsenz schwer bewaffneter Polizeihundertschaften. Überhaupt werden ethnische und innerislamische Konflikte in unserem Stadtteil nicht politisch ausgetragen, sondern sozial nivelliert, wenn nicht kriminalisiert. Kurden, möglicherweise alewitische, begegnen uns als Schuhputzer oder Straßenhändler mit Blumen, Papiertaschentüchern etc. im Angebot. Ein Arbeitsmarkt der Sechs- bis zwölfjährigen, von Erwachsenen streng reglementiert und ganz ähnlich organisiert, wie Dickens es in seinem Roman "Oliver Twist" für das London des 19. Jahrhunderts beschreibt.
In Beyoğlu, dem Stadtteil, in dem heute wie im 19. Jahrhundert die meisten Europäer wohnen, zeigt sich eine weitere Seite der Tatsache, dass die Türkei nicht nur geografisch in Europa und Asien angesiedelt ist. Zwei Beobachtungen aus dem Alltag: Istiklal, Hauptstraße unseres Viertels und kulturelles Zentrum Istanbuls. Auf der einen Straßenseite Devisenbüros, Mc Donald's; Textilgeschäfte, die Bennetton und Levi's anbieten. Auf der anderen neben einer unscheinbaren Moschee Hunderte von knienden Männern, die sich im Gebet Richtung Mekka verneigen. Oder: Es ist Kurban Bayramı, das islamische Oster- bzw. Opferfest. Unterhalb unseres Hauses, Bau eines Italieners aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts, hat eine Familie, der offenbar eine Terrasse oder Badewanne nicht zur Verfügung stehen, ihr Opferschaf am Metallzaun des Nachbargrundstücks aufgespießt, um es besser häuten zu können. Inzwischen hat der Regen die Blutspuren des Opferfestes wie der weggewaschen, und vielleicht verschwindet es in dieser Form eines Tages ganz. Denn verboten ist das Schlachten auf der Straße schon jetzt. Außerdem hat das Osterlamm auch hier einen gefährlichen Konkurrenten bekommen: das Osterei.
Aber nicht nur im rituellen Bereich gibt es in unserem Viertel religiöse Konflikte. Nur hier sind es nicht die Alewiten, die der sunnitisch orientierte Staat im Auge hat, sondern die Christen unterschiedlichster Provenienz, nämlich armenische, griechisch-orthodoxe, katholische und evangelische. An der Istiklal befinden sich etwa dreißig christliche Kirchen mit zum Teil sehr ausgedehnten Liegenschaften, deren Geläut mit dem Ruf der Muezzins in der Umgebung konkurriert. Der Staat oder die Stadt versuchen diese attraktiven Grundstücke und Gebäude immer wieder mit Methoden, die nach europäischem Verständnis zumindest fragwürdig sind, unter ihre Kontrolle zu bringen. Vor kurzem zum Beispiel wurde dem katholisch-armenischen Orden der Mechitaristen ein Gebäude genommen, das in den dreißiger Jahren für 710.000 türkische Lira, über eine Million DM, erworben worden war. Der Kaufpreis wurde exakt zurückerstattet. Allerdings liegt sein Wert heute bei 3,50 DM.
Der eigentliche Konflikt liegt tiefer, nämlich in der ideologischen Konstruktion des türkischen Staates. Das Ziel der Junktürken am Anfang des 20. Jahrhunderts und Atatürks war es, als Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs einen türkischen Nationalstaat zu schaffen. Da auf dem Gebiet der heutigen Türkei aber ein Vielvölkergemisch lebt, konnte dieser Staat nicht ethnisch definiert werden. Deshalb griff man auf die osmanische Vorstellung von der religiös definierten Nation zurück. Daher kommt es, dass jeder Türke per Geburt Moslem ist, dass es in diesem angeblich laizistischen Staat Religionsunterricht und ein Amt für religiöse Angelegenheiten gibt, welches um die hunderttausend Beamte beschäftigt, dass der Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei in den zwanziger Jahren ein Tausch Moslems gegen Christen war, und nicht Türken gegen Griechen. Moslem heißt hier immer Sunnit. Der Sunnitismus stiftet in der Türkei praktisch die nationale Einheit. Daher stört jede andere Religion die Vorstellung von der homogenen türkischen Nation, die die Kemalisten immer noch wie einen nicht hintergehbaren Glaubensartikel hüten.
Seit etwa 1910 arbeiten türkische Regierungen daran, die religiös-nationale Einheit auch praktisch herzustellen, indem sie die religiösen Gruppen vertreiben und deren öffentliche Existenz leugnen oder zu beschneiden versuchen. Die Kirche der evangelischen Gemeinde etwa ist nicht im Grundbuch eigetragen, existiert also offiziell nicht, und der Pfarrer darf sein Amt nicht als solcher, sondern nur als Angehöriger des Generalkonsulats ausüben. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat, so etwas wie das östliche Gegenstück zum Papst, das die türkische Regierung wegen des Vertrags von Lausanne (1923) dulden muss, darf in der Türkei keine Priester ausbilden, aber auch keine ausländischen Priester beschäftigen.
Dieses Patriarchat befindet sich zwar nicht in unserem Viertel, von dem ich eigentlich reden wollte, aber hier gibt es sehr viele griechisch-orthodoxe Kirchen, die nach der Vertreibung der Griechen in den vierziger bis sechziger Jahren (unsere kemalistischen Freunde würden auf das Wort Vertreibung sehr ungehalten reagieren, weil die Griechen genau genommen, wenn ihre Existenz hier schwer bedroht wurde, selbständig geflüchtet sind) ihre Mitglieder weitgehend verloren haben. Nicht genutzte Kirchen verfallen aber dem Staat. So müssen die wenigen verbliebenen Kirchenmitglieder ihre Kirchen reihum nutzen, wenn sie sie behalten wollen.
Die Bruchlinien zwischen den Kulturen, um auf Huntington zurückzukommen, sind in Istanbul und der Türkei meines Erachtens keine solchen, die von sich aus aufbrechen müssten. Sie tun es meinem Eindruck nach immer dann, wenn der Staat eingreift. Das gilt sowohl für die Gegenwart als auch für die Geschichte des vorigen Jahrhunderts. Man kann es noch zugespitzter sagen: Das Konstrukt der türkischen Nation, das auf Vorstellungen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert beruht, schafft per se künstliche Reibungsflächen, die wahrscheinlich, wenn auch begleitet vom Widerstand der konservativen Kräfte, verschwinden würden, sobald sich die Türkei den modernen gesellschaftspolitischen und verfassungsrechtlichen Prinzipien der EU annähern würde.
Die Forderungen, die die Türkei bei einem EU-Beitritt erfüllen müsste, sind daher die gleichen, die moderne Türken auch unabhängig von der EU an ihren Staat haben. Aber die türkischen Regierungen bewegen sich zur Zeit nicht, beklagen sich jedoch, dass die EU ihr Beistrittsversprechen aus den sechziger Jahren nicht einlöst. Ein merkwürdiger Widerspruch, den ich mir nur so erklären kann: Der kemalistische Staatsapparat strebt die Mitgliedschaft in der EU an, will aber die Struktur von Gesellschaft und Staat nicht aufgeben. Allein im wirtschaftlich-technischen Bereich lässt er eine Öffnung zu. Wollen wir solch eine Türkei in der EU?
Istanbul, April 1999
Ein Brief, der Anfang Juli aus Istanbul kommt, kann nur ein Produkt der letzten Minute sein, denn sein Verfasser müsste eine Millionenstadt in diesen Breiten um diese Zeit längst verlassen haben. Andernfalls müsstet ihr ihn euch ermattet und antriebslos zwischen seinen Möbeln dahinvegetierend vorstellen. Es sei denn, er hätte sich, wie ein Kollege nach einem nächtlichen Regenguss, der auch uns wiederbelebte, heute morgen gedanklich erfrischt vorschlug, dem türkischen Lebensrhythmus angepasst: Tagsüber schlafen und nachts aktiv sein.
Die letzten Wochen waren schon recht merkwürdig. Da der Sommer bereits im April angefangen hatte, haben wir seit Mai täglich Temperaturen um die 30 Grad mit Ozonwerten, gestern 360, bei denen man in Deutschland hinter geschlossenen Fenstern auf bessere Zeiten warten würde. Unter solchen Umständen büßt die Psyche nach und nach ihre Antriebskraft ein. Alles was man nicht unbedingt heute besorgen muss, verschiebt man auf morgen. Und wenn man es dann nicht gleich morgens tut, braucht man Stunden, um sich aufzuraffen.
Den Schülern geht es natürlich genauso. Nein, nicht ganz, vielleicht eher so, wie es uns in den nächsten Jahren gehen wird. Sobald die Temperatur eine bestimmte Höhe erreicht hat, werfen sie reflexartig jedes schulische Interesse von sich, kommen nicht mehr zum Unterricht oder träumen von Bodrum und Marmaris. Auf den Hinweis, dass auch die letzten Wochen noch notenrelevant seien, erhält man Antworten, wie: "Hocam (sprich: Hodscham = Meister), ich habe alles genau ausgerechnet; selbst wenn Sie mir für die letzten Wochen eine 1 (entspricht der deutschen 5) geben, bleibe ich nicht sitzen." So schleppen sich die letzten Wochen in einer Atmosphäre dahin, wie man sie in Deutschland nur erlebt, wenn Hitze- und Grippewelle zusammenfallen.
Die Unterrichtsmotivation der Anwesenheitspflichtigen wird außerdem noch dadurch beschädigt, dass zwischendurch Schüleraustausche, Klassenfahrten, Theaterprojekte, Chorveranstaltungen etc. stattfinden. Und wenn man als Lehrer/in in dieser Zeit nicht zu viel Nerven lassen will, muss man versuchen, sich rechtzeitig auf die Seite dieser Glücklichen zu schlagen, die noch ein Ziel haben.
Ich war bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal seit fast zwei Jahren wieder für ein paar Tage in Deutschland, und zwar in Bonn bei dem UNO-Simulationsspiel SPUN, das jedes Jahr am Ende des Schuljahres stattfindet. Das ist ein Planspiel, welches die UNO-Sitzungswoche, die jeweils im Herbst in New York stattfindet, inszeniert, und zwar mit allen Details vom dunklen Anzug bzw. Kostüm bis hin zur penibel eingehaltenen Geschäftsordnung. Im Unterschied zu MUN wird SPUN allein von Schülern der Oberstufe vorbereitet und durchgeführt. Und es klappt fantastisch. Ich war nur mitgefahren, da unsere Schule zum ersten Mal teilnahm, und ich den Eltern beim nächsten Mal aus eigener Beobachtung schildern können möchte, was ihre Kids erwartet.
Erstaunlich, wie schnell man wieder zu Hause ist. Nur ein paar Eindrücke aus der Fremdheit des ersten Tages sind haften geblieben. Die ordentliche Aufteilung des städtischen Areals zwischen Mensch und Natur beispielsweise, die an Morgensterns Gedicht über jenes Tier erinnert, das den ihm zugewiesenen Lebensraum regelwidrig verlassen hat: "In der Bahnhofshalle, nicht für es gebaut, geht ein Huhn hin und her . . ." Oder die einzelstehenden Obst- und Gemüsestände in Fußgängerzonen, an denen Leute, die nicht hier wohnen, von Händlern bedient werden, die aussehen wie Laboranten. Oder die Leere der Straßen bei Nacht. Kaum ein Mensch, und wenn doch, dann empfindet man ihn als bedrohlich, und auch keine Katzen, nicht mal wilde Hunde.
In Istanbul sind selbst die kleinen Gassen auch noch weit nach zwölf nie ganz unbelebt: Ein Händler bietet mit einem Ruf, der sich wie eine Klage anhört, die letzten Köfte an, Katzen und Hunde zerren Essbares aus Plastiktüten, während zwei Straßen weiter schreiende Müllwerker die süßlich stinkenden Reste wieder zusammenklauben und unter die Walze des Müllwagens schleudern.
In Bonn kann man auch tagsüber gelegentlich minutenlang gehen, ohne jemanden zu sehen. Allerdings glaubte ich mich eines Nachts plötzlich am Eingang zur Unterwelt. Ich meine den U-Bahneingang zum Hauptbahnhof unserer aufgeplusterten "Bundesstadt", bevölkert von lauter jungen Leuten, blass, verwahrlost, betrunken - zukunftslos. Er kommt mir im Nachhinein vor wie eine Art Abstellplatz dieser wohl-und-anständigen Gesellschaft, wie die langsam arbeitende Todesfalle, in die sich das soziale Netz offenbar für diejenigen verwandeln kann, die der Hochlohn-Arbeitsmarkt nicht braucht.
Dieses Erlebnis hat mich wirklich geschockt und beschäftigt mich immer noch. Auch in Istanbul gibt es viele Arbeitslose, und das sind natürlich ebenfalls meistens Leute ohne Schulabschluss und Ausbildung wie in Deutschland. Aber hier ist der Arbeitsmarkt für sie nicht so verschlossen. In unserer Schule werden als Wachleute, Reinigungskräfte, Teekocher etc. etwa zwölf Hilfskräfte beschäftigt, die zwar sehr wenig verdienen, aber für die Schulgesellschaft wichtig sind und entsprechend geschätzt werden. Es wäre eine Katastrophe, wenn der Çayci (sprich: Tschaitsche = Teekocher) mal nicht da wäre. Er bekommt den geringsten Lohn, und zwar für die Putzarbeiten, die er nachmittags durchführt, und darf ansonsten nur einen kleinen Raum bewirtschaften. Trotzdem bin ich sicher, dass es ihm und unseren anderen Hilfskräften besser geht, als den perspektivlosen Sozialhilfeempfängern am Bonner Bahnhof.
Diese Art von Beschäftigungsverhältnis wird in der türkischen Gesellschaft übrigens auch als private Sozialhilfe und moralische Verpflichtung angesehen. Indem man jemanden beschäftigt, teilt man ihm von seinem Reichtum mit. Es wäre zum Beispiel unsozial, wenn jemand mit unserem Einkommen keine Putzfrau beschäftigte. Unsere Putzfrau zum Beispiel unterhält mit ihrem Wochenverdienst (sie arbeitet noch bei vier anderen Lehrer/innen) zeitweise (meistens) ihre ganze Familie, nämlich ihren arbeitslosen Mann und zwei Söhne, denen sie eine ordentliche Ausbildung sichern will. Man tankt auch nicht selbst, fährt sein Auto nicht selbständig in die Garage, sucht seinen Platz im Kino nicht selbst. Das alles wäre nicht nur unhöflich, sondern auch unmenschlich, weil der kleine Obulus, den man abdrückt, eine Existenz sichern hilft. Dass man hier einem ungeschriebenen sozialen Gesetz nachkommt und nicht etwa ein Almosen verteilt, wird einem deutli ch gemacht, wenn man mehr gibt als üblich. Das Geld wird einem zwar nicht an den Kopf geworfen, aber man wird vom Empfänger verächtlich behandelt oder lächerlich gemacht.
