Titel: Abschied

 

"Wie geht es Dir?"

Seit einiger Zeit fragen die Menschen in meiner Umgebung mich häufiger, wie es mir geht, worauf ich meistens wahrheitsgemäß mit einem modifizierten "gut" antworte. Manche fragen aber auch sehr indirekt oder gar nicht, weil sie, zumal wenn seit der letzten Begegnung genügend Zeit für schlechte Nachrichten verstrichen ist, fürchten, einen Ausbruch des Schmerzes auszulösen, dem sie sich nicht gewachsen fühlen. - Sie brauchen keine Angst zu haben, wenigstens noch nicht, denn, wie ich zu meiner eigenen Überraschung festgestellt habe, verfüge ich über Mechanismen, den Schmerz sozialverträglich zu handhaben.
Der Grund des Interesses an meinem Ergehen ist der Tumor, der im Juni vergangenen Jahres in meiner Bauchspeicheldrüse entdeckt wurde. Er hatte seinerzeit bereits Metastasen in der Leber platziert, so dass es keinen Sinn mehr gehabt hätte, ihn zu entfernen. (Oder doch, wenn man wie Steve Jobs eine neue Leber in Aussicht gehabt hätte?) Diese Tumore, ich stelle sie mir als schwarze kleine Ungeheuer vor, sind clever. Sie reagieren auf Medikamente relativ kurzfristig mit Resistenz oder Mutation. Und diese Cleverness, so sympathisch sie einem sein könnte, reduziert die durchschnittliche Überlebensdauer auf vierzehn bis zwanzig Monate, auch wenn man sich der gängigen chemotherapeutischen Behandlung unterwirft. Ich bin mit meinem Tumor jetzt im achten Monat. Eine Zeit lang ist er geschrumpft. Seit Anfang des Jahres wächst er wieder. Heute Morgen bekam ich die Nachricht, dass er, gemessen durch den Tumormarker, etwa wieder ein Fünftel seiner Herbstgröße erreicht hat.
Seitdem ich nun häufiger mein mir selbst nicht ganz geheures Verhalten beim Empfang solcher Hiobsbotschaften beobachten konnte, vermute ich, dass es sich um Überreste ganz früher Sozialisation handeln muss. Denn es fallen mir Situationen aus der Vergangenheit ein, in denen ich ähnlich reagiert, Gefahrensituationen (zum Beispiel ein brutaler Polizeieinsatz bei Demonstrationen in den achtziger Jahren), Trauer "weggelacht" oder aber durch besondere Aktivitäten kaschiert habe. Es kann sein, dass dies ein lebensnotwendiger Reflex aus meiner Kinderzeit ist, die ich als Flüchtlingskind aus einer Großstadt kommend in dem mir völlig fremden Milieu eines kleinen Dorfs verbringen musste, u. z. unter den Augen eines Vaters, der schließlich doch noch aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war und sich statt des verwöhnten, von einer Frau sozialisierten Großstadtkindes einen strammen Hitlerjungen wünschte. Das war für mich eine schwere, schmerzhafte Zeit. Aber außerhalb wie innerhalb der Familie galt: Ein Indianer zeigt keinen Schmerz.
Nun denn, zumindest gegen Ende seines Lebens sollte man sich mit sich selbst versöhnen. Und wenn die beschriebenen, seit langem dysfunktional gewordenen Reaktionsweisen heute, bewusst und gezähmt, in die Aktivität eines Tagebuchschreibens mit etwas humorig-ironischer Distanz resultieren, soll es mir recht sein.
Denn der, der geht, will doch auch bleiben. Und wenn es sich um einen Intellektuellen handelt, als den ich mich immer verstanden habe, möglichst in Form von Schriftlichem. Ein Buchprojekt, das ich nach der Pensionierung vor gut drei Jahren ins Auge gefasst hatte, ließ sich so schnell nicht realisieren, weil ich den Lesehunger, der sich während eines Lehrerlebens aufbaut, und die Verwandlung, die die Lektüre in uns bewirkt, unterschätzt hatte. Aber ein Tagebuch als Instrument der Krankheitsbewältigung und nachgereichte Antwort auf die Frage: Wie geht es Dir?, das lässt sich vielleicht noch machen.
Seit Beginn des Jahres und besonders seit der neuen Wachstumsphase meines schwarzen Teufels habe ich gelegentlich Notizen gemacht. In dieser Zeit verging die Hoffnung auf ein paar Wochen oder gar Monate ohne Zytostase, und es bestätigte sich mir eine Selbsterkenntnis, die nicht immer froh macht, nämlich: ein ganz normaler Fall zu sein - also vierzehn bis zwanzig Monate ÜLZ (Überlebenszeit). Aus diesem Grunde beginne ich die Aufzeichnungen nicht mit dem heutigen Datum, sondern trage die Notierungen der vergangenen Wochen nach.

Bremen, 17. Februar 2010

4. Januar (Montag)

Der Montag ist seit Anfang August mein Krankenhaustag. Da fahre ich morgens zwischen 7 und 8 h mit der Straßenbahn einmal quer durch die Stadt, nämlich von der Neustadt im Südwesten nach Osterholz im Osten. Kurz nachdem ich mich in der Tagesklinik angemeldet habe, gibt es ein kurzes Gespräch mit dem diensthabendenden Arzt (Wie geht es Ihnen heute? Beschwerden? Ist das Gewicht konstant? etc.), die Applikation einer Kanüle und die Blutabnahme zur Überprüfung der Menge der Leukozyten, der Trombozyten und des Hämoglobins. Elemente, bei denen das Medikament außer dem Tumor und den Metastasen die Zellteilung verlangsamt; ein Kollateralschaden sozusagen. Wenn die Werte hinreichend sind, wird im Krankenhaus Mitte das Medikament bestellt, das gegen 10.30 h eintrifft, wenn der Fahrer sich nicht verfahren hat oder im Fahrstuhl stecken geblieben ist.
Zwischendurch mache ich, wenn das Wetter nicht zu unangenehm ist, meinen täglichen Spaziergang (strammes Gehen zur Aktivierung der kreislaufrelevanten Organe und der Ermunterung der Lebensgeister), gehe ins Krankenhauscafé und lese Zeitung oder ich bleibe in dem mir zugewiesenen Krankenzimmer und halte mich dort bereit für die Visite. Bei dieser Gelegenheit treffe ich meistens andere Patienten und erfahre viel über andere Möglichkeiten den Krebs zu erleben und mit ihm umzugehen. Manche Patienten machen es so wie ich, sie leben weiter wie bisher. Zum Beispiel ein Tischlermeister aus Achim, der seinen Enkeln Kinderzimmer baut. Andere machen die Krankheit zum Projekt ihres restlichen Lebens. Das heißt, es sind wohl eher ihre Frauen, die den Abschiedsschmerz in dies Lebensrettungswerk einbringen. Die Männer sehen dabei nicht immer gut aus. Lebensrettung durch die Ehefrau und Entmündigung liegen offenbar eng beieinander.
Die Infusion, die ich dreimal hintereinander montags bekomme - der vierte Montag ist frei -, besteht aus einem Liter Kochsalzlösung und 174 Milligramm Gemcitabin, die kalt in mich hinein fließen und meine Innenheizung soweit außer Kraft setzen, dass das Schauder-, Schüttel- und Frost-Gefühl erst nachlässt, wenn ich drei Stunden später in meinem warmen Bett liege.
Alle paar Wochen wird eine Kontrolluntersuchung gemacht, sie setzt sich zusammen aus der Sonografie (Ultraschalluntersuchung) des Bauchraumes und dem Einsatz von Tumormarkern. Ich befinde mich jetzt am Ende des 6. Zyklus', habe heute also meine 18. Infusion bekommen. An dieser Stelle kann, wenn die Behandlung erfolgreich war - und es geht mir ausgesprochen gut -, die Chemotherapie unterbrochen werden in der Hoffnung, dass der Tumor sich für eine Weile auch ohne Eingriff ruhig verhält. Deshalb ist für die nächste Woche eine Kontrolle angesetzt.
Die zu erwartende Unterbrechung lässt nicht nur mein Herz hüpfen, weil die montägliche Behandlung, obwohl eigentlich harmlos, doch auch schrecklich ist, sondern hat auch Gabys - meine Frau - und meine Zukunftsperspektive wieder beflügelt: Ostern nach Istanbul, im Sommer frei und ungebunden mit dem Auto nach Italien etc. Das nahe Ende ist dadurch in die Ferne gerückt - auch für andere. Und manchmal denke ich: Gut, dass ich einen Schwerbehindertenausweis ("unbefristet") habe. Denn wer sollte mir jetzt meine Krankheit noch glauben können.

5. Januar

Weihnachten haben Gaby und ich mit der Familie gefeiert, über Silvester waren wir mit Freunden in Budapest, so dass meine Beschäftigung mit Schiller, die ich Anfang Dezember mit den einschlägigen Veröffentlichungen von Safranski (Schiller; Goethe und Schiller) und Müller-Seidel (Schiller und die Politik) begonnen hatte, längere Zeit unterbrochen war. Heute habe ich mir schon mal die Schillerstudien von Gerhard Kaiser (Von Arkadien nach Elysium) zurechtgelegt, die mir nach der Lektüre eines Aufsatzes von ihm an anderer Stelle als sehr vielversprechend erscheinen.
Was ich mir verspreche? Ich möchte endlich die Kunsttheorie unserer Klassiker soweit verstehen, dass ich den entsprechenden Text auf meiner Literatur-Webseite, den ich noch als Lehrer und mit wenig Zeit aus der Sekundärliteratur zusammengeklaubt habe und der schlecht ist, eines Tages durch selbst Erkanntes ersetzen kann.
Dazu bräuchte ich wahrscheinlich gar nicht soviel Literatur. Aber da ich keinen Termin habe, außer dem letzten, und auch nicht unbedingt eine Webseite betreiben muss, überlasse ich mich gern den während des Arbeitslebens nicht befriedigten Lese- und Beschäftigungswünschen, die sich jetzt unwillkürlich melden. Die "Braut von Messina" zum Beispiel. Warum war sie Thomas Mann so wichtig? Das Thema Geschwisterliebe hat ihn offenbar angesprochen. Da bietet es sich an, nach dem Drama selbst auch schnell das "Wälsungenblut" noch einmal zu lesen. Den "Erwählten" habe ich noch präsent. Oder: "Die Jungfrau von Orleans". Ich wollte schon immer mal wissen, was Schiller an diesem Stoff interessiert hat. Anschließend habe ich dann gleich noch das "Käthchen von Heilbronn" und "Penthesilea" von Kleist wiedergelesen, weil diese Frauen-Dramen sich thematisch ähneln und ich Kleist eigentlich lieber lese als Schiller.
So ungefähr geht es mir jetzt meistens, wenn ich mir eine bestimmte Arbeit vornehme, und so die Götter wollen, erledige ich sie auch irgendwann.
Apropos Götter. Was Religion betrifft, finde ich Schillers Verhalten - er hat sich schon sehr früh vom Christentum ab und später dem antiken Polytheismus zugewandt, ohne gläubig zu sein - sehr gut nachvollziehbar, sogar vorbildlich. Denn heute, wo wir dank der Globalisierung Zugang zu allen Religionen der Welt haben, könnten wir uns hinsichtlich der Wahl der Religion viel freier verhalten, als die meisten Menschen es tun, zumal die monotheistischen Religionen sich gerade wieder einmal aufmachen, die Welt in Trümmer zu legen. Nicht nur die Juden mit ihrem Griff nach Palästina, auch die Moslems mit ihrer Angst vor westlicher Bevormundung und Überfremdung und nicht zuletzt die aggressiven amerikanischen Christen halten die Welt doch in einem latenten Kriegszustand. Wären der friedliche Buddhismus oder auch die freundlichen Götter Griechenlands der Welt nicht viel bekömmlicher? Den patriarchalisch-aggressiven ("Du sollst keine anderen Götter haben neben mir") und einschüchternden (Erbsünde) monotheistischen Religionen ist in den modernen europäisch-amerikanischen Gesellschaften ohnehin die sozio-ökonomische Basis, nämlich die Agrar- oder Industriegesellschaft mit ökonomisch begründbarer Dominanz des Mannes, abhanden gekommen.

10. Januar

Gestern Abend fand der alljährliche Ski-Ball des Bremer Alpenvereins im Parkhotel statt, an dem wir seit drei Jahren mit unserer Tanzsportgruppe teilnehmen. In einem sehr unterhaltsamen kleinen Kreis haben Gaby und ich vier Stunden lang fast ununterbrochen getanzt. Ich war fit wie in alten Zeiten.
Während eines Walzers in der Anfangsphase schoss mir plötzlich das Wasser in die Augen. Ein Gefühl von Glück, Schmerz und Sehnsucht, entfacht durch die wiedergewonnene Tanzseligkeit, ergriff mich so heftig, dass ich Schwierigkeiten hatte, den Blick wieder frei zu bekommen, bevor die letzte Note verklungen war. Ein ähnliches Erlebnis habe ich im Herbst schon einmal gehabt. Ich lag nach der Infusion am Vormittag in eine Decke gewickelt mit Grippe-Symptomen auf der Couch und hörte, weil ich zu Aktivitäten nicht in der Lage war, die Streichquartette Opus 18 von Beethoven, die mir sehr vertraut sind. Plöztlich öffneten sich unwillkürlich die Schleusen, und ich konnte den Tränenfluss nicht einmal stoppen, als ein Freund anrief, den ich gern gesprochen hätte. Seitdem bin ich mit Musik sehr vorsichtig.
Von mir als Subjekt aus betrachtet sind solche erhebenden Emotionen vielleicht etwas Ähnliches wie das, was Eichendorff meint, wenn seinem lyrischen Ich ist, als hätte der Himmel die Erde still geküsst - die Musik ist ja angeblich eine Himmelsmacht. Aus der Distanz gesehen sind solche Gefühle aber wohl nichts anderes als die Erlösungssehnsucht, die uns in Krisensituationen ergreift, ein Phänomen, das auf gesellschaftlicher Ebene dazu führt, dass Menschen sich heute verstärkt wieder der Religion zuwenden, ja, das sicher der wesentliche Faktor für die Gründung von Religionen selbst ist, zum Beispiel der jüdischen und der christlichen.

11. Januar (Montag)

Heute fand die Routine-Kontrolluntersuchung nach dem Ende des sechsten Zyklus der Zytostase (Chemotherapie) statt. Während am vergangenen Montag Ärzte und Schwestern den Eindruck vermittelten, dies sei mein vorläufig letzter Aufenthalt in der Tagesklinik, war davon nach der Abbildung der Leber keine Rede mehr: Die Metastasen seien nicht kleiner geworden, die Entwicklung sei der Tendenz nach eher "progredient". Die untersuchende Ärztin drückte ihr Bedauern aus. Die Tumormarker sind noch nicht ausgewertet.

12. Januar

Heute Morgen habe ich den diensthabenden Arzt zwecks Erfragung der Ergebnisse des Tumormarkereinsatzes angerufen. Auch dieses Ergebnis ist negativ, aber ebenfalls nicht signifikant. Meinem Interpretationsvorschlag, dass die Indizien darauf hindeuten, dass der Tumor den Kampf gegen das bis jetzt verabreichte Medikament Gemcitabin gewonnen habe, will er noch nicht folgen. Es könne sich auch um eine Ungenauigkeit bei der Beobachtung oder eine Schwankung handeln. Man bleibe bei Gemcitabin und verbinde diese Medikation mit engerer Kontrolle.
Mich haben diese Neuigkeiten dennoch niedergeschlagen. Ich muss mit Wehmut an die fast unbeschwerten letzten Wochen denken und stelle mir meine Krankheitsgeschichte entsprechend der augenblicklichen Beschäftigung mit Literatur analog zu einem Drama vor. Da erscheinen mir die vergangenen drei Tage als die Peripetie in meinem Krankheitsdrama: Der Ball im Parkhotel als der Höhepunkt des Erfolgs in der Bekämpfung des Krebses und die Kontrolluntersuchung als der Umschlag in den Niedergang.

15. Januar

Wir sind bei Freunden zum Essen eingeladen. Auch ein Arzt ist dabei, der nach meinem Ergehen fragt. Als ich ihm von der jüngsten Untersuchung berichte und hinzufüge, dass ich seit dem vergangenen Wochenende das Gefühl hätte, die Symptome des Herbstes meldeten sich wieder, wie Kneifen im Bauchraum, Völlegefühl, weniger Appetit, meint er, verständig und beruhigend, das seien sicher Einbildungen. So geringe Veränderungen wie die bei der Kontrolluntersuchung beobachteten könnten solche Wirklungen nicht haben. Aber die Angst könne sich verselbständigen und die befürchteten Symptome produzieren.

18. Januar (Montag)

Erste Zytostase des 7. Zyklus'. Es fühlt sich wieder alles normal an. Vielleicht habe ich mit meinen Untergangsphantasien doch übertrieben.

25. Januar (Montag)

Zweite Zytostase des 7. Zyklus'. Alles wie gehabt. Die von mir beobachteten Symptome scheinen fast ganz verschwunden zu sein. Auch keine Gewichtsabnahme, das untrüglichste Zeichen für erneute Aktivität meines Speicheldrüsenunholds. In der vergangenen Woche sprach ich mit H., Freund und Arzt. Auch er fand die Kontrollergebnisse vom 11. Januar unerheblich.

28. Januar

Alle paar Wochen donnerstags treffe ich mich gegen Abend mit K. und J. zu einem lockeren Gedankenaustausch über Fragen, die uns gerade bewegen oder überhaupt wichtig sind. J. hatte für diesmal als Stichwort "Krisen" angeboten. Wir sprachen kurz von Krankheiten, aber vor allem über ökonomische, gesellschaftliche, politische Krisen, die zur Zeit die Welt und unser Land betreffen. Ich bin in diesem Kreis der einzige Historiker. So fiel mir unwillkürlich die Aufgabe zu, den Dingen durch rückblickendes und vergleichendes Relativieren die Schärfe zu nehmen.
Etwas merkwürdig Ambivalentes hat die Geschichtswissenschaft. Der Gegenwart nimmt sie die Unmittelbarkeit, weil sie sie nicht unbefangen sehen kann, sondern immer nur als Stadium einer Entwicklung, die über sie selbst hinaus weist, und weil sie immer sofort Vergleichbares aufruft, das Gegenwärtiges als Wiederkehr von Bekanntem ausweist. So bannt Geschichte alles unmittelbar Erschreckende in eine Bewegung von Kommen und Gehen und nimmt als zynische Gleichmacherin jeder Krise den apokalyptischen Heiligenschein. Als Lehrer in der Schule aber habe ich Geschichte ganz anders erfahren und betrieben, nämlich als eine Wissenschaft, die den Finger dort in die Wunde legt, wo die "öffentliche Meinung" uns eine heile oder geheilte Welt vorgaukeln will. Offenbar ist die Aufgabe der Historie eine andere, wenn sie über Gegenwart, als wenn sie über Vergangenheit spricht.
Am Ende der Sitzung habe ich für nächstes Mal das Thema Götter vorgeschlagen. Wenn ich auch seit über fünfzig Jahren nicht mehr gläubig bin, treibt mich dieses Thema immer wieder um. Vielleicht weil ich einer Pastorenfamilie entstamme. Am liebsten würde ich die anderen beiden fragen: Glaubt ihr an Götter? Wenn ja, warum? Und warum an diese, nicht an andere?

1. Februar (Montag)

Dritte und letzte Zytostase des 7. Zyklus'. Obwohl meine vielleicht eingebildeten Symptome gelegentlich wieder auftreten, scheint alles so normal zu sein, dass der diensthabende Arzt die vor drei Wochen angesagte enge Kontrolle vergessen hätte. Auf meine Nachfrage hat er sie nun für den 15. Februar vorgesehen. Denn nächsten Montag habe ich ja frei.
Die Phasen ohne Chemotherapie erlebe ich wie Urlaub. Gegen Ende der Woche hört das Medikament auf, mein Wohlbefinden zu beeinträchtigen, und dann folgen neun Tage, in denen die Lust, aktiv am Leben teilzunehmen, sich voll entfalten kann.

4. Februar

Heute bin ich mit den Kindern, Astrid und Franziska, E-Pianos anschauen gegangen. Astrid will wieder anfangen zu spielen, da ihre Zwillinge jetzt fünf sind und sie nicht mehr ständig brauchen. Und ich lerne auf einem alten Synthesizer (Roland E-20), den ich vor eineinhalb Jahren geschenkt bekommen habe. Das Gemeinschaftserlebnis und die Idee, beim Kauf von zwei E-Pianos Rabatt zu bekommen, hat den Anstoß gegeben, meine Hemmungen beiseite zu räumen. Denn eigentlich lohnt sich für mich eine solche Anschaffung nicht mehr. Wenn ich Glück habe, werde ich gerade noch den zweiten Band meiner Klavierschule ("Alfred's") schaffen.
Ich empfand den Besuch der Musikhäuser und empfinde die Planung des E-Piano-Kaufs als ein Spiel. Wir tun einfach so, als ob die Anschaffung noch Sinn hätte. Dieses Tun-als-ob ist ja überhaupt ein vielfältig einsetzbares diplomatisches Werkzeug, um die Widrigkeiten der Realität zuzudecken und einen friedlich-freundlichen Fortgang des Lebens zu gewährleisten. In unserem Falle stellt es angesichts des drohenden Endes spielerisch Zukunft her, nicht gleich die ganz große des Tuns, als ob es ein Jenseits gäbe, aber immerhin.
Beim Nachdenken über diesen lebensfreundlichen Trick, kommt mir die Idee zu einer Teilantwort auf die Frage: Wie gehst Du mit Deinem baldigen Tod um?, die ich bisher noch nicht gefunden hatte. Ich habe soviele Wünsche hinsichtlich dessen, was ich noch machen möchte und wahrscheinlich machen kann, d. h. ich umgebe mich ständig mit sovielen Zukünften, dass ich durch sie hindurch die Schwere des weiter hinten stehenden Endes nicht immer wahrnehme.

5. Februar

Es ist Freitag. An diesem Wochenende sind Gaby und ich bei meiner Schwester in Bad Oeynhausen eingeladen. Aber ich bin erkältet. Die Abwehrmaßnahmen meines Körpers haben den Kreislauf offenbar derart aktiviert, dass ich die letzten beiden Nächte nicht schlafen konnte. Während der Chemotherapie sollte ich Erkältungskrankheiten auf jeden Fall vermeiden, da die Lunge und das Abwehrsystem durch das Medikament ohnehin geschwächt sind. Ich soll weder ins Kino gehen noch Straßenbahn fahren, kurz alle Plätze meiden, wo man sich anstecken kann. Das habe ich bisher nicht getan. Aber heute bleibe ich besser zuhause und kuriere mich aus. Gaby fährt allein, zumal diese Einladung ein Geburtstagsgescheink an sie war.
Gestern Abend haben Gaby und ich im Fernsehen einen Film angeschaut, dessen Handlung auf meiner-unserer Situation basierte: Zwei krebskranke alte Männer, der eine verheiratet, die nur noch wenige Monate zu leben haben. Was machen sie mit diesem Rest? Der deutsche Titel dieses amerikanischen Films lautet "Das Beste kommt zum Schluss", die Hauptrolle sind besetzt mit Jack Nicholson und Morgan Freeman. Diese beiden Männer tun das, wovon viele Nichtkranke sich vorstellen, sie würden es tun, wenn sie in dieser Weise krank wären: Sie tun alles das, wovon sie bisher geträumt haben und wozu sie aus verschiedensten Gründen nicht gekommen sind. Einmal Fallschirm springen, einmal auf den Himalaja, noch einmal nach Italien etc. Letzteres könnte ich mir auch vorstellen - Gaby und ich haben uns sogar eine Italienreise vorgenommen -, doch im Ganzen kann ich dieser Einstellung wenig abgewinnen. In puncto Reisen, Wellness habe ich keinen Nachholbedarf. Als Lehrer hat man viel Urlaub und auch die Mittel, um sich diese Freuden schon während der Arbeitsphase zu leisten. Das gilt zumal, wenn man, wie Gaby und ich, neun Jahre im Ausland tätig war.
Mir geht es eher so wie meinem Zimmernachbarn, der sich wie ein normaler Rentner im Rahmen seines ehemaligen Berufs bewegt und Möbel für seine Enkel baut. Als Pädagoge möchte ich mich allerdings nicht mehr betätigen. Meine Lehrergeneration, vor allem wenn man wie ich fast nur in der Oberstufe unterrichtet hat, führte ja eher das Leben von Privatgelehrten mit Lehrverpflichtung, jedenfalls was das Selbstverständnis anbetrifft. So ist es das Lesen und das Schreiben, womit ich den Rest meines Lebens ausgefüllt hätte und wovon ich noch einige kleinere Sachen erledigen möchte. "Den Mann ohne Eigenschaften" (Musil) und die "Suche nach der verlorenen Zeit" (Proust) werde ich wohl nicht mehr schaffen, aber vielleicht die Josephsromane (Th. Mann), die ich noch nicht kenne, und ein paar Sachen von Schiller, Goethe, Nietzsche. Außerdem bereitet es mir großes Vergnügen, Werke wieder zu lesen, die ich lange nicht in der Hand hatte. Dies ist so etwas, wie die Rückkehr zu den Bildungsabenteuern meiner Jugend. Thomas Mann hat mir seinerzeit die Weltliteratur erschlossen, und nicht nur sie, sondern auch die Welt als solche, indem er mich anregte, Nietzsche und Freud zu lesen.
Die Geschichte, mein zweites Fach, ist nach Beginn der Krankheit in den Hintergrund getreten. Sie war mir, da mit einem Buchprojekt verbunden, über Monate hin zu anstrengend. Aber ich bin froh, dass ich zwei Jahre Zeit hatte, die grundlegende Literatur zur Geschichte des Zwangzigsten Jahrhunderts zu erarbeiten. Die kommentierenden Tabellen, die ich damals erstellt habe, würde ich gern noch in Form bringen und ins Netz stellen.