Soviel zu SPUN beziehungsweise den Unterschieden zwischen Bonn und Istanbul. Auf einer sehr schöne Schulfahrt, die etwas früher lag, hat Gaby mich begleitet, nämlich nach Ankara und Hattuscha, wo wir auf den Spuren der Hethiter, der Römer und Atatürks gewandelt sind. Beeindruckend waren hier nicht nur das Monumentum Ancyranum, eine Art öffentliches Testament des Augustus; die städtische Burg; das Museum für anatolische Kulturen oder das Atatürkmausoleum, sondern auch die Begegnung mit deutscher Architektur. Da wesentliche Teile Ankaras in den zwanziger und dreißiger Jahren unter Mitarbeit deutscher und österreichischer Architekten entstanden s ind, kommt man sich teilweise vor wie im Berlin dieser Zeit.
In den nächsten Tagen brechen wir auf, um diese Eindrücke in Mittelanatolien zu vervollständigen, allerdings nicht ohne uns vorher am Mittelmeer erholt, den Geburtsort des Paulus, Tarsus, und die Çukorova, in der manche Romane Yaşar Kemals spielen, besichtigt und die Kilikische Pforte, die vor uns Alexander, Harun al-Raschid und Gottfried von Bouillon benutzten, überquert zu haben. Mit anderen Worten, wir wollen uns auf Umwegen Kapadokien nähern, um endlich die von den Türken so genannten Feen-Kamine zu sehen, zu wandern und jungsteinzeit- sowie bronzezeitliche Ausgrabungsorte, wie Çatal Hüyük, kennen zu lernen..
Istanbul, Juni 1999
Foto: G. Duncker
Eine frühere Ausgabe der "Informationen über die Deutsche Schule Istanbul", gedacht für neu bei uns anfangende Lehrer/innen, soll die Feststellung enthalten haben, Istanbul sei ein kulturell und seismologisch interessanter Ort. In dem Exemplar, das ich 1997 erhalten habe, fehlt dieser Satz. Wir werden ihn in die nächste Ausgabe auch so nicht wieder aufnehmen, denn angesichts der großen Zahl von Opfern wirkt er heute doch ein bisschen zynisch.
Gaby und ich waren am 17. August, dem Tag des Erdbebens, in Deutschland und haben nur geringe Schäden zu beklagen, da unser Haus ein Ziegelbau ist und sich der wellenförmigen Bewegung des Erdstoßes angepasst hat. Wie stark die Bewegung war, sieht man daran, dass der Putz überall Risse bekommen hat. Ansonsten gab es nur einen üblen Wasserrohrbruch; Kassetten sind aus den Regalen gefallen, Weingläser im Wohnzimmerschrank umgekippt und zerbrochen. Anlässlich dieser Erkenntnis fiel uns ein längst vergessenes Gespräch mit unserem Vermieter vor etwa zwei Jahren wieder ein, in dem er uns beschrieb, wo er nach dem Kauf des Hauses wegen der allgegenwärtigen Erdbebengefahr überall Stahlträger hatte einziehen lassen. Ja, sie sind ein Grund, weshalb wir heute nicht wie einige Nachbarn auf der Baustelle gegenüber nächtigen.
Wenn wir bei dem großen Erdbeben im August hier und nicht in Deutschland gewesen wären, hätten wir nur eine Taschenlampe gebraucht, denn die Stadtwerke hatten, um Brände zu verhüten, sofort Strom und Gas abgeschaltet. Später wäre ein Schlüssel für die Wohnung über uns hilfreich gewesen. Denn dort war das Wasserrohr gebrochen. Mit anderen Worten, es hätte gereicht, sich unter einen Türsturz bzw. einen Tisch in der Mitte der Wohnung zu flüchten, wie die Stadtverwaltung empfiehlt, und zuzusehen, wie in Nord-Süd-Richtung stehende Schränke auf einen zukommen und wieder zurückwanken, nur leicht oder gar nicht verschlossene Türen sich öffnen, Gegenstände umfallen, der kleine Ebenholzelefant vom Kaminsims geschleudert wird und sich das Bein bricht.
Abgesehen von dem weit im Westen nahe der tektonischen Bruchzone liegenden Stadtteil Avcılar spielt sich das Erdbeben in Istanbul vor allem innen ab: in den Wohnungen und in den Köpfen seiner Bewohner. Ein Besucher, der vom Flughafen aus in die Innenstadt führe und dort spazieren ginge, würde keine Erdbebenfolgen zu Gesicht bekommen.
Bei einer etwas älteren Kollegin, die mit ihrem Mann zusammen eine Wochenendwohnung in Yalowa, einer Stadt westlich des Erdbebenzentrums, besaß, einer Wohnung, die seit dem 17. August Teil eines unvorstellbar kleinen Steinhaufens ist, sind Kriegserinnerungen wieder aufgetaucht. Mir selbst fiel irgendwann der kleine schwarze Koffer mit den wichtigsten Papieren ein, den meine Mutter noch lange nach dem Krieg nachts neben ihr Bett stellte. Sicher hatte sie auch eine Taschenlampe in Reichweite. Aber wohl kaum ein Seil, wie wir heute, für den Fall, dass das Treppenhaus einstürzt.
Wir sind nun schon seit fast zwei Wochen wieder hier, aber doch nicht so ganz, denn überall wird ständig überlegt, ob man nicht angesichts dieser oder jener Nachbebenvorhersage lieber in den Süden oder wenigstens in die Natur fahren sollte. Die Schule hat natürlich angefangen, aber auch nicht so richtig, denn nach dem großen Nachbeben vom Montag, den 13. Sept., hat Ministerpräsident Ecevit wieder und auf unbestimmte Zeit Ferien angeordnet, aber wir Lehrer/innen müssen abrufbereit sein. Das Erdbeben selbst ist irgendwie schon Teil der Vergangenheit, aber, siehe oben, auch wieder nicht. Kurz, wir befinden uns in einem merkwürdigen Schwebezustand, der Gaby zum Beispiel ganz rappelig macht.
Was uns die Bildschirme immer wieder zeigen, habe ich selbst gestern zum ersten Mal aus der Nähe gesehen und erlebt, als ich einen Hilfsgütertransport der evangelischen Gemeinde um den östlichen Zipfel des Golfes von Izmit herum in die Nähe der an seinem südlichen Ufer gelegenen Stadt Gölcük, der vom Erdbeben am meisten getroffenen Region, begleitete. Etwa 80 Kilometer vor Izmit beginnt die um diese Stadt herum angesiedelte Industrielandschaft. Hier sieht man zuerst Gruppen von Freizeitzelten und ausgespannten Planen an Straßenrändern und auf öffentlichen Plätzen, die durch Plastiküberwürfe gegen Regen geschützt werden, ohne dass man sich zunächst erklären kann, warum die Leute nicht in ihren Häusern sind. Nach und nach entdeckt man einzelne Gebäude oder ganze Straßenzüge von Häusern, die ohne Scheiben sind, Risse haben, ein bisschen schief stehen. Innen sind Rohre gebrochen, Leitungen zerfetzt, Türen und Fenster verzogen, manchmal fehlt ein Teil der Treppe. Nur ein kleiner Stoß kann solche Häuser zum Einsturz bringen.
Unser erstes Ziel ist das Mannesmann - Röhrenwerk. Hier sind die Grünflächen und der Tennisplatz mit Zelten und Wohncontainern für die Familien jener Arbeiter belegt, die ihre Wohnungen verlassen mussten. Doch dies ist nicht unser Einsatzgebiet. Wir laden nur etwa 200 Decken zu und fahren weiter zu einem Versorgungszentrum, das von der Stadtverwaltung und Kızılay (Roter Halbmond), dem türkischen Roten Kreuz, geführt wird, und liefern bei einem deutschen Ärzteteam Arzneimittel gegen Erkältungskrankheiten, Durchfallerkrankungen sowie Antidepressiva ab. Vor dem Eingang des Zeltes warten etwa 20 Frauen und Kinder. Sie stammen vorwiegend aus der Kızılay-Zeltstadt auf der anderen Seite der Straße. Die Zelte haben keinen Boden, so erklären sich die vielen verschnupften Kinder. Die aus Jurten bestehende Zeltstadt der Turkmenen ist leider noch nicht fertig.
Unsere Ladung besteht im Wesentlichen aus hundert Plastiktüten mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln, ferner aus Lattenrosten, Matratzen, Schuhen, Töpfen, Pfannen sowie mit "M", "L" oder Kindesaltersgruppen gekennzeichneten Beuteln mit textiler Bekleidung. Diese Artikel sind bestimmt für Zeltsiedlungen in oder bei Dörfern in den Bergen oberhalb von Gölcük. Hier haben sich Leute, die in der Stadt ihre Wohnungen verloren haben, in der Nähe von Verwandten eine Bleibe gesucht.
Als wir gegen Mittag eintreffen, haben wir keine Schwierigkeiten mehr, uns die Ursache ihres Hierseins vorzustellen: Der Südrand des Marmarameeres ist viel stärker vom Beben betroffen als der Nordrand. Viele Häuser sind eingestürzt und bilden einen ein bis zwei Meter hohen Schutthaufen, unter dem sich oft noch Leichen befinden. Von anderen Häusern steht nur noch das Betonskelett. Das Beben hat alles aus ihnen herausgeschleudert. Bei vielen Wohnblocks sind die für türkische Häuser typischen Stelzen der unteren Etage weggebrochen. Einige konnte man über den nun ebenerdigen ersten Stock verlassen, andere stehen schräg wie fortgeworfene Kartons. Auf freien Flächen und in den Bergen sieht man immer wieder Lager mit den spitzen weißen Zelten von Kızılay. Mir fallen Bilder von der Belagerungen Wiens durch die Osmanen ein. Abseits der Hauptstraße, als wir in die Berge hochfahren, kommen wir an einem Friedhof mit sehr vielen neu aufgesc hütteten Gräbern vorbei, die wegen der Seuchengefahr mit Kalk bestreut sind.
Die Zeltbewohner wissen gleich, wer wir sind, denn Pfarrer Duncker und seine Frau haben diese Orte besucht, ausgesucht und Listen mit den Namen der mittellosen Familien zusammengestellt. Das ist notwendig, weil sich die Menschen in diesen Siedlungen nicht selbst organisieren. Solidarität über die Familie und die Freunde hinaus ist ihnen fremd. Außerdem soll verhindert werden, dass die gespendeten Güter durch die Hände raffinierter Geschäftsleute gehen. Die von der deutschen Hilfsorganisation HELP der Kirchengemeinde an die Seite gestellte türkisch-deutsche Studentin, die unseren Transport leitet, braucht trotz der Listen großes Durchsetzungsvermögen, um zum Beispiel nicht registrierten um Hilfe bittenden Frauen gegenüber, die mit beinahe allen fehlenden Mitgliedern des Zeltdorfes verwandt zu sein behaupten, schließlich hart zu bleiben.
Plötzlich bewegt sich die Erde. Sie bebt nicht, sondern ruckt mehrfach vielleicht 20 bis 30 Zentimeter hin und her. Ich habe das Gefühl mich irgendwo festhalten zu müssen, komme aber nicht vom Fleck. Wenig später erfahren wir, dass der Stoß 20 Sekunden dauerte und etwa die Stärke 6 hatte. Über Gölcük ist eine Staubwolke zu sehen.
Während ich ratlos herumstehe und mir mit einem naturreligiösen Schauer bewusst wird, dass ich die Erde gespürt habe, reagiert unsere Klientel völlig anders: Die Kinder fangen an zu weinen, und die Mütter rennen schreiend mit ihnen zu den Zelten, um bei der Familie zu sein, obwohl hier unter freiem Himmel keinerlei Gefahr besteht. Sie sind traumatisiert. Jetzt begreife ich, warum die Ärzte so viele Antidepressiva brauchen. Später sprechen wir mit einem Mann, in dessen Zelt ein apathisches Mädchen liegt. Sie ist als einzige aus der Familie seines Bruders übrig geblieben..
Heute morgen rief mich Frau Duncker an und fragte nach meinen Eindrücken. Ich denke, sofern die Menschen in der Nähe von Verwandten unterkommen konnten, würden sie, solange es nicht regnet und kalt wird, auch ohne unsere Hilfe überleben. Bei den Menschen in Hinterhof- und Stadtpark-Zeltlagern hatte ich oft den Eindruck, dass sie ganz mittellos sind, sich hilflos und verloren fühlen. Manche finden kaum die Kraft, ein Zelt aufzubauen oder sich Hilfe zu holen. Überhaupt haben wir wohl mit jeder Sachspende unwillkürlich auch ein Stück Zuwendung abgeliefert. Ich weiß nicht, was wichtiger war.
Ein Bild, das sich mir nachhaltig eingeprägt hat, sind Frauen und Kinder, die mit Brotmessern und ähnlich unzureichendem Gerät Rinnen in steinigen Boden hacken, um ihr Zelt vor Regen zu schützen. Manchmal reicht der Spätsommer hier bis in den Dezember. Aber irgendwann, meistens früher, geht er unmittelbar in einen sehr unangenehmen, nasskalten Winter über. Jetzt schon sind die Nächte kühl, und die Menschen haben oft nichts unter sich als einen fadenscheinigen Schlafsack.
Nur wenigen der über 100 000 Obdachlosen wird die Regierung für den kommenden Winter Wohnungen zur Verfügung stellen können. Das heißt, die wilden Zeltlager und die zahlreichen Zeltstädte des offenbar nur auf Sommerkatastrophen eingerichteten Roten Halbmonds müssen winterfest gemacht und seine Bewohner mit warmer Bekleidung und Schlafsäcken ausgestattet werden. Die Hilfsorganisationen greifen deshalb im Moment soweit wie möglich auf Sachspenden zurück und planen Geldspenden bereits für die bevorstehende Winterhilfe ein.
Ein anderer Bereich, der uns Lehrer/inne/n nicht gleichgültig lassen kann, ist der im östlichen Bereich des Marmarameeres entstandene Schulnotstand. Viele Gebäude sind nicht mehr zu nutzen. In Ersatzräumen fehlt es an Inventar. Die obdachlosen Schüler brauchen neues Lernmaterial, nachmittägliche Arbeitsmöglichkeiten und wahrscheinlich psychischen Beistand. Als das oben beschriebene Nachbeben stattfand war für die türkischen Kinder der erste Schultag nach den Sommerferien mit offiziellen Trauerfeiern und innerlichem Abschiednehmen von fehlenden Schülern und Lehrern fast zuende. Er hatte ein Anfang werden sollen. Ministerpräsident Ecevit hat angesichts dieser Katastrophe erstmal wieder Ferien angeordnet.
Die von HELP für Istanbul abgeordnete Studentin sucht dringend nach Partnerschulen für sachliche und menschliche Hilfe. Unser Kollegium wird sich in den nächsten Tagen für solch eine Partnerschaft entscheiden.
In Deutschland wurden wir oft nach Spendemöglichkeiten vor Ort gefragt. Wir empfehlen das Spendenkonto der evangelischen Gemeinde hier in Istanbul, weil wir wissen, dass die Dunckers sehr solide Arbeit leisten und die Hilfe ohne Ansehen der Person und Konfession unmittelbar und wirksam dahin leiten, wo sie gebraucht wird. Es sollten im Vertrauen auf die Kompetenz am Ort und angesichts des sich ändernden Bedarfs Geldspenden ohne Zweckbindung sein. (Unsere Schule hat noch kein Spendenkonto.)
Apropos Kultur und Erdbeben. Den ganzen Tag über klingelte das Telefon, weil keiner weiß, wie lange die Schule ausfällt, und ob man dem Hobbyseismologen glauben (und fliehen) soll, der das große Erdbeben exakt vorausgesagt und für das kommende Wochenende ein neues angekündigt hat. Nur über eins herrschte Einigkeit, zumindest bei den (männlichen) Kollegen: Morgen Abend trifft man sich zum Spiel von Galatasaray gegen Hertha BSC im Stadion - das ist zwar kein Tanz auf dem Vulkan, aber immerhin ein Spiel am Rand einer tektonischen Platte.
Istanbul, September 1999
"Kar var. Okul yok." Seit gestern schneit es in Istanbul, seit heute fällt die Schule aus. Die noch ausstehenden Halbjahresabschlusskonferenzen sowie die Ausgabe der Zeugnisse werden bis nach den Frühlingsferien warten müssen. So befindet sich unsere Psyche wie auf gepackten Koffern sitzend; eine Situation, in der man nichts Größeres mehr beginnt, aber Zeit hat zum Wäsche waschen, Socken stopfen - Briefe schreiben. Es sei denn, man entschließt sich, den Schülern per Telefonkette oder E-Mail für die Schneetage eine Hausaufgabe zu schicken, worauf die Eltern der deutschen Klassen großen Wert legen. Die sollte dann so gestaltet sein, dass sich der Lerneffekt durch einen Test abrufen lässt, den man am besten gleich mit ankündigt und entwirft.
Den ganzen Tag über fiel eine Art gefrorener Nieselregen, dieser dünne Schnee der niedrigeren Temperaturen, der nicht einmal dazu animiert, den Schirm aufzuklappen. Aber nach und nach hat er alles mit einem malerischen Watteflaum überzogen und unser Viertel in eine sonntägliche Stille getaucht, die weder von Motorenlärm oder schreienden Gemüsehändlern noch von dem lautsprechergestützten Gasflaschenangebot unterbrochen wird. Denn unser Stadtteil liegt auf einem der am Wasser liegenden und normalerweise vom Schnee verschonten Hügel Istanbuls, für die ein Streudienst nicht vorgesehen ist. Schon bei wenig Schnee ist die Anfahrt ein Risiko, das man lieber einem Taxifahrer überlässt. Bei stärkerem Schnee fahren auch Taxis nicht mehr zu uns rauf.
Der Straßenverkehr konzentriert sich jetzt auf die großen Verkehrsadern, weil viele Leute aufs Schiff, den Bus, das Dolmuş oder eben ein Taxi umsteigen. Diese erzeugen hier allerdings zeitraubende Verstopfungen, auf die sie ihrerseits aus Ungeduld oder um sich dem Fahrgast gegenüber dienstfertig zu zeigen mit einem höllischen Hupkonzert reagieren, so dass der weniger anpassungsfreudige Europäer solche Engpässe besser umgeht. Gestern nachmittag hätte er auf diese Weise beim Überqueren der Galatabrücke, wie das Fernsehen meldet, etwa sieben Stunden gespart und außerdem überall fliegende Händler vorgefunden, die für den Fall, dass er das Haus mit falscher Erwartungshaltung verlassen hat, alles für die neue Wetterlage Notwendige, wie Capes, Schirme, Handschuhe, Mützen, bereithalten.
Winter ist hier also auch ein bisschen anders als in (Nord-)Deutschland, insofern schien er eine kurze Mitteilung wert zu sein. Telefonische und briefliche Anfragen sowie ausbleibende Besuche deuten allerdings darauf hin, dass die Erdbebensituation mehr interessiert.
Die wochenendlichen Hilfsfahrten mit Nahrungsmitteln, Hygieneartikeln, Kleidung, Decken etc., von denen der letzte Brief handelte, haben wir anfang Dezember eingestellt, da sie nicht mehr notwendig waren. Stattdessen hat die evangelische Gemeinde einen großen Teil der noch reichlich gespendeten Gelder (insgesamt über 600 000,- DM) für Öfen sowie feste Holzhäuser, die auf von der Stadt Adapazarı erschlossenem Gelände aufgebaut werden, zur Verfügung gestellt.
Unsere Schule hat übrigens dank der enormen Spendenfreudigkeit auch aus dem Bremer Raum inzwischen etwa zwei Drittel der Summe zusammenbekommen, die zur Errichtung von Ersatzgebäuden für die Mithat - Pascha - Schule, unsere Partnerschule in Adapazarı, gebraucht wird.
In unserem eigenen Lebensbereich sind längst alle Erdbebenschäden beseitigt, und außer der griffbereiten Erdbebentasche gibt es keine sichtbaren Folgen. Da unsere Bebenvorstellung mit sommerlichen Bildern verbunden ist und die Gefährdungsangst inzwischen wissenschaftlicherseits gedämpft wurde, haben sich Pausen- und Partygesprächen wieder anderen Gegenständen zugewandt.
Allerdings gibt es gelegentlich Situationen wie folgende: Man sitzt in vollster Hinwendung zum Briefpartner am Schreibtisch. Da erfasst ein kaum merkliches Zittern das Umfeld, der Wandspiegel über dem Kamin bewegt sich und löst unwillkürlich Rettungs- und Fluchtreflexe aus. Oder: Zeit vor den Ferien, die türkischen Schüler sind in der üblichen Vorferienausgelassenheit, aber hier und da gelingt es doch, eine ruhige Arbeitsatmosphäre herzustellen. Da wird ein stoßweises Grummeln laut, die Lampen fangen an zu schaukeln und sofort sind alle Ohren gespitzt und die Sprungmuskeln gespannt.
In beiden Fällen handelt es sich nicht um die Verschiebung tektonischer Platten, sondern im einen Fall um den uns gelegentlich erschütternden Bau der U-Bahn unter unserem Haus und im anderen um volkstanzmäßig verkettete Schülergruppen, die, rhythmisch schreiend und hüpfend, die Schule in Schwingung versetzen. Wir sind jedenfalls voll sensibilisiert. Mich erinnert unser Verhalten an Nikolaj Kusmitsch. Er ist eine Figur aus Rilkes Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", einer der ehemaligen Nachbarn des Ich-Erzählers. Für mich ist er seit dem letzten Sommer von einer komischen Figur zum Leidensgenossen avanciert.
Nikolaj Kusmitsch hatte die Unvorsichtigkeit begangen, die zahlenmäßig wenigen noch vor ihm liegenden Lebensjahre bei einer Zeitbank nicht nur in Tage oder Stunden, nein, in Sekunden umzutauschen; eine unermessliche Zahl von Einheiten also, deren Verbrauch gar nicht abzusehen war. Allerdings hatte er sich nicht vorgestellt, mit welch unheimlicher Geschwindigkeit sie abfließen würden. Außerdem spürte er jetzt nicht nur viel deutlicher als beim Ableben größerer Zeiteinheiten das Vergehen der Zeit, sondern ebenso, da unsere Zeit eine Komponente der Geschwindigkeit unseres Planeten im Raum ist, die Bewegung der Erde. Da er "in diesem Punkt etwas delikat" war, fühlte er sich jetzt dort, wo Nicht - Sensibilisierte festen Boden unter sich glauben, wie an Bord eines Schiffes. Als er schließlich auch noch über die schiefe Stellung der Erdachse nachdachte, nahm seine Seekrankheit derart überhand, dass er sich hinlegen musste. "Und sei ther lag Nikolaj Kusmitsch."
Wir verbringen den Hauptteil des Tages noch in der Vertikalen, aber viele Kolleg/inn/en, für die es sich nicht mehr lohnte, in einen erdbebensicheren Stadtteil umzuziehen, oder deren Aufenthalt hier noch durch andere Probleme getrübt war, gehen zum Ende des Schuljahrs nach Deutschland zurück.- Wir bleiben.
Istanbul, Januar 2000
Nicht, dass er mich nicht interessierte, der Reiseteil meiner Tageszeitung, aber meistens fehlt mir die Zeit, ihn zu lesen, und so tue ich ihn unbesehen in den Papierkorb. Es sei denn der Blick fällt beim Aussortieren auf ein Detail des Layouts, das die Fantasie anregt, sprich: die Reiselust in mir weckt. Wenn der Artikel hält, was der erste Eindruck versprach, schneide ich ihn aus und tue ihn in meine Urlaubswunschmappe.
So muss es mir am Wochenende um den 23. August 1980 auch gegangen sein, denn dieses Datum trägt einer der ältesten Reiseberichte dieser Sammlung: "Einmal Bagdad - erster Klasse" , hässlich vergilbt und altmodisch inzwischen, und das heißt, immer noch nicht abgearbeitet, jedenfalls nicht ganz.
Immerhin kann ich heute die um die Städtenamen Istanbul und Bagdad herumstehenden türkischen Worte auf dem abgebildeten Reisewegschild, das mir seinerzeit wahrscheinlich ins Auge gefallen ist, nicht nur erraten, sondern lesen und der Stadtteil Beyoğlu in Istanbul, in dem ich seit drei Jahren wohne, ist mir im Moment wahrscheinlich vertrauter als das Steintorviertel in Bremen, wo ich vorher gelebt habe. Auch die auf dem Schild genannten Städte Izmit, Eskişehir, Ankara, Kayseri und Adana kenne ich inzwischen, zum Teil sogar die irgendwann nach Bagdad gelangende Bahnlinie. Denn, wenn ich mit Schüler/inne/n auf Klassenfahrt nach Ankara fahre, überrede ich sie, den Zug zu nehmen, der in dem 1903 von Deutschen begonnenen, zum Teil von der Firma Philipp Holtzmann gebauten und einem Loire-Schloss nachempfundenen Haydar - Pascha - Bahnhof auf der asiatischen Seite Istanbuls startet, die alte Bagdad-Bahn-Strecke benutzt und dabei durch die Schlachtfelder der türkischen Befr eiungskriege in den 20er Jahren unter Atatürk und Inönü fährt.
Teile Mittelanatoliens von Adana bis Kayseri haben Gaby und ich letztes Jahr mit Hilfe unseres alten Kadetts besichtigt. Auch die Kilikische Pforte haben wir nach Süden hin durchquert, wie die "Bagdad-Bahn" es auch tut.
Nach Bagdad selbst trauen wir uns noch nicht so recht. Aber wir kreisen es nach und nach von Westen her ein. Auch von Istanbul aus erscheint uns der Nahe und Mittlere Osten fremd und ein bisschen unheimlich. Aber wenn man schon mal bis Adana gekommen ist, das sich in seinem Lebensstil nicht sehr von Istanbul unterscheidet, und es nur noch etwa 150 km bis zum nächsten syrischen Grenzübergang und allenfalls 300 km bis in den Libanon wären, fragt man sich, ob das Leben in so geringer Entfernung so viel anders sein kann.
Gaby und ich haben uns letztes Jahr in Adana jedenfalls für ein vorsichtiges Nein entschieden, im Frühjahr beim syrischen Konsulat ein Visum besorgt, ein Flugzeug zu unserem Ausgangspunkt Adana genommen und sind schließlich von Antakya aus mit dem Linienbus nach Aleppo gefahren.
Alles kein Problem. Aber ein bisschen anders als in der Türkei ist es in Syrien schon. Während man in unserem Gastland nur etwa alle 5 Minuten auf ein Atatürkbild oder -denkmal trifft, scheint der syrische Diktator und zwar häufig in Begleitung seiner hinter Sonnenbrillen versteckten Söhne - der eine, Assad, ist heute Präsident - immer gegenwärtig zu sein. Außerdem versteht man natürlich wieder mal nichts, kann nicht einmal Schilder lesen und muss dem nur mit arabischen Schriftzeichen vertrauten Einheimischen den Namen des gesuchten Hotels vorsprechen, so man ihn denn behalten hat. Die Geldscheine sind auch mit unseren (west.) arabischen Ziffern versehen, was die ersten Einkäufe erleichtert, aber eigentlich nicht nötig wäre, da sich die ortsüblichen (ost-) arabischen Ziffern schnell lernen lassen.
Kurz hinter der Grenze hielt der mit nur ganz wenigen Fahrgästen besetzte Bus für 20 Minuten an einer Tankstelle, obwohl wir während der hochnotpeinlichen Untersuchung unseres Transportmittels an der Grenze genügend Zeit gehabt hatten, uns die Beine zu vertreten. Nach und nach stellte sich heraus, dass wir, der Bus und letztlich auch die eingehende Grenzuntersuchung nur der Tarnung dienten, nämlich des Schmuggels mit Spirituosen aus der Türkei gegen billiges Benzin und Diesel aus Syrien. Wir Fahrgäste waren nur Beipack und brachten wahrscheinlich nicht einmal das Schmiergeld ein.
Es war der letzte Tag vor dem Opferfest, als wir in Aleppo ankamen; ein Tag an dem Muslime besonders betriebsam sind, das wussten wir. Was wir jedoch in den Straßen und im Basar erlebten, übertraf jede Erwartung. Istanbul ist schon so lebendig, dass wir, wenn wir nach Deutschland kommen, tagelang das Gefühl haben, es sei Sonntag. Aber nach Aleppo wirkte Istanbul auf uns wie eine Oase der Ruhe und Gemütlichkeit. Je weiter man nach Osten kommt, desto mehr spielt sich das Leben auf der Straße ab, zumal Handel sowie jede andere denkbare Form der Dienstleistung für viele Menschen die einzige Verdienst- oder gar Überlebensmöglichkeit ist.
Nach dem Kulturschock in Aleppo wandten wir uns nach Süden, um die berühmten Wasserräder von Hama zu sehen. Sie dienten wie einst die Windmühlen in Holland dazu, Wasser auf ein höheres Niveau zu bringen; hier, um Felder zu bewässern. Ein weiteres Ziel war das antike römische Stadtzentrum von Apameia mit seiner mehrere Kilometer langen noch heute mit Säulen bestandenen Prachtstraße. Obwohl die Stadt kleiner war als eine heutige europäische Großstadt, muss diese Straße einen ähnlichen Charakter gehabt haben wie etwa die Linden in Berlin, allerdings war sie schmaler und länger.
Ebla, vor viertausend Jahren eine blühende Stadt mit dreißigtausend Einwohnern und einer Bibliothek von mindestens zwanzigtausend Tontafeln, ist heute ein sanfter ringförmiger Hügel, auf dem die Schafe geweidet werden, und liegt südlich Aleppo. Hier ist auch Abraham auf seiner mythischen Wanderung von Ur in Chaldäa am unteren Euphrat (Irak) über Harran (südöstliche Türkei) und wahrscheinlich Aleppo, Damaskus (Syrien) nach Palästina vorbeigekommen. In der Bibliothek von Ebla hat man noch 17030 Tontafeln gefunden und inzwischen weitgehend entziffert. Auf einigen von ihnen glaubte man zunächst, biblische Namen und Ereignisse wieder zu erkennen. Aber das hat sich nicht bestätigen lassen. Trotzdem war es ein eindrucksvolles Erlebnis, einer zeitlich so weit zurückliegenden Wurzel unserer Kultur räumlich so nahe zu sein.