8. Februar (Montag)

Keine Zytostase. Kein müdes Rumhängen nach der Infusion. Auch die Erkältung ist abgeklungen. Ich habe ein Gefühl als käme ich nach einer langen Krankheit ins normale Leben zurück und nähme lustvoll meinen Schreibtisch wieder in Besitz.
Heute morgen habe ich die Jahresberichte ergänzt, mit deren Hilfe ich mir jeweils Rechenschaft über den verantwortlichen Umgang mit der Zeit gebe. Das zweite Halbjahr 2009 war etwas unstet und ohne Orientierung. Jetzt fühle ich mich in Grenzen wieder zu kontinuierlicher Arbeit fähig, wenn auch noch ohne konkretes Ziel.
Seit Jahren habe ich auf meinen beiden Computern, die in verschiedenen Etagen stehen, das gleiche Ablagesystem. Mal arbeite ich an diesem, mal an jenem. Da der eine ein Apple, der andere ein Windows-Computer ist, habe ich mir nie die Mühe gemacht, sie so zu vernetzen, dass ich die Daten problemlos synchronisieren kann. So weiß ich, wenn ich an einem Computer arbeite, nicht, ob sich im gleichen Ordner auf dem anderen Computer weitere Dateien befinden. Deshalb weise ich jetzt den Computern unterschiedliche Aufgaben zu, vervollständige die einzelnen Ordner an ihrem neuen Standort, werfe nicht mehr benötigte Dateien weg etc. Wenn das erledigt ist, will ich beide Computer defragmentieren und ein aktuelles Back-up erstellen.
Damit werde ich einige Tage beschäftigt sein, aber eine gut handhabbare Ordnung ist auch Freiheit und das Aufräumen ein Befreiungsakt. Danach ist mir heute.

11. Februar

Die Computer sind übersichtlich geordnet. Sie reagieren wieder schnell. Die Dateien gesichert. Es ist eine helle Freude, mit ihnen zu arbeiten. Aber ich habe Lust, mich jetzt wieder der Schillerlektüre zu widmen: "Über die ästhetische Erziehung des Menschen ..." (1795).

14. Februar

Gaby und ich haben die Woche beschlossen mit einem Besuch von Mozarts Oper "Don Giovanni" im Goethe-Theater. Keine spektakuläre, aber eine rundum schöne Aufführung.
Wenn ich in der Oper sitze, meine Frau an der Seite, die bekannten Melodien höre, diese Aufführung mit vergangenen vergleiche, da fühlt sich meine Seele zuhause. Die Arie "Reich mir die Hand, mein Leben" wird von einer Mandoline begleitet. Das Bremer Orchester hat aber keinen Mandolinen-Spieler. Deshalb kamen die Töne diesmal vom Band, wenn ich richtig beobachtet habe. Als ich diese Oper das letzte Mal hier sah, war ich Mitglied des Mandolinen-Orchesters Walle, eigentlich ein Gitarren-Mandolinen-Orchester, in das ich eingetreten war, um Gitarre spielen zu lernen. Damals hat sich das Opernorchester unseren ersten Mandolienen-Spieler ausgeliehen und ich verfolgte vom Rang aus seinen Auftritt im Orchester.
Als ich mich an diese Situation erinnerte und daran, wieviel mich mit dieser Stadt verbindet, in der ich jetzt 25 Jahre zuhause bin, meldete sich der Gedanke, dass ich nur noch auf Abruf hier bin. Wehmut kam auf, und ich dachte, es wäre doch schön, hierbleiben zu können.

15. Februar (Montag)

1. Zytostasie des 8. Zyklus' und Kontrolluntersuchung.
Die Sonografie hat für mich kein klares Ergebnis erbracht. Der untersuchende Arzt hat mir eine neue Metastase gezeigt. Aber sein schriftlicher Befund ist so abgefasst, dass der diensthabende Arzt in der Tagesklinik die Lage für stabil hält, zumal einige Metastasen sich verkleinert haben. Die Tumormarker sind noch nicht ausgewertet.
Im Behandlungs- und Warteraum habe ich heute einen Mann näher kennengelernt, den ich bisher nur von weitem wahrgenommen hatte. Er erzählte mir, dass er bis in die sechziger Jahre Heizer auf Dampfschiffen gewesen sei, die mit Öl beheizt wurden. Stolz wies er darauf hin, dass er keine Kohlen mehr schippen, sondern nur noch Uhren beobachten und Hähne betätigen musste, also eine eher gehobene Tätigkeit ausübte.
Dass Dampfmaschinen auch mit Öl befeuert wurden, war mir völlig neu. Inzwischen habe ich gegoogelt: Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges baute man Schiffe und übrigens auch Loks mit Dampfmaschinen, deren Kessel mit Öl geheizt wurden, Koh-ledampfmaschinen wurden zum Teil umgerüstet. In den sechziger Jahren war dann die Entwicklung der Dieselmotoren so weit fortgeschritten, dass sie die Aufgabe der Dampfmaschinen übernehmen konnten. Im Passagier- und teilweise auch im Gütertransport wurden die Schiffe seit dieser Zeit allerdings nicht mehr ersetzt, sondern durch das Flugzeug verdrängt.
In Deutschland war es sicher etwas Besonderes, auf einem ölbeheizten Schiff zu fahren, weil Kohle vorhanden war, Öl aber importiert werden musste. Der Übergang zum Öl findet hier erst Mitte der sechziger Jahre statt und führt dann zur ersten großen Wirtschaftskrise durch den Zusammenbruch des Kohlebergbaus.
Wenn mein Mitpatient sich heute noch mit dem Beruf vorstellt, den er als Jugendlicher ausgeübt hat, muss ihm dieser Umbruch, das Abtreten des Industriezeitalters, sehr bewusst sein. Immerhin konnte er seither nicht mehr in seinem Beruf arbeiten. Ich, der ich damals anfing zu studieren, habe diese Zeit auch bewusst, aber ganz anders erlebt. Die zur Krisenbewältigung gebildete Große Koalition, der Übergang von der Adenauerzeit zur Brandt-Regierung, die Studentenbewegung signalisierten für mich das Anbrechen einer neuen Zeit, in der die Wissenschaft, also auch wir Studenten, eine vorwärts treibende gesellschaftliche Rolle spielen würden.

16. Februar

Im "Ambiente" beim Frühstück sitzend empfing ich die Nachricht, dass der Tumormarker eine wesentlich erhöhte Tätigkeit meines Speicheldrüsenungeheuers anzeigt. Mit anderen Worten, gegen das bisherige Zytostatikum ist mein Totengräber resistent geworden. Gibt es eine ordentliche Alternative? Um ein genaueres Bild von den Metastasten zu gewinnen, bevor die bisherige Behandlung infrage gestellt wird, soll am Donnerstag ein CT, eine Computertomografie, erstellt werden.
Bei Sonnenschein bin ich über glitzernden Schnee an der Weser entlang etwas flügellahm nach Hause gegangen, habe aber auch das zugleich schöne und traurige Gefühl ausgekostet, vielleicht das letzte Mal durch diese anmutige Winterlandschaft zu spazieren.
Auch Gaby ist wenig erbaut von den neuen Nachrichten. Sie hat Angst, mich zu verlieren. Sie fragt immer wieder, warum uns das passieren muss. Sie fragt sich, ob sie wieder glauben soll. Dann gäbe es die Aussicht auf ein Wiedersehen im Jenseits. Auf jeden Fall will sie schon mal eine Doppelgrabstelle reservieren lassen.
Ich habe den Eindruck, dieses Drama nimmt sie mehr mit als mich. Vielleicht ist es einfacher sich von sich selbst als von anderen zu verabschieden. Zwei Scheidungen habe ich erlebt. Beide Trennungen haben mich schwerer getroffen als die Nachricht von meiner unheilbaren Krankheit.
In Trennungssituationen ist es sicher tröstlich einen Gott zu haben, denn man ist nie ganz allein. Wo man auch ist, man kann zumindest davon ausgehen, gesehen zu werden mit seinem Leid. Das hilft schon manchmal.
In der Schillerbiografie von Safranski habe ich neulich eine Stelle gefunden, die noch weiter geht in der Beantwortung der Frage, wie die Götter den Menschen nützen: "Der Mensch, der erkennt, möchte erkannt sein, nicht nur von anderen Menschen, sondern von einem sinngesättigten Kosmos. Der Mensch, selbst der Natur zugehörig, ist durch sein Bewußtsein in Distanz zu ihr gerückt und erwartet, daß dem eigenen Bewußtsein etwas Bewußtseinsähnliches draußen in der Natur entspricht. Der Mensch will mit seinem Bewußtsein nicht allein bleiben. Er möchte, daß die Natur ihm antwortet."

17. Februar

Seit dem gestrigen Anruf aus dem Krankenhaus spüre ich wieder diesen Druck auf der Brust, das Kneifen im Bauchraum, das latente Ekelgefühl. Ein bisschen zu prompt, um echt zu sein. Aber irgendwann wird es wieder real sein. Im Vorgriff darauf habe ich heute beim Einkaufen die Schokolade nicht links liegen gelassen. Jetzt schmeckt sie mir zumindest noch.
Anfänge haben immer etwas Belebendes; wenn es der Anfang vom Ende ist, auch wohl Kompensatorisches. Ich habe wieder angefangen, Dinge zu regeln, mit denen sich Gaby später nicht belasten soll. Zum Beispiel haben wir aus der Zeit des IT-Booms noch ein kleines Aktiendepot, das kaum noch Wert hat und sich voraussichtlich nicht mehr erholen wird. Das löse ich jetzt auf. Außerdem habe ich den Inhalt einiger Ordner entsorgt.
Gaby hat mir gestern vorgeschlagen, Tagebuch zu schreiben. Sie meint offenbar, wenn ich schon nicht mit anderen über meine Krankheit rede, jedenfalls nicht so häufig, wie sie wohl denkt, dass sie es täte, sollte ich wenigstens mit mir selbst reden, um mich zu entlasten. Dieser Gedanke hat sich bei mir eingenistet, und ich bin geneigt, ihn fruchtbar werden zu lassen. Vorhin habe ich schon mal eine Einleitung formuliert. So könnte es gehen. Morgen fahre ich hier fort. Gleichzeitig versuche ich anhand meines Krankentagebuchs nach und nach die vergangenen Wochen seit Anfang des Jahres zu rekonstruieren.

18. Februar

Heute Vormittag war ich zum CT im Krankenhaus. Mit Hilfe dieser Technik kann man die Entwicklung der Metastasen in der Leber besser beurteilen als mittels Sonografie.
Der Arzt hatte einen netten Vorschlag zur Interpretation der bisherigen Ergebnisse. Er entnimmt dem letzten sonografischen Befund, dass einige Metastasen kleiner geworden sind. Das könnte in Verbindung mit den hohen Werten des Tumormarkers bedeuten, dass der Tumor nicht wächst, sondern zerfällt. Dabei gelangen nämlich die gleichen Stoffe in die Blutbahn, die der Tumormarker ansonsten als Absonderungen registriert. Von dieser unwahrscheinlichen Möglichkeit habe ich Gaby gar nicht erst erzählt. Denn die Dynamik des psychischen Auf und Ab ist ohnehin schon groß genug.
An Obst esse ich am liebsten Apfelsinen. Doch die Zeit der Winterapfelsinen geht gerade zuende, so dass die Früchte schnell schlecht werden. So eine erwischte ich heute Mittag. Früher hätte man die schlechte Stelle weiträumig entfernt, seit einigen Jahren wird empfohlen, sie besser wegzuwerfen - wegen der Krebsgefahr. Ich habe einen Moment gezögert, weil ich mir vorkam wie der Freund in dem Galgenwitz, der dem zu Hängenden besorgt zuruft: Sei vorsichtig, die oberste Stufe ist locker. Du könntest Dir den Hals brechen!
Nachmittags habe ich zum dritten Mal in dem Musikhaus angerufen, in dem wir das uns am meisten zusagende E-Piano gefunden haben. Bisher hat man mich immer auf die nächsten Tage vertröstet. Heute erhielt ich eine klare Antwort: Eine Lieferung ist in nächster Zeit nicht zu erwarten. Will ich, kann ich solange warten?
Abends war ich mit Franziska im Kino. "A Serious Man", der neue Film der Coen-Brüder, 18.45h im Cinema. Wir waren die einzigen Zuschauer. Der Film ist weder spannend noch unterhaltend, aber sehr jüdisch, sehr menschlich. Er handelt von einem alltagsuntauglichen intellektuellen Vorstadtneurotiker, der sich der Niedertracht seiner Mitmenschen ausliefert, von der Macht der jüdischen Gemeinde, die wie Klebstoff an seinen Füßen haftet, und von der Unfähigkeit ihrer Beamten, die Welt jenseits der Routine wahrzunehmen. Vielleicht kein Film für jedermann, aber für uns durchaus richtig.
Seit vielen Jahren verbindet uns eine Filmbeziehung, die entstanden ist, als Franziskas jugendliches mit meinem Hobby- und Berufsinteresse am Kino zusammentraf. Da ich Film-AGs in der Schule anbot, hatte ich eine ausgedehnte Sammlung. Und wenn mich Franziska sonntags, übermüdet vom Wochenende, besuchte, war die bewegte Bilderwelt durchaus geeignet, ihr Erholungsbedürfnis bis zum Abend hinauszuschieben. Darüber hinaus hatten die neunziger Jahre, in denen unsere Film-connection begann, durchaus Anspruchsvolles zu bieten. Spontan fallen mir Filme ein von David Lynch ("Wild at Heart", 1990), Jonathan Demme ("Das Schweigen der Lämmer", 1991), Quentin Tarentino ("Pulp Fiction", 1994) und natürlich Spielberg, der mit so netten Sachen, wie "Jurassic Park", 1993, auf jugendgemäßere Weise unterhielt als etwa Tarentino.
Seitdem wir beide wieder in Bremen wohnen, Sommer 2009, haben wir diese Tradition erneut aufgenommen. Und es scheint, dass meine Art, Filme zu sehen, ein wenig auf Franziska abgefärbt hat. Denn auch in solche, für die ich zumindest in meiner Altersgruppe schwerlich eine Begleitung finden würde, kommt sie gerne mit. So haben wir zusammen "Antichrist" (Lars von Trier), "Inglorious Basterds" (Tarentino) oder "Avatar" (Cameron) gesehen. Aber wissen Eltern immer, was in ihren Kindern vorgeht? Vielleicht spricht sie später zu ihren Kindern von mir als dem Opa, mit sie immer in die schrecklichsten Filme gehen musste. Doch ich glaube nicht."Das Schweigen der Lämmer" hatte sie seinerzeit schon längst gesehen, als ich den Film für mich entdeckte.

21. Februar

Es ist Sonntag, für mich der letzte Tag der Woche, weil die montägliche Chemotherapie meinem Leben den Rhythmus gibt. Die Sonne scheint, doch ich bin eher verhangen, nicht nur infolge des gestrigen Bierkonsums. Eine turbulente Woche liegt hinter mir. Kneipe, Kino, Theater, gestern eine Kohlfahrt, zwischendurch zwei Tage Krankenhaus und im Untergrund der unheimliche Schwebezustand nach den letzten Untersuchungen. Was hat die Computertomografie erbracht, was hat die Tumorkonferenz beschlossen? Gibt es zu Gemcitabin eine Alternative? Werden sich die Infusionen in Zukunft über zwei Tage erstrecken wie bei einigen anderen Patienten? Wie werde ich sie vertragen?
Gestern, während des Kohlspaziergangs, wurde ich wieder gefragt: Wie hälst Du das aus, mit der Zukunft nur noch in Monaten rechnen zu können? Ich weiß darauf keine rechte Antwort. Ich stelle mir vor, ein Mensch müsste unter der Last einer solchen Gewissheit zusammenbrechen. Er müsste erleben, was Edvard Munch in seinem Bild "Der Schrei" dargestellt hat. Aber ich empfinde dergleichen nicht. Bin ich ein Verdrängungskünstler, gar ein zwanghafter Verdränger, der das Visier schließen muss, sobald sich Schreckliches zeigt? Oder gehört es zur Überlebensfähigkeit, dass wir trotz Krankheit oder Behinderung nicht weniger glücklich sein müssen als Gesunde?
Das Erleben der Todesangst, des Grauens vor dem Nichts, das Maltes Romanfigur Malte Laurids Brigge in folgendem Satz beschreibt, habe ich nie erfahren: "Wie ein Käfer, auf den man tritt, so quillst du aus dir hinaus, und dein bißchen obere Härte und Anpassung ist ohne Sinn." Eher schon eine selbstmitleidige Traurigkeit, eine Art emotionale Heimatlosigkeit, die mir auch bisher nicht fremd war und die Malte so formuliert: "Aber es ist anders gekommen, Gott wird wissen, warum. Meine alten Möbel faulen in einer Scheune, in die ich sie habe stellen dürfen, und ich selbst, ja, mein Gott, ich habe kein Dach über mir, und es regnet mir in die Augen."
Vielleicht überkommt uns die Todesangst nicht einfach so. Vielleicht braucht es eine sich selbst verleugnende Bereitschaft, eine asketische, ganz von sich selbst absehende Demut gegenüber dem Nichtfassbaren, sie zu empfangen und aushalten zu wollen. Uns normalen Sterblichen fehlt dazu der Mut. Wir, oder wenigstens ich, können das Leben vielleicht nur als unter dem Schleier der Maya Verborgenes ansehen. Gelüftet wird der Schleier wohl gelegenlich von Künstlern und Philosophen. Aber die können, was sie dann sehen, auch nur in Worte und Bilder fassen, die selbst Bestandteil des Schleiers sind, und decken es, indem sie es aussagen, gleich wieder zu.

22. Februar (Montag)

Es gibt wieder einen Plan: Da die Computertomografie bestätigte, dass der Tumor neue Metastasen in die Leber gestreut hat, wird die bisherige Medikation beendet und durch eine Kombination von Capecitabin, in Tablettenform, und Oxaliplatin, als Infusion, ersetzt, die in einem dreiwöchigen Zyklus verabreicht wird. So die etwa dreiminütige Botschaft des Arztes heute Vormittag.
Die Freude über die neuen Gewissheiten wurde allerdings dadurch geschmälert, dass ich gezwungen war, eine Erfahrung zu machen, deren Inhalt mir theoretisch durchaus nicht neu war, dass nämlich Hierarchien Zeit und Geld kosten; mich in diesem Fall einen halben Tag meines Restlebens und meine Krankenkasse schätzungsweise 1000,- € extra. Denn der Chefarzt hat sich nicht nehmen lassen, mir diese Entscheidung persönlich mitzuteilen, und zwar nachdem er mich, was seine Würde und Bedeutung für mein Lebensverlängerungsprojek unterstreicht, drei Stunden hatte warten lassen. Anschließend konnte die erste Behandlung nicht mehr gemacht werden, so dass ich auch einen großen Teil des morgigen Tages im Krankenhaus verbringen muss; nochmal 350,- €.

23. Februar (Dienstag)

Heute - und in Zukunft immer dienstags - fand die erste Infusion nach dem neuen Prozedere statt. Alles war bestens organisiert, kein Grund zur Klage. Mein Zimmernachbar war wieder mal ein ehemaliger Seemann, Schiffsingenieur auf Massengutfrachtern, die vor allem Apfelsinen und Holz aus dem Mittelmeerraum und Westafrika transportierten. Gelernt hat er auf der AG-Weser, als Bremen noch die Stadt der Werften, der Schifffahrt und der Seeleute war.
Er konnte auch ein Erlebnis zum Zeit und Geld fressenden Byzantinismus im deutschen Krankenhauswesen beitragen. Ebenso privilegiert versichert wie ich, wurde ihm sein Darmkrebs auch vom Chef persönlich entfernt. Bei der letzten Visite vor der Entlassung will dieser sich vergewissern, dass der Port - das ist eine in den Körper hineinoperierte Dauerkanüle für Infusionen etc. - richtig sitzt. Aber es ist keine da. Er hat sie während der Darmoperation schlicht vergessen. Also keine Entlassung, die Operation muss nachgeholt werden. Bei der Vorbereitung spricht der Patient den Assistenzarzt an, der bei der ersten Operation auch dabei war. Ja, sagt der, ich habe wohl gemerkt, dass der Chef den Port vergessen hat. Aber daran durfte ich als Untergebener ihn natürlich nicht erinnern.
Gestern Abend rief Katja an, meine ältere Tochter aus Heilbronn. Wir hatten längere Zeit nicht miteinander gesprochen. Sie war erschüttert. Zudem musste ich den für die Osterzeit angekündigten Besuch absagen, da es ja nun keine Chemopause mehr gibt. Vor einem Jahr noch konnte ich ihr sagen: Rufe an, wenn Du Hilfe brauchst, ich komme. Aber seit dem Sommer kann ich dieses Versprechen nicht mehr einhalten. Und Hilfe bräuchte sie nach wie vor.
Katja ist ein Beispiel dafür, wie unsere Gesellschaft ihre Ressourcen wegwirft und den guten Willen der Bürger enttäuscht. Sie ist Mikrobiologin und promoviert, kann ausgezeichnete Abschlüsse vorweisen und hat bis vor kurzem an der Universität gearbeitet. Seit die Kinder größer sind, würde sie gern halbtags arbeiten. Aber sie findet keine Stelle, jedenfalls keine, die ihrem Ausbildungsniveau entspricht. Sicher, die Umgebung von Heilbronn braucht diese Qualifikation nun gerade nicht, und wenn Katja die Kinder ganztags abgeben würde, könnte sie vielleicht in Karlsruhe oder Stuttgart arbeiten. Doch auch in diesem Fall wissen die Arbeitgeber, wenn zuhause ein Notfall eintritt, bleibt in der Regel die Frau zuhause.
Nun, inzwischen scheint sich manches zum Guten zu wenden: Eine katholische Privatschule übernimmt sie wahrscheinlich als Lehrerin, sofern sie bereit ist, sich an eine christliche Konfession zu binden. Ich finde, diese Schule kann sehr froh sein, zumal Katja das Fach auch bilingual unterrichten kann, denn eine profunde Fachausbildung, gekoppelt mit jahrelanger Erfahrung in der Forschung, ist meines Erachtens eine erstklassige Voraussetzung für guten Unterricht. Darüberhinaus hat sie offenbar, wie Franziska auch, das pädagogischen Talent geerbt. Auch Katja ist froh, denn die Arbeit macht ihr Vergnügen und sie kann sie mit ihrer Mutterrolle zuhause sehr gut kombinieren.

24. Februar

Nicht die Finger- und Fußspitzen fangen kalt an zu kribbeln, wie prophezeit, sondern, sobald ich an die frische Luft komme, fühle ich kleine kalte Eispartikel auf meine Haut fallen. Vorübergehend kein unangenehmes Gefühl, aber auf die Dauer schon.
In der Leber- und Gallengegend tritt wieder ein Druckschmerz auf, den ich aus der Hochphase meiner Krankheit im Herbst kenne. Entweder bedrängt das neue Medikament die Metastasen oder die wachsenden Metastasen drücken auf die Außenhaut der Leber und auf die Galle. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Denn niemand wollte mir bisher erklären, woher welche Schmerzen kommen.