Die wichtigste Erfahrung dieser Reise insgesamt war wohl, dass der so weit entfernt erscheinende Vordere Orient heute eigentlich doch sehr nah und einfach zu erreichen ist, zumindest von der Türkei aus. Bei uns ist der Bann jedenfalls gebrochen. Im Sommer wollen wir erst einmal den Osten und Süden der Türkei mit dem biblischen Harran, erkunden und spätestens im nächsten Frühjahr das restliche Syrien, Jordanien und vielleicht auch den Libanon.
Meinen alten Zeitungsbericht über die Reise nach Bagdad habe ich erstmal wieder in die Mappe getan. Unter den gegebenen politischen Bedingungen wäre eine touristische Reise dorthin wohl mit größeren Schwierigkeiten verbunden. Manche Sachen brauchen halt Zeit.
Istanbul, Mai 2000
Terlemek heißt im Türkischen schwitzen, terli in Schweiß gebadet sein und terlik der Pantoffel. Ist es nicht denkbar, dass die Türken, deren Nase sich gegen den aus Teppichen, zum Beispiel in der Moschee, aufsteigenden Dunst abgestandenen Schweißes genauso wehrt wie die unsere, den Pantoffel ursprünglich als Schweißfänger verstanden haben? Dieser Gedanke kam mir jedenfalls eben auf unserem mangels anderer Bewegungsmöglichkeiten gegen Bandscheibenschäden, Herzinfarkt, Muskelerschlaffung und Verkalkung angeschafften Heimtrainer, der bei dieser Witterung, sobald er betätigt wird, Schweißtropfen verursacht, die trotz untergelegten Handtuchs gelegentlich auf Gabys geliebten Sumak-Teppich fallen und unter ungünstigen Umständen den Ehefrieden gefährden.
Mit anderen Worten: Istanbul wabert wieder in seiner sommerlichen Schwüle. Es ist höchste Zeit, die Schule zu schließen, die Koffer zu packen und die Stadt zu verlassen - natürlich nicht, ohne vorher einen Schuljahresend- bzw. Sommerrundbrief abgeschickt zu haben, was offenbar um so dringlicher ist, als Gaby, umstellt von 60 schriftlichen und mündlichen Abiturprüfungen, seit Monaten keine Lebenszeichen mehr herausgebracht hat.
Ein Teil der Hektik war, wie meistens, selbst gemacht. Denn eine ganze Reihe kurzer Ferien und langer Wochenenden, die umsichtige Oberstufenlehrer für Korrekturen und Prüfungsvorbereitungen nutzen, haben wir, dem Urlaubs- und Besichtigungssog, der bei solchen Gelegenheiten im Kollegium entsteht, nicht gewachsen, im Süden und Südosten der Türkei verbracht.
Die letzte Fahrt, anfang Mai, ging in den Tur Abdin, ein christlich-türkisches Gebiet zwischen Euphrat und Tigris, das im Süden an Syrien grenzt, das alte Mesopotamien, wie uns eher nebenbei bewusst wurde. Zum Beispiel als wir auf einer alten Tigrisbrücke stehend in der Ferne die mächtigen Mauern Diyarbakırs (im Altertum: Amida) erblickten. Oder als wir vom Dach eines gegenüberliegenden Kloster aus nach Mardin, Hauptort des Tur Abdin, hinübersahen, das sich so über den Hang eines Tafelberges erstreckt, dass es mit seinen kunstvollen übereinander getürmten Steinhäusern und den an der Spitze durchbrochenen Minaretten wie eine Stadt aus "Tausend und eine Nacht" aussieht. Eine derartige Städtebaukultur gibt es in der Türkei nur, wo vortürkische oder nachbarliche Einflüsse wirksam geblieben sind.
Beide, das Kloster und die Stadt, befinden sich am Rand einer Hügelkette, die sich nach Süden in die syrische Ebene hinein öffnet und so in der Ferne das "Heilige Land" erahnen lässt. Das mag ein Motiv der etwa 90 000 Mönche gewesen sein, die in den ersten Jahrhunderten nach Christus auf diesen Hügeln (Tur Abdin = Berg der Diener Gottes) ungefähr 80 Klöster gegründet haben, von denen es noch eine ganze Reihe gibt. Die Christen hier nennen sich syrisch-orthodox und gehören zu jener Gruppe christlicher Kirchen, die sich im Jahre 451 (Konzil von Chalcedon) von der christlichen Kirche des Westens getrennt haben, wie die Koptische Kirche Ägyptens und die Armenisch-apostolische Kirche. Die Sprache der Liturgie ist nach wie vor das Aramäische, das auch Jesus gesprochen hat.
Die Anzahl der hier lebenden Christen, die sich um 1900 auf etwa 230 000 und in den sechziger Jahren noch auf 70 000 belief, hat sich in der Zwischenzeit auf etwa 3000 vermindert. Sie sind zuerst durch den türkischen Völkermord an den (christlichen) Armeniern im Jahre 1915 und später durch die türkisch-kurdischen Bürgerkriege (1925 ff., 1984 ff.), die auch in diesem Gebiet tobten, und natürlich die türkische Religionspolitik so stark in Mitleidenschaft gezogen worden, dass die meisten Einwohner im Lauf der Jahre ausgewandert sind. Nach Europa, Südamerika oder auch nur nach Istanbul (ca. 10 000), wie kurz nach seiner Geburt vor ungefähr 40 Jahren die Familie "unseres" Goldhändlers im großen Basar, der uns auch begleitete und durch den alten Familienbesitz führte.
Entgegen Ecevits Behauptung vor ein paar Tagen in Norwegen sind Christen in der Türkei durchaus Diskriminierungen ausgesetzt. Es gibt so gut wie keine Rechtssicherheit für christliche Gemeinden, zumal sie laut türkischem Recht zum Teil gar nicht existieren (dürften).
Solche Beobachtungen geben in der deutschen Community immer wieder Anlass zu Diskussionen darüber, ob Deutschland im Gegenzug nicht auch die Religionsfreiheit wieder abschaffen und den Bau von Moscheen verbieten sollte. Eine für uns schwer nachvollziehbare Option, da wir nicht nur auf dieser Reise, sondern täglich in unserer Umgebung, in der wir morgens durch Kirchenglocken geweckt werden, die kulturelle Vielfalt, die die osmanische Toleranz ermöglicht hat, schätzen gelernt haben. Sich so zu verhalten wie die Türkei heute hieße doch, hinter eine Entwicklung zurückzufallen, die eine unserer großen Errungenschaften nach 1945 ausmachen: die Wiedereinsetzung der Menschenrechte.
In ein paar Tagen starten wir zu unserer dritten großen Erkundungstour in der Türkei. Nach dem Westen im ersten Jahr sowie der Mitte und dem Süden im vorigen Jahr sind nun der Norden und der Osten dran. Wir fahren zunächst mit dem Schiff über das Schwarze Meer nach Samsun und von da aus auf dem Landweg weiter nach Amasya wie vor uns im Jahre 1838 der spätere preußisch-deutsche Kriegsminister Helmuth von Moltke, in den sechziger Jahren desselben Jahrhunderts der evangelische Pfarrer in Istanbul, wenn er seine pietistischen Glaubensbrüder in der Niederlassung der deutschen Textilfirma MEZ in Amasya besuchen wollte, und 1919 Mustafa Kemal Atatürk, um sein Land vor der Eroberung durch griechische Truppen zu retten. Danach fahren wir über Trabzon (das alte Trapezunt) durch die Teeplantagen des Pontischen Gebirges richtung Armenien/Kaukasus, wo wir die Ruinenfelder von Ani (im 10. Jahrhundert eine der größten Städte der Christenheit, armenisch-apostolisch) und den Berg Ararat (von unten) besichtigen wollen. Wenn wir den südlich davon befindlichen Van-See umkreist haben, wenden wir uns wieder nach Westen und übernachten sicher erst einmal wieder in der wunderschönen alten Karawanserei in Diyarbakır, von wo aus wir auch den Tur Abdin besichtigt haben. Zwischen Diyarbakır und der Ostküste des Mittelmeers, wo wir dann wahrscheinlich erstmal ausruhen, gibt es Verschiedenes zu besuchen, wofür wir aber noch keinen konkreten Plan haben, nämlich Hasan Keyif, die Stadt, die demnächst im Tigrisstaudamm verschwinden muss; Harran, wo einst Abraham, der im Islam eine wichtige Rolle spielt, gesiedelt haben soll, ehe er weiter nach Palästina zog; Şanlı Urfa, eine wichtige jungsteinzeitliche Ausgrabungsstätte; die Nemrut-Berge mit den berühmten Köpfen etc, etc.
Mal sehen, was wir davon schaffen, wie wir mit der Hitze und im ehemaligen türkisch-kurdischen Kriegsgebiet zurechtkommen.
Istanbul, Juni 2000
"01. 01. 01.", wenn das kein Datum ist, einen Brief zu schreiben oder wenigstens anzufangen. Denn fertig wird er heute sicher nicht mehr, da wir erst am Spätnachmittag aus Deutschland zurückgekommen sind, wo wir bei einem ehemaligen Istanbuler Kollegen und seiner Familie zusammen mit etwa zwanzig anderen gewesenen und angereisten Istanbulern Silvester gefeiert haben.
Die meisten Gäste waren solange in der Türkei, dass sie sich dort mehr oder weniger heimisch fühlen, aber auch gelernt haben, nach Deutschland zurückzukehren, ohne noch von seiner Andersartigkeit schockiert zu sein wie von der eigenen Stimme, die man vom Band hört. Ein Zustand, der das Gefühl vermittelt, in zwei Ländern zu Hause zu sein, eine schöne kosmopolitische Illusion, der wir uns denn auch hingaben, indem wir das Jahr 2000 zweimal enden ließen, nämlich um 23 Uhr mit rhythmischem, auch bei geringen Sprachkenntnissen nicht zu verfehlendem türkischen Pop (Benimle Oynama - Spiel nicht mit mir) und um 24 Uhr mit deutschem Glockengeläut - im Fernsehen.
Ein Gesprächsthema war natürlich unser Riss. Nein, nicht der kulturelle, sondern der, nach dem sich uns nahe und fern Stehende bzw. Wohnende mündlich und telefonisch seit Wochen immer wieder teilnahmsvoll erkundigen, der, der uns gegenüber zu der Begrüßungsformel: "Was macht der . . . ?" geführt hat. Er ist also keiner, der durch die Seele geht, sondern der von einem Messgerät überwachte Mauerriss im Eingangsbereich "unseres" Hauses. Er selbst, seit Monaten unverändert, ist eigentlich nicht die Ursache der Teilnahme, sondern das, was die Stadtverwaltung um seinetwillen mit uns veranstaltet.
Dass uns seit dem 5. Dezember tätige Hilfe, Übernachtungsmöglichkeiten, Umzugskartons, aus Berlin sogar eine Wohnmöglichkeit angeboten wurde, dass unser Bekanntheitsgrad so rapide zunahm, ist darauf zurückzuführen, dass der Schulleiter uns aus dem Unterricht holte und wir den Schülern unseren überstürzten Aufbruch erklären mussten: Unsere Wohnung sei derart einsturzgefährdet, dass die Stadtverwaltung uns aufgefordert habe, sie bis zum nächsten Tag, 12 Uhr zu verlassen.
Zwei Polizisten, die sich in der Nähe unseres Hauses aufgehalten hätten, seien, klärte uns die Schulleitung auf, mit der o. a. Hiobsbotschaft in die Schule gekommen und hätten erklärt, dass das Gebäude in 24 Stunden versiegelt werde. Die türkische Direktorin, mit hiesigen Ungereimtheiten vertraut und von der Ernsthaftigkeit der Maßnahme nicht ganz überzeugt, hätte daraufhin die Stadtverwaltung angerufen und soeben vom Bürgermeister persönlich die Auskunft erhalten, dass leider alles seine Richtigkeit habe.
Was macht man mit so einer Information? Unsere Gefühle schwankten zwischen Unglauben und Ratlosigkeit. Wo sollten wir so schnell hin mit unseren Sachen? Und wie? Dazu die Angst vor dem anstehenden Durcheinander.
Wir ließen also unsere Taschen in der Schule - was sollten sie in unserem unsicheren Domizil? - und näherten uns, versehen mit den besten Wünschen und vielen freundlichen Hilfsangeboten, vorsichtig "unserem" Haus in der Erwartung, dass der etwa 18 Meter unter unserem Haus hindurchführende Versorgungsschacht für eine neue U-Bahn-Verbindung weitere Verwerfungen gezeitigt und unseren eleganten kleinen Riss in einen tödlich klaffenden Spalt verwandelt habe.
Ungefähr ein Jahr vorher nämlich, als die Bohrungen stattfanden, hatte sich herausgestellt, dass entgegen vorheriger Annahme unser Stadtteil nicht nur auf Felsgestein, sondern auch auf Überresten einer vorbyzantinischen Siedlung steht. Diese Geröllschicht hatte sich infolge der durch das Bohren verursachten Rüttelei verdichtet und zu einer Absenkung der Kanalisation und mehrerer Gebäude geführt; vor allem eines neben uns befindlichen Hauses im Komplex der ehemaligen französischen Botschaft, dessen Insassen seither in einem Container hausen. Auch "unser" Haus hat seit dieser Zeit seinen etwa zwei Millimeter breiten Riss.
In unserer Straße angekommen achteten wir auf Veränderungen in der Pflasterung, taxierten von weitem unser Haus, überlegten uns, ob die Putzfrau wohl geflohen sei, konnten aber zu unserer Erleichterung, bis wir vor ihr standen, keine Veränderung bemerken.
Sie erzählte uns von dem Besuch der Stadtverwaltungsbeamten und bot uns ihre Wohnung zum Übernachten an. Wir erreichten unterdessen unseren Hauswirt, der gar nicht informiert war und sich auch jetzt nicht aufregen wollte: Seine Geschäftsräume seien in diesem Jahr schon dreimal versiegelt worden. Wir sollten die ganze Angelegenheit wie auch das Siegel selbst durchaus ignorieren; er wolle versuchen seinen Rechtsanwalt im Laufe des Tages mit einer Beschwerde zur Verwaltung zu schicken. Die Vorstellung, dass der türkische Staat hier eine Maßnahme zum Schutz von Bürgern ergriffen habe, könne man mit Sicherheit ausschließen; so etwas gäbe es in der Türkei nicht. Er vermute finstere Machenschaften im Zusammenhang mit der Finanzierung der durch den U-Bahnbau entstandenen Schäden.
Zu sagen, dass uns das Gefühl der Ratlosigkeit nach dieser Auskunft gleich verlassen hätte, wäre übertrieben. Erst nachdem türkische Freunde die Einschätzung der hiesigen Staatsmacht und des hier üblichen Umgangs mit amtlichen Siegeln bestätigt hatten, entschlossen wir uns, kein Umzugsunternehmen anzurufen.
Auch ein am nächsten Tag in der Zeitung "Hürriyet" erscheinender Artikel bestätigte unseren Hauswirt: Ein neuer Prozess der Hausbesitzer gegen die Stadtverwaltung und die am U-Bahnbau beteiligten Firmen, bei dem es um mehrere Millionen Schadensersatz geht, hatte begonnen. Er war notwendig geworden, weil die Hauseigentümer sich auf das Angebot der beteiligten Firmen, die Schäden auf eigene Kosten zu beheben, nicht einlassen wollen - mit gutem Grund, wie Kenner sagen, denn diese Sanierung würde sich im Wesentlichen auf die Verkleisterung der Risse beschränken.
Um die Versiegelungsaktion verstehen zu können, die tags darauf in der Tat stattfand, muss man allerdings noch einen Schritt weiter ins Dickicht der Stadtverwaltung vordringen. Das bereits fertiggestellte von Norden her zur Innenstadt führende Teilstück der U-Bahn ist mit Beteiligung türkischer Firmen unter französischer Regie gebaut worden. Für das neue Teilstück hat die unseren Stadtteil beherrschende Tugend (Fundamentalisten-) Partei auf die französische Regie nicht nur verzichtet, sondern, wie es heißt, ihr nahestehende, aber im U-Bahnbau wenig erfahrene Firmen beauftragt. Mit denen sitzt sie jetzt gemeinsam auf der Anklagebank und sucht sie nach Kräften zu schützen, zum Beispiel, indem sie Mieter rebellisch macht, um so die Hausbesitzer in den von den Baufirmen vorgeschlagenen Vergleich zu treiben.
Das Siegel jedenfalls ruht jetzt in meiner Schublade, der Riss verharrt bei der vertrauten Breite; nur vor dem Haus ist Bewegung: Die Kanalisation wird ausgebessert - wahrscheinlich durch die oder im Auftrag der beklagten Unternehmen.
Der letzte Monat des Jahres ist hier immer auch deswegen ein ereignisreicher Monat, weil sich die deutsche Community bei selbstgebastelten Plätzchen und Kasseler Braten gemeinschaftlich ihrer Weihnachtsgefühle versichert. In diesem Dezember haben auch die Moslems mehr gegessen als sonst - weil der Fastenmonat Ramadan stattfand. Denn das allabendlichen Fastenbrechen gestaltet man häufig mit Verwandten, Freunden, Geschäftsleuten etc. als Festessen. Pfarrer Duncker, als Repräsentant der evangelischen Christenheit in der Türkei oft zu solchen Essen eingeladen und es leid, immer englisch reden zu müssen, hat mich, getarnt als Kirchenvorstandsmitglied, einmal mitgenommen, und zwar zu einem Journalisten- und Schriftstellerverband, der sich die Förderung des religiösen Miteinanders in der Türkei zur Aufgabe gemacht hat.
Da waren 2000 Jahre jüdisch-christliche Kirchengeschichte versammelt: der Patriarch von Konstantinopel (Oberhaupt aller griechisch-orthodoxen Christen), der römische Nuntius (residiert eigentlich in Ankara, stammt aber aus Istanbul - mein Tischnachbar), der Oberrabiner, der armenische Patriarch, der Metropolit der syrischen Christen, der Repräsentant der bulgarisch-orthodoxen Christen, der der Anglikaner und ich weiß nicht, wer noch alles. Hätte das Essen nicht im Hilton und als muslimisches Fastenbrechen, nicht mit türkischer Musik und in türkischer Sprache - der Vorsitzende, der Bürgermeister und jeder Repräsentant haben eine Rede gehalten - stattgefunden, man hätte das Gefühl haben können, Istanbul sei immer noch das östliche Zentrum der Christenheit.
Soviel zu unseren jüngeren Erlebnissen. Die älteren, wie jene der Sommerreise in den Osten der Türkei, haben unterdessen in Gestalt eines Bastelkalenders Eingang in unseren Alltag gefunden. Allerdings waren manche Eindrücke so intensiv, dass es ein Leichtes wäre, sie in den psychischen Arbeitsspeicher zu laden, z. B. Safranbolu, eine guterhaltene osmanische Stadt auf dem Boden eines eiszeitlichen Canyons mit gigantischen Uferböschungen; das in den Felsen gearbeitete Tigristal bei Hasan Keyif, in das Gaby sich regelrecht verliebt hat; Harran, Abrahams Zwischenstation auf dem Weg nach Palästina, jahrhundertelang in einer Halbwüste gelegen, jetzt inmitten von Baumwollfeldern; Militärposten, die aus Deutschland waren und uns wie Landsleute behandelten; Araber, die verzweifelt jemanden suchten, der sein Schultürkisch nicht ganz vergessen hatte; Kinder, die uns das im Euphrat-Staudamm versinkende Dach ihrer Schule zeigten. Und natürlich der Buchhändler in Van, mit dem wir über die Kurdenfrage diskutierten; der armenische Baumwollproduzent, der uns vom Schicksal seiner Familie berichtete; das australische Ehepaar aus Brisbane, das wir gut mal besuchen könnten etc.
Aber wenn man nur sechs Jahre Zeit hat, muss man nach vorn schauen, das heißt für uns in diesem Jahr, vor allem über die türkischen Grenzen hinaus. Wenn alles so klappt, wie wir es uns im Moment vorstellen, lernen wir im Februar den Jemen kennen und im März Armenien. Anschließend erkundet Gaby mit ihrer Schwester Südsyrien und den Libanon, während ich mit ein paar Schülern ins Land der Pyramiden fahre, das Gaby bereits kennt.
Es wird sein wie immer: Im Augenblick ist das alles noch weit weg und manches kaum vorstellbar. Doch ehe wir uns dessen versehen, sind wir da und wieder hier und ein weiteres halbes Jahr ist zuende.
Istanbul, Januar 2001
Es solle damit nichts gesagt sein, aber sagen müsse sie es doch einmal, meinte Gaby, bevor sie in der vorigen Woche mit ihrer Schwester zusammen zu der Reise nach Syrien und in den Libanon aufbrach: Seit wir hier in Istanbul lebten, sei es noch nie vorgekommen, dass wir in die Sommerferien gegangen wären, ohne dass ich noch einen Rundbrief verfasst hätte.
Recht hat sie wahrscheinlich und hatte sie auch damit, mir dieses Kuckucksei ihrer unausgesprochenen Forderung noch schnell ins Bewusstsein zu legen. Denn konzipiert wurde dieses Rundbriefverfahren seinerzeit, weil Gaby mit ihrem 25 Stunden-Unterrichtsdeputat und Fachleitung, demnächst auch Aufgabenfeldkoordination sowie seit einem Jahr Personalratsarbeit, keine Zeit fand, den brieflichen bzw. E-Mail - Kontakt in die Heimat mit hinreichender Intensität aufrechtzuerhalten, wohingegen ich als mitreisender Ehe- und Hausmann für diese Aufgabe geradezu prädestiniert war.
Im vergangenen Schuljahr ist diese Aufgabenteilung etwas durcheinander geraten, weil ich zwei Abiturklassen hatte, auch zum Personalrat gehörte und vor allem in den vergangenen Wochen an der Gestaltung der letzten Schulwoche als Kultur- und Woche der offenen Tür beteiligt war. Dazu kamen im Mai noch eine Studienfahrt nach Berlin und eine Klassenfahrt in die Toskana.
Wie man sieht, habe ich das Ei angenommen. Und in völliger Muße und Zurückgezogenheit - in Istanbul übrigens und nicht in Ägypten, wo ich jetzt mit Schülern hätte sein sollen -, nachdem ich nicht wie Felix Krull die Feder, sondern meinen Laptop ergriffen habe, sitze ich nun am Wohnzimmertisch und blicke, wenn nicht auf das Display, so auf die Prinzeninseln und den blauen, blauen Bosporus, dessen Ausgang seit Tagen wahrscheinlich im Rahmen eines Manövers eher malerisch als beängstigend von fünf türkischen Kriegsschiffen bewacht wird. Ja, so ist produktive Muße in Istanbul!
Die hatten Gaby und ich auch deshalb lange nicht mehr, weil wir fast jede unterrichtsfreie Reihe von Tagen für Reisen genutzt haben. Auch jetzt säße ich nicht hier, wenn nicht die Wirtschaftskrise Anfang des Jahres viele Familien so gebeutelt hätte, dass sie die geplante Ägyptenreise ihrer Kinder nicht mehr bezahlen können.
Die interessanteste unserer Reisen war wohl die in den Jemen, der uns auf der einen Seite archaisch-exotisch, auf der anderen Seite doch nicht so fremd erschien: östlich der das Land von Norden nach Süden durchziehenden Gebirgskette nämlich islamisch-vertraut und westlich davon zum Roten Meer hin afrikanisch und, auch landschaftlich, sehr stark an Namibia erinnernd. Wenn man einzelne Bilder aus dem Gesamteindruck herausgriffe, etwa die Kulisse der malerischen Lehmziegelarchitektur, die schwarz verhüllten (Oberschicht-)Frauen, von denen man nur ein raffiniert geschminkt-kesses Augenpaar sieht, die bärtigen Männer mit Turban, Rock und einer Kalaschnikow über der Schulter oder unseren Touristenkonvoi in den Norden mit Fla-MG bewehrten Pickups vorneweg, könnte jemand denken, wir hätten Disneyland besucht. Doch wirklich interessant war etwas anderes, nämlich zu sehen, wie ein Land, das sich bis vor ca. dreißig Jahren gegen die europäisch-amerikanische Zivilisation abgeschottet hat, den Schritt in die Moderne tut.
Wo man hintritt, kann man konkret beobachten, was man theoretisch schon wusste, dass nämlich dort, wo man herkömmliche Regelsysteme unterbricht, gleich ganze Strukturen zusammenbrechen bzw. unbrauchbar werden. Von alters her wurden zum Beispiel durch eine entsprechende Konstruktion des Abtritts die menschlichen Exkremente getrennt entsorgt: Der Urin versickerte, der Kot wurde getrocknet und später als Brennmaterial verwendet. Seit man unsere Wasserklosetts benutzt, gibt es ein Wasser-, ein Kanalisations-, ein Klär- und ein Abfallbeseitigungsproblem. Auch die von den Medien dankbar registrierten Touristenentführungen, die harmlos sind, solange nicht auswärtige Mächte sich einmischen, sind Ausdruck der Tatsache, dass eigentlich überall zugleich Ersatzstrukturen aufgebaut werden müssten. Denn durch diese Maßnahme versuchen die lokalen Scheichs von der Zentralregierung Straßen, Schulen, Krankenhäuser und ähnliches zu erpressen. Während wir in Sanaa waren, fand im Süden des Landes eine Konferenz der Stammesführer statt, in der es um die Frage ging, ob man die Regierung auch mit anderen Mitteln zu Infrastrukturmaßnahmen zwingen könne, zumal eine Waffe, die man zu oft einsetzt, mit der Zeit stumpf wird.
Dies ist wohl auch der Grund dafür, dass man sich als Tourist nicht für Entführungen zur Verfügung stellen kann. Leider. So können wir über eine Nacht mit Lagerfeuer und Ziege am Spieß nichts berichten.
Wenn vom Jemen die Rede ist, kriegen die Menschen leuchtende Augen, wenn Armenien erwähnt wird, bewegt sich meistens nichts. So etwa ist das auch bei uns, und die einwöchige Armenienreise im März hat nichts daran ändern können. Landschaftlich und kulturell hat dieses Land für uns wenig Spektakuläres. Die sozialen und ökonomischen Strukturen sind ähnlich und ähnlich desolat wie in anderen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion auch. Die Hauptstadt Jerivan mit ihrem bekannten Sender glaubt man schon zu kennen, kaum dass man sie betreten hat, denn der Stadtkern ist zur gleichen Zeit erbaut worden wie die Stalinallee in Berlin und sieht auch so aus. Sozialismusnostalgiker und Atheisten erwartet allerdings ein Schock: Der riesige Lenin, der einst den zentralen Platz beherrschte, liegt (!) jetzt im Museum. An seiner Stelle hat man ein sehr hässliches Kreuz errichtet, von dem aus sich ein Laserstrahl in den Himmel bohrt: Man feiert die vor 1700 Jahren stattgehabte Bekehrung zum Christentum.
Trotzdem war es gut, dieses Land zu besuchen, um seine in der Türkei allgegenwärtige politische Dimension durch die geografische zu ergänzen. Allgegenwärtig deshalb, weil jeweils ein Aufschrei durch die türkischen Medien geht, wenn sich wieder einmal ein westliches Land mit dem türkischen Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915 beschäftigt, weil Franz Werfel darüber einen berühmten Roman geschrieben hat, weil wir hier von lauter armenischen Kirchen umgeben und über die evangelische Gemeinde auch mit deren Problemen vertraut sind, weil wir armenische Schüler haben, deren Existenz in der Türkei nicht ganz unproblematisch ist und weil ein Kollege im Geschichtsunterricht seiner deutschen (!) Klasse neulich eine Unterrichtseinheit, in der es auch um die Geschichte der Armenier ging, abbrechen musste, weil ein einflussreicher Vater damit gedroht hatte, ihn andernfalls umgehend des Landes verweisen zu lassen.
Obwohl die Türken die hohe Anzahl von Toten (600 000 bis 1,2 Millionen) grundsätzlich nicht bestreiten, haben sie - einschließlich fast aller, die wir kennen - eine großes Problem damit, anzuerkennen, dass es sich um einen staatlich angeordneten Massenmord handelte, was durch Quellen gut zu belegen ist, und nicht um den unbeabsichtigten Schwund bei einer kriegsbedingten Umsiedlungsaktion.
Für den Staat Armenien dagegen gehört dieser Völkermord zum Gründungsmythos. Daraus ergeben sich die ideologischen Schwierigkeiten zwischen beiden Ländern bzw. die Tatsache, das keines von ihnen sich kritisch, d.h. ohne Beachtung staatlich gesetzter Tabus, mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen kann.
Auf die Frage, warum das nach 85 Jahren immer noch so sei, antwortete der türkische Historiker Mete Tunçay im Dezember letzten Jahres in einem Interview mit der Zeitung "Radikal" in Bezug auf die Türkei: Für so eine Auseinandersetzung sei es noch zu früh. Die türkische Regierung fürchte außerdem Regressansprüche von Seiten der armenischen Regierung bzw. durch Nachkommen expropriierter und ermordeter Armenier. Und außerdem hätte Atatürk beim Aufbau der türkischen Republik mit den Jungtürken, also den Initiatoren des Massenmords, zusammenarbeiten müssen und sie deshalb gedeckt.
Alles Gründe, die uns Deutschen, die wir mit dem Genozid an den Juden ja ähnliche Probleme hatten und haben, nur schwer einleuchten. Dennoch hat er wahrscheinlich Recht, denn die Dinge liegen hier doch etwas anders als in Deutschland.