26. Februar

Seit Anfang der Woche habe ich eineinhalb Kilo abgenommen. Da sitzen alle Hosen wieder! Aber es ist nicht wirklich ein gutes Zeichen; der Tumor verschlingt sehr viel Energie, wenn er kann, wie er will. Gestern Nachmittag wurde mir am Computer so elend, dass ich die Arbeit unterbrechen und einen Abendtermin absagen musste. Heute bin ich eine Stunde gelaufen und habe hinterher zweieinhalb Stunden geschlafen. Zu den eher merkwürdigen Symptomen, die ich schon von früher kenne, gehört, dass eine Krebserkrankung sich auf die Stimmbänder auswirken kann. Mitunter krächze ich jetzt wie ein alter Hahn.
Mehr als sonst schon fühle ich, dass mir die Zeit davon läuft. Was ich noch tun will, sollte ich schnell tun, denn es ist keineswegs sicher, dass das neue Medikament das Tumorwachstum noch einmal stoppt oder auch nur verlangsamt.
Ohnehin hat man als Pensionär weniger Zeit als andere Menschen. Man hört auf zu arbeiten, wenn man müde ist, sitzt also nicht mehr nachts am Schreibtisch. Man tut etwas für die Gesundheit, joggt eine halbe Stunde oder geht eine Stunde lang. Wenn die Frau noch berufstätig ist, wie in unserem Falle, kauft man ein, sorgt fürs Essen, erledigt die täglich im Haus anfallenden Arbeiten. Abends setzt man sich für einen Film mit vor den Fernseher. Und dann gibt es natürlich sehr viel mehr Einladungen und Gegeneinladungen als früher, weil viele Freunde und Bekannte inzwischen auch pensioniert oder frühpensioniert sind. Außerdem nimmt man das Theater- und Konzertangebot der Stadt jetzt ausgiebig in Anspruch.
Darüber hinaus erfordert die Krankheit viel Zeit. Es gibt fast jede Woche einen Krankenhaustermin, manchmal zwei. Die durch den Krebs verursachte Fatigue (Müdigkeit) und die Beanspruchung durch die Medikamente erfordern einen Mittagsschlaf.
Ich deponiere im Kopf eine Prioritätenliste: Als erstes muss die Webseite erweitert werden, damit ich zu gegebener Zeit dieses Tagebuch und, sobald sie fertig sind, die Geschichtstabellen hineinsetzen kann. Ferner treibe ich die Klassikstudien soweit voran, dass ich den geplanten Artikel für die Webseite verfassen kann. Außerdem gilt inzwischen für das E-Piano: Jetzt oder nie.

27. Februar

Heute kam eine Rechnung von meinem Hausarzt: 6,30 € für die telefonische Order eines Anschlussrezepts mit Selbstabholung. Das ist neu. Obwohl ich Zweifel habe, dass sich der Verwaltlungsaufwand lohnt, zahle ich gern. Wir können doch nicht wollen, dass dieser notleidende Berufsstand ins Prekariat absinkt. Immerhin verdient ein Arzt im Durchschnitt nur noch dreimal soviel wie ein Gymnasiallehrer.
Am Abend haben Gaby und ich im Fernsehen die Wagner-Oper "Götterdämmerung", den letzten Teil des Rings angehört und -gesehen, sozusagen als Vorbereitung auf eine Aufführung der Oper "Siegfried" im Frühjahr in Düsseldorf. Wenn man Thomas Mann und Nietzsche schätzt, kommt man um Wagner nicht herum. Da mir aber die Musikalität fehlt und ich mir nie die Zeit genommen habe, in das Motivgeflecht der Wagner'schen Musiktextur einzudringen, ist dieses Werk für mich nach wie vor eine Herausforderung, besonders der letzte Teil, die "Götterdämmerung", die ich noch nicht verstanden habe: Ist sie das Ende aller Hoffnungen auf eine bessere Welt oder die Chance eines Neuanfangs?
Darüber hinaus passte die im Fernsehen gezeigte Aufführung (Valencia 2009) gut zu meiner Beschäftigung mit dem 2. Weltkrieg bis zum Sommer, bei der mich unter anderm beeindruckt hat, wie Hitler den (vorläufigen) Untergang Deutschlands als Wagner-Oper inszenierte. In seinem Werk "Hitlers Strategie" begründet Andreas Hillgruber zum Beispiel sehr überzeugend, dass es nach dem 3. September 1939, also dem Kriegseintritt Englands und Frankreichs, schon keine verantwortbare Alternative zur Kapitulation mehr gab. Aber selbst als fremde Truppen deutschen Boden betraten, gab Hitler nicht auf. Die Bombardierung Dresdens, die Massenvergewaltigung deutscher Frauen, die Zerstörung Berlins, die Bunkeroper, kurz, das ganze schreckliche Ende des Krieges kann man auch als Höhepunkt einer Untergangsinszenierung interpretieren, nachdem der Sieg nicht mehr möglich war. In der Valencia Inszenierung wird diese Interpretationsmöglichkeit angedeutet. Hagen und Gunther treten als rheinische Kapitalisten auf, und die Gibichungen, die Hagen im letzten Akt zusammenruft, haben rote Armbinden, die man als NS-Abzeichen interpretieren kann.
Schließlich wird mein Namensgeber in dieser Oper von Hagen ermordet und anschließend zu Grabe getragen, was mir über kurz oder lang auch beschieden ist. Zwar ist der Tumor kein Hagen, aber er hat ähnliche Eigenschaften. Er ist heimtückisch, hinterhältig und er will mein Leben.
Insofern wäre das musikalische Zwischenspiel aus dem 3. Akt eine geeignete Begräbnismusik für mich. Aber sie ist mir zu heroisch, und zum Heldentum fehlt mir eigentlich alles. Wie Siegfried in der gleichnamigen Oper bin ich eher der, der träumend unter Bäumen ruht und dem Gesang der Vögel lauscht. Mich stresst schon die alltäglich erforderte Robustheit, die man braucht, um von seinen Mitmenschen nicht über den Tisch gezogen zu werden.
Die Chinesen scheinen das auch zu kennen. Ihre Kunst hat durchgägnig etwas Lyrisches, das möglicherweise die Härte des Alltagslebens ausgleichen soll. Diese Beobachtung hat mich sehr angesprochen, als ich vor ein paar Jahren in Shanghai war und die kunstvollen Gärten ehemaliger aristokratischer Beamter in Suzhou besichtigte. In den achtziger Jahren hatte ich aus gegebenem Anlass an einer Gruppentherapie teilgenommen. Dort musste man Pflanzen malen, sich mit Bäumen identifizieren etc. Ich brachte es dabei nur zu negativen Ergebnissen. Die Pflanzen waren zu filigran und dass ich mich mit einer Trauerweide identifizieren konnte, bedurfte gar keines Kommentars mehr. Doch welch eine Überraschung! Als ich die chinesischen Gärten in Suzhou betrat, fand ich überall auf den Wegen eingelegte Pflanzenmosaike, die ihrem Charakter nach hätten von mir sein können, und seine Vorliebe für das anmutig Fallende des Blätterschopfes einer Trauerweide brauchte hier offenbar auch niemand zu rechtfertigen.

28. Februar

Die Krankheitssymptome sind wieder etwas in den Hintergrund getreten, jedenfalls hindern sie mich nicht an der Arbeit. Dazu hat sicher auch eine neue Tageseinteilung beigetragen, die ich mir auferlegt habe. Die für mich anstrengenderen Verrichtungen wie die Arbeit am Computer habe ich in den Vormittag verlegt. Die Lektüre in den Nachmittag. Die Zeitung muss bis zum Abend warten.
Den heutigen Vormittag haben Betrachtungen zur Veränderung und Erweiterung der Webseite eingenommen. Dabei habe ich festgestellt, dass mir in den vergangenen drei Jahren die Fähigkeit zur Konstruktion von Internetauftritten zum großen Teil wieder verloren gegangen ist. So wird die nächste Zeit mit Auffrischungsbemühungen ausgefüllt sein.
Am Nachmittag habe ich Gerhard Kaisers Aufsatzsammlung "Von Arkadien nach Elysium" abgeschlossen. Sie handelt von der Drei-Zeitalter-Theorie, die um 1800 gang und gäbe war, von Schiller maßgeblich beeinflusst wurde und die Zwei-Zeitalter-Theorie von Rousseau ("Zurück zur Natur!") ablöste. Sie fasziniert mich, seit ich in der Oberstufe Kleists Aufsatz "Über das Marionettentheater" gelesen habe, und ist ein Schlüssel zur Interpretation vieler Werke von Schiller, Kleist, Novalis, Eichendorff und anderen. Eigentlich handelt es sich um die christliche Einteilung der Weltgeschichte, die im achtzehnten Jahrhundert säkularisiert wurde: Sie beginnt mit dem Paradies, bei Schiller Arkadien, bei Marx die klassenlose Urgesellschaft; dann folgt die Zeit der Entfernung des Menschen von Gott (Einführung der Sünde), die immer noch andauert, bei Schiller die sentimentalische Zeit, bei Marx die Zeit der Klassengesellschaften; und für die Zukunft wird die Erlösung erwartet, das zweite Paradies, bei Schiller Elysium und bei Marx die kommunistische Gesellschaft, in der es wieder keine Klassen mehr gibt. Zum System ausgearbeitet hat diese Theorie Hegel.
Wie in der Philosophie wird dieses Drei-Schritt-Schema in der Literatur von den einzelnen Autoren in verschiedene Richtungen entwickelt. Historisch gesehen ist dabei, jedenfalls für mich, die Formulierung des jeweils dritten Schrittes der interessanteste Aspekt insofern, als seine Realisierung mit der Entfernung von der Französischen Revolution immer unwahrscheinlicher wird.
Bei Kleist bestimmt das Bewusstsein die drei Phasen. Ihre Abfolge, in seinem Aufsatz "Über das Marionettentheater" beschrieben, lässt sich im "Käthchen von Heilbronn" und in der "Marquise von O." ohne weiteres nachvollziehen: In der ersten Phase zeigt sich, dass zwei Menschen durch Vorgabe der Natur für einander bestimmt sind, in der zweiten Phase wird beiden diese Naturwahl bewusst, in der dritten Phase wird die Vorgabe der Natur durch das Bewusstsein eingeholt und realisiert.
Novalis und Eichendorff drängen die drei Entwicklungsphasen sozusagen in eine dialektische Beziehung zusammen. Es gibt, um es in Hegels Begriffen zu formulieren, eine Position (entspräche dem ersten Schritt), ihr gegenüber eine Negation (entspräche dem zweiten Schritt) und das Bedürfnis, diesen Gegensatz aufzulösen, indem beide Elemente in einer höheren Ebene aufgehoben werden (dritter Schritt).
Bei Novalis ist um 1800 diese Aufhebung in der Dichtung noch denkbar:

"Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren ( = kapitalist. Wirtschaftsweise, moderne Verwaltung = Position)
Sind Schlüssel aller Kreaturen.
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen, ( = Negation)
. . .
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort (natürlich aus Dichtermund! - S.N.)
Das ganze verkehrte Wesen fort." ( =Aufhebung)

Innerhalb dieses Gedichts gibt es zwei Verse, die den Dreischritt in nuce noch einmal enthalten:

"Wenn dann sich wieder Licht ( = Position) und Schatten ( = Negation)
Zu ächter Klarheit ( = Aufhebung) wieder gatten,"

In Eichendorffs Gedicht "Mondnacht" (1837) dagegen kann die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Erde und Himmel nur noch durch das lyrische Ich vorgestellt werden (als hätt', als flöge):

"Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt'."

. . .

"Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus."

In den Dramen Schillers - seine Verarbeitung der Drei-Schritt-Theorie hatte ich bisher nicht verstanden-, der der Französischen Revolution am nächsten steht, geht es offenbar immer um Freiheit als Basis aller Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen. Die beiden Frauenfiguren Johanna von Orleans und Maria Stuart sowie Don Cesar in der "Braut von Messina" durchlaufen drei Phasen von Freiheit: die urwüchisge Freiheit, den Verlust der Freiheit und die Wiedergewinnung der Freiheit auf höchster moralischer Ebene. Alle drei büßen dabei allerdings mit Erreichen der dritten Phase ihr Leben ein. Das hat offenbar zwei Gründe. Einmal lässt sich absolute Freiheit, die es nur als Ideal und abstrakten Begriff gibt, nicht darstellen. Denn alle Freiheit zu haben und zu behalten, heißt keine der vorhandenen Optionen zu nutzen. Das könnte nur ein Gott außerhalb von Zeit und Raum. Ein Mensch muss entscheiden und handeln, wenn er nicht zugrunde gehen will. Das hat Schiller im "Wallenstein" - und vor ihm Shakespeare im "Hamlet" - angedeutet. Zum andern beweist der Mensch nach Schiller seinen höchsten Grad an Freiheit gegenüber dem Tod, sowohl im Selbstmord als Konsequenz eigenen Handelns (Don Cesar; Kommentar des Chors: "Das Leben ist der Güter höchstes nicht, / Der Übel größtes aber ist die Schuld.") als auch durch die Akzeptanz der Tötung durch eine fremde Macht. Diese letztere, innere Freiheit demonstriert Maria Stuart besonders eindrucksvoll. Sie entscheidet sich bewusst für ihren Tod als Sühne für vor ihrer Zeit in England begangene Verbrechen und degradiert damit ihre Gegnerin Elisabeth, die sich einbildet, das von ihr gefällte Todesurteil an ihrer Rivalin zu vollziehen, zur Handlangerin des eigenen Willens. Elisabeth überlebt zwar, ist aber nun durch Maria zweifach deklassiert. Die englische Königin ist gegenüber der Schottin moralisch machtlos geworden, da ihr Maria mit ihrem eigenen Willen zum Tode zuvorgekommen ist. Und außerdem ist der Tod, dem sie Maria nur noch als Ausführende eines anderen Willens übergibt, ein Justizmord, für den es keinen Anlass mehr gibt. Ein Sieg der Freiheit auf ganzer Linie.
Lesefrüchte nennt man solche Einsichten im Zusammenhang mit Lektüre wohl. Ein reicher Garten jedenfalls, den Gerhard Kaiser mir mit seinem Werk geöffnet hat - und den ich jetzt vorerst wieder verlasse.

1. März

Ich hân min lehen, al die werlt, ich hân min lêhen. - Nein, es ist kein Rittergut, wie Walther von der Vogelweide es vom König bekommen hat. Ich bin auch kein Vasall, sondern Beamter mit auskömmlichem Einkommen. Nein, es ist nur ein Klavier, das heute Mittag geliefert wurde, ja, nicht einmal das: ein E-Piano. Trotzdem füllt es eine empfindliche Lücke in meiner bildungsbürgerlichen Lebenswelt, zu der für mein Verständnis neben einer ordentlichen Bibliothek auch ein Klavier gehört. Meine Eltern stammten beide aus dem gehobenen Bürgertum, hatten davon aber nichts in ihre kleinbürgerlichen, sehr ärmlichen Lebensverhältnisse hinüberretten können - außer dem Habitus. Und den haben sie auch mir vermittelt, quasi mit dem inhärenten Auftrag, die Familien durch meine Ausbildung wieder in die Schicht zurückzuführen, zu der wir ihrer Meinung nach eigentlich ohnehin gehörten. Die kostenintensiven Attribute bürgerlicher Selbstdarstellung, wie Tennis- und Klavierspielen, konnten sie mir allerdings nicht ermöglichen. Ich spielte Tischtennis. Ja, und heute E-Piano. Die unüberwindliche Distanz zum wirklichen Bürgertum in meiner Jugendzeit hat offenbar dazu geführt, dass meine jetzige Zugehörigkeit eine Art rationale Brechung enthält, in der auch kleinbürgerliches Ressentiment aufgehoben ist. Es muss daher kein echtes Klavier sein, es geht auch ein Kompromiss zwischen Repräsentativität und Zweckmäßigkeit.
Dieses gebrochene Aufsteigertum, das sich nicht umstandslos an die neue soziale Heimat anpasst, hat neben den ökonomischen auch andere Vorteile: Diejenigen Phasen meines Daseins, die seinerzeit nur überstanden wurden, muss ich nicht als verloren abschreiben, sondern sie sind, da sie sich als charakterbildend erwiesen haben, biografisch rehabilitiert. Außerdem schafft Distanz Freiheit, psychische und geistige. Ich kann mir ein Premierenabo oder einen Mercedes kaufen. Ich könnte auch nach Schwachhausen ziehen und wieder in die Kirche gehen. Aber ich muss nicht.

2. März (Dienstag)

1. Zyklus, 2. Zytostase. Diesmal ist es mir wirklich schwer gefallen: Überdruss, Ekel, Unwohlsein, Kreislaufschwäche. Den letzten Rest der Infusionslösung wollte der Körper nicht mehr aufnehmen; ich hätte mich übergeben müssen. Anschließend habe ich vier Stunden geschlafen.
Dass manche Menschen sich dieser Tortur nicht unterziehen wollen, kann ich verstehen. Eine Bekannte, die zur gleichen Zeit auf gleiche Weise erkrankte wie ich, ist allerdings schon seit einem halben Jahr tot. Ich hätte dieses halbe Jahr nicht missen wollen. Am Anfang, als der Arzt mir mittteilte, dies sei zwar noch nicht das unmittelbare Todesurteil, aber . . . und als ich die Kinder anrufen musste, um ihnen mein baldiges Abtreten anzukündigen, dachte ich spontan, ich würde nie wieder unbeschwert im Sonnenschein über die Teerhofbrücke gehen wie in den vergangenen Tagen. Aber die Wolken verzogen sich, und das Leben erschien mir wie unter einem blendenden Tränenschleier nach einem sommerlichen Gewitterregen, vieles wirkte wie neu in dem wiederkehrenden Licht. Ich fing wieder an durch die Stadt zu gehen, Klavier zu spielen, anspruchsvolle Literatur zu lesen, meine Aufgaben im Haushalt wahrzunehmen. Auch der Familie und den Freunden muss es mit mir so ergangen sein. Sie schlossen sich enger an mich an, als sei ich für sie wertvoller geworden.
Manchmal ist man froh, dass die Jugend vorbei ist, als die Erlebnisse einen ganz ausfüllten, als sie so heftig waren, dass man bis an seine Grenzen gehen musste, als alles neu und unmittelbar war und uns das relativierende Vergleichen noch nicht dazwischen fuhr. Manchmal wünscht man sich diese Intensität vergeblich zurück. Aber diese Krankheit, dieses Leben mit nahem Verfallsdatum, hat das erreicht. Das Erlebnis des Abschiednehmens ist sicher von ähnlicher Gefühlsqualität wie das des Hineinwachsens ins Leben.

5. März

Vor sechzehn Jahren haben Gaby und ich uns erkannt, wie die Bibel sagen würde. Für die Pflege dieses Tages bin ich zuständig, während sich Gaby mehr dem Staatsakt im Standesamt verpflichtet fühlt. Trotzdem hat sie mir einen tollen Liebenbrief geschrieben. Ich dagegen hatte den üblichen Rosenstrauß und eine Lampe von Wagenfeld zu bieten, die sie sich schon lange gewünscht hatte.
Heute Abend wollen wir, so wir durchhalten, drei unserer Lieblingslokalitäten aufsuchen: Essen bei "Le Madame Ho", nachdem wir in der dazugehörigen eleganten Bar um die Ecke einen Aperitif genommen haben. Ausklang des Abends bei einem Cocktail in der Piano-Bar auf dem Dach des architektonisch exquisiten Verwaltungsgebäudes der Beluga-Reederei. Ein Ort mit Blick über Weser und Altstadt, der Bremen ein Flair von Weltstadt verleiht.
Am Vormittag habe ich Schillers Schrift "Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen" abgeschlossen. Die Lektüre ist mir nicht leicht gefallen, einmal weil er die Kant'sche Begrifflichkeit verwendet, die ich nur vom Hörensagen kenne, zum andern weil mir diese Art von philosophischer Entwicklungspsychologie bzw. -soziologie sehr fremd ist. (Das hat mich schon als Schüler dazu bewogen, die Philosophie gegen Freud einzutauschen, der mir unmittelbar einleuchtete.) Aber was ich über die Kunsttheorie der deutschen Klassik wissen wollte, habe ich erfahren:
Während Kant den Menschen offenbar in zwei Sphären aufteilt, nämlich eine der Natur, in der der Mensch Objekt seiner Bedürfnisse ist und diesen notwendig folgen muss ("Wollen"), und eine geistig-moralische Sphäre, in der der freie Wille nach eigenem Erkennen und eigenen oder selbst gewählten Maximen handelt ("Sollen"), fügt Schiller eine dritte zwischen beiden ein, die ästhetische. In ihr sind die beiden vorigen Sphären enthalten. Sie heben sich in ihrer Wirkung aber gegenseitig auf und können so spielerisch miteinander verbunden werden.
Im Spiel auf dieser ästhetischen Ebene können die abstrakten Begriffe der geistigen Sphäre an die der Sinnenwelt gebunden werden, wodurch sie ihre Abgezogenheit verlieren, aber an Anschaulichkeit gewinnen. Die sinnlichen Bedürfnisse dagegen verlieren in der Begegnung mit der Begriffswelt und der Moral ihre Unbedingtheit, sie werden sozusagen domestiziert. Damit verliert der Kant'sche Gegensatz zwischen Sollen und Wollen seine Schroffheit.
Die beschriebenen drei Sphären oder auch Zustände sieht Schiller sowohl in der Entwicklung von Völkern, zumindest prinzipiell, als auch in der von Individuen. Wenn sie aufeinander folgen, ist der ästhetische Zustand derjenige, in dem eine Vorbereitung auf den Übergang vom Wollen zum Sollen stattfindet.
Der Künstler, der ein Kunstprodukt herstellt, spielt selbst, indem er sowohl seinem Stofftrieb (Sinnlichkeit) als auch seinem Formtrieb (Geist, Moral) folgt. Ich stelle mir das bei Schiller etwa so vor: Er wählt einen historischen Stoff für sein Drama "Die Jungfrau von Orleans", er spielt mit ihm, indem er ihn (entgegen der historischen Überlieferung) solange verändert, besonders die Hauptfigur, bis er mit seinem Begriff von Freiheit kompatibel ist. Dann muss er die Stofffülle in die Form des Dramas pressen, aber so, dass sie nicht etwa verstümmelt und verhunzt wirkt, sondern so, dass sie, ohne ihren Charakter (bei Schiller: ihre Freiheit) zu verlieren, sich der Gestalt anverwandelt. Das Gleiche gilt für die Sprache, den Informationsträger, der in Versform gebracht und durch sie zugleich gebändigt und gesteigert wird. Das Gelingen der Synthese zwischen der materiellen oder sinnlichen und der geistig-moralischen Seite des Kunstwerks zeitigt Schönheit.
Wenn wir Zuschauer das Ergebnis dieses Spiels von Form und Stoff auf der Bühne anschauen, werden wir selbst auf die ästhetische Ebene versetzt, zumal wir wissen, dass wir nicht Zeuge von Wirklichem, sondern von "schönem Schein" sind. Auf diese Weise werden wir durch das Anschauen des Schönen veredelt, da auch in uns die grobe Sinnlichkeit lernt, sich moralischen Forderungen anzupassen. Dadurch werden wir auf den Übergang vom Wollen zum Sollen vorbereitet, wobei Schiller annimmt, dass, wenn wir durch die Schule der Ästhetik gegangen sind, die Sinnensphäre sich dem Sollen bzw. der Pflicht gegenüber als geneigt erweist.
Derart vorbereitet waren die Menschen nach Schiller zu Beginn der Französischen Revolution nicht. Sie wurden ohne ästhetische Erziehung aus der Sphäre der Sinnlichkeit in die der Moral, aus dem Stand des Untertanen in den des politisch Handelnden geschleudert, und verübten dann, roh wie sie noch waren, jene Gräuel, die Schiller mit Abscheu in der "Glocke" beschreibt. Deshalb will er die Menschen mit Hilfe der Ästhetik so erziehen, dass sie beim nächsten Auftreten gesellschaftlicher Veränderungsmöglichkeiten moralisch gerüstet sind, sie auch wahrnehmen zu können.
So viel zu Schillers ästhetischer Theorie, die von Goethe gutgeheißen und angewandt wurde, wenn auch mit weniger philosophischem Aufwand.
Für die ursprüngliche Intention, meine Internetseite in diesem Punkt zu verbessern, reichen meine Kenntnisse inzwischen. Aber ich denke, man kann Schiller nicht beiseite legen, ohne auch noch die philosophische Schrift von ihm gelesen zu haben, die mit der fortschrittsorientierten Drei-Schritt-Theorie des deutschen Idealismus das Rousseau'schen Zwei-Schritt-Schema ablöst: Über naive und sentimentalische Dichtung. Für meine marxistisch orientierte Germanistengeneration war sie Anfang der siebziger Jahre Pflichtlektüre. Seitdem habe ich sie jedoch nicht mehr in der Hand gehabt.