Die Nationalbewegung, mit deren Hilfe Atatürk nach dem Ersten Weltkrieg die territoriale Integrität der Türkei gegenüber den imperialistischen (Aufteilungs-) Interessen der Siegermächte rettete und die moderne türkische Republik gründete und aus der die heutige politische Klasse hervorgegangen ist, bestand nämlich im Wesentlichen aus zwei Gruppen, die maßgeblich am Völkermord an den Armeniern beteiligt waren. Das war zum einen die politische Gruppierung der Jungtürken, die die Verwaltung und die Armee beherrschten und den Massenmord befohlen und durchgeführt hatten, zum anderen die Bevölkerungsschichten, die sich den Besitz der Armenier (und später im Westen der vertriebenen Griechen) angeeignet hatten. Sie vor allem haben sich aktiv am Befreiungskampf beteiligt, weil sie fürchten mussten, das gewonnene Gut wieder abgeben zu müssen und bestraft zu werden. Vor allem die Franzosen traten als Schutzmacht der Armenier auf, hatt en Flüchtlingsbatallione aufgestellt und in ihrer Besatzungszone umfangreiche Rücksiedlungsaktionen vorgenommen. Die Nationalbewegung vertrieb die Franzosen wieder, wobei noch mal Zigtausend Armenier umgebracht wurden, und gab den Neu-reichen eine Besitzgarantie. Man kann also sagen: Ein großer Teil der Beamten, die die türkische Republik mit aufgebaut haben, waren Organisatoren und Ausführende des Völkermords gewesen, und ein Großteil des türkischen Bürgertums, das diese Republik getragen hat und trägt, ist erst entstanden durch die Enteignung von Griechen und Armeniern, die ihrerseits im osmanischen Reich im Wesentlichen die bürgerliche Schicht gestellt hatten. Zugespitzt heißt das, der Völkermord an den Armeniern gehört zu den Fundamenten der türkischen Republik und seiner führenden Gesellschaftsschicht.
So gesehen ist es in der Türkei wirklich zu früh für eine Revision der Vergangenheit, die für manche Familie, auch unserer Schüler, ja nicht mehr als zwei, drei Generationen zurückliegt.
In dieser Hinsicht unterscheidet sich die türkische Völkermordgeschichte von der deutschen. Es gibt im weiteren Umkreis aber eine interessante, wenn auch eher nebensächliche Parallele, die mir aufgefallen ist, als Schüler während der o. a. Berlinfahrt bei einem Treffen mit dem türkischstämmigen Abgeordneten Cem Özdemir im Reichstag auf dieses Thema zu sprechen kamen und die uns begleitende türkische Schulleiterin unerwartet vehement reagierte. Vehementer jedenfalls, als es der ohnehin vorhandenen Verachtung türkischer Bürger gegenüber Deutschland-Emigranten und deren Abkömmlingen entspricht.
Beim Nachdenken über dieses Verhalten fiel mir ein, mit welcher geradezu hasserfüllten Ablehnung meine Eltern seinerzeit auf deutsche Emigranten, wie Thomas Mann oder Marlene Dietrich, reagiert haben, besonders wenn diese sich zu den Verhältnissen in Deutschland äußerten. Eine Ablehnung, die zumindest bei denen, die sie bewusst betreiben und an ihre Kinder weitergeben, wahrscheinlich vor allem aus Angst resultiert, weil Emigranten einen freieren Zugang zur und einen unbefangeneren Umgang mit der Wahrheit haben als die Daheimgebliebenen.
Aber zurück zum Verhältnis Armenien - Türkei bzw. unserer Reise. Wenn die o. a. Beobachtungen richtig sind, und Taner Akçam macht das in seinem Buch "Armenien und der Völkermord", Hamburg 1996 ganz plausibel, dann besteht die Tragik dieser Region darin, dass für die heutigen Staaten Armenien und Türkei der Völkermord von 1915 konstitutiv ist, für Armenien als ideologische Basis (Gründungsmythos), für die Türkei als reale Entstehungsbedingung. Über beides könnte man nur mit Abstand und großer Gelassenheit reden.
Gaby, die gleich vom Flughafen aus anruft, damit ich sie abhole, wird finden, dass der Rundbrief mal wieder viel zu lang und zu historisch-politisch geworden ist. Auch damit hat sie Recht. Auf der anderen Seite, kann man die meisten anderen Sachen, von denen ich hätte berichten können, auch im Reiseführer nachlesen, und für grundlegendere Dinge braucht man halt ein paar Zeilen mehr.
Istanbul, Juli 2001
Das Bedürfnis, Erfahrungen aus der inzwischen nicht mehr ganz neuen Heimat mitzuteilen, lässt im Laufe der Jahre offenbar nach. Und wenn ich mir beim Schreiben dieser Briefe nicht einen bestimmten Rhythmus angewöhnt hätte, also von Zeit zu Zeit sich nicht das Gewissen meldete, unterblieben sie inzwischen vielleicht ganz.
Für Verspätungen wie diese bietet natürlich auch der Alltag die gängigen Entschuldigungen an wie zum Beispiel diese:
Ich hatte mir vorgenommen, unsere Schülerzeitung wieder zu beleben und die erste Ausgabe spätestens zum Halbjahrsende erscheinen zu lassen - was dann doch nicht ganz geklappt hat. Das war im Januar und Februar mit viel Arbeit verbunden, weil das Team noch ganz unerfahren war, die Abstimmung mit der Druckerei beim ersten Mal viel Zeit kostete, zumal sie unser DTP-Programm (Ragtime) nicht so häufig benutzt, und weil sich die Arbeit bei der Herstellung von Zeitschriften immer in den letzten Wochen häuft. Eine schöne Erfahrung dabei war: Entgegen allen Unkenrufen und trotz Sprachbarriere war die Zusammenarbeit mit der Druckerei hier genauso effektiv, wie ich das aus Deutschland (Bremer Lehrerzeitung) kenne.
Nach den etwa 14-tägigen Semesterferien, die wir nicht zum Korrigieren genutzt, sondern in Thailand verbracht haben, ließen sich dann die Abitur-Klausuren nicht länger übersehen, denen wir uns in den vergangenen zwei Wochen gewidmet haben.
Jetzt ist die Normalität wieder eingekehrt, jedenfalls bis Ostern, wo wir nun endlich im dritten Anlauf, sofern die Amerikaner dann nicht gerade die Welt des Nahen Ostens in Ordnung bringen, unsere Iran-Reise absolvieren wollen.
Offenbar erlebt man ein Ausland, in dem man sich längere Zeit aufhält, nicht nur als solches, sondern auch als Sprungbrett in die weite Welt - so geht es uns jedenfalls. Und wenn man nicht auf ein Haus spart, was uns in unserer Nomadenmentalität nicht so nahe liegt, kann man sich als Normallehrer, was wir beide sind und bleiben wollen, in den relativ langen unterrichtsfreien Zeiten von diesen Gefühlen leiten lassen. Insofern lässt das Mitteilungsbedürfnis auch nicht eigentlich nach, es verschiebt sich eher. Also Thailand.
Wahrscheinlich der erste Film, den ich in meinem Leben gesehen habe, war eine Verfilmung von Lehars Operette "Land des Lächelns", und mich als Flüchtlingskind, das in seiner neuen Umgebung nicht so gut zurecht kam, hat dieser sicher sehr kitschige Film nachhaltig beeindruckt. Merkwürdigerweise hat sich die Vorstellung von dem schönen fremden Märchenland bei mir nicht mit China, sondern mit Thailand verbunden, was insofern aber auch nicht ganz unpassend ist, als Thailand nur 200 Kilometer südlich von China liegt, ein Großteil seiner Bevölkerung ursprünglich von daher eingewandert und die Sprache dem Chinesischen verwandt ist, wie wir jetzt wissen.
Ähnlich romantische Vorstellungen haben Gaby geleitet, als sie im vergangenen Herbst anfing Prospekte ranzuschaffen, die nicht geeignet sind, solche Vorstellungen in Frage zu stellen, und schließlich eine Rundreise durch den Norden buchte sowie einen anschließenden Aufenthalt in einem Traumhotel im Süden (Ko Samui), wo die Seele so richtig baumeln sollte.
Das Traumland haben wir nicht gefunden, aber ein sehr ansprechendes, wenn man von den politischen Verhältnissen absieht, mit traumhaften Aspekten. Bangkok hat uns spontan gefallen, weil es ähnlich und ähnlich groß ist wie Istanbul und sich gegenüber unserem Hotel die Kneipe "Bei Otto" befand, so dass wir uns gleich vorstellen konnten, wie man als Lehrer auch hier in eine deutsche Community eingebunden sein könnte. Märchenhaft an dieser Stadt ist neben den Frauen, um die ich mich aus verständlichen Gründen nicht kümmern konnte, der Königspalast, dem man sich auch mit der von Siemens gebauten S-Bahn nähern kann, wenn man das einheimische Beförderungsmittel, das Tuktuk, eine Art motorisierte Rikscha, bei dessen Benutzung man mehr Blei zu sich nimmt als in seinem ganzen vorherigen Leben, nicht vorzieht. In diesem Palastensemble mit verschnörkelten, rot- und goldglänzenden spitzen Giebeln, Pagoden und Tempeln, mit böse n Geistern, starken Kriegern, Lotos und Räucherstäbchen könnte man sich wirklich außerhalb der Wirklichkeit fühlen, wenn nicht die vielen Touristen wären und die Erzählungen des Führers von blutigen Intrigen und Meuchelmord hinter den Fassaden.
Organisiert man eine Reise nicht selbst, sondern lässt sich im Halbschlaf und klimaanlagenverschnupft von einem Touristenbus durch die Gegend schaukeln, bekommt man sozusagen nur passive Eindrücke von den Dingen, die einem in der Horizontalen nahegebracht werden, und kann sie kurz danach zeitlich, örtlich, historisch kaum noch einordnen: Tempel, Ruinen aus einer uns fremden Geschichte, Schirmfabriken, Elefantencamps, malerische Bergdörfer, Märkte, Seidenmanufakturen. Was uns der Reiseführer aber eindrucksvoll vor Augen geführt hat, ist das lang sich zwischen Hochebenen hinstreckende Mündungsdelta des Chao Phraya, eine riesige Schwemmlandebene, in der mit drei Reisernten im Jahr die Nahrungsgrundlage des Landes erwirtschaftet wird. Diese Reislandschaft ist nicht so eindrucksvoll wie die Terrassenlandschaft Javas, aber das weite vorsichtige Grün ist ein Labsal für die einbetonierte Seele des Städtebewohners.
Nach sechs Tagen Rundreise dann der Flug in den Süden auf die östlich des Festlandstreifens liegende Insel mit unserem Traumhotel: Ein weitläufiges, geschmackvoll gestaltetes, gepflegtes grünes Paradies unter Palmen am Meer, hübsche Bungalows im Thai-Stil, großzügig und ausgesucht möbliert, mit einer Art Unterwasserliebeszone (einem großen Whirlpool), alles hübsch dekoriert mit Orchideen und exotischen Früchten, kurz, genau der Rahmen für gehobene asiatische Lebenskunst, den der Europäer aus dem Kino kennt - es gab auch jüngst im deutschen Fernsehen einen Film, der in diesem Hotel spielt. Da sind wir freudig erregt eingefallen, und nachdem wir getan hatten, was man nach einer Reise so tut, uns häuslich eingerichtet, gebadet und geruht, begaben wir uns in Richtung Bar, Restaurant, Strand und suchten erneut die Geselligkeit. Aber es war niemand da. Und es kam auch niemand mehr. Während der ganzen Zeit haben wir selten mehr a ls drei andere Leute gesehen. Dafür Tiere! Ein verrückter Gärtner, dem es vielleicht auch an Umgang gebricht, lebt offenbar unter dem Zwang, jedes sich regende Grün in ein Mitglied der heimischen Fauna umschnippeln zu müssen. Eine Atmosphäre von Sanatorium und Irrsinn, die sich nach und nach an vielen Stellen bestätigte: Der morgendliche Kaffe wurde uns in Vasen, Saucieren, oder Kannen serviert, an deren Deckel sich schon lange niemand mehr erinnern konnte. Befanden sich mehr als fünf Leute im Restaurant, stellte sich bald heraus, dass die Vorhaltung von Getränken und Imbissen nur auf drei Leute ausgelegt war. Der Aufenthalt im Bungalow war nach Einbruch der Dunkelheit (17 Uhr) auch keine Alternative, denn ohne größere Umbauarbeiten konnte man dort weder lesen noch schreiben, weil die Birnen zu schwach und die Nachttischlampen hinter den Bettpfosten angebracht waren. Auch das Ins-Bett-gehen und Aufstehen war nicht unproblematisch. Die Badezimmerarmatu ren entsprachen denen, die man in Europa in den dreißiger Jahren verwendete, und wenn man beim Duschen nicht darauf achtete, dass die Gasflamme in dem alten Vaillant-Boiler auch wirklich brannte, konnte man sich leicht eine Gasvergiftung holen.
Als wir zwischendurch Freunde aus Deutschland an einem anderen Strand der Insel besuchten, erfuhren wir, dass man auch so unterkommen kann, wie wir es uns eigentlich erträumt hatten - zu einem Drittel des Preises.
Dennoch war die Zeit im Hotel nicht nur schrecklich. Gaby meint sogar, dass sie sie genossen hat, und ist gar nicht einverstanden mit meiner Beschreibung. Wir haben - tagsüber - zum Beispiel viel gelesen: Gaby den Roman "Der Glaspalast" von Amitav Ghosh, die Geschichte Birmas von der englischen Kolonisierung bis heute in Form einer Familiensaga, und ich Kindermanns "Geschichte Ostasiens von 1840 bis 2000". Schließlich war diese Reise nach Thailand so etwas wie ein Abstecher von der ehemaligen Gewürzroute mit dem Kap der guten Hoffnung, Ceylon/Sri Lanka, Indonesien, Singapur, Malaysia, die wir seit Jahren bereisen, also auch eine Reise in die Vergangenheit. Dabei ist zumindest mir (als Historiker) auch immer wieder die Gegenwart eingefallen.
Der amerikanische Krieg in Afghanistan hat nämlich eine beklemmende Parallele zu den Kriegen, in denen wir Europäer bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein (nicht nur) diesen Teil der Welt unter unsere Gewalt gebracht haben. Das war nämlich möglich, weil Europa leistungsfähige Schiffe besaß und eine Abstandswaffe, nämlich die Schiffsartillerie, der in Reichweite und Feuerkraft keine andere Waffe gleichkam. Auch Amerika kann heute, wie sich in Afghanistan gezeigt hat, von Schiffen oder sogar anderen Kontinenten aus mit Hilfe von Abstandswaffen und einer überlegenen Informations- und Fernmeldetechnik sowie einem geringen Einsatz von Spezialtruppen vor Ort jeden Punkt der Erde wirkungsvoll angreifen, ohne sich selbst in nennenswertem Ausmaß der gegnerischen Feuerkraft aussetzen zu müssen.
Und es gibt wie seinerzeit kein Land, das mit den USA gleichziehen könnte (China) oder wollte (Europa). Da langfristige militärische Überlegenheit und Wirtschaftskraft immer Hand in Hand gehen, finde ich kein Indiz dagegen, dass die USA seit dem 11. September 2001, und darin liegt m. E. die eigentliche Bedeutung dieses Datums, sich anschicken, in der Welt aktiv die Rolle zu übernehmen, die wir Europäer vom 16. bis 19. Jahrhundert innehatten. Und selbst wenn sie im Moment einen anderen Präsidenten hätten, würden sie es über kurz oder lang tun, weil die übrige Welt durch ihre Untätigkeit ihnen diese Rolle geradezu aufdrängt. Das Beklemmende dabei ist, dass wir Europäer in dieser Welt der kommenden Jahrhunderte nicht ein aufstrebender Kontinent sind wie weiland Amerika, sondern eine degenerierende Region, wie seinerzeit Griechenland im Römischen Reich.
Man verzeihe mir diesen Ausflug in die Geschichtsphilosophie, aber ich musste das mal sagen. Schließlich konstruieren wir Historiker nicht nur Geschichtsbilder, sondern lernen auch aus ihnen - oder entnehmen ihnen Erkenntnisse, die wir vorher hinein projiziert haben - oder ... Jedenfalls machen wir uns Gedanken.
Istanbul, März 2002
Foto: Franziska Nauhaus
"Schülerin Opfer des Satanismus? 16jährige Türkin sprang von Bosporus-Brücke in den Tod". So lautete eine Schlagzeile des "Weser-Kurier" im Januar dieses Jahres. Da in diesem Artikel auch die Deutsche Schule Istanbul (DSI) erwähnt wurde, erreichten uns in den darauf folgenden Tagen zahlreiche Anrufe und E-Mails aus Bremen mit der Frage, ob bei uns der Teufel los sei.
Und auf den ersten Blick sieht es wirklich so aus. Denn während der fünf Jahre, die Gaby und ich hier an der Schule sind, haben drei unserer Schüler Selbstmord begangen, und die oben genannte Schülerin ist angeblich von einem Schüler unserer Schule zum Selbstmord aufgefordert worden. Ebenso eine weitere Schülerin, die zwei mal versucht hat sich mit Medikamenten umzubringen. Manche dieser Schüler haben ihren Computer vor dem Selbstmord (-versuch) gelöscht, andere nicht. Die Hinweise auf mörderische E-Mail Kontakte aus der Satanistenszene in den beschlagnahmten Computern haben aber nicht ausgereicht, um den in Verdacht geratenen Schüler des Alman Lisesi zu verurteilen. Er ist im April vom Gericht freigesprochen worden.
An unserer Schule war im Januar trotzdem der Teufel los, weil es, obwohl die gestorbene Schülerin gar nicht an unserer Schule war, eine Medienkampagne gegen uns gab, seitens der großen Tageszeitungen und, was wir als viel schlimmer empfanden, von Seiten eines populären Fernsehsenders, in deren etwa acht Stunden dauernder Talkshow ("Teke Tek") die Deutsche Schule sehr schlecht aussah. Dass viele unserer Absolventen in einflussreichen Stellungen sitzen, hat offenbar dazu geführt, dass der Talkshow-Moderator Fatih Altaylı in der "Hürriyet" vom 26. Januar einen überraschenden Rückzug antreten musste. Dort sagt er nämlich in einem Artikel: "Das Alman Lisesi, das zweifelsohne eine der Schulen in der Türkei ist, die die beste Erziehung vermitteln, ist unerwartet im Zusammenhang mit Selbstmorden und Satanisten auf die Tagesordnung gekommen ... Wir wissen, dass diese Probleme nicht die Probleme des Alman Lisesi allein sind. An jeder Schu le gibt es ähnliche Probleme ... Immer wenn die Probleme von Jugendlichen, die sich im Bildungsalter befinden, auf die Tagesordnung kommen, dürfen die Lehrer vom Alman Lisesi stolz sein, weil sie bei der Suche nach Lösungen ganz vorn sind." An einem der folgenden Tage gab es dann noch mal eine "Teke Tek" - Mammutsendung, in der aber hauptsächlich Güneş Hanım, unsere türkische Schulleiterin, geredet hat; damit war die Sache vom Tisch.
Auch die Bildungsbehörde musste natürlich irgendwie reagieren. Sie - immerhin bei der Größe Istanbuls etwa vergleichbar mit dem Kultusministerium eines mittleren Bundeslandes - lud die Direktoren der Auslandsschulen ein und teilte ihnen mit, dass sie, um weitere Selbstmordfälle zu verhindern, ihre nationalen Flaggen einholen, auf die Einhaltung der Schuluniformregeln achten und verdächtigen Schülern tief in die Augen schauen sollten.
Die Schuldirektoren selbst weisen in einer gemeinsamen Stellungnahme darauf hin, dass Selbstmorde in der Türkei öfter vorkommen und "alle Klassen, alle Altersstufen, beide Geschlechter, die Städte, das Land, getrennt lebende Familien, vereinte Familien und Privatschulen und staatliche Schulen betreffen".
Sie gehen auf den Satanismus gar nicht ein. Und ich denke sie haben Recht. Der Satanismus hat die Selbstmordsituation in der Türkei nicht verändert. Er ist allenfalls eine Mode zur Begründung eines Selbstmords, aber nicht der Grund. Solche modischen Bewegungen sind in der Regel nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wenn man sich die Situation von Schüler/inne/n der Sek II - Schulen einmal ansieht, findet man genügend Gründe dafür, dass sie manchmal das Gefühl haben, in einer aussichtslosen Situation zu sein.
In der Türkei bildet das alteingesessene reiche Bürgertum, das ohne weiteres in der Lage wäre, die insgesamt etwa fünfund-zwanzigtausend Euro Schulgeld für den Besuch unserer Schule und die zusätzlichen Kosten für Kleidung, Lernmaterial etc. sowie die ebenfalls erheblichen Mittel für die private Vorbereitung auf die obligatorische Universitätszugangsprüfung ÖSS aufzubringen, nur eine dünne Schicht. In vielen Familien sind daher beide Eltern berufstätig und beschränken sich auf ein Kind. Wegen der instabilen wirtschaftlichen Situation des Landes sind Unternehmen und Arbeitsplätze und damit Existenz und Einkommen dieser Familien häufig bedroht. Die Folgen der Wirtschaftskrise im vorigen Jahr zum Beispiel haben wir in der Schule sehr deutlich gespürt. All diese Faktoren können innerhalb der Familien zu Spannungen führen. Und ein Kind, für das die Eltern so viele Opfer bringen, ist sicher unter erheblichem Erfolgsdruck.
Ein weiterer Grund dafür, dass Kinder überfordert sein können, ist das türkische Schulsystem. Jugendliche, die nach den acht Pflichtschuljahren eine weiterführende Schule besuchen wollen, müssen eine allgemeine staatliche Prüfung absolvieren, wobei sie Wunschschulen angeben. Nach der Häufigkeit der Anwahlen werden die Schulen dann in eine Reihenfolge gebracht und die Schüler werden den Schulen ihrer Leistung entsprechend zugewiesen. Wenn die Deutsche Schule also an erster Stelle steht, was nicht selten der Fall ist, und wir 120 Schüler angefordert haben, bekommen wir die 120 besten von denen, die die Deutsche Schule als erste auf ihrem Wunschzettel angegeben haben.
Viele von diesen Schülern und deren Eltern wissen aber nichts über die deutsche Schule außer, dass sie sehr gut sein soll. Wenn sie dann zu uns kommen und erfahren, dass die Unterrichtssprache deutsch ist, bekommen sie ihren ersten Schock. Die viel größere Belastung aber ist die ÖSS, deren Vorbereitung in privaten Repetitorien zwei Jahre dauert. Sie läuft parallel zu unserer zweijährigen Oberstufe und findet hauptsächlich an den Wochenende und in den Ferien statt. Die Schüler haben also zwei Jahre lang so gut wie keine Freizeit, und viele sind durch die Doppelbelastung schlicht überfordert. Wenn ein Schüler darüber hinaus auch noch eine Karriere im Tennis-, Volleyball- oder Rudersport machen soll oder will, gibt es auch schon mal einen Zusammenbruch.
Aus den genannten Gründen beschäftigt unsere Schule zwei hauptamtliche Psychologen. Trotzdem gibt es in vielen unserer Klassen Kinder, die in privater psychischer oder gar psychiatrischer Behandlung sind. Dies gilt auch für eine Schülerin, die bei uns Selbstmord begangen hat. Sie war nach einem Zusammenbruch mehrere Monate lang nicht zur Schule gekommen, und die Schulleitung hatte große Bedenken gehabt, sie wieder aufzunehmen.
Eltern sind für die Probleme ihrer Kinder nicht immer offen, weil sie ihnen gegenüber fest umrissene Erwartungshaltungen haben und weil sie unsere Schule mit türkischen Maßstäben messen. Sie gehen häufig davon aus, dass sie das Abitur für das Schulgeld (als Ratenzahlung) quasi kaufen, und glauben für einen so hohen Preis erwarten zu dürfen, dass wir es ihren Kindern recht angenehm und leicht machen. Da wir uns aber an die deutschen Abiturrichtlinien halten, glauben manche Eltern, dass wir sie um ihr Geld betrügen, die türkischen Sitten und Gebräuche nicht genügend beachten und so ihre Kinder quasi in den Tod treiben. In einem anonymen Elternbrief zur Zeit der Kampagne gegen unsere Schule hieß es: "Den deutschen Lehrern muss man so schnell wie möglich Informationen über die türkischen Bräuche und Sitten geben und sie über die Freundschaft, über die Freude und über die Familienwärme belehre n, um in Einklang mit der Gesellschaft zu sein."
Es gibt noch eine ganz andere Gruppe von Leuten in der türkischen Gesellschaft, die Interesse daran haben könnte, die Angst vorm Satanismus zu nutzen, um das Ansehen der Deutschen Schule zu schmälern. Über ihre Aktivitäten berichtete der Spiegel am 13. 3. 2002: "Ein Dozent der staatsnahen Ankara-Universität hatte im vergangenen Jahr mit der unbewiesenen These Aufsehen erregt, deutsche Journalisten, Mitarbeiter des Goethe-Instituts und der deutschen politischen Stiftungen in der Türkei arbeiteten dem Bundesnachrichtendienst zu. Inzwischen erhielt auch das deutsche Orient-Institut in Istanbul Besuch von der Polizei. Das ungewöhnlich scharfe Vorgehen gegen die angesehenen Institute gilt als Warnsignal der Europagegner in Armee, Justiz und Geheimdienst . . ." Dr. Necip Hablemitoğlu von Institut für Geschichte der Türkischen Revolution an der Universitä t in Ankara, dessen Bericht bei seinem Erscheinen großes Aufsehen in der deutschen Community erregte und der keinerlei Indizien für die behauptete Spionagetätigkeit enthält, also eher als Verleumdungsversuch anzusehen ist, meint, dass die in der Türkei arbeitenden Deutschen "mit Projekten in den Bereichen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft", "in der Lokalpresse, in der kommunalen Verwaltung, an Universitäten, in Gewerkschaften, in öffentlichen Institutionen und Einrichtungen, kurz gesagt in Einrichtungen von strategischer Bedeutung" Leute heranziehen, "die gegen die Türkei, gegen die Prinzipien und Reformen von Atatürk sowie gegen sämtliche Werte der Republik eintreten ..."
Wenn man hinter der Präposition 'gegen' jeweils: 'die osmanischen Traditionen innerhalb' einsetzt, und so ist es gemeint, dann hat er vollkommen Recht, und es ist gut zu verstehen, dass er in Panik gerät und in seiner Hilflosigkeit den genannten Deutschen hier versucht irgendetwas Strafbares anzuhängen. Wir Deutschen stellen immerhin die stärkste Bindung der Türkei an Europa dar und wenn mit unserer Hilfe der Anschluss der Türkei an Europas eines Tages gelingen sollte, dann wird sich dieses Land gewaltig verändert haben.
Die Türkei ist zwar das bei weitem modernste Land im Nahen und Mittleren Osten und wir Europäer leben hier in Istanbul nicht anders als in Paris oder Berlin (oder auch in dem etwa 20 mal kleineren Bremen), aber im politischen Sektor ist noch vieles, was nach außen hin Institutionen der bürgerlichen Demokratie ähnelt, bloße Fassade, hinter der osmanische oder wenigstens vordemokratische Strukturen zu Hause sind. Auch die herrschenden politischen Ideologien enthalten wenig oder kein demokratisches Gedankengut. Eine Institution wie die deutsche Schule trägt natürlich auch ohne es bewusst zu wollen indirekt dazu bei, diesen Zustand aufzubrechen. Und das muss den Konservativen, die die heutigen Verhältnisse bewahren oder gar zurückschrauben wollen als "Aushöhlung dieses Landes von innen her" (a. a. O.) erscheinen.
Historisch gesehen ist die türkische Gesellschaft eine solche im Übergang von einem autoritär geführten Schwellenland in eine demokratische Wettbewerbsgesellschaft. Das spiegelt sich in den widersprüchlichen Tendenzen der Politik dieses Landes, die Ministerpräsident Ecevit versucht zu einer einheitlichen Politik zu bündeln. Das geht natürlich nur mit Hilfe von Kompromissen. Und so stellt sich die türkische Politik im Moment so dar, wie wir das von Ländern in ähnlicher Situation kennen: Öffnung nach außen und Abschottung nach innern.
Von dieser Abschottung ist die deutsche Schule Istanbul deshalb besonders betroffen, weil das Bildungsministerium weitgehend in der Hand konservativer Kräfte ist, nämlich der orthodoxen Sunniten und der rechtsradikalen MHP (während Ecevit mit seiner DSP zu den linken Nationalisten zählt). Seit Wochen wird zum Beispiel ein Gesetz diskutiert, das den mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht an den privaten bilingualen Schulen der Türkei in nichttürkischer Sprache verbieten soll. Ferner soll das Vorbereitungsjahr, in dem die Schüler in den Auslandsschulen auf die Unterrichtssprache vorbereitet werden, abgeschafft werden. Ein teuflischer Plan, bei dessen Verwirklichung auf ausländische Lehrer weitgehend verzichtet werden könnte und ausländische Schulen wie unsere schließen müssten, da sie Abschlü sse wie das Abitur nicht mehr anbieten könnten.
Mit Satanismus hat das alles nichts zu tun. Doch er ist sicher ein willkommenes Hilfsmittel für die, die einen Namen für ihre Verzweiflung suchen, oder für solche, die glauben den Untergang des Morgenlandes mit allen Mitteln verhindern zu müssen.
Istanbul, Juni 2002
Der letzte Brief liegt nun schon ein Jahr zurück und der Aufforderung einiger von euch, etwas über unsere Reise durch den Iran zu schreiben, bin ich nicht nachgekommen.
Als Grund für diese Nachlässigkeit könnte ich einen Bandscheibenvorfall als Folge vielen Autofahrens anführen. Mit unserer dritten und letzen großen Türkeirundreise fingen die Schwierigkeiten an. Ich konnte monatelang nicht oder nur mit Schwierigkeiten sitzen oder auf der Seite liegen, beides Dinge, die unser Leben praktisch und psychisch ungeheuer bereichern, wie ich jetzt weiß. Eine Operation wollte ich aber nach Möglichkeit vermeiden. Im Dezember schien zwar alles überstanden, aber ich musste mit Hochdruck an der Schülerzeitung arbeiten, die neben vielen anderen Sachen liegen geblieben war etc. etc.
Auch die Bandscheibenangelegenheit war nicht wirklich beendet und hat schließlich dazu geführt, dass ich jetzt sehr viel Zeit habe. Die Operation im hiesigen Amerikanischen Krankenhaus war sehr gut, nach drei Tagen konnte ich wieder nach Hause.