6. März

Leider sind Gaby und ich gestern nicht ausgegangen. Ich hatte in der Nacht nicht schlafen können und litt den ganzen Tag an Durchfall. Da ist ein Gourmet-Restaurant nicht die geeignete Erholungsstätte.
Inzwischen habe ich den Schlaf nachgeholt und meine Erkenntnisse zur deutschen Klassik noch einmal überarbeitet, in meine Webseite eingefügt und hochgeladen in der Hoffnung, dass jemand sie nutzen kann. Schöner wäre es natürlich, Schüler oder Studenten zu haben, um mit ihnen zusammen diesen Zugang zur Klassik zu vertiefen und zu verbreitern.

7. März

Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, munter funkelt der Schnee - so kann man heute nicht mehr formulieren, aber das unzeitgemäße Adverb gibt etwas von der Stimmung wieder, die Gaby und ich heute Vormittag bei unserem Spaziergang um den Werder-See erlebten: heiter, wenn auch mit dem uns ständig begleitenden Abschiedsgroove unterlegt. Wir haben uns Urlaubstage im Mai auf Juist ausgemalt. Und Gaby hat den Gedanken erwogen, ob sie sich für unsere letzten gemeinsamen Monate beurlauben lassen soll. Dann könnten wir zusammen noch etwas Schönes machen, meint sie. Mich überzeugt dieser Gedanke nicht, weil ich fürchte, dass eine neue Rollenverteilung, die auch mal unfriedlich werden könnte, notwendig würde, wenn wir beide zu Hause wären. Ich halte eine erhebliche Reduzierung von Gabys Arbeitsbelastung für vernünftiger. Außerdem fällt mir zu "etwas Schönes machen" gar nichts ein. Unser Leben ist doch schön.
Schöner wäre es, wenn ich eine Weile auf die wöchentlichen Infusionen verzichten könnte. Leider geht das nur um den Preis des Lebens selbst. Aber jedes Mal, wenn das unvermeidliche Völle- und Durchfallgefühl mich bedrängt wie jetzt, fühle ich die Klinik in mir und möchte sie ausbrechen. Das Gedicht "Krebsbaracke" von Gottfried Benn fällt mir ein. Ein Mann und eine Frau gehen durch das im Titel genannte Gebäude. Der Mann zeigt der Frau sehr sachlich kommentierend die Sterbenden. Am Schluss heißt es:

"Hier schwillt der Acker schon um jedes Bett.
Fleisch ebnet sich zu Land. Glut gibt sich fort.
Saft schickt sich an zu rinnen. Erde ruft."

Das ist noch nicht meine Abteilung, aber die, zu der die unsere der Vorhof ist. Die meisten der Patienten, die ich treffe sind jedenfalls Todeskandidaten wie ich, und der Saft, der uns eingeträufelt wird, kommt mir vor wie Höllennahrung, obwohl er unser Leben doch verlängert und erträglich macht. Manchmal frage ich mich, wie uns das Personal dieser Abteilung sieht. Auch so wie der Mann in "Krebsbaracke", der sicher Arzt ist und dessen Erläuterungen man durchaus als zynisch empfinden kann?

"Nahrung wird wenig noch verzehrt. Die Rücken
sind wund. Du siehst die Fliegen. Manchmal
wäscht sie die Schwester. Wie man Bänke wäscht."

Nein, so sieht man uns sicher nicht, aber anders vielleicht als vorübergehend Kranke, denn jedes Sich-einlassen bedeutet baldigen Abschied. Wer kann das bei so vielen! Aber es gibt Unterschiede. Die Art der Arbeitsbelastung scheint für jede Personalschicht so bemessen zu sein, dass verschieden große und unterschiedlich geartete psychische Spielräume gegenüber den Patienten entstehen. Da sind die normalen Krankenschwestern. Sie haben so viel zu tun, dass man sie fast nur mit fliegenden Haaren und Kittelschößen wahrnimmt. Sie sind immer freundlich, verdrehen nie die Augen. Todeskandidaten sieht man vieles nach. Anders die Stationsschwester. Sie nimmt sich Zeit, spricht vom Urlaub oder vom Wetter, weist auch schon mal einen Patienten streng zurecht. Neben ihren praktischen Arbeiten scheint sie die Aufgabe zu haben, den Kranken das Gefühl zu geben, als Lebende noch ernst genommen zu werden. Das tun auch die meist noch sehr jungen diensthabenden Ärzte, obwohl das offenbar nicht vorgesehen ist. Bis vor kurzem wechselten sie mindestens wöchentlich, so dass ich jeden Montag einen anderen sah. Jetzt wechseln sie monatlich, so dass ich den gleichen Arzt dreimal hintereinder antreffe. Für sie können wir nur Fälle sein, die sie anhand der Akte zuordnen und mit Routinemaßnahmen versorgen. An Besonderes, wie vorgezogene Kontrolluntersuchungen, muss man sie erinnern. Diesen Mangel gleichen sie durch Mitgefühl und Hilfsbereitschaft aus, die ihrer unverbrauchten Kraft geschuldet sind. Der Oberarzt, dessen Name vielleicht das lateinische Wort für König enthält, ist der eigentliche Herrscher dieser Vorhölle. Er mischt sich nur selten unters sterbende Volk. Ihn sehe ich etwa zweimal pro Halbjahr. Er ist von erfrischender zynischer Direktheit, konfrontiert uns gern mit den Überlebenschancen zu den verordneten Medikamenten: "Gern . . . Ihre Wahl . . . Wenn Sie jenes Medikament vorziehen, sind sie statistisch schon im Mai tot, andernfalls erst im September." Durch derart klare Auskünfte wird man sich selbst zum Fall und gewinnt eine Distanz zum todgeweihten Selbst, dass man geradezu froh nach der verlängernden Maßnahme greift. Dieser Arzt und die Stationsschwester, unser Abteilungsherrscherpaar, Distanz und Zuwendung, ergänzen sich hervorragend. Schließlich gibt es noch den Chef, den man gottseidank selten sieht, denn seine Gegenwart kostet für Privatpatienten pro Minute etwa 300 € extra. Er ist ein bundesweit führender Krebsfachmann, die angewandten Behandlungspläne gehen zum Teil auf ihn zurück. Entsprechend wenig Zeit bleibt ihm für den einzelnen Kranken. Ich stelle mir vor, dass er im Hintergrund wichtige Entscheidungen trifft und im übrigen von Privatpatient zu Privatpatient eilt, um Geld für seine unsichtbaren Verdienste einzusammeln.

8. März

Weltfrauentag: Die EU will erreichen, dass die Löhne und Gehälter der Frauen an die der Männer angepasst werden. Das ist im Prinzip gut. Aber werden dann Frauen, wie Katja zum Beispiel, nicht noch größere Schwierigkeiten haben, einen Arbeitsplatz zu bekommen? Oder Frau Käßmann: Zugegeben, ein Berufspolitiker hätte seinen Fahrer nicht nach Hause geschickt. Und Herr Schröder oder Herr Gabriel hätten sich nicht von der Polizei vorführen lassen - so bedauerlich derartiges ist. Aber in diesen Fällen hätte die Polizei die Daten auch nicht noch in der gleichen Nacht an die Bildzeitung weitergegeben. Und ein Mann müsste nicht befürchten, dass man seine nächste Äußerung zum Afghanistan-Krieg mit der Bemerkung abwiese, von einem Alkoholiker lasse man sich keine Moralpredigt halten. Ich denke dieser Rücktritt gehört zum Thema Frau in unserer Gesellschaft. Dieser Rücktritt war wohl unumgänglich, aber er ist ein Schaden - für die Frauen und für alle, die sich schon lange eine Kirche als Gewissen der Nation gewünscht hatten.
Als Lehrer habe ich gelegentlich in Phasen der Überlastung, der Müdigkeit und des Zynismus zu mir gesagt: Jetzt lernst Du selbst nichts mehr, sondern regst nur noch Lernprozesse an. Dabei wusste ich längst, dass das auf die Dauer nicht geht. Denn wenn man den Erarbeitungsprozess, in den man die Schüler hineinführen will, nicht selbst kürzlich erfahren hat, kann man den Unterricht nicht so gestalten, dass er die Klasse im Wechsel von Frust- und Erfolgserlebnissen bei der Sache hält.
Das ist mir eingefallen, als ich am Vormittag - for the first time in my life - versuchte, ein einfaches Lied so zu arrangieren, dass ich es auf dem Klavier spielen kann. Während des gestrigen Spaziergangs war mir nämlich trotz Schnees die Melodie des Liedes "Der Winter ist vergangen . . ." eingefallen und ich bekam Lust, sie auf dem Klavier zu spielen. Ein Mensch mit guter bürgerlicher Musikerziehung hätte sich hingesetzt und es getan. Aber das ist mir nicht vergönnt und um es je noch zu erreichen, fehlen mir die Jugend, die Musikalität und das Selbstvertrauen. Also habe ich mir die Noten der Melodie mit durch Buchstaben gekennzeichneter Akkordbegleitung aus dem Internet heruntergeladen und mein E-Piano eingeschaltet. Doch dann stellte ich sehr bald fest, dass man für das Melodiespiel einen Fingersatz braucht und die Akkorde für die Begleitung so setzen muss, dass man sie flüssig hintereinander weg spielen kann. Das erste Problem hatte ich bald gelöst. Aber das Zusammensuchen der Akkorde - Wie bastelt man einen C6-Akkord? - hat mich soviel Zeit gekostet, dass ich Notenblatt und Stift beiseite legte in der Absicht fürderhin auf solche Experimente zu verzichten. Soviel zum Frust.
Heute Morgen hatte der Ehrgeiz sich erholt, und siehe da, nach einiger Zeit war alles beisammen und ich konnte anfangen zu üben. Soviel zum Erfolg.
Wenn Astrid am Mittwoch mit den Kindern kommt, kann ich ihnen vielleicht schon vorspielen.

9. März (Dienstag)

Um vier aufgestanden, aufgewacht von einem Traum, dessen Inhalt offenbar so erregend war, dass ich aus ihm heraus oder er mit mir in die Realität wollte: Gaby und ich, unbestimmbares Alter, geben unsere gemeinsame Wohnung in Marburg auf (wo ich studiert habe), um eine Studentenwohnung in einer anderen Stadt zu beziehen. Schnitt. Ich befinde mich in einem phlilophischen Seminar und melde mich gleich für eine Hausarbeit. Schnitt. Rechtfertigung gegenüber einem Kommilitonen, dass ich meine Dissertation immer noch nicht abgeschlossen habe.
Dieser Dissertationstraum verfolgt mich nun schon seit fünfunddreißig Jahren. Damals habe ich das Stipendium für das dritte Förderungsjahr zurückgegeben. Dieses Stipendium war für mich eine besondere Auszeichnung gewesen, weil die Idee zur Doktorarbeit nicht von mir stammte. Sie und das Stipendium wurden mir praktisch ohne mein Zutun von zwei Professoren angetragen und gegen die Konkurrenz von dreißig Mitbewerbern durchgesetzt, weil sie sicher waren, dass ich der geeignete Kandidat für eine Habilitation sei. Aber im Laufe der Arbeit habe ich die Fassung verloren, die Fassung im Sinne einer Konstruktion, die einen umgibt und hält, und war daher in keiner psychischen Ver-fassung, in der ich hätte noch arbeiten können. Meine erste Ehe war zerbrochen, die ich noch für lebenslänglich gehalten hatte. Alle Kommilitonen aus dem Studium waren inzwischen im Schuldienst. Zu jüngeren Studenten hatte ich keinen Kontakt und in einem institutionellen Zusammenhang stand ich auch nicht mehr. Sobald ich an meinem Arbeitsplatz in der Uni-Bibliothek saß, füllte sich mein Kopf mit gähnender Leere. Er bildete sozusagen ab, was mich umgab, nämlich nichts mehr, woran ich mich hätte halten können. Bei dem Versuch, neue Kontakte zu knüpfen, stellte sich heraus, dass ich aus der Zeit gefallen war. Kleidung und Frisur hatten noch den Zuschnitt der sechziger Jahre, die trotz Studentenrevolte sehr konventionell gewesen waren. Daher wirkte ich auf die jüngeren Studenten wie von gestern. Erst Jeans, eine sportliche Wildlederjacke, Gesundheitsschuhe, die Beseitigung des Scheitels und ein fast unbeschnittener Bart brachten mich zurück in die Gegenwart. (Heute sehe ich fast wieder so aus wie in den sechziger Jahren: Hemd, Jackett, geschlossene Schuhe etc.) Schuldienst. Er war für mich wie eine Wiedergeburt. Der Arbeitszusammenhang im Kollegium, die Möglichkeit, mein Wissen an Schüler weiterzugeben, für das sich jahrelang niemand mehr interessiert hatte - man arbeitete damals in der Oberstufe nach eigenem Konzept, d. h. ohne Schulbücher -, erfüllten mich mit einem Glücksgefühl, das ich bis zum Abschluss meiner Lehrertätigkeit nicht ganz verloren habe.
Dennoch ist dieser Dissertationstraum geblieben. Ein verpasster Lebensentwurf, ein schlechtes Gewissen, das untergründige Gefühl, eine wichtige Aufgabe im Leben nicht geschafft zu haben? Aber es wäre sinnlos gewesen, diese Arbeit nachholen zu wollen, denn die dadurch erhoffte Universitätslaufbahn hätte mir nie mehr offen gestanden. Diesen Gedanken hat mein Unbewusstes offenbar verstanden, denn sonst hätte es den Traum nicht im normalen Universitäts- und Studentenmilieu angesiedelt. Doch ein Rest von Trauer bleibt. Über eine vergebene Lebenschance? Nein, wohl eher über die zweite Wahl, zu der diese Chance meine Flucht ins Lehrerleben deklassiert hat. Eine Kränkung, die offenbar nicht vergeht.
Man würde denken, ich erfinde, wenn ich - es ist inzwischen 7 Uhr - Gaby nicht als Zeugin gerufen hätte: In Nachbars Garten stolziert ein männlicher Fasan über die Schneedecke. Er humpelt. Jetzt steht er fast neben mir unterm Wintergarten. Auch ein exotisch-traurig-schöner Traum, der offenbar zum Bestandteil meines Alltags werden will.
Heute beginnt die freie Woche des ersten Zyklus' der neuen Medikation. Gestern Abend habe ich die Pillen abgesetzt, heute Morgen entfällt die Tortur der Infusion. Frei, frei, frei!

10. März

Am Wochenende habe ich Gaby die bisherigen Aufzeichnungen ausgedruckt. Sie hatte darauf gedrungen, aus Neugier, aber auch aus Angst, weil sie wohl fürchtete, ich könnte Privates verhandeln, das sie später nicht im Internet sehen möchte. Sie hat den Auszug dann doch erst beiseite gelegt. Denn sobald sie ihn in der Hand hatte, überkam sie die Furcht, beim Lesen von Traurigkeit ergriffen zu werden. Obwohl unser Leben seit einem halben Jahr äußerlich wieder sehr normal verläuft, gibt es im Untergrund eine nicht hintergehbare Traurigkeit, die aus dem Bewusstsein resultiert, dass diese Krankheit unheilbar und kurz ist. Wie oft stehen Gaby und ich heulend in der Küche, nicht weil wir mit unseren Tränen die Suppe salzen wollen, sondern weil wir uns hier am häufigsten begegnen. Es ist uns nicht immer bewusst, aber ein Leben mit dieser Perspektive ist Abschiednehmen. Selbst wenn die Kinder, Verwandten und Freunde mich häufiger sehen wollen als früher (was mir manchmal ein bisschen viel wird), tun sie es mit dem Bewusstsein, die verbleibende Zeit nutzen zu müssen. Ein Abschiedsgroove liegt unter dem Stimmgewirr des täglichen Einerleis. Manchmal ist er schwächer, manchmal stärker. Im letzten Fall werden die Besuche häufiger. Unsere Mitmenschen versuchen ihn zu übertönen. So habe ich den vergangenen Herbst in Erinnerung, als die Alltagsmelodie fast verstummt war.
Als Gaby zum Abendbrot in die Küche kam, hatte sie den Tagebuchtext gerade gelesen. Übrigens ohne in ein Stimmungstief gefallen zu sein. Im Gegenteil, sie fand, dass der Abschied, der ja nicht nur uns, sondern auch dem Verwandten- und Freundeskreis zusetzt, in meinen weniger vom Bauch als vom Kopf her bestimmten Aufzeichnungen eine geringere Rolle spiele als im wirklichen Leben. Man könnte denken, findet sie, diese Krankengeschichte spiele sich nur in meinem Kopf ab. Das tut sie natürlich nicht, im Gegenteil, oft habe ich das Gefühl, von der Familie und den Freunden im Leben festgehalten zu werden. Besonders in Zeiten, wo mir bei Gesprächen über das Heute und Morgen ständig Sätze durch den Kopf lichtern, wie: Wenn ich dann noch kann. So es mich dann noch gibt. Wenn dies nicht das letzte Mal ist. Da ihre Unbeirrbarkeit mich nicht los lässt, verschwindet die Angst beziehungsweise ihre Kehrseite, der Zynismus, wieder. Aber dies Tagebuch soll natürlich auch keine Enthüllungsschrift werden. Ich will versuchen, hier einen besseren Ausgleich zu finden.
Apropos Familie. Heute Nachmittag waren Franziska und Astrid mit den Zwillingen hier. Sie sind zur Zeit sehr anhänglich und liebebedürftig. Oft tut es mir leid, dass ich mich so wenig um sie kümmere. Heute habe ich ihnen vorgelesen, während die Frauen sich über das unterschiedliche Verhalten der einzelnen Generationen bei der Behandlung der Scham- und sonstigen Körperbehaarung unterhielten. Im Sommer gehe ich mit ihnen eher in den Keller oder den Garten. Dort dürfen sie hämmern, sägen, auf Stehleitern wohnen, Brennholz auf dem Rasen verteilen und Pilzen die Köpfe abschlagen. Jonas kommt mir immer ein wenig traurig vor. Ich glaube, er hat jetzt schon begriffen, dass diese Welt kein idealer Platz zur Entfaltung männlicher Bedürfnisse ist. Sein unbändiges Explorationsbedürfnis, das nicht ohne Angst ist, bräuchte eine fürsorglich ermutigende Hand. Stattdessen sind fast alle Schritte absehbar und reglementiert, und beinahe jeder freie Impuls zerschellt an der Mauer der vor allem von Frauen gehüteten Konvention. Sein Bruder Simon scheint sich in dieser Welt besser zurecht zu finden. Er ist ein Charmeur und kuschelt sich in die Seele der Frauen ein. Jonas dagegen muss wohl von dem Fisch, der ihn gefangen hält, erst noch an Land gespuckt werden.

11. März

Heute um sechs Uhr aufgewacht. Es wurde langssam hell, eine Nachtigall sang. Ich verstehe Autoren nicht, die sich darüber beklagen, dass sich die Natur den Leiden des Menschen gegenüber gleichgültig und teilnahmslos verhalte. Sicher, die Zeit, da Bäume goldene Tränen weinten oder der Gesang des Orpheus die Steine erweichte, ist vorbei. Aber als ich im Sommer letzten Jahres die Nachricht von der Krankheit bekam, starb spontan meine Wachsblume, die seit dreißig Jahren das Leben mit mir teilte und sogar neun Jahre mit uns in Istanbul war. Die Stromanthe im Treppenhaus nimmt seit der gleichen Zeit fast kontinuierlich ab, wie ich, ohne dass ich ein Mittel fände, sie wieder hochzubringen. Dann vorgestern der Fasan, jetzt die Nachtigall. Das können auch alles Zufälle sein. Auf dem Weg zum Pantheismus bin ich noch nicht. Erst wenn der Elch im Vorgarten steht.

12. März

Nach und nach gewinnt dieses Tagebuch eine Eigenständigkeit, die ich ihm nicht zugetraut hätte und die mich auch ein wenig ängstigt. Es ist ein ordentlicher Teil meines Lebens geworden, ein Gegenüber, das anfängt Forderungen zu stellen, wie: Du hast heute noch gar nichts eingetragen. oder: Bist Du sicher, das dies jemanden interessiert? oder: Stilistisch bist Du heute aber ganz schlecht drauf, überarbeite diesen Beitrag gefälligst noch mal! Gefräßig ist es außerdem. Kaum tue ich etwas nicht Alltägliches oder fasse einen Gedanken, fragt es an, ob das nicht ein Beitrag werden könnte. Ich fange an zu verstehen, was Dichter wie Rilke meinen, wenn sie sagen: Ich schreibe nicht, ich werde geschrieben.
Aber ich bin ihm nicht gram. Schließlich schreibe ich jetzt mal etwas Längeres, was ich ja schon immer mal wollte.
Wem verdanke ich das? In erster Linie Gaby, die mich dazu angeregt hat. Doch letztlich meiner Krankheit, ohne die es diese Anregung nicht gegeben hätte. Soll ich ihr dankbar sein? Wenn man sich viel mit Literatur beschäftigt, denkt man manchmal auch in literarischen Kategorien. Vorhin, als ich mein schmaler werdendes Gesicht im Spiegel sah, dachte ich: Angenommen, es würde ein Buch daraus; wenn du die Wahl hättest zwischen diesem Buch als einer Art Vermächtnis oder zwanzig weiteren gesunden Jahren, was würdest Du wählen?
Gottseidank bin ich keine literarische Figur und muss diese Wahl nicht treffen zwischen Teufelspakt und Leben.

13. März

Die Tagebücher von Thomas Mann und das von Maxie Wander sind angekommen. Ich hatte sie in der vergangenen Woche über die Antiquariatsvermittlung von Amazon bestellt, weil ich jetzt, da das meine anfängt, mir sogar die Zeit zu rauben, die ich früher dem Zeitungslesen vorbehielt, wissen möchte, wie andere so etwa gemacht haben. Bei Thomas Mann trifft sich dieses Interesse mit dem literarischen.
Die ersten Seiten von Maxie Wander gefallen mir gut, sie schreibt sehr lebhaft, schildert Erlebnisse, die im Leser eine Vorstellung von der Umgebung der Schreiberin erzeugen. Soll ich das auch versuchen?
Sie hatte nur noch ein Jahr Zeit, ohne diese Frist zu kennen. Im Unterschied zu mir stand sie, wie man so sagt, mitten im Leben, als Mutter, als angehende Schriftstellerin, als Mensch. Ist es schwerer mit vierundvierzig Jahren aus dem Leben gehen zu müssen als mit sagen wir siebzig? Und was ist besser? Das hängt sicher davon ab, was für ein Leben man sich vorstellt, und davon, was noch kommt. Das Nachlassen der geistigen und körperlichen Kräfte im hohen Alter, Gebrechlichkeit, Demenz, eine Existenz als Pflegefall, in der man die Souveränität über sein Leben teilweise oder ganz verliert, ist sicher nicht wünschenswert. Außerdem bleibt man im Gedächtnis seiner Mitwelt nicht als der, den man selbst für überdauernswert hielte. Da ist Maxie Wander besser dran als Walter Jens. Stirbt man dagegen früh, nimmt man sich den Kindern, den Enkeln, der Frau. Und wenn jemand sich nach und nach entwickelt, hat er nicht die Möglichkeit zu dem zu werden, der in ihm angelegt war. Enzensberger oder Helmut Schmidt waren zwar schon als junge Männer beeindruckend, aber als Männer, die sich in allen Lebensaltern bewährt haben, beeindrucken sie mehr.

14. März

Es geht mir gut. In den vergangenen zehn Tagen sind die Symptome, die der schwarze Teufel in meinem Bauch verursacht, wieder verschwunden. Manchmal vergesse ich, dass ich krank bin. Und wenn es mir einfällt, bekommen ich keinen Schreck. Unversehens hat sich eine unbekümmerte Hoffnung, ja, Euphorie durch die Textur von medizinischem Halbwissen und negativen Erwartungen ins Bewusstsein vorgekämpft, vergleichbar den neuen, unvorsichtigen Grashalmen auf unserem Rasen hinterm Haus. Am Vormittag habe ich drei Stunden lang vor dem Computer gesessen und mir die Fähigkeit zurückgeholt, in meinem Homepage-Programm "Dreamweaver" CSS-Style-sheets zu benutzen sowie interne und externe Links zu setzen. Bei derart intensiver Arbeit wäre mir vor kurzem nach einer halben Stunde schlecht geworden. Auch die Nachmittagsmüdigkeit hat nachgelassen. Mein Eindruck im Januar, dass die Peripetie meines Krankheitsverlaufs überschritten sei, war offensichtlich falsch. Das Bild von Gipfeln und Tälern ist anscheinend adäquater, vorerst jedenfalls, wobei die Psyche, die am Leben hängt, die Amplituden jeweils unangemessen austreibt.
Manchmal frage ich mich, was Menschen denken könnten, die mich nach einem Jahr immer noch lebend anträfen. Freuen sie sich? Oder fragen sie sich, ob ich gemogelt habe, mich wichtig machen wollte, indem ich meinen baldigen Tod inszenierte. Beides wäre menschlich. Müsste ich mich schuldig fühlen wie nach der Nichtausführung eines angekündigten Vorhabens? Nicht einmal mein Schwerbehinderten-Ausweis, "unbefristet", könnte mir da helfen. Er legt sich zeitlich so wenig fest wie die Ärzte.
Nachmittags offener Geburtstagsempfang bei D. Sie ist ein Kommunikationswunder. Daher ein ständiges Kommen und Gehen. Abgesehen von Familienangehörigen bin ich der einzige Mann. Einige Frauen kenne ich aus der langjährigen Freundschaft, die mich mit D. verbindet. Eine kenne ich unabhängig von D., ja, durch sie habe ich D. erst kennengelernt. Seit fünfundzwanzig Jahren sehe ich sie nur noch per Zufall und das äußerst selten. Da wir jedoch Anfang der siebziger Jahre gegen Ende unserer Studienzeit in Marburg mit unseren jeweiligen Partnern zusammen eine Krabbelgruppe für unsere acht Monate alten Kinder plus ein weiteres betrieben, woraus sich eine Freundschaft nicht nur zwischen den Kindern entwickelte, gibt es zwischen uns eine Vertrautheit, die sich wieder einstellt, sobald wir uns begegnen. So auch heute. Sie weiß von meiner Krankheit, aber nichts Genaues, und fragt besorgt nach. Als sie nach den Aussichten fragt, spüre ich Atemnot und merke, dass ich mich sehr anstrengen muss, um genügend Luft für eine Antwort zusammen zu bekommen und nicht zu heulen. Gottseidank übernimmt Gaby das Gespräch. Das ist mir so noch nicht passiert. Was ist geschehen? Hat die Euphorie angesichts meines guten Zustands die Todesfurcht soweit ins Unbewusste verdrängt, dass sie von dort aus störend in meinen Alltag eingreifen muss, um noch wahrgenommen zu werden? Oder: Wenn Äußerungen des Unbewussten jeweils auf aktuelle Bedürfnisse zurückzuführen sind, gab es hier das Bedürfnis, mich ihr, die ich früher auch als mütterliche Freundin schätzte, heulend an die Brust zu werfen? Oder war es einfach eine jener unkontrollierbaren Eruptionen, die gelegentlich die Kruste meines Bewusstseins durchbrechen? Die Krankheit lässt sich jedenfalls nicht verdrängen. Offenbar gibt es auch kein falsches Leben im richtigen.

15. März

Es ist nicht zu glauben, aber wiederum durch Zeugen beglaubigt. Heute Vormittag stand abermals ein für dieses Terrain ungewöhnlicher Vogel in unserem Garten. Ich bin nicht mehr weit davon entfernt anzunehmen, dass sich mir, wie in Lars von Triers Film "Antichrist", die Natur - den Antichrist klammere ich mal aus - mit Hilfe mystischer Zeichen offenbaren will. Wie ich nach etwa einer halben Stunde mit Hilfe eines Fernglases, des Internet und von Gabys Biologiebüchern herausgefunden hatte, handelte es sich um einen Sperber, einen habichtartigen Raub- und Greifvogel, der hinterm Haus eine Vogelleiche entdeckt hatte, die er zunächst aus dem noch hart gefrorenen Boden lösen musste. Ich hatte also entgegen meiner anfänglichen Befürchtung genügend Zeit, ihn einzuordnen und genau zu beobachten. Als er die Ausgrabung beendet hatte, schleppte er das Aas hinter ein Gebüsch, verzehrte es und ruhte sich eine Weile aus, ehe er wieder verschwand. Überwältigt von meiner Entdeckung rief ich die Nachbarin an. Ihre Reaktion: "Igitt! Ich mag keine toten Vögel." Aber sie war so freundlich, sich den lebenden Vogel anzusehen. Als Gaby nach Hause kam, war der Sperber immer noch da. Sie: "Ekelhaft! Und wer macht die ganzen Federn wieder weg?" Dann ist sie allerdings doch mit dem Fernglas in den Garten gegangen, weil ihr einfiel, dass sie Biologin ist, und sie merkte, dass mir das wichtig war.
Anschließend musste ich an die Zwillinge denken, die in ihrer von Frauen dominierten Kindergartenwelt sicher auch keine Resonanz finden, wenn ihr Explorationsdrang Nicht-Alltägliches auftut.
Heute Abend gehe ich mit E. auf das Theater-Schiff am Martini-Anleger. Dort gibt es montags Jazz. Bisher trafen wir uns einmal die Woche in der Kneipe. Aber gelegentlich haben wir den Radius schon früher erweitert. Im Dezember zum Beispiel haben wir uns eine Woche lang bei Katja in Heilbronn eingenistet und von dort aus Freunde, Museen, historischen Stätten besucht. Für den Herbst haben wir den gemeinsamen Besuch des Historikertages in Berlin ins Auge gefasst. Seitdem die Kinder groß sind und die Lebensarbeit vollbracht ist, entfaltet sich erneut eine Beziehung, wie wir sie in der Zeit vor der intensiven Familienphase schon einmal hatten.
Das wünschen sich auch andere Freunde. K. zum Beispiel stellt sich vor, dass wir, wenn er pensioniert ist, wieder einmal reisen wie in den achtziger Jahren, als wir in den Sommerferien gelegentlich vor unseren Frauen das Weite suchten und wochenlang mit dem Auto durch Europa oder die USA fuhren. Das stelle ich mir sehr schön vor, auch wenn wir nicht mehr auf der Flucht sind.
Doch dieser Blick in die Ferne gehört eher in die Kategorie des Tuns-als-ob, in Wirklichkeit haben sich auch unsere Freunde die Perspektive des Joggers angewöhnt: Das Auge trifft den Boden fünf Meter vor den eigenen Füßen.

16. März (Dienstag)

Die dienstägliche Prozedur: Um sechs Uhr aufstehen, nach dem Frühstück drei Xeloda-Tabletten (Capecitabin) einnehmen, mit der Straßenbahn in die Klinik fahren, Blutabnahme, zweieinhalb Stunden auf die Zytostase warten, drei Stunden am Tropf, Rückfahrt. Um sechzehn Uhr wieder zuhause, nicht in allerbestem Zustand. Heute habe ich mich am Ende der Infusion ziemlich heftig übergeben müssen.
Während der Zytostase habe ich ein merkwürdiges Ehepaar kennengelernt. Er, klein, fett und unbeweglich, schwitzte bei jeder Bewegung, war sehr elegant in schwarzes Hemd und Hose gekleidet, trug einen auffälligen Brilliantring und hörte mit geschlossenen Augen Musik. Sein Gang ist infolge der Fettmassen eher x-beinig-weiblich und er versichert glaubhaft, dass er ohne Unterstützung nach dreißig Metern zusammenbrechen würde. Kurz, er sieht aus wie ein alternder Mafia- oder Zigeunerboss, ist aber Polendeutscher aus Beuthen, der 1970 in die Bundesrepublik aussiedeln durfte. Das erfuhr ich gegen Ende seines Aufenthalts, als sich doch noch ein lebhaftes Gespräch entspann, zumal ich einen Teil der Kriegszeit mit meiner Mutter, evakuierte Großstädter aus Berlin, in der Nähe von Breslau verbracht habe und auch schon mehrfach in Danzig war, wohin er in den nächsten Tagen mit seiner Frau fliegen wollte. Sie, Polin aus Danzig, holte ihn gegen Mittag ab und war noch dicker als er. Sie trug ihren Bauch wie einen quer umgebundenen halbvollen Mehlsack vor sich her, idealer Fall für eine Fettabsaugung. Im Verhalten gegenüber ihrem Mann schien sich das traditionelle West-Ostgefälle zu spiegeln, denn sie bediente ihn wie eine Hofdame: krempelte ihm die Ärmel, zog ihm die Jacke an, knöpfte sie zu etc. Andererseits hatte ich den Eindruck, dass sie letztlich doch das Heft in der Hand hat.
Spätnachmittag: Die latente Übelkeit ist noch da, aber die Welt ist wieder in Ordnung: Ich habe zwei Stunden geschlafen, Gaby packt ihre Koffer für unsere einwöchige Reise nach Istanbul und wir haben gerade unseren Reiseanfangsritus vollzogen. Riten versichern uns, da sie immer gleich ablaufen, des Heimisch-seins, finde ich. Wir brauchen innerlich gar nicht beteiligt zu sein, die Nadel findet ihre Spur. Und Eheriten sind so etwas wie eine Konfirmation, eine reconfirmation, der Klebefähigkeit, die man sich beim Abschluss dieses Bündnisses, wenn auch vielleicht anders, gewünscht hat. Unser Reiseanfangsritus läuft so ab: Gaby stellt auch für kleinere Reisen einen großen Koffer bereit, der später noch durch einen prall gefüllten Rucksack und mehrere Plastiktüten ergänzt wird. Ich sage: "Ah, du nimmst wieder Deinen ganzen Hausrat mit." Sie antwortet: "... ich liebe Dich ...", und umarmt mich oder, im schlimmsten Fall, streichelt mir die Wange. Das ist ihre unwiderstehliche Form, auf Kritik, wenn sie gute Laune hat, nicht einzugehen. Für mich ist das immer eine Niederlage. Ich sollte es wissen. Denn hinter der Liebesformel steckt eine ausgewachsene Satzreihe: "Du bist zwar ein Blödmann, aber ... trotzdem.", und die Streicheleinheit ist eine, die ich vergeben würde, wenn der alte Hund wieder mal auf den Teppich gepinkelt hat.

17. März

Seitdem ich den Klassikpart meiner Internetseite korrigiert habe, drängt es mich, den historischen Teil um eine neue Seite zu erweitern. Gestern habe ich schon mal die Tabelle zur Weltgeschichte von 1945 bis 1961 durchgesehen. Sie ist in Ordnung und könnte hochgeladen werden. Aber vielleicht sollte ich vorher noch die auf der Literaturseite fehlenden Epochen ergänzen, für die ich keine ausgearbeiteten Arbeitsblätter aus der Schulzeit habe: Sturm und Drang, Jahrhundertwende. Die Web-Vorlagen dafür habe ich vor drei Jahren schon vorbereitet. Auch Inhaltliches ist da, muss nur zusammen gestellt werden.
Aber jetzt ist wieder diese Müdigkeit da. Sie fängt bereits vormittags an, und am Nachmittag kann ich außer schlafen und lesen nicht viel tun. Um 22 h ist der Tag für mich zuende.
Aber warum mache ich dies alles überhaupt? Das fragen andere und ich mich selbst in solchen Situationen. Ich weiß es nicht, aber mir ist dazu eine kleine Theorie eingefallen.
Ein Element davon habe ich mir bei der Dependenzgrammatik ausgeliehen, wie sie Johannes Erben vertritt: Nach dieser Theorie können Verben im Deutschen Leerstellen haben, indem sie einen Akkusativ und/oder einen Dativ, vielleicht auch noch ein Adverbiale des Ortes fordern, um grammatisch korrekt eingesetzt zu werden. Das Verb schlafen etwa hat keine Leerstelle, die gefüllt werden müsste, aber Verben, wie werfen, treten, nehmen, legen haben mehrere. Beispiel 1: Er nimmt den Ball (Akkusativ) in die Hand (Adverbiale des Ortes). = 2 Leerstellen. Beispiel 2: Er nimmt ihm (Dativ) den Ball (Akkusativ) aus der Hand (Adverbiale des Ortes). = 3 Leerstellen.
Der Mensch, indem er handelt, drückt der Welt seinen Stempel auf, er objektiviert sich. Die meisten Objektivierungen, die wir vornehmen sind unwillkürlich, sie fließen sozusagen aus unserem Charakter. Aber es gibt auch gezielte Objektivierungen. So heißt es im Volksmund, ein Mann müsse in seinem Leben einen Baum pflanzen, ein Haus bauen, einen Sohn zeugen. Solche konventionellen Festlegungen sind uns fremd geworden. Aber kann es nicht sein, dass der Mensch in Laufe seines Lebens individuelle Objektivierungswünsche ausbildet, die schließlich derart zu seinem Wesen gehören wie die Leerstellen zum deutschen Verb? Und kann es nicht sein, dass man selbst manchmal den Inhalt dieser Leerstellen nicht kennt, bis die Objektivierung vollzogen ist, das heißt, bis man sie ausgefüllt hat?
Jedenfalls habe ich, seit ich pensioniert bin, das Gefühl, dass es in mir oder besser: außer mir noch so eine Leerstelle gibt, die noch ausgefüllt werden will, damit ich vollständig bin. Meine Rastlosigkeit ist offenbar die Suche nach dem Füllmaterial.
Heute Mittag, wenn die Schule beendet ist, fahren wir mit dem Wagen nach Wiesbaden zu Gabys Schwester plus Familie, morgen fliegen wir nach Istanbul. Anschließend besuche ich Katja in Heibronn und anschließend Gabys Eltern, wo ich sie selbst dann auch wiedertreffe. Das Krankenhaus hat nämlich eine Infusion ausgesetzt, so dass ich nach der Rückkehr aus Istanbul doch nicht gleich nach Bremen zurückfahren muss.
Ich kann mir kaum vorstellen, vierzehn Tage lang nichts zu arbeiten oder dies Tagebuch nicht weiterzuführen, deshalb nehme ich den Computer mit. Das Schreiben mit der Hand ist mir nämlich in den letzten Jahren sehr fremd geworden. Außerdem bin ich noch nicht so stilsicher, dass ich nicht häufiger umformulieren müsste. Und das ist am Computer wirklich einfacher. Besonders freue ich mich auf die Ankunft in Istanbul. Sobald ich das Flugzeug verlasse, umfangen mich die größere Wärme, die vertraute Sprache, das Gewusel am Schalter, der Ärger mit dem Taxifahrer, der einen Umweg machen oder das Taxameter nicht einschalten will, die Uferstraße, auf der man doppelt so schnell fährt, als erlaubt ist, die Schiffe und das Meer. Das ist wie eine vertraute Umarmung, und ich bin der verlorene Sohn, der heimkehrt.

18. März (Bremen/Wiesbaden)

Unter blauem Himmel, bei Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen sind wir nach Wiesbaden gefahren. Bei der Ankunft habe ich heftige Schmerzen im Leber- und Gallenbreich, wie ich sie aus der Anfangsphase der Krankheit kenne. Sie erstrecken sich bis hoch in die Schulter. Jeder Husten, jedes Aufstoßen ist wie eine Explosion, die Löcher ins Innere sprengt. Um zehn Uhr bin ich so müde, dass ich mich ins Bett zurückziehe. Aber anstatt sich auszuruhen, arbeitet meine Psyche an der mentalen Ausgestaltung der schmerzhaften Symptome, die auf ein erneutes Wachstum der Lebermetastasen hindeuten könnten. Ich stelle mir vor, wie der Tod mit seinen langen knochigen Fingern nach meiner Leber greift, wie sich diese Finger in behaarte, tastende Spinnenbeine verwandeln, die tastend immer wieder prüfen, ob das abstoßende Zytostatikum den Leckerbissen noch beherrscht. So wird der Spinnen-Tod nach und nach meine inneren Organe verzehren, bis ich nachgebe und mich für ein anderes Festmahl unter der Erde zur Verfügung stelle. Ich weiß nicht, ist es der Begrüßungssekt oder die Todesangst, was meine Fantasie immer weiter treibt. Wenn es die Todesangst ist, so muss sie ihre Energie offenbar durch eine Art Sublimationsfilter pressen, der mir jetzt das Bild der kleinen christlichen Friedhöfe in Şişli, Istanbul, in der Nähe der U-Bahn-Station Osmanbey herausdestilliert. Gaby würde hier nicht begraben sein wollen, mitten in dieser umtriebigen, ruhelosen Stadt, nur durch eine Mauer geschützt vor dem niemals ruhenden Verkehr. Sie will einstmals an meiner Seite in Bremen ruhen und so soll es auch sein. Aber reizvoll finde ich die Idee schon, unter der Friedhofsdecke einer Stadt zu ruhen, die mir sowohl fremd als auch vertraut ist, an einem Ort, von dem man sagen könnte, mitten im Tode ist er im Leben.

19. März (Wiesbaden/Istanbul)

Gabys Familie ist ein Ensemble von fröhlichen Unglücksraben. Es gelingt ihnen oft, aus dem harmlosesten Ereignis noch ein Quäntchen Unglück herauszuschlagen. Gaby selbst hat nach einer kleinen ambulanten Schönheitsoperation eine Wunde am linken Daumen. Diese braucht etwa zwei Tage, um abzuheilen. Solange muss Gaby einen kleinen Verband tragen. Sie aber hätte den Verband gern nach zwei Stunden abgelegt. Was für eine Katastrophe! Ihre Schwester hat ebenfalls den linken Daumen im Verband. Er ist kompliziert gebrochen. Sie ist für sieben Wochen krank geschrieben. Seitdem die Schmerzen erträglich sind, kann sie nach Herzenslust lesen, spazieren gehen, die Vögel im Garten beobachten oder tun, wozu sie sonst Lust hat. Aber sie ist unglücklich. Sie findet diese lange Auszeit unverdient. Außerdem könne sie nicht länger als fünf Stunden pro Tag lesen. Und - für eine Hausfrau sicher eine der denkbar bittersten Erfahrungen - sie kann keine Kartoffeln schälen.
Auf dem Flug nach Istanbul können wir ein erneutes Unglück dank einer einfühlsamen Nachbarin gerade noch vermeiden, nämlich: für zweieinhalb Stunden nicht nebeneinander zu sitzen. Ob Gaby im Taxi vom Flughafen zum Deniz Otobüs, engl. Seabus, deutsch Seebus ?, in Bakırköy wirklich unglücklich ist oder durch ihr unablässiges Gemotze über den Fahrer, der sich übrigens völlig korrekt verhält, nur ihre Verunsicherung in dieser quirligen Stadt kompensieren will, weiß ich nicht.
Jedenfalls ist es schön, wieder hier zu sein. G. und A., bei denen wir wohnen, freuen sich, uns zu sehen. Gaby ist froh, ich bin froh. Der Leberschmerz kann daran nichts ändern. Aber ich muss um neun ins Bett.

20. März (Istanbul)

Natürlich bin ich um drei Uhr aufgewacht, habe den Computer ausgepackt und Tagebucheintragungen gemacht. Ich führe jetzt ein bisschen das Leben eines Schriftstellers: Der Computer ist auf Reisen dabei. Wenn ich ohne ihn unterwegs bin, habe ich Papier in der Tasche, auf dem ich Beobachtungen und Einfälle notiere. Das Schreiben macht mir Spaß. Als Abiturient habe ich spaßeshalber an einem Intelligenzstrukturtest im Arbeitsamt teilgenommen. Dort musste man sich unter anderem zu einem Bild eine Geschichte ausdenken. Diese Geschichte muss mit solcher Gewalt aus mir herausgeflossen sein - was mir selbst jedoch nicht bewusst war -, dass der Psychologe mich beeindruckt fragte, ob ich das Gefühl hätte, einen Roman in mir zu beherbergen, der raus wollte. Jedenfalls deutete er an, dass in mir auch ein Schriftsteller stecken könnte. Ich habe diese Option nicht ernst genommen. Aber vielleicht wäre es eine gewesen.
Um sechs bin ich wieder ins Bett gegangen und später von einem Traum aufgewacht, der möglicherweise durcht T's Mitteilung angeregt wurde, sie habe ihre Mutter im Altersheim untergebracht und ein schlechtes Gewissen deshalb. Der Traum war so: Mein Vater, bettlägerig und ganz hilflos, und meine Mutter, ihrer Sinne und Organe noch mächtig, aber krank, sind in getrennten Abteilungen eines Heims untergebracht. Meine Mutter sehe ich allein an einem Tisch sitzen und essen, um meinen Vater bemühen sich zwei Schwestern, die geradezu in ihn verliebt zu sein scheinen. Eines Tages teilen sie mir mit, dass sie meinen Vater zu sich nehmen. Als ich mich bedanken will, bedeutet mir die ältere von beiden, dass ich die moralische Legitimation verloren hätte, mich zur Versorgung meines Vaters überhaupt zu äußern. Ich gehe traurig weg und beruhige mich schließlich mit der Einsicht, dass es in unserer Familie halt immer sehr kühl zugegangen sei. Auch das Verhältnis der Eltern zu uns Kindern (meine Schwester und ich) war eher streng und distanziert als liebevoll, hatte jedenfalls nie etwas von der Art Betüttelung, die die Schwestern meinem Vater angedeihen lassen. Meine Eltern sind übrigens seit beinahe einem halben Jahrhundert tot und waren nie in einem Heim.
Nach dem Frühstück fahren Gaby und ich mit G. auf der Fähre von Kadıköy (asiatische Seite, wo wir wohnen) nach Karaköy (europäische Seite), um den Osterbasar der österreichischen Schule zu besuchen; ein Ereignis, bei dem man mit großer Wahrscheinlichkeit viele Freunde und Bekannte trifft. Die Sonne scheint, Himmel und Wasser sind blau, die Horizonte in den üblichen Smog-Dunst gehüllt. Es geht vorbei an Haydar Paşa, davor die Wellenbrecher mit den Kormoranen, die ihre ausgebreiteten Flügel trocknen, vorbei am osmanischen Krankenhaus, dem Oberkommando der Ersten Division, dem Containerhafen. Auf der anderen Seite liegt die Altstadt und gegenüber ist Beyoğlu, wo wir neun Jahre lang gewohnt haben, mit "unserem" Haus, das Gaby kurz vor der Ankunft lokalisiert. Jetzt sind wir hier schon wieder zuhause. Wie Antäus dem Riesen die Kräfte wachsen, sobald der den Boden von Mutter Erde berührt, so entfaltet sich jetzt unser Türkentum. Die Füße stellen sich ein auf die improvisierten Bürgersteige und weichen automatisch den in der Sonne schlafenden Hunden aus, die Sprache ist da, sobald wir einen Laden betreten, das Auge freut sich, dass die alten Männer hier immer noch Jacketts tragen wie ich. Und das Ohr nimmt den viel größeren Lärm wahr, begrüßt ihn wie einen alten Bekannten und schaltet ihn weg. Zuerst haben wir den Eindruck, niemanden mehr zu kennen, als wir über den Schulhof der österreichischen Schule gehen. Da entdecke ich das Gesicht einer Frau aus der Jemen-Reisegruppe von vor vielen Jahren und ihr gegenüber den schmalen Rücken von F., unserer ehemaligen Vermieterin. Wir setzen uns. Plötzlich stehen zwei ehemalige Schüler vor mir, später holen sie noch andere heran. Auch der Zahnarzt und seine Frau, deren Sohn ebenfalls in dieser Klasse war, sind hier. Dann gesellt sich Th. der Buchhändler zu uns. Nach und nach kommen ehemalige und einge neue Lehrerkollegen dazu. Nach ein paar Stunden ist der lange Tisch voll und unser Terminkalender für nächste Woche auch. So ist das in der Diaspora. Am Spätnachmittag, als die Sonne hinter den Dächern verschwindet, wird es kalt auf dem Schulhof, nach und nach leeren sich die Tischreihen. Auch wir müssen aufbrechen, denn A. bereitet "zuhause" ein Seeteufel-Gericht für den Abend vor, und er ist ein exzellenter Koch.