Trotz zu erwartender günstigerer Umstände soll dies der letzte Rundbrief zumindest in der alten Form sein, denn unser, oder wenigstens mein Mitteilungsbedürfnis als in geografisches und kulturelles Neuland Vorstoßende(r) hat sich mit dem Heimischwerden in Istanbul und dem östlichen Mittelmeerraum nach und nach verflüchtigt. Außerdem haben sich unser Lebensstil und -rhythmus sowie unsere Informationspraxis immer mehr dem angeglichen, was wir aus Deutschland gewohnt waren, vielleicht mit einem kleinen orientalischen Akzent. Das heißt wir haben hier unsere Doppelkopfrunde, unser Stammlokal, die Tagesschau, die deutschen Zeitungen, teilen die Angst der muslimischen Länder vor der Aggressivität der USA und Englands aber wahrscheinlich etwas mehr als ein Mitteleuropäer.
Das heißt natürlich nicht, dass wir die Andersartigkeit unseres Umfeldes nicht mehr wahrnehmen und sich unsere Entdeckerlust nur noch auf neue Filme oder die Eröffnung von Jazzlokalen bezieht.
Neulich traf ich zum Beispiel unser Vermieterehepaar auf dem Schiff nach Burgaz, einer Prinzeninsel. Sie ist Deutsche, lebt seit Jahrzehnten hier und forderte mich auf, mich neben sie zu setzen. Es war der einzige freie Platz in dieser Abteilung des Schiffes und viele Männer standen; aber keiner von ihnen hatte sich hingesetzt, weil auf der anderen Seite auch eine Frau saß. Die Beobachtung solch landesspezifischer Verhaltensweisen würde ihr nach 35 Jahren immer noch Vergnügen machen, meinte sie, als ich saß.
So geht es uns auch. Das heißt, wir begegnen unserer Umgebung schon noch mit Interesse und Beobachtungsfreude, aber auf einer Ebene, die sich für Berichte in die „Heimat“ weniger eignet.
Ein anderes Beispiel: Vor drei Tagen war unsere Putzfrau hier, die wir schon seit sechs Jahren haben und zu der sich ein sehr vertrautes Verhältnis entwickelt hat. Da ich krank und im Hause war, habe ich gekocht. Gaby kam nicht zum Essen, sie hatte eine Konferenz. Ich konnte aber wegen einer Empfindlichkeit meiner Bandscheibenumgebung an diesem Tag nicht sitzen, musste beim Essen also stehen bleiben. Nun ist es für eine fromme Frau aus der Unterschicht an sich schon ein Problem, mit einem fremden Mann allein in der Wohnung oder gar einem Zimmer zu sein. Und wenn der „Herr“ mit am Tisch sitzt, isst man als Frau außerdem wenig, um dem Mann zu zeigen, dass die Nahrung in erster Linie für ihn, den Ernährer (in diesen Kreisen aber häufig arbeitslos und ein von der Frau Ernährter), ist. Nun stand ich auch noch. Obwohl ich an diesem Tag – türkisch – geredet habe wie ein Buch, um die Situation zu entspannen, ist sie so gut wie hungrig wieder aufgestanden. Da war nichts zu machen.
Vielleicht noch eine letzte Erfahrung aus jüngster Zeit: Mein Aufenthalt im Krankenhaus. Zunächst fällt an türkischen Krankenhäusern auf, dass der geschäftliche Charakter dieses Dienstleistungsbetriebes offener ist, als ich es aus Deutschland kenne. Am Anfang geht man zur Kasse, hinterlegt seine Kreditkartennummer und leistet eine Abschlagszahlung. Bei der Entlassung begleicht man die Rechnung. Auch der Aufenthalt selbst gestaltet sich anders als in Deutschland. In jedem Zimmer gibt es ein Gästebett für Angehörige, die über Nacht bleiben oder den Kranken überhaupt intensiver betreuen wollen. Feste Besuchszeiten gibt es nicht. Die Ernährung gleicht der in einem Hotel. Man bestellt jeweils á la carte die Mahlzeiten für sich und den Besuch. Auch Angehörige oder Freunde könnten einen verpflegen. Als besonders angenehm habe ich empfunden, dass kein morgendlicher Dienstplan existierte, kein Wecken um sieben etc.. Frühstück, Visite und Putzdienst kommen zur normalen Wachzeit und ohne jedes herrische Getue.
Überrascht hat mich, dass der türkische Teil des Kollegiums, mit dem wir deutschen Kollegen schon wegen der Sprachbarriere nicht soviel zu tun haben, Blumen geschickt und die Elternsprecherin der türkischen Klasse, in der ich Deutsch unterrichte, mich besucht hat. In der türkischen Gesellschaft ist die Verbindung von Zuwendung und Konvention überhaupt noch viel enger als in Deutschland, was wir nicht durchweg als negativ empfinden.
Wenn ich allein war, habe ich die Tür zum Krankenzimmer zugemacht, wie das in Deutschland üblich ist, während die anderen Krankenzimmer eigentlich immer offen standen, schon des vielen Besuchs wegen. Von einem türkischen Bekannten, der zur gleichen Zeit im Krankenhaus war, hörte ich später, dass der einsame Ausländer hinter der geschlossenen Tür viel Mitleid erregt habe und häufig Gesprächsgegenstand gewesen sei.
Zum Schluss noch eine Illustration zu einer grundlegenden Erkenntnis, die wir hier im Laufe der Zeit gewonnen haben: Die Dinge sind oft nicht das, als was sie erscheinen. Oder: Es wird nie so heiß gegessen, wie gekocht wird. Oder ganz prosaisch: In der Türkei gibt es für alle Probleme letztlich fast immer eine freundliche Lösung.
Vor ein paar Wochen bat uns unser Vermieter auszuziehen, weil er meint, dass das Haus nach Erdbeben, U-Bahnbau und wegen des bevorstehenden Abrisses des Nachbarhauses nicht mehr sicher sei. Es könne kippen, einstürzen, er jedenfalls könne die Verantwortung nicht übernehmen. Wir haben dann mehrere Wochen lang nach einer neuen Wohnung gesucht, was nicht einfach war, da die Mieten seit dem Erdbeben sehr stark gestiegen sind. (Wir sind von einer Mieterhöhung wahrscheinlich verschont geblieben, weil die Wohnqualität wegen des U-Bahnbaus und der daraus folgenden Stabilisierungs- und Wiederaufbautätigkeiten um uns herum jahrelang beeinträchtigt war.) Schließlich hatten wir eine neue Wohnung etwa 600 Meter Luftlinie von hier gefunden, der allerdings dieser wunderbare Panorama-Blick auf Bosporus, Goldenes Horn, Marmarameer, Prinzeninseln sowie zweitausend Jahre Geschichte fehlte. Je näher der Auszugstermin rückte, desto öfter stand Gaby trauernd auf dem Balkon, da haben wir uns noch mal ein Herz gefasst und gefragt, ob wir nicht auf eigenes Risiko (mit Erklärung und Unterschrift) wohnen bleiben könnten, schließlich hätten wir auch die Zeit des Erdbebens überstanden. Daraufhin meinte unser Hausherr, die Besitzer des Nachbarhauses hätten sich zerstritten, so dass mit einem Abriss sobald nicht zu rechnen sei, außerdem scheine die Gefahr doch nicht so groß zu sein wie ursprünglich angenommen. Auch wegen unserer Freudensprünge ist das Haus dann nicht eingestürzt, weil es ja erdbebenstabilisiert ist.
So aufregend und schön ist das Leben in der Türkei. Deswegen bleiben wir noch ein Weilchen.
Istanbul, Juni 2003
Den Blick auf den Bosporus haben wir noch, aber ansonsten ist unsere Behausung sehr unwohnlich geworden: Die Teppiche sind eingerollt, auf freien Flächen haben wir verwandte Gegenstände zusammengestellt, manche Räume ähneln Schlachtfeldern. In drei Tagen kommt nämlich der Möbelwagen.
Während Gaby seit Stunden in einem beängstigenden Aufbruchsfuror ausräumt, sortiert, wegwirft, habe ich mich hinter dem kleinen Trennregal im Wohnzimmer in Sicherheit gebracht und bilde mir ein, auch etwas Nützliches zu tun, indem ich einen Abschiedsbrief schreibe.
Solche Briefe können immer auch Anlass sein, eine kleine Reflexion einzuschalten, zumal wir in den ersten Jahren hier in Rundbriefen regelmäßig über unsere Erlebnisse und Eindrücke berichtet haben. Andererseits beunruhigen mich Geräusche, die mir Gabys Rastlosigkeit melden, obwohl ich selbst gar nicht weiß, was ich noch tun könnte. So füge ich zur Abrundung unseres neunjährigen Aufenthalts in der Türkei nur ein paar Gedankensplitter ein.
Fragen, die uns gelegentlich gestellt werden und die wir uns in besinnlichen Augenblicken selbst stellen, sind: Fällt Euch der Abschied schwer?, Was hat Euch der Aufenthalt in der Türkei gebracht?, Entsprach die Zeit in der Türkei euren Erwartungen?
Was wir genau erwartet haben, weiß ich nicht mehr, aber ganz sicher wollten wir dieses Land intensiv kennen lernen; und das haben wir sicher - durch Reisen, durch das Erlernen der Sprache, durch den täglichen Kontakt mit den Menschen. Vieles, das wir kennen gelernt haben, wird natürlich vergessen oder veraltet; was bleibt, ist wohl eher die emotionale Beziehung zu diesem Land, zu dieser total wuseligen, aufregenden, liebenswerten Stadt, die in Europa nicht ihresgleichen hat, zu den freundlichen Menschen, die den Touristen zwar faule Früchte einpacken oder zu wenig Wechselgeld herausgeben, die aber auch immer einen Tee in Reichweite haben, ungeheuer hilfsbereit sind und von denen ich nie eine fremdenfeindliche Äußerung wahrgenommen habe. Was wir sehr vermissen werden, sind die vielfältige Landschaft, die freundlichen Mittelmeerküsten und vor allem die Sonne. Die hervorragende türkische Küche erwähne ich hier nicht, weil es die in annähernd gleicher Qualität auch in Bremen gibt, wenn man mal absieht von dem immer frischen Fisch und den knackigen Melonen direkt vom Feld.
Was wir so vielleicht nicht erwartet hatten, ist, dass wir wahrscheinlich genauso viel über uns und unser Land gelernt haben wie über die Türkei und die Türken.
Zum Beispiel haben wir manchmal Verhaltensweisen angenommen, die wir von Ausländern in Deutschland kennen. Etwa eine Tendenz zu paranoischem Verhalten. Man unterstellt viel öfter, betrogen oder anders als Einheimische behandelt worden zu sein, als das wirklich der Fall ist. Eine andere Tendenz war, sich doch eher in die deutsche Community hier einzubringen, als zu versuchen, in der türkischen Gesellschaft Fuß zu fassen (was objektiv nicht einfach, wenn nicht gar unmöglich ist). Im Laufe der Jahre kehrten wir auch zu Gewohnheiten zurück, die wir in Deutschland praktiziert hatten, indem wir z. B. wieder anfingen, deutsche und nicht mehr so häufig türkische Zeitungen (vor allem in englischer Sprache), zu lesen, deutsches Fernsehen zu schauen, deutsches Essen zu kochen etc. Um es etwas allgemeiner zu formulieren, wir haben an uns erfahren, dass wir (Deutsche, Mitteleuropäer) uns im Ausland offenbar ganz ähnlich verhalten wie die Ausländer zuhause. Das hatten wir sicher nicht erwartet.
Eine andere interessante Erfahrung war der Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen sowie deren Schulerfahrungen (Zentralabitur) aus anderen Bundesländern. So hat sich nicht nur durch die katastrophalen Pisa-Ergebnisse, sondern auch durch die positiven Erfahrungen der Kollegen mit anderen Schul- und Organisationsformen unser ursprüngliches, eher unkritisches Bild des Bremer Bildungswesens erheblich geändert. Auch werden wir wahrscheinlich nie wieder so viele Menschen aus Schwaben und Sachsen treffen wie hier. Diese beiden Bevölkerungsgruppen scheinen wie in den vergangenen Jahrhunderten immer noch die lebendigsten und weltoffensten deutschen "Stämme" zu sein.
Ich glaube, wir haben auch gelernt, unser Land als Ganzes anders zu sehen. Von außen betrachtet man das eigene Land viel eher im Vergleich zu anderen und bemerkt daher schneller, wenn es gegenüber vergleichbaren Ländern aufholt oder zurückbleibt. Daher ist uns der rasante Abstieg Deutschlands in den vergangenen Jahren (eigentlich schon seit Mitte der achtziger Jahre), die Tatsache, dass sich unsere Verfassung (Verhältniswahlsystem und Föderalismus) wieder mal als Fehlkonstruktion erweist, die in Krisenzeiten notwendige Reformmaßnahmen erschwert bzw. unmöglich macht (Arbeitslosigkeit, Sozialsysteme, Staatsverschuldung, Bildungssystem, Ausländerintegration, Frauenemanzipation) sicher schmerzlicher bewusst geworden als den Daheimgebliebenen.
Als Deutschlehrer musste ich mich immer wieder fragen, was an der deutschen Literatur so wertvoll ist, dass ich es verantworten kann, sie "Ausländern", hier Türken, im Unterricht anzubieten. Dabei ist mir bewusst geworden, dass es eigentlich nur zwei kurze Phasen, nämlich die Wende vom 18. zum 19. Jh. und die erste Hälfte des 20. Jhs., gibt, in denen deutsche Literatur Weltliteratur war, dass hingegen die deutsche Philosophie und die Psychoanalyse, ohne die auch die Literatur oft nicht zu verstehen ist, zwei Jahrhunderte lang zu den Grundlagen europäischen Denkens gehört haben. Angesichts der europäischen Integration wäre es daher vielleicht auch für den deutschen Oberstufenliteraturunterricht sinnvoll, Philosophie, Psychoanalyse und außerdeutsche Literatur stärker einzubeziehen.
Unter Lehrern, die ins Ausland gehen, kursiert die Vorstellung, dass man unter der Anstrengung, den Auslandsalltag zu bewältigen, schneller altere als in Deutschland. Lehrern, die in den Tropen unterrichten, werden ihre Dienstjahre sogar doppelt angerechnet. Aber die Erfahrung, die wir gemacht haben, ist eher, dass man der Lehreraltersmüdigkeit leichter entgeht, wenn man sich neuen Herausforderungen stellt; und das ist der Auslandsdienst, ob in der Schule oder in einem anderen Bereich, sicher, weil die neue Umgebung eine erhebliche Anpassungsleistung erfordert.
Der Abschied von dieser Stadt fällt uns nicht so schwer, wie man denken könnte, u. a. weil wir nach neun Jahren wieder eine Herausforderung brauchen, die allerdings in Bremen nur partiell gegeben ist, zumal wir in eine, wie uns scheint, sehr liebenswerte Umgebung mit lauter liebenswürdigen Menschen ziehen. Außerdem werden wir ganz in der Nähe des Flughafens wohnen.
Istanbul, Juni 2006
Foto: Jan Heinsohn
Wer sich umfassend und zuverlässig über die Türkei informieren will, dem empfehle ich das Buch "Wohin geht die türkische Gesellschaft" des FAZ-Korrespondenten Rainer Hermann. Über aktuelle Ereignisse und Entwicklungen berichtet zuverlässig Kai Strittmatter in der Süddeutschen Zeitung.
Bremen, Juni 2007