21. März (Istanbul)

Türkisches Frühstück mit Gurken, Tomaten, Oliven, Schafskäse, gebratener Frühstückwurst und Weißbrot. Gegen Mittag ein Spaziergang durch den Stadtteil Moda (Asien) und am Ufer des Marmarameeres entlang bis fast zum Fenerbahçe-Stadion. Schließlich Tee und Gebäck im offenen Familien-Tee-Garten an der Uferböschung. Abends Einladung bei F.'s in Kabataş (Europa). Sie sind Berliner, 1997 mit uns erstmals gekommen und seit zwei Jahren wieder hier. Sie haben Leute eingeladen, die wir gern sehen wollten.
Mir scheint, der Umgang miteinander ist hier leichter als in Deutschland. Das häufig schöne Wetter fördert den Zugang zueinander und das Vorübergehende der Existenz von uns Europäern hier verhindert, dass Beziehungen hermetisch werden. Im Gegenteil, sie sind geprägt von Abschieden und neuen Bekanntschaften. Überhaupt hat das Leben in der Türkei etwas Schwebendes. Gesetze zum Beispiel gelten den Menschen, auch ihren Hütern, lediglich als Vorschläge. Ordnungen auf unterer Ebene hängen oft am obersten Amtsträger und wechseln mit ihm, so dass man im Zweifelsfall nur abzuwarten braucht. Wenn auch das nicht hilft, gibt es immer noch die Möglichkeit der Bestechung. Auch im Architektonischen gibt es wenig Kontinuität. Man bewirtschaftet ein Gebäude so lange, bis es zerfällt, und ersetzt es dann. Kurz, im Mentalen und im Praktischen scheint es hier immer noch eine nomadische Unterströmung zu geben. Nichts gilt ewig, alles scheint auf Abbruch und Neuorientierung ausgelegt. Gewiss gibt es in der türkischen Gesellschaft auch viel Starres, woran man sich im Laufe der Zeit wund reiben kann, vor allem der schwer erträgliche Nationalismus, die Bürokratie, die Familienstrukturen. Feste Beziehungan zu einheimischen Türken sind kaum möglich. Denn das türkische Leben ist durchsetzt von hergebrachten emotionalen Untiefen, deren Berührung jede Beziehung augenblicklich sprengen kann. Meistens geht es dabei in irgendeiner Form um Ehre, also einen Narzissmus feudaler Herkunft und um narzisstische Kränkungen, die kaum rückgägngig zu machen sind. Aber an der Oberfläche lebt sich's angenehm. Es achtet jeder darauf, dass der andere sein "Gesicht wahren" kann.
In Istanbul ist diese Oberfläche robuster als im Rest des Landes, weil alles durch einen europäisch-rationalen Firnis überzogen ist, zumal viele Türken hier eine europäisch-amerikanische Erziehung genossen haben. Außerdem spielen Kleinhandel, Kleingewerbe, Dienstleistungen jeder Art eine sehr große Rolle, also jenes gesellschaftliche Element, das improvisierend, flexibel, anpassungsbereit die starren Traditionen jederzeit infrage stellt. Die Stadt kommt dem Besucher, dem Fremden in vielfältigster Weise entgegen und verführt ihn seinerseits zu einer Offenheit, die er selbst an sich nicht kannte.
Ich fühlte mich hier vom ersten Moment an wohl. Einmal, weil ich hier die Welt des Großstadtromans der zwanziger Jahre (Kai aus der Kiste, Emil und die Detektive) wieder fand, der in der Kindheit mein Bild der Stadt geprägt hat. Zum anderen, weil es in mir etwas zu geben scheint, dass mit der Mischung von Fremdheit und Vertrautheit, der wir Europäer hier begegnen, in besonderer Weise korrespondiert. Auf diese Idee hat mich vor vielen Jahren das Gespräch mit einem Kollegen gebracht, der fast sein ganzes Leben im Auslandsschludienst verbracht, der offenbar immer die Fremdheit, oder vielleicht besser: das Vertraute in der Fremdheit gesucht hat. Selbst nach der Pensionierung verbringt er den größeren Teil der Zeit mit seiner türkischen Frau in der Türkei. Er ist Flüchtlingskind wie ich und offenbar auch nie richtig im Westen angekommen. Als er Kind war, sind seine Eltern häufig mit ihm umgezogen, so dass er nirgends Fuß fassen konnte. Und wo er Geborgenheit fand, war sie kurz und eingebunden in eine fremde Umgebung - wie bei mir. Dieses gebrochene Verhältnis zur umgebenden Gesellschaft ist wahrscheinlich bei uns beiden in unterschiedlichem Ausmaß zu einem prägenden Charakterzug geworden. Wir sind nirgends wirklich zu Hause. Aber inzwischen ist uns die Fremdheit heimisch geworden. Zu unserer Lebensgrundausstattung gehören der Wille zur Selbstbehauptung wie auch Einfühlungsvermögen, Anpassung und Mimikry. Ob in Istanbul oder Anatolien, ich gehe häufig als älterer Türke durch, bekomme in der Regel ordentliche Preise, werde öfter nach dem Weg gefragt, und kein Basari ruft mich an wie einen Touristen. Aber nicht, weil ich den herrschenden Bekleidungsstil übernommen hätte, sondern weil ich mich nicht als Tourist verhalte und kleide, sondern so, wie ich es seit fünfzig Jahren auch in Deutschland tue, mit Jackett, geschlossenen Schuhen und offenem Hemd.
Das Spannungsverhältnis zwischen Einpassung und Selbstgestaltung habe ich während einer Gruppentherapie in den achtziger Jahren selbst erst angefangen zu verstehen. Ich sollte während einer Sitzung eine ideale Wohnumgebung für mich entwerfen. Zuerst zeichnete ich einen kuscheligen Platz, umgeben von freundlichen Mietshäusern, und mietete mich in einem davon ein. Gleichzeitig spürte ich die Enge dieser Eingebundenheit. So erweiterte ich mein Gehäuse nach und nach, bis ich Raum und Inventar einer kompletten Villa beisammen hatte. Der Widerspruch wurde seinerzeit nicht aufgelöst - aber später: hier in Istanbul. Nachdem Gaby und ich uns wohnlich, beruflich, sprachlich intergriert hatten, haben wir unseren gewohnten Lebensstil weiter entfaltet und in die Umgebung eingebaut. Wir haben uns auch gefangen nehmen lassen von dem gesellschaftlich und politisch Neuen, das teils faszinierte teils abstieß, aber bald gemerkt, dass wir diese neue Welt nicht ohne die mitgebrachten Kategorien und Orientierungen verstehen und aneignen konnten. So haben wir im Laufe der Jahre in einem intensiven Prozess des Kennenlernens und Auseinandersetzens ohne uns selbst zu verlieren ein freundlich-gespanntes (vielleicht besser: spannendes) Verhältnis zu unserem Gastland entwickelt.

22. März (Dienstag, Istanbul)

Urlaub vom Tropf! Die Infusion fällt heute aus. Ich muss nur die Tabletten (Capecitabin) weiter nehmen. Das ist gut. Denn die Leber-Gallen-Schultern-Schmerzen, die möglicherweise durch die Aktivität des Oxaliplatins verursacht werden, haben gerade nachgelassen. Was dieses Medikament in der Leber zu veranstalten scheint, ähnelt jenen Beschwerden, die im Juni vergangenen Jahres dazu geführt haben, dass ich nach einer Runde das Joggen abbrechen musste und später auch noch einen Schwächeanfall erlitt. Ich nehme an, die Leber wäscht in diesem Zustand das Blut zu langsam, so dass andere Organe nicht mehr ausreichend versorgt werden. Das merke ich besonders deutlich, wenn wir in dieser hügeligen Stadt steigen müssen oder wenn wir laufen, um die letzte Fähre zu bekommen. Außerdem habe ich gestern im Spiegel gesehen, dass sich mein Bauch im Leberbereich asymetrisch verdickt hat. Daher die jüngsten Schwierigkeiten mit der Enge des Hosenbundes.
Nach dem Frühstück Spaziergang nach Kadıköy zum Fähranleger - dieser Stadtteil Istanbuls hat eine sechs mal so große Bevölkerung wie Bremen, nämlich drei Millionen Menschen -, unsere tägliche Fahrt mit der Fähre nach Karaköy, denn der frühere und jetzige Lebensmittelpunkt liegt in Europa. Besuch in der Schule. Hier kennen wir nach fast vier Jahren immer noch eine Menge Leute, vor allem im Verwaltungsbereich. Ob der Cayçı, die Sekretärin, der Verwaltungsleiter, alle umarmen uns, freuen sich uns zu sehen. Das Gleiche gilt für die Kollegen, die wir auf dem Osterbasar noch nicht getroffen haben. Auch einige neue Kolleginnen und Kollegen kennen uns teils von unseren vergangenen Besuchen, teils weil wir während unserer langen Verweildauer auch einige Spuren hinterlassen haben.
Anschließend gehen wir mit einer Kollegen in ein kleines Restaurant Mittagessen, das sich seit unserem Weggang nicht verändert hat. Während die Frauen sich nach dem Essen weiter unterhalten, gehe ich schnell rüber zu Osman Bey, "meinem" Frisör. Osman ist etwa so alt wie ich, sein Kollege ist über siebzig. Beide liegen schlafend oder dösend auf ihren Frisiersesseln. Nach der Begrüßung bietet Osman mir gleich einen Tee an. Der alte Fernseher in der Ecke ist inzwischen kaputt, es spielt ein Radio. Das ist viel angenehmer. Der Kollege bedient mich. Er benutzt jetzt nicht mehr den alten Handapparat. Am Schluss erklärt er stolz, dass die Preise gleich geblieben seien. Ich gebe trotzdem zehn statt der verlangten sieben TürkLira. Schließlich sehe ich mit diesem Haarschnitt drei Wochen lang gut aus, mit einem deutschen nur eine. Wir verabschieden uns bis zum nächsten Jahr.
Während Gaby und ich die Istiklal hinauf schlendern, tauschen wir Geld im "Dövis", immer noch der gleiche Angestellte, bestellen einen Tisch im "Boncuk", das Personal begrüßt uns mit Handschlag und Umarmung, werfen einen Blick in "unsere" Straße. Schließlich gelangen wir zum Atatürk-Denkmal am Taksim-Platz. Es ist eingerüstet. Hoffentlich wird es nicht abgerissen und durch eine Moschee ersetzt, was viele Mitglieder der religiös orientierten Regierungspartei gern hätten.
Inzwischen ist es Nachmittag. Wir fahren langsam wieder nach Asien rüber, um uns noch hinzulegen.
Am Abend treffen wir ein befreundetes Ehepaar im Moda Deniz Külübü. Es hat ein Istanbuler Reisebüro inne und jene Reisen organisiert und geführt, die uns mit dem Nahen, Mittleren und Fernen Osten vertraut gemacht haben. Die Gespräche drehen sich zunächst um meine Krankheit, die Entwicklung des Sohnes, den ich im Unterricht hatte, das Geschäft, und dann unterhalten wir uns mit Erinnerungen an die gemeinsamen Reisen.
Die Temperaturen sind in den letzten Tagen auf über zwanzig Grad gestiegen. Man könnte im Jackett nach Hause spazieren.

23. März (Istanbul)

Für heute haben wir uns eine Fahrt zur Prinzeninsel Burgazada vorgenommen. Der Himmel ist immer noch blau, die Sonne sticht meinen Kopf, das Schiff ist etwas verspätet und wir sind nicht die einzigen, die einen Frühlingsausflug machen wollen. Alle Ecken des "Vapur", vor allem draußen, sind besetzt, wir finden zwei Plätze im Innern. Im Hintergrund schrumpft die versteinerte Horizontlinie der Millionenstadt zu einem gelben Streifen, im Vordergrund begleiten uns die noch braunen einjährigen Lachmöwen, um uns herum reden die vor allem jungen Leute scheinbar ununterbrochen wie an einem angeregten Kneipenabend.
Was machen wir auf der Insel? Wir vergewissern uns der Gewohnheiten, die wir in neun Jahren ausgebildet haben und, sofern nötig, updaten wir verloren gegangene Dateien, ergänzen Neues, kurz, wir machen, was wir hier "immer gemacht haben". Zunächst trinken wir einen Kaffee in dem Restaurant, das Gaby vor Jahren wegen seines annehmbaren Klos ausgesucht hat. Dann besteigen wir die hügelige Insel. Am Atatürk-Denkmal vorbei, der Feuerwehr, dem Cem evi der Aleviten geht es durch einen Kiefernwald steil nach oben. Die Ferienhäuser stehen unter der Woche leer, Möwen haben sie in Besitz genommen. Etwas weiter, unterhalb der Steilküste, tuckert ein Fischerboot, in der Ferne liegt ein Schleier auf dem Wasser. Dann ist die Insel plötzlich kahl oder besser: kurzgeschoren wie ich. Aber nicht infolge einer Zytostase, sondern weil vor Jahren ein von der Müllkippe ausgehender Brand fast den gesamten Waldbestand vernichtet hat. In der ersten Kehre machen wir halt, gehen vor bis zur Böschung. Rechts liegt die Kormoransiedlung, stinkend, kotig und kahl, geradeaus die kleine Insel, auf der Menderes nach dem Militärputsch von 1960 hingerichtet wurde. Der weitere Aufstieg fällt mir schwer. Die Bauchspeicheldrüse kneift mich im Rücken, das ist kein gutes Zeichen. Ich stelle mir vor, die Figur einer Filmbiografie zu sein, die hier mit den Eltern, später der Geliebten, schließlich der Frau und den Kindern gegangen ist und jetzt Abschied nimmt. Doch ein Rudel von ungefähr zehn wilden Hunden scheucht uns auf. Wir sind keine Tierliebhaber und wissen, dass wir keine Angst zeigen dürfen. Kaum ist diese Gefahr gebannt, tauchen Pferde auf. Sie gehören den armen Leuten, die im Sommer die Kutschen fahren. Auf der Höhe die beiden Häuser von Th., dem Buchhändler, Abkömmling einer bosporusdeutschen Familie. Sie wurden nach dem Brand wieder aufgebaut und dominieren nach wie vor den Hang. Von hier aus sieht man die Löffelinsel unten in der Sonne liegen. Nun geht es wieder bergab, Richtung Kalpazankaya, dem alten Schmugglernest, das heute ein Ausflugsrestaurant ist. Überall blüht der Ginster und manch anderes Gelb, der wilde Lavendel hat schon blaue Köpfe, die Nesseln bilden lila Teppiche und im Dorf blüht überall der Weißdorn. Die gelben Mimosen, Gabys Frühlingsboten, werden sich wohl erst morgen ganz öffnen. Nach einer Cola kehren wir über den Uferweg zum Hafen zurück, essen einen Fisch und fahren wieder "nach Hause".

24. März (Istanbul)

Heute steht der Große Basar auf dem Programm. Wir kennen dort einige Händler, denen wir vor etwa dreizehn Jahren von alteingesessenen Lehrern - meist Österreichern, weil deren Auslandsverweildauer länger ist als die der Deutschen - vorgestellt wurden, um uns mit dem Nötigsten, wie Goldschmuck, edler Lederkleidung oder Teppichen, zu versorgen. Zu zweien (Gold, Leder) hat sich die Beziehung erhalten. Wir schicken ihnen regelmäßig Kunden, und unser Besuch, auch wenn wir nichts kaufen, ist quasi obligatorisch.
Gaby hat sich gleich nach dem Frühstück auf den Weg gemacht. Sie will ein paar Kleinigkeiten erwerben und den Lederhändler besuchen, zu dem wir eine persönlichere Beziehung haben, weil ich seinen Sohn in einer schwierigen Entwicklungsphase im Unterricht hatte.
Ich mache noch einige Einträge im Tagebuch und folge gegen Mittag. Wir treffen uns bei Ilhan, dem Goldhändler, der uns zum Mittagessen eingeladen hat. Beide Kaufleute sind übrigens Syrianis, d. h. syrische Christen, die im Gottesdienst aramäisch, die Sprache Jesu, sprechen. Sie kommen aus Mardin im Osten der Türkei. In dieser Region gab es vor dem Ersten Weltkrieg noch mehrere Hunderttausend von ihnen. Doch dann wurden sie von Türken und Kurden mehr oder weniger systematisch vertrieben. Nur wenige konnten bleiben und sind heute relativ unbehelligt. Die übrigen leben in Istanbul, Holland, Deutschland und Brasilien. Vor einigen Jahren hat Ilhan uns im Rahmen einer Reise in den Tur Abdin, so heißt die Region, in sein Vaterhaus in Mardin und in seine Taufkirche samt einem von seiner Familie gespendeten Altarvorhang geführt. Bei Köften und Kichererbsen geht es um solche Erinnerungen und um die guten alten Zeiten, als unsere Lehrergeneration noch in Istanbul war.
Bevor wir nach Asien zurückkehren, machen Gaby und ich noch einen Kurzbesuch in Beyoğlu, "unserem" Stadtviertel, und probieren die neue U-Bahn aus, die vor Jahren unser Haus fast zum Einsturz gebracht hätte und deren lange, steile Treppen die Londoner Dimensionen übertreffen.

25. März (Istanbul)

Der letzte Tag in Istanbul. Er ist Beyoğlu gewidmet. Wiederum ist Gaby früher aufgebrochen. Als ich zum Anleger hinunter gehe, ergreift mich jenes Hochgefühl von Gesundheit und Unsterblichkeit, das ich vor vierzehn Tagen schon einmal verspürt habe. Die Zytostase scheint Körper und Seele derart zu belasten, dass das Nachlassen der Wirkung bereits Euphorie erzeugt. Aber darauf lassen wir uns nur oberflächlich ein. Die Psyche ist doch ein sehr unzuverlässiger Apparat.
Die Handys führen uns zum Mittagessen zusammen, dann besichtigen wir "unser" Haus, anschließend Orhan Pamuks "Museum der Unschuld", das nur wenige Meter entfernt liegt, aber noch umgebaut wird. Schließlich trennen wir unsere Wege. Gaby sucht die Ausblicke zum Bosporus auf, ich die Einkaufsstätten, die mir als partiellem Haus- und mitreisendem Ehemann seinerzeit vertraut waren. Bei der Gelegenheit stelle ich fest, dass das "Jazz-Café", die Musikkneipe "Hayal" und der "Kaktus", ein nettes kleines Café im französischen Stil, noch da sind.
Zum Kaffee sind wir bei unseren ehemaligen Vermietern eingeladen. Abends treffen wir uns mit Freunden im "Boncuk". Während wir uns gegenseitig über unser Tun und Lassen in den seit unserem letzten Besuch vergangenen eineinhalb Jahren informieren, werde auch ich gefragt, womit ich mich beschäftigt habe. Das geschieht sehr selten, weil offenbar viele Menschen, die noch arbeiten, sich das Leben eines Pensionärs nicht vorstellen können oder keine interessanten Auskünfte erwarten. Ich nehme diese Gelegenheit wahr, um über meine Studien zum Zweiten Weltkrieg zu berichten und von den Dingen zu erzählen, die mich am meisten beeindruckt haben. Die von dem Historiker Hillgruber sehr gut begründete These, dass der Zweite Weltkrieg nach der Kriegserklärung Englands zu Beginn des Polenfeldzugs unwiderruflich verloren war und die folgenden sechs Jahre lediglich der Inszenierung des Untergangs dienten, führt zu einer lebhaften Diskussion.
Auch K. und M. sind gekommen. Sie ist Amerikanerin aus Colorado, er gehört zu einer bosporusdeutschen Familie, die seit über hundertfünfzig Jahren in Istanbul ansässig ist. Sie haben sich während des Studiums in den USA kennengelernt. Die ältere Tochter verbringt die großen Ferien gerne bei dem Onkel dort und ist sich jetzt schon sicher, dass sie in Colorado studieren wird. Muttersprachen: Deutsch, Türkisch, Englisch. Diese Weltläufigkeit finde ich beneidesnswert. Ansatzweise gibt es sie in unserer Familie auch, da mein Großvater Missionar war und die Brüder meines Vaters in Südafrika und Namibia geblieben sind. Einige Neffen leben heute in Australien. Besuchsweise halten wir den Kontakt. Aber der Schritt zum Auslandsstudium ist von Deutschland aus offenbar schwerer, da wir selbst attraktive Universitäten haben, die darüber hinaus keine oder nur wenig Gebühren kosten.

26. März (Istanbul/Wiesbaden)

Abschied. Schon beim Frühstück sind wir beide müde, traurig, angeschlagen, ohne dass es dafür einen hinreichenden Grund gäbe. Die Psyche ist dem Bewusstsein offenbar voraus. Wir haben eine ganz ausgefüllte Woche hinter uns mit sehr vielen Begegnungen und in einer Umgebung, die immer die volle Aufmerksamkeit fordert. Danach kann nur ein Abschwung folgen.
Während des Flugs schlafen wir. Und als Irene und Arne uns am Flughafen in Frankfurt/M. abholen, ist Gaby wieder soweit hergestellt, dass sie sich an der allfälligen Wiederbelebung der geschwisterlichen Hackordnung angemessen beteiligen kann.
In der Wohnung fällt mir ein Kinderfoto von Arne auf: offen, freundlich, zugewandt. Jetzt ist er fünfundzwanzig und sein Gesicht signalisiert kritische Distanz. Im Laufe seines Lebens wird es sich immer mehr schließen, und erst die Totenmaske würde zu der ursprünglichen Offenheit zurückkehren. Obwohl ich selbst mich offener fühle, als mein Gesichtsausdruck anzeigt, ist es nicht nur die der Gravitation nachgebende Haut, die die Organe verdeckt oder verzerrt. Die hinter Hautlappen verschwindenden Augen und die heruntergezogenen Mundwinkel sind auch Ausdruck erlernter Vorsicht und enttäuschten Erwartungshaltungen. Aber hat Thomas Mann Recht, wenn er "ent-täuscht" schreibt? Ist unsere Kindheit eingesponnen in einen Kokon von Täuschungen, durch die wir uns im Laufe des Lebens ans Licht arbeiten? Oder lässt unsere Spannkraft nach, so dass wir am Ende viele Pfeile aus Müdigkeit im Köcher lassen?

27. März (Wiesbaden)

Inwieweit dürfen wir als Patienten den Ärzten vertrauen, wieviel müssen wir selbst zur richtigen Diagnose und Behandlung unserer Krankheit beitragen? Gerhart, Irenes Mann, kommt heute aus dem Krankenhaus zurück. Es mussten drei Titan-Nägel aus seinem Schultergelenk entfernt werden, denn "Es liegt ein erheblicher Flurschaden aufgrund der überstehenden Schrauben mit arthrotischer Deformierung des Gelenkes . . . vor." "Vermutlich wird frühzeitig ein endoprothetischer Gelenkersatz der linken Schulter erforderlich sein." "Die Beweglichkeitseinschränkung wird vermutlich unverändert fortbestehen, ebenso die Schmerzsymptomatik aufgrund der arthrotischen Zerstörung des Gelenkes." (OP-Bericht) Die Schrauben waren veraltet, falsch gesetzt und hätten bereits vor Monaten entfernt werden müssen. Trotz wiederholter Intervention des Patienten wurde aber eine Korrektur erst nach dem Wechsel des Arztes durchsetzbar. Dieser Arzt ist renommierter Klinikdirektor in Wiesbaden.
Eine ähnliche Erfahrung habe ich im vergangenen Jahr gemacht. Eine Privatklinik in Bremen hat vier Wochen lang vergeblich versucht, zwecks exakter Diagnose des Ursprungstumors eine erfolgreiche Biopsie meiner Lebermetastasen durchzuführen, ehe man mir empfahl, eine Universitätsklinik aufzusuchen.
Als wir in Istanbul waren, wurde natürlich viel über Krankheiten gesprochen, zumal auch unsere Freunde und Bekannten sich in einem Alter befinden, in dem man sich mit Konservierungsmaßnahmen beschäftigen muss. Die Behandlung von Privatpatienten ist in dem Schwellenland Türkei sehr exklusiv, von hohem Niveau und an amerikanischen Standards orientiert. Diese Erfahrung habe ich bereits vor einigen Jahren bei einer Bandscheibenoperation im Amerikanischen Krankenhaus in Istanbul gemacht. Sie wurde jetzt in Gesprächen bestätigt. Also haben wir die Fühler ausgestreckt, um in Erfahrung zu bringen, ob es in der Türkei/den USA Behandlungsmethoden für meinen Krebs gibt, die den Möglichkeiten in Deutschland voraus sind. Im Moment scheinen die hiesigen Methoden noch zu greifen, aber gibt es danach noch etwas? Würden meine Ärzte von sich aus auf fortgeschrittenere Medikationsmöglichkeiten in den USA verweisen, dürften sie in Deutschland eingesetzt werden? Selbst wenn Medikamente für deutsches Verständnis noch nicht ausreichend erprobt wären, könnten sie mir nicht mehr schaden. Und eine erneute Übersiedlung nach Istanbul wäre für mich nicht die schlechteste Option.

28. März (Wiesbaden/Heilbronn)

Abschied von Wiesbaden nach drei Tagen mit gutem Essen, viel Alkohol und Gesprächen über Arnes Medizin-Studium sowie die diversen Krankheiten in der Familie. Gaby fährt mit dem Auto nach Wittlich weiter zu ihren Eltern, ich mit dem Zug nach Heilbronn zu Katja und Familie.
Da meine Abfahrt erst gegen Mittag sinnvoll ist und Gaby mich zum Bahnhof bringen will, entsteht zwischen Frühstück und Abreise ein schwer zu überbrückendes Vakuum, vergleichbar mit den letzten Minuten vor Abfahrt des Zuges, wenn man bis auf den Bahnsteig begleitet wird.
Da der IC stark verspätet ist, setze ich mich in den Mainzer Bahnhof und stelle mir vor, dass Gaby auf der Autobahn nach den vergangenen turbulenten Tagen Trauer und Einsamkeit empfindet, bis allmählich die Vorstellung vom Wiedersehen mit ihren Eltern überhand nimmt.
Als Reiselektüre habe ich den ersten Band von Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" dabei. Hoffentlich scheitere ich mit diesem Roman nicht wieder wie schon zweimal in meinem Leben. Nach der Bewältigung des ersten langen Abschnitts über das Schlafengehen, finde ich eine Reihe von thematischen Anklängen an Rilkes "Malte". Die Reflexionen des Ich-Erzählers über die Konstruktion der Figur Swann durch die Großeltern zum Beispiel erinnert mich an die Umdeutung der Geschichte des Verlorenen Sohnes im "Malte". Dort leidet ein junger Mann darunter, dass er duch die Vorstellungen, die sich seine Umwelt von ihm macht, so stark festgelegt wird, dass er kaum noch Entfaltungsmöglichkeiten hat. Auch die nahezu vollkommene Aufhebung der Differenz von Erzählzeit und erzählter Zeit bei Proust fasziniert mich; die Tatsache, dass die Realität nicht einmal versuchsweise aus der gedanklichen Textur des Erzählers entlassen wird. Etwas Ähnliches versuche ich hier ja auch. Aber ich kann mir noch nicht vorstellen, dass es gelingen kann, den Leser auf diese Weise zwanzig Bände lang zu fesseln.
Maxie Wanders Briefesammlung zum letzten Jahr ihres Lebens hat mich nicht so stark angesprochen wie gehofft. Es handelt sich nämlich nicht um eine Auseinandersetzung mit dem kurz bevorstehenden Tod, da sie über ihren Krankheitszustand nicht informiert wurde und sich den Täuschungen der Ärzte gern überließ. Plötzlich ist sie tot.
Verspätete Ankunft in Heilbronn. Luisa (2) hat Fieber und schläft, Clara (4) wendet sich mir freundlich zu, obwohl wir uns seit mehreren Monaten nicht gesehen haben.

29. März (Heilbronn)

Kindertag. Luisa bleibt nach dem Fieber noch einen Tag zuhause. Ich bin genau zum richtigen Zeitpunkt angereist und bis in den späten Nachmittag hinein mit ihr allein. Der Kontakt am Morgen funktioniert ohne Übergang. Mittags essen wir auf Luisas Vorschlag Nudeln mit Ketchup. Nachmittags basteln wir das Personal für ein Kasperletheater, und nach dem unglücklichen Besuch des Spielplatzes suchen wir verzweifelt nach dem gelben Pflaster mit den lustigen Figuren. Schließlich ist Katja wieder da. Aber ein Gespräch über ihren Unterrichtsbesuch in der Schule ist leider nicht möglich, da Luisa durch den Aufmerksamkeitsüberschuss des vergangenen Tages noch verwöhnt ist.

30. März (Dienstag, Heilbronn)

Beginn der dritten Woche des zweiten Zyklus der neuen Medikation. Keine Infusion, keine Tabletten. Aber ich fühle mich nicht wohl. Mein Bauch und die von ihm ausgehende Übelkeit sowie die latente Müdigkeit erinnern mich daran, dass ich nicht so gesund bin, wie ich meinen Mitmenschen offenbar erscheine: Wenn man nicht wüsste . . .
Habe am Vormittag weiter in der "Suche nach der verlorenen Zeit" gelesen und bin auf eine Stelle gestoßen, die ich bei meinem letzten Proust-Versuch bereits unterstrichen habe. Sie handelt von der Traurigkeit der Kindheit und dem unterdrückten Schluchzen, von dem der Ich-Erzähler sagt: "In Wirklichkeit hat es niemals aufgehört; nur weil das Leben um mich jetzt stiller ist, höre ich es von neuem . . ." Es muss im Sommer 1946 gewesen sein, mein Vater, den ich nur aus Heimaturlauben und Lazarettbesuchen kannte, war gerade aus der Gefangenschaft zurückgekommen. Meine Eltern hatten von den Bauern des ostwestfälischen Dorfes, in dem wir nach der Flucht aus Schlesien (Evakuierung) beziehungsweise Berlin (Wohnort) gelandet waren, zwei kleine Stücke Land zugewiesen bekommen, um Gemüse anzubauen. Sie lagen etwa zwei Kilometer auseinander. Gegen Ende eines Nachmittags auf dem Feld schickte mich meine Mutter, bei der ich geblieben war, zu meinen Vater auf dem anderen Stück Land. Er sollte uns abholen, um dann mit uns gemeinsam nach Hause zu gehen. Ich erinnere mich, dass ich diesen Auftrag sehr unwillig übernahm, da sich dieser Mann mir gegenüber bisher wenig väterlich gezeigt hatte und mich fast ausschließlich mit Befehlen und Zurechtweisungen ansprach. Auf dem Wege zu ihm verwandelte sich der Widerwille in eine tiefe Traurigkeit, die ich gerade noch so lange verbergen konnte, bis ich den Auftrag ausgeführt hatte. Sobald mich mein Vater nicht mehr sehen konnte, fing ich jedoch dermaßen an zu schluchzen, dass ich bis zur Ankunft bei meiner Mutter nicht mehr aufhören konnte. Sie war sehr erschreckt und fragte immer wieder, was geschehen sei, ob mein Vater mich etwa geschlagen habe. Zunächst verneinte ich letzteres wahrheitsgemäß. Aber da sie nicht aufhörte und ich auch nichts anderes wusste, bejahte ich schließlich. Da nahm sie mich entschieden an der Hand und marschierte los, um ihren Mann zu Rede zu stellen. Sicher habe ich gewusst, welch ein Unglück ich herauf beschwor, aber ich konnte es offenbar nicht ändern: Die schrecklichste Tracht Prügel meines Lebens. Anschließend musste ich ohne Essen ins Bett.
Dies ist das eindrücklichste Erlebnis aus dem Jahr, in dem ich um meine Mutter kämpfte. Sie hatte mich in den vergangenen fünf Jahren nicht von ihrer Seite gelassen. Wahrscheinlich fühlte sie sich einsam und hilflos in diesen Gastdörfern in Schlesien und in Westfalen, wo sie nicht hingehörte. Ich aber, der ein Teil von ihr geworden war, sollte jetzt selbständig werden. Im darauffolgenden Frühjahr habe ich eine Charme-Offensive unternommen, um mir die ungeteilte Liebe meiner Mutter zu erhalten: durch Blumen. Mein Vater schickte mich immer wieder nach draußen. Ich sollte mit den anderen Kindern spielen. Aber die kannte ich kaum. So streifte ich durch die Felder und pflückte Blumen für meine Mutter. Einmal bin ich gedankenverloren vor einer Knospe stehen geblieben, um zu warten, dass sie sich entfaltet, bis ich erschreckt meinen Irrtum bemerkte. Aber das sich akkumulierende Überangebot an Blumen senkte den Wert dieser Liebesgaben schließlich auf null und endete als Peinlichkeit. Als dann im Herbst meine Schwester geboren wurde, hatte ich den Kampf endgültig verloren. Selbständig geworden im Sinne einer Lösung aus der zu engen Mutterbindung, bin ich allerdings nicht. Die Individuation war mir weiterhin eine Last, aber den Wunsch nach einer Erlösung aus ihr richtete ich auf andere Frauen, so dass er während der Pubertät in der Geschlechtsliebe verschwand. Erst etwa dreißig Jahre später war das innere Schluchzen plötzlich wieder da. Ich spürte es jedesmal, wenn ich mich zu den Therapiesitzungen begab, von denen ich mir Hilfe in einer Situation erhoffte, derer ich nicht mehr Herr wurde. Ich war nämlich ohne Vorbehalte und Reserven in eine Ehe hineingegangen, die sehr bald und derart scheiterte, dass ich vorübergehend weder inner- noch außerhalb einen Haltepunkt fand. Es dauerte mehrere Jahre, bis ich die Entscheidung treffen konnte, mich von dieser Frau wieder zu lösen. Als ich diesen Schritt tun konnte, hörte auch die Traurigkeit auf. Ich hatte meine Lektion offenbar gelernt: Jeder muss sich selbst erlösen.
Abends ein verständiges Vater-Tochter-Gespräch. Wenn wir noch ein paar Jahre Zeit hätten, könnten wir eines Tages sicher auch über die schwierige Phase in unserer Beziehung sprechen.

31. März (Heilbronn)

Heute Abend gab es Sekt. Katja hat den Unterrichtsbesuch durch einen Fachbeauftragten beim Regierungspräsidenten offenbar mit Bravour hinter sich gebracht. Außerdem liegt ihr Anstellungsvertrag zur Unterschrift bereit. So ist sie beruflich schließlich doch noch untergekommen, wenn auch weniger glanzvoll, als es ihre Ausbildung nahelegt. Aber die pädagogische Aufgabe wcckt ihre Begeisterung, und sie liegt ihr. Allein die durch ihre Berufstätigkeit notwendig werdende neue Rollenverteilung muss nach fünf Jahren traditioneller geschlechtlicher Arbeitsteilung von Christians Bewusstsein noch anerkannt werden. Der reagierende Teil hat es ja immer schwerer als der agierende, besonders wenn die Aufgabenteilung sich zu seinen Ungunsten verschiebt. Immerhin hat er ein Glas Sekt mitgetrunken.

1. April (Heilbronn)

Der Tag war sehr ruhig. Ich war so müde, dass ich am Vormittag und nach dem Mittagessen geschlafen habe. Am Abend brachte ich Luisa sehr einvernehmlich ins Bett. Aber Claras Abgang war dramatisch. Leider konnte ich ihr tagsüber und beim Insbettgehen nicht immer gerecht werden, weil die Kleine sich derart eng an mich anschloss, dass Clara bedauernd, vorwurfsvoll und schließlich wütend feststellen musste, dass ich ja nicht nur Luisas wegen hier sei. Obwohl ich die Zurücksetzung älterer Geschwister durch die kindliche Unbedingtheit der jüngeren als Kind selbst hinreichend erlitten habe, war ich nicht in der Lage, meiner besseren Einsicht zu folgen. Die Natur schützt offenbar über unsere psychische Struktur das jüngere Leben und zwingt das ältere zu Verzicht und Selbstgenügsamkeit.

2. April (Heilbronn/Wittlich)

Ich sitze im Zug von Heilbronn nach Wittlich. Das Neckartal zwischen Eberbach und Heidelberg ist noch schöner, als es mir auf der Hinfahrt erschien. Ich könnte mich spontan den karfreitäglichen Wanderern anschließen, die das Glück haben, in dieser begnadeten Landschaft zu wohnen. Der Rhein ist eher eindrucksvoll, aber streckenweise zu groß und "zivilisiert", um zum Wandern einzuladen. Die Mosel zeigt sich bei niedrig stehender Sonne nicht von ihrer besten Seite, denn einige Weinberge bleiben im Schatten. Schade auch, dass beide Ufer asphaltiert sind, dadurch geht ihr das Naturhaft-Heimelige ab, das den Neckar so anziehend macht.
Der IC zwischen Heidelberg und Koblenz ist übrigens pünktlich. Das versöhnt mich mit der Deutschen Bahn. Er ist ein Bischofsstädtezug. Von Stuttgart nach Hamburg fahrend berührt er Mainz, Köln, Münster und Osnabrück, und das vermutlich nicht nur am Karfreitag.

3. April (Wittlich)

Acht Stunden durchgeschlafen ohne zwischendurch aufstehen zu müssen. Das ist mir seit Jahren nicht mehr passiert. In den vergangenen Wochen musste ich nachts jeweils bis zu viermal raus, und das, obwohl die Tage ausgefüllt und anstrengend waren und die Fatigue (Krebsmüdigkeit) seit dem erneuten Wachstum des Tumors (oder infolge der neuen Medikation?) zugenommen hat. Vielleicht war dies ein Erquickungsschlaf am Ende einer Reihe von Tagen, die meinen kranken Körper mehr gefordert haben als gewöhnlich.
Ich finde, man muss unterscheiden zwischen dem Ermattungsschlaf, der uns schon nach dem Frühstück wieder versucht aus dem Tagesgeschehen abzuziehen, der uns am Nachmittag mit dem Gefühl entlässt, den Rest des Tages nur überstehen, aber nicht gestalten zu können und der uns nach dem Abendbrot passiv vor dem Fernseher platziert, und jenem, der uns erfrischt und gesund macht, der uns umfängt, abschirmt und stärkt, wenn Stress, Sorgen und Ängste uns quälen. Ersteren würde ich als Bruder des Todes bezeichnen, weil er uns dem Leben entzieht, ohne uns auf einen Neustart vorzubereiten, während ich den zweiten immer als lebenszugewandt empfunden habe. Besonders als Mittagsschlaf war er mir während der Berufstätigkeit hoch willkommen. Nach eineinhalb Stunden Schlaf hatte ich einen zweiten vollen Arbeitstag zur Verfügung, den ich mit der gleichen Energie gestalten konnte wie den morgendlichen. Auch nach Krankheiten, Enttäuschungen, Niederlagen hat der Schlaf mich immer wieder aufgerichtet, mir Mut und Kraft gegeben.
Goethe scheint den Schlaf ähnlich erlebt zu haben. Schön ist die Szene, in der Orest ("Iphigenie") sich im Halbschlaf Frieden und Versöhnung mit seiner Familie erträumt. Und noch schöner eigentlich ist der Anfang von Faust II, wo Ariel dem vernichteten Faust einen erquickenden Gesundungsschlaf schenkt, der seines "Lebens Pulse" wieder "frisch lebendig" schlagen lässt.
Auch einige Sätze aus Thomas Manns Essay "Süßer Schlaf" könnte ich ohne weiteres unterschreiben:"Willst du mir glauben, daß ich die Schlaflosigkeit aus Gram und Sorge nicht kenne?", "Ich habe nie köstlicher geschlafen als in gewissen Nächten zwischen Sonntag und Montag . . ." (was gerade bei Lehrern nicht immer der Fall ist), "Nie schlafe ich tiefer . . . als wenn ich unglücklich bin, wenn meine Arbeit mißlingt, Verzweiflung mich niederdrückt . . .".

4. April (Wittlich)

Mit häufigem üppigem Essen, kleinen Gesprächen über Politik, Skat spielen - Gabys Vater ist mit fünfundneunzig immer noch ein hervorragender Skatspieler -, zuweilen Fernsehen - Nachrichten und Fußball -, familiärem Hickhack und viel Schlaf gehen die Tage dahin. Zwischendurch mache ich mich vertraut mit Combray (Proust), das aus der Zeit gefallen zu sein scheint wie dieses Haus, in dem seit den sechziger Jahren nicht viel verändert wurde; das aber funktioniert dank der Agilität, Weltoffenheit und Bereitschaft zur Teilnahme am Leben anderer, die diese beiden Alten, die sich in ihrer über fünfzig jährigen Ehe tagtägliche neu zusammenraufen müssen, auszeichnet.

5. April (Wittlich/Bremen)

Rückfahrt nach Bremen. Als wir auf der Autobahn sind, fängt Gaby an zu weinen. Ihr ist bewusst geworden, dass sie die letzten Tage mit den Menschen verbracht hat, die ihr am nächsten stehen und die sie nächstens verlieren wird. Dem ist leider nicht zu widersprechen.
Wir teilen uns die Fahrt und sind nach der Ankunft in Bremen beide sehr müde. Ich kann mich kaum mehr auf den Beinen halten und lege mich schon vor dem Abendbrot auf das Sofa. Da ich seit einer Woche ohne Medikamente bin, scheint mir dies ein Zeichen dafür zu sein, dass der Tumor weiter wuchert und viel Kraft verbraucht.

6. April (Dienstag)

Krankenhaus. Die Auskünfte, die ich vom Assistenzarzt auf meine Frage nach besonderen meinen Verfall aufhaltenden Maßnahmen erhalte, sind zugleich befriedidigend und beunruhigend: Das Krankenhaus setzt die neuesten Medikamente ein, unter Umständen auch solche, die offiziell noch nicht zugelassen sind. Die Erfolge der deutschen Medizin bei der Behandlung meines Krebses seien größer als die der Amerikaner. Es gebe also keinen Grund, zur Behandlung ins Ausland zu gehen. Die Frage, ob es zu dem jetzigen Medikament noch eine Alternative gebe, will der Assistenzarzt dem Oberarzt bez. dem Chef überlassen. Die sind jedoch beide in Urlaub. Als ich meinen Allgemeinzustand beschreibe - Müdigkeit, Atemlosigkeit, Gewichtsabnahme -, meint die Krankenschwester allerdings bedauernd, das sei leider der Lauf der Dinge, womit sie vermutlich nicht Unrecht hat.
In meinem Zimmer sitzt heute auch der ehemalige Heizer, der wieder stolz erwähnt, dass er keine Kohlen mehr zu schaufeln brauchte, und der mir heute verrät, dass er oft in Istanbul angelegt habe, aber dort nie an Land gegangen sei. Er hat vor ein paar Wochen den Abgang eines Mitpatienten erlebt, also unsere Zukunft, und die sieht so aus: Eines Tages schleppt man sich mit letzter Kraft ins Krankenhaus, aber die Blutwerte haben sich auch diesmal nicht erholt. Man darf unverrichteter Dinge wieder gehen und bekommt den Hinweis mit auf den Weg, dass es keinen Sinn habe, noch einmal wieder zu kommen. Vierzehn Tage später finden andere in der Zeitung die Todesanzeige. Der letzte vergebliche Besuch im Krankenhaus kann nicht leicht sein. Ich will mich rechtzeitig gegen den Satz wappnen:"Herr Nauhaus, grüßen sie Ihre Frau und machen Sie sich noch ein paar schöne Tage!"
Die Infusion ist wieder furchtbar. Am Ende muss ich zwar nicht brechen, aber mein Magen ist derart ruiniert, dass ich für den Rest des Tages nichts mehr essen und auch sonst nichts tun kann.

7. April

Vormittags Spaziergang an der Kleinen Weser. Die Sonne scheint. Die Wasservögel betreiben Partnerwahl. Die wenigen Menschen angeln oder joggen.
Abends bleierne Müdigkeit. Keine Energie, etwas zu lesen oder auch nur einen Fernsehfilm anzuschauen. Ich entscheide mich für ein heißes Wannenbad, das das Blut wieder in Bewegung bringen soll. Das gelingt auch, aber schlafen kann ich hinterher nicht. Deswegen sitze ich jetzt an der Maschine, denn der Spiegel-Artikel über einen SS-Mann hat mich ins Nachdenken gebracht und lässt mich nicht los.
Der Mann heißt Martin Sandberger und wohnt als einziger noch lebender hoher SS-Führer in einem Stuttgarter Altersheim. Er ist als Führer eines Sonderkommandos während des Russlandfeldzugs und in Italien zum Massenmörder und Organisator von Masenmorden geworden, wurde während des Nürnberger "Einsatzgruppen-Prozesses" zum Tode verurteilt und kehrte seit 1958 als Manager ins bürgerliche Leben (der Bundesrepublik) zurück. Soweit ist an diesem Schicksal nichts Außergewöhnliches. Und auch das, was mich verstört und was ich zu begreifen versuche, ist nicht außergewöhnlich und gerade darum so schwer nachzuvollziehen. Sandberger stammt nämlich aus einer durch und durch bürgerlichen Familie von Pfarrern und Beamten, sein Vater war Direktor der I. G. Farben. Er selbst legte als angehender Jurist die hervorragendsten Examina ab und war in Tübingen Referendar bei Carlo Schmid, bevor er Massenmörder wurde. Wie das störungsfreie Nebeneinander eines Bildungsbürgers und eines Massenmörders in einer Figur funktionieren könnte, hat Jonathan Littell in seinem Roman "Die Wohlgesinnten" (2006) plausibel dargestellt. Littell experimentiert mit einer fehlgegangenen sexuellen Sozialisation, wobei er sich an Theweleit ("Männerphantasien", 1977) anlehnt, und einer Art Bewusstseinsspaltung. Gegen Kriegsende nimmt Littells Hauptfigur eine neue Identität an und bleibt unerkannt. Aber gerade das ist nicht die Regel. Bei Sandberger funktioniert wie bei vielen ehemaligen NS-Größen auch - und das macht mich immer wieder stutzig - das soziale Netzwerk der Vorkriegszeit, als sei nichts geschehen. Zu seinen Rettern gehören Theodor Heuss, Carlo Schmid, Gebhard Müller, Ministerpräsident von Baden-Württenmberg, Martin Haug, ein Landesbischof, alles Mitglieder der anerkannt demokratischen bundesrepublikanischen Funktionselite der fünfziger Jahre. Litten auch sie unter sexuellen Fehlentwicklungen und Bewusstseinsspaltung und konnten daher den Massenmörder in der Figur Sandberg nicht erkennen? Möglicherweise. Aber für wahrscheinlich halte ich diese Erklärung nicht. Vielleicht muss man für die Täter und die Rehabilitierer eine unterschiedliche Motivation annehmen, und da die Gruppen in ihrer psychischen Struktur doch wohl sehr unterschiedlich sind, eine jenseits von gleichartigen psychischen Störungen.
Für Menschen wie Sandberg könnte in der Zeit des Nationalsozialismus gelten, was Jaques Sémelin in seinem Buch "Säubern und Vernichten. Die politische Dimension von Massakern und Völkermorden" (2005) über die Motivation und Rechtfertigung von Massenmorden sagt, dass nämlich politische Ideologien oft ganz ähnliche Grundlagen haben wie monotheistische Religionen, nämlich das Bedürfnis nach Einheit und Identität (das die Deutschen im 19. Jahrhundert durch die Abgrenzung von Franzosen und Juden befriedigten), die Suche nach Reinheit (ideologisch und, im Fall des Nationalsozialismus, biologisch) und ein zeitweise paranoides Sicherheitsbedürfnis. Diese Elemente treiben sicher auch heute viele religiös und politisch motivierte Massenmorde an, ohne bei den Tätern moralische Spuren zu hinterlassen.
Für Menschen wie Heuss, Schmid etc. gilt diese Annahme sicher nicht, vielleicht auch nicht für alle ins bürgerliche Leben zurückgekehrten Massenmörder. Kann es sein, dass der in den fünfziger Jahren zur Verfügung stehende ethische Apparat für die einzigartige Dimension der nationalsozialistischen Verbrechen noch kein Instrumentarium hatte? Dass das Bewusstsein ein paar Jahrzehnte Zeit brauchte, um die Wirklichkeit einzuholen? Schließlich sind die NS-Verbrecher von den Alliierten nach traditionellem Völkerrecht verurteilt und zum Teil hinterher entsprechend begnadigt worden. Wirklich angekommen ist die Monstrosität des Holocaust aber in den USA und selbst in Israel erst seit den sechziger Jahren - wie bei uns.

9. April

Ein ehemaliger Schüler aus der Istanbuler Zeit, der jetzt seit vielen Jahren in Deutschland lebt, sich zum Regisseur ausbildet und mir aus Freundschaft und zur Begutachtung gelegentlich seine Filme schickt, hat sich vor einigen Tagen mit einem Kurzfilm gemeldet, der mich irritiert.
Eine junge Frau erzählt anhand von Briefen und Fotografien (dem einzigen Bildmaterial des Films), die Geschichte eines jungen Regisseurs, der in Rom einen Film drehen wollte, dieses Projekt aber fallengelassen hat, weil er die geeignete Schauspielerin für die Hauptrolle nicht fand. Die Geschichte eines Scheiterns. Ich habe mich gefragt, warum und wem erzählt sie die Geschichte. Aus Enttäuschung, weil sie gehofft hat, selbst diese Schauspielerin sein zu können, und - vielleicht wiederholt - die Erfahrung gemacht hat, dass eine zwischengeschlechtliche Beziehung nicht zustande gekommen ist - weder zwischen ihr noch einer anderen Frau und dem Regisseur? Weil sie selbst so sehr an dem jungen Regisseur hängt, dass sein Misserfolg sie selbst trifft? Der Monolog legt letzteres nahe, aber der Gegensatz zwischen den gezeigten Fotografien und ihrem Kommentar deutet darauf hin, dass sie ihren Briefpartner in vielen Punkten nicht verstanden hat, von daher also für Hauptrolle in dem geplanten Film kaum infrage gekommen wäre. Er entdeckt beispielsweise, dass Altes und Neues, Zufälliges und Gesetzmäßiges sich an vielen Stellen der Stadt verschränkt, das Sein im Dasein und umgekehrt das Zeitliche im Ewigen sichtbar wird. Darauf kann sie sich nicht einlassen. Sie ignoriert die Tiefendimension und versucht den erkenntnishungrigen Mann an der Oberfläche des Lebens festzuhalten. Kurz, sie projiziert unbewusst ihr eigenes Scheitern in der Beziehung zu dem jungen Regisseur auf ihn. Was könnte die Aussage des Films sein? Beide Figuren suchen im jeweils anderen etwas, das dieser nicht bieten kann. Allgemeiner: Männer und Frauen können bei ihrer unterschiedlichen Einstellung zum Leben letztlich nicht zueinander finden.
Der Film muss mit dieser Feststellung enden, um den Zuschauer zu packen. Aber es wäre schade, wenn der junge Mann, der diesen Film gedreht hat, bei dieser Erkenntnis stehenbleiben und danach sein Leben einrichten würde. Frauen und Männer können sich nicht gegenseitig erlösen, aber sie können sich im gesellschaftlichen Spiel lustvoll ergänzen.

12. April

Seit der Rückkehr von der Reise habe ich nicht mehr im Proust gelesen, auch das Tagebuch fühlt sich vernachlässigt. Die Beschäftigungen, denen ich mich hier zu Hause widme, sind der Lektüre von Belletristisk und dem Tagebuch nicht günstig. Da ist zunächst die Krankheit, die in einem Wechsel von körperlicher Anstrengung und Ruhephasen sehr viel besser untergebracht ist, als in einen körperlich wenig anspruchsvollen Alltag, wo sie tagsüber die Konzentration beeinträchtigt und sich nachts als Schlaflosigkeit artikuliert. Dann sind da eine Reihe von Tätigkeiten, die auf Reisen gar nicht anfallen: der Gesundheitsspaziergang, das Einkaufen und Essen kochen, das Klavierspiel, die Zeitungslektüre, der Krankenhaustag. Schließlich steht im Vordergrund, was ich als meine Hauptarbeit betrachte, nämlich die Ergänzung beziehungsweise Vervollständigung des literaturgeschichtlichen und des historischen Teils meiner Website.
Immerhin habe ich heute den Jahrhundertwendeteil für die Literaturseite abgeschlossen und hochgeladen und finde, dass er gut geworden ist. Leider gibt es niemanden, der ihn kompetent gegenlesen könnte. Das würde voraussetzen, dass jemand sich selbst gerade mit dem Thema befasst oder sich die Zeit nimmt, es mir zuliebe zu tun. Aus diesem Bedenken heraus habe ich bisher kaum jemanden gefragt.
Als nächstes will ich mich dem Sturm und Drang zuwenden. Mit dieser Epoche wäre die Literatur-Webseite nach meinem Verständnis inhaltlich fast geschlossen. (Die NS-Zeit und die Exilliteratur habe ich bisher nicht berücksichtigt.) Sie würde dann im Sinne der Annales-Einteilung der Geschichte in Jahrhunderte auf die Literatur übertragen zwei große Zeiteinheiten anbieten, nämlich das neunzehnte Jahrhundert, das ich vom Sturm und Drang bis zum Realismus laufen lasse, und das zwanzigste Jahrhundert, das sich vom Naturalismus bis zur Nachkriegsliteratur erstreckt. Zugegeben, das zwanzigste Jahrhundert 1960 enden zu lassen, irritiert auf den ersten Blick, zumal die großen Autoren der Zeit, wie Frisch, Johnson, Grass, Walser, Bachmann noch viele Jahre weiterschreiben. Aber in den Vordergrund tritt doch in den folgenden zwanzig Jahren eine Literatur, die weniger der Lebensphilosophie und dem Existentialismus verpflichtet ist, als vielmehr dem Versuch, in der sich zur Demokratie und Dienstleistungsgesellschaft wandelden deutschen Gesellschaft anzukommen, was übrigens für beide deutsche Gesellschaften gleichermaßen gilt. Ich denke an Autoren, wie Hans Magnus Enzensberger, Günter Wallraff, Peter Weiss, Christa Wolf, Günter Kunert, Jurek Becker. Diesen Übergang ins einundzwanzigste Jahrhundert könnte man allerdings ebensogut dem zwanzigsten Jahrhundert zuschlagen und ersteres mit der sogenannten Postmoderne beginnen lassen. Aber die Parallelität der Epochenfolge Naturalismus - Jahrhundertwende-Literatur und gesellschaftkritische Literatur der 60er Jahre - Subjektivismus der 70er als Übergangsphase in ein neues Zeitalter scheint mir im Moment reizvoller. Allerdings muss ich gestehen, dass ich von den letzten dreißig Jahren Literaturgeschichte noch keinen rechten Begriff habe. Der könnte den Blick auf die Vergangenheit durchaus ändern.

13. April (Dienstag)

Infusionstag. Straßenbahnfahrt in den öden Osten der Stadt. Angst vor der kommenden Übelkeit. Krankenhaus. Mein Versuch, die Menge der Begleitinfusionen zu verringern, weil ich das Gefühl habe, nach einer bestimmten Menge sagt mein Körper nein, ist erfolgreich. Auf meine Frage nach den Werten der beim letzten Mal eingesetzten Tumormarker erhalte ich die befürchtete Antwort: Sie haben sich wieder verdoppelt. Innerhalb von sechs Wochen. Derjenige, der vor Beginn der Behandlung, nämlich im vergangenen Juli, bei 19000 lag, ist auf 8000 gestiegen. Wenn der Tumor so weiter wächst, liegt der Wert Ende Mai bei 16000. Das heißt, der Sommerurlaub ist infrage gestellt, und der Germanistentag sowie der Historikertag im Herbst erst recht. So war mein Eindruck im Januar, dass der Ski-Ball die Peripetie meines Krankheitsverlaufs darstellt, wohl doch nicht verkehrt.
Immerhin wachsen die Haare wieder - das neue Medikament entfaltet sich erst innerhalb des Tumors -, ich habe im Moment mein Idealgewicht und esse gegen den Tumor an, um es zu behalten. Kurz, ich sehe besser aus denn je. Schon immer hatte ich den Eindruck, dass ich ein Spätentwickler sei.
Gegen Ende der Infusion und kurz vor dem Übergeben, kommt der Professor vorbei, um meine Frage zu beantworten, ob man in meiner jetzigen Situatuion noch etwas Besonderes unternehmen könne, Versuchsreihen, Auslandsbehandlung etc.. Er verneint: "Wenn ich etwas wüsste, hätte ich es Ihnen schon längst vorgeschlagen?" Ob das stimmt? Jedenfalls verschreibt er mir ein weiteres Mittel gegen die Übelkeit, das schließlich so gut wirkt, dass ich den Tag gut überstehe.

14. April

Ich glaube, man kommt besser durchs Leben, wenn man den unangenehmen Verhältnissen auch Positives abzugewinnen versucht. Offenbar gilt das auch für so schreckliche Krankheiten wie der, der ich gerade ausgeliefert bin. Ohne meinen Tumor gäbe es zum Beispiel dieses Tagebuch nicht (was andere nicht als Verlust ansehen mögen). Auch hinsichtlich der Beziehung zwischen Gaby und mir hat der Krebs und das drohende Ende meines Lebens eine positive Seite.
Mittags hilft mir Gaby manchmal beim Abräumen des Tisches, aber sie verteilt das Geschirr dann so auf die freien Flächen in der Küche, dass ich es dort wieder zusammensuchen muss, um es wegzustellen. Keine Arbeitserleichterung, manchmal eher das Gegenteil. Gestern habe ich ihr mein Problem in scherzhaft-kritischer Form angedeutet. Sie hat nur kurz geschluckt und ihren Ärger dann in eine freundliche Hakelei überführt. Anschließend haben wir ein Vertrauenstestspiel gemacht, indem sie sich blindlings fallen ließ in dem Gefühl der Sicherheit, dass ich sie auffange. Solch postkontroverse Konvergenz gab es in unserer Beziehung bisher eher selten und dann erst nach einer Frist angespannten Nichtkommunizierens. Diese Entwicklung unserer Ehe hin zu freundlicher, vertrauensvoller Partnerschaft beschleunigt sich seit Beginn meiner Krankheit. Seit dieser Zeit können wir zum Beispiel Fragen der Wohnungseinrichtung, in denen wir unterschiedlicher Meinung sind, in der Schwebe lassen, bis sich eine einvernehmliche Lösung findet, und zwar indem wir beide davon ausgehen, dass jeder dem anderen entgegen kommt, soweit er kann, weil auch er für den Partner das Beste will. Über die Gestaltung unseres Zusammenlebens, das sich aus vielen kleinen Kompromissen zusammensetzt, können wir ebenfalls gelegentlich reden. Auch unser Liebesleben entwickelt sich weiter zu einem Spiel von Zuwendung und Hingabe. Kurz, im letzten Jahr gestaltet sich die Beziehung zwischen Gaby und mir zu der Art von Liebe um, die Adorno wohl meint, wenn er sagt: "Geliebt wirst Du einzig, wo schwach Du Dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren."
Das tut uns beiden gut. Gaby wird es den Abschied noch schwerer machen.

17. April

Schlechte Tage! Müdigkeit. Lustlosigkeit. Gliederreißen. Kann nicht sitzen, stehen, liegen. Arbeite zwischendurch zwar am Computer, aber den Rest des Tages warte ich, dass die Zeit vergeht, von der ich eigentlich nichts zu verschenken habe. Woran merke ich, dass es mir wirklich nicht gut geht? Ich habe keine Lust mehr, zu Fuß über die Weser in die Stadt zu gehen, Klavier zu spielen oder auf der Toilette den "Spiegel" zu lesen. Aus lauter Frust habe ich mir ein Internet-Radio gekauft. Seit ich vor ungefähr dreißig Jahren zum ersten Mal in den USA war, weiß ich, dass es außerhalb Deutschlands Sender gibt, die ohne Wortbeiträge zwischendurch rund um die Uhr Musik senden. Auch in der Türkei gibt es sehr gute Klassik- und Jazzsender. Seit wir wieder in Deutschland sind, musste ich auf die Annehmlichkeiten dieser nach deutschem Verständnis vielleicht etwas kulturlosen Einrichtung verzichten. Aber jetzt gibt es Internetradios, die die Globalisierung auch akustisch umsetzen und die nationalen Grenzen irrelevant erscheinen lassen. So höre ich im Moment einen kanadischen Klassik-Sender, und als Alternative habe ich einem us-amerikanischen Jazz-Sender gespeichert. Und es gibt jeweils noch 500 andere.
Bei Laune gehalten durch dieses internationale Musikprogramm habe ich immerhin eine weitere Seite (Sturm und Drang) zu meinem Literaturprojekt fertiggestellt. Jetzt müssen noch sieben Seiten, die bisher nur als PDF-Dateien esxistieren, in Web-sites umgewandelt werden. In der nächsten, infusionsfreien Woche schaffe ich vielleicht eine pro Tag. Dann hat auch diese Webseite ihre endgültige Form.

19. April

Aufregende Tage! Gestern rief mich überraschenderweise ein ehemaliger Istanbuler Schüler an, der jetzt in Heidelberg an seiner medizinischen Dissertation arbeitet, und zwar über Medikamente gegen Pankreaskarzinome (also meinen Krebs). Auch ihn habe ich nach entsprechenden Studien gefragt, an denen ich teilnehmen könnte. Heute Nachmittag erhielt ich die Nachricht, dass es eine gibt, zu der ich mich am Nationalen Tumorzentrum in Heidelberg anmelden kann. Gleichzeitig kam heute der Kontakt zu einem hochkarätigen Onkologen zustande, den wir in Istanbul angebahnt hatten. Dieser offenbar sehr kompetente Mann hat mich erstmals ordentlich über meine Situation aufgeklärt, die ich übrigens richtig eingeschätzt hatte: Man spricht in der Medizin von Behandlungslinien. Die erste ist die Behandlung mit dem Standardmedikament; das war in meinem Fall das Gemcitabin. Die zweite ist die Behandlung mit einem Ersatzmedikament, die zweite Wahl sozusagen, die in meinem Fall gerade versagt. Die Drittlinienbehandlung ist ein Ausprobieren von Medikamenten, bei denen man nicht vorhersagen kann, ob sie überhaupt eine Wirkung zeigen werden. In dieses Stadium käme ich jetzt. Angesichts dieser Tatsache riet er mir, auf jeden Fall an der angebotenen Studie teilzunehmen, zumal ich ja auch nichts mehr zu verlieren hätte.
So werde ich mich in den nächsten Tagen wohl mal wieder in das schöne Ländle aufmachen. Eine vorläufige Unterkunft bei Freunden in Bensheim, das nur eine halbe Stunde Bahnfahrt entfernt liegt, habe ich mir bereits gesichert.

20. April (Dienstag)

Heute keine Infusion - Zyklusende, Pause. Ich habe in Heidelberg einen Termin für den 3. Mai.

21. April

Als wollten mich die Medikamente in meinem Körper für die angebahnte Abtrünnigkeit bestrafen, führen sie mir vor, wie gut ich es bisher hatte. Bin in der Nacht jeweils nach eineinhalb Stunden aufgewacht, konnte nach sechs Stunden gar nicht mehr schlafen und liegen. Bei jeder Quetschung und Erschütterung der Leber (Aufstoßen, Husten, Lachen) erhalte ich einen regelrechten Leberhaken. Ich kann mich weder zu geistigen Tätigkeiten, wie Zeitunglesen, noch zu körperlichen - das Spazierengehen habe ich schon in der letzten Wochen aufgegeben - aufraffen. Das Treppensteigen fällt mir sehr schwer etc. etc. Sehr unerfreulich. Ob so das Ende aussieht? Meine Schwester meint, ich sollte mir schon mal Morphiumpflaster beschaffen - und Haschplätzchen vielleicht.
Vor einigen Jahren habe ich den Film "Invasion der Barbaren" von Denys Arcand gesehen. Hier versucht der Sohn den Tod des krebskranken Vaters aktiv zu gestalten, u. a. indem er ihm Zugang zu Drogen verschafft, so dass der Kranke schließlich unter Freunden und in festlicher Umgebung durch den bewusst gesetzten Goldenen Schuss aus dem Leben scheidet. Damals habe ich schon gedacht, das ist ein würdiges, selbstbestimmtes Ende des Lebens, wenn es denn durch Krankheit enden soll.

25. April

Heute das erste Mal wieder ohne größere Beschwerden. Die Leber schmerzt nur noch gelegentlich und dann moderat, den Ischiasnerv halte ich mit Voltaren unter Kontrolle. Allerdings bin ich schwächer geworden. Fange erst ganz langsam wieder an spazierenzugehen.
Die Literatur-Webseite ist übrigens fertig. Zwishendurch gab es doch immer Stunden, in denen ich am Computer arbeiten konnte. Keine anspruchsvolle geistige Arbeit, denn die Vorarbeiten hatte ich bereits früher erledigt. Außerdem hatte ich das Gefühl, der Wettlauf, oder besser: der Endspurt mit der Zeit, dem Tod, habe begonnen.
Warum haben Frauen das Bedürfnis, uns Männer ständig mit Gutgemeintem zu umstellen? Wenn wir nach Hause kommen: Fritz, zieh die Schuhe aus! Mach's Dir bequem! Leg die Beine hoch! Wenn wir das Haus verlassen wollen: Es ist kalt draußen. Zieh die warme Jacke an! Tu den Schal um! Setz die Mütze auf! Wenn die Abwesenheit etwas länger dauern sollte und wir in unserem Abwehrkampf etwas nachlässig waren, liegen unversehens Butterbrote, Thermoskanne und ein Apfel bereit. Häufig lassen sich die Aufforderungen ignorieren, aber gelegentlich werden sie auch sehr lästig. Ich glaube, in seinem Buch über menschliche Kommunikation beschreibt Paul Watzlawick eine Frau, die ihren Mann ständig beim Zeitunglesen stört, indem sie ihn auffordert, anderes zu tun. Zum Schluss behauptet sie wütend, er wisse nie, was er wolle, während er nicht müde wird zu erklären, dass er die Zeutung lesen will. Watzlawik behauptet, die Frau wolle den Kommunikationskanal offen halten. Aber m. E. erklärt das nicht ihre Aggressivität und nicht die Unbeeinflussbarkeit der Frauen in diesem Punkt. Über Silvester, das wir mit engen Freunden in Budapest verbrachten, gelang es mir, dieses kleine Kollektiv in meinen Abwehrkampf einzuspannen. Als Reaktion auf Gabys Wohlfühlanordnungen habe ich den Satz geprägt: Leg die Beine hoch, setz das Mützchen auf, zieh die Handschuhe an! Dieser Satz hat viel Freude gemacht und ist zum geflügelten Wort geworden, aber geholfen hat er nicht. Sobald ich mich heute einem Sitzmöbel nähere, kommt unweigerlich die bekannte Aufforderung zur Lagerung meiner Extremitäten. Was steckt dahinter? Gaby will sicher "mein Bestes". Und hat sie als treusorgende Ehegattin nicht ein Recht darauf, dies für sich fordern? Aber was ist es?
Die historische Sozialpsychologie hat in den letzten Jahren versucht, dysfunktionale Verhaltensweisen, mit denen wir uns heute herumschlagen müssen, auf lebensnotwendige Reaktionen in früheren Zeiten zurückzuführen. Ich kann mir vorstellen, dass das Handeln der Frauen zu "unserem Besten" solch eine wenig bewusst gesteuerte Reaktion ist. Verständlicher wird meine Vermutung, wenn man die Gruppe von typischen Hilfsangeboten noch ein wenig erweitert: die Versuche mancher Frauen, ihren Männern die Kleidung zu kaufen, sie anzuziehen, ihnen den Koffer zu packen, auf Ausflügen Butterbrote, Getränke, Süßigkeiten mitzuschlepppen, auf die man verzichten wollte oder die man auch selbst hätte mitnehmen können, etc. (Manche Frauen lassen dann allerdings, unter dem Hinweis auf Ritterlichkeit gegenüber dem schwachen Geschlecht, den Rucksack von ihrem Mann tragen.) Man muss sich vorstellen, dass die Frau nach der jungsteinzeitlichen Revolution den Haus- und Gartenbereich geschaffen hat, in dem domestizierte Tiere und Pflanzen gezogen und verwertet werden, deren Produkte man für die Wintersaison in geflochtenen Behältnissen oder solchen aus Ton aufbewahrt. Diese inzwischen Jahrtausende alte Hauswirtschaft ist noch heute in nur wenig abgewandelter Form die Grundlage jeder Subsistenzwirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländern. Gut vorstellbar, dass der Mann, der die politische, außerhäusliche Macht behalten hat, versucht, diesen materiellen und menschlichen Reichtum - die qualifizierte Arbeitskraft der Frau, die Kinder - zu beherrschen oder in ihn einzugreifen. Das heißt, sobald der Mann sich ihrem Lebensbereich nähert, muss die Frau diesen vor seiner Macht schützen, auf nicht provozierende Weise zeigen, dass sie die Herrin im Hause ist und bleiben will. Sie muss also, da sie der Gewalt nichts entgegenzusetzen hat, durch raffiniertes Verhalten eine asymmetrische Situation herstellen, in der sie dominiert. Wie kann man das besser als dadurch, dass man dem Mann ständig zeigt, dass man sein Bestes will? Andererseits braucht sie natürlich auch den starken Mann, mit dem sie brauchbaren Nachwuchs zeugt und der ihren Lebensbereich gegen die Konkurrenz schützt. Dazu muss sie ihn gut ernähren und auch ausstatten, wenn er auf die Jagd oder auf Beutetour geht, in den Krieg zieht etc. Beide Aspekte werden m. E. sehr schön in der Penelope-Erzählung der Odyssee beschrieben. Die Beziehung zwischen Penelope und Odysseus ist keine Liebesbeziehung, sondern eine den Bedürfnissen beider entsprechende Beziehung auf Gegenseitigkeit, die nach festen Regeln funktioniert.
Kann es sein, dass Wohlfühlbefehle und Betüttelungseifer die Überreste jener archaischen, anscheinend soweit entfernten überlebensnotwendigen Verhaltensweisen aus der Zeit der Agrargesellschaft sind? Wirklich weit entfernt sind sie ja nicht, denn viele Heimkehrsituationen nach dem Krieg liefen sicher ähnlich ab, wie das Wiedersehen in der Odyssee, vor allem, wenn die Familie einen Bauerhof oder eine andere Art von Unternehmung besaß, zumal die Männer in Deutschland das gesetzlich verbriefte Recht hatten, über die Berufstätigkeit der Frau, die Erziehung der Kinder, die Haushaltsführung etc. allein zu entscheiden. Erst Ende der sechziger Jahre, als die zurückgekehrten Männer viele emanzipative Errungenschaften der Frauen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit wieder rückgängig gemacht hatte, erhielt der Grundsatz der Gleichberechtigung der Frau Eingang ins Bürgerliche Gesetzbuch.
Wir brauchen offenbar noch viel Geduld, um in der nachagrarischen Gesellschaft wirklich anzukommen.

27. April (Dienstag)

Infusionstag ohne Infusion, weil ich nach Heidelberg gehe. Habe ohnehin den Eindruck, dass diese Medikamente nur verabreicht werden, um überhaupt etwas zu tun. Denn der Tumormarker hat die 10.000 überschritten und die Metastasen haben einen Durchmesser von 4,5 cm erreicht. Trotzdem geht es mir ausgesprochen gut. Das latente Unwohlsein, die Appetitlosigkeit, der gelegentliche Ischias- und Leberschmerz sind noch da, aber es ist alles gut auszuhalten. Der Gang von der Straßenbahnhaltestelle zur Klinik hat mir kein Problem gemacht.
Fange jetzt an, die Internetseite für dies Tagebuch vorzubereiten, ein Blog in traditionellem Gewand, wenn ich die Dinge richtig verstehe.
Hoffentlich kommt die Schreiblust zurück.

28. April

Das müsste Leibniz freuen. Die Aufklärung ist in seine Stadt zurückgekehrt. Zwei junge Frauen in politisch herausragender Position hatten den Mut, Probleme öffentlich zu benennen, die in ihrer politischen Klasse meistens tabuisiert oder mit Hilfe von Ja-Aber-Argumentationen weggebügelt werden. Ich meine Frau Käßmann mit ihren Afghanistan-Satz und Frau Özkan mit ihrer kritischen Bemerkung zu Kruzifixen in der Schule. Außerdem hat letztere gestern bei der Ernennung zur Ministerin die Eidesformel auf Allah bezogen. Das ist indirekt eine Rückkehr zur Toleranzidee Lessings (Ringparabel). Soviel Frischluft war lange nicht in unserem bundesrepublikanischen Politsmog. Dass die beiden Frauen von den Führungsgremien ihrer Instututionen gleich mundtod gemacht wurden, war abzusehen, aber ihre Äußerungen und die Antworten der konservativen Führungselite haben sich in vielen Köpfen festgehakt und regen zu privaten Diskussionen an. Der Hinweis auf die christlichen Grundwerte unserer Gesellschaft, die eine Missachtung der im Grundgesetz festgeschriebenen Religionsfreiheit und des Gebotes der Neutralität des Staates rechtfertigen sollen, zeitigt zum Beispiel die Frage: Was sind denn das für Werte?
Wenn man Christen danach fragt, antworten sie in der Regel, die Menschenrechte, die geachtete Stellung der Frau in der Gesellschaft, das Gebot der Nächstenliebe etc. Aber sind das wirklich christliche Werte, und wenn ja, hat die Kirche sie in der Gesellschaft implementiert?
Die Menschenrechte, zu denen immerhin die Religionsfreiheit gehört, und die Emanzipation der Frauen sind eindeutig gegen die Kirche errungen worden, und zwar durch die Aufklärung, die amerikanische und die Französische Revolution; durch August Bebel, Clara Zetkin und schließlich Gustav Heinemann, der Ende der sechziger Jahre die Modernisierung des Ehe- und Familienrechts in Angriff nahm.
Das Gebot der Nächsten- und der Feindesliebe ist ein Grundelement fast aller Religionen, zumindest der monotheistischen. Da hat das Christentum dem Judentum oder dem Islam nichts voraus. Und es bezieht sich vor allem auf die eigene Gesellschaft, die eigene religiöse Gruppe. Man soll Notleidenden, Unterdrückten, Ausgegrenzten helfen und gegenüber anderen Menschen grundsätzlich versöhnungsbereit sein. Ein weiter gefasster Anspruch dieses Gebots würde schon mit dem Missionsauftrag kollidieren. Denn der Andersgläubige oder der Agnostiker ist ja ein zu Bekehrender, ich würde ihn also nicht als solchen, sondern als zukünftigen Angehörigen der eigenen Gruppe lieben. Liebe als Vorschuss sozusagen.
Sobald die Kirche sich jedoch an den Staat bindet, was bei unseren Amtskirchen der Fall ist, kann sie selbst dieses eingeschränkte Liebesgebot in vielen Fällen nicht mehr verwirklichen. Denn um ihre privilegierte Position innerhalb der Gesellschaft nicht zu verlieren, muss sie diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, die der Staat zum Feind erklärt, auch zu ihrem Feind machen. Das heißt, solange die Gesellschaft liberal ist, können zumindest Randgruppen innerhalb der Amtskirchen sich um Deserteure, Illegale etc. kümmern, ohne die Institution in Gefahr zu bringen. Aber sobald der Staat bestimmte gesellschaftliche Gruppen in die Rechtlosigkeit verbannt, wenn also die Kirche mit ihrem Gebot der Nächstenliebe wirklich gebraucht würde, kann sie sich den Notleidenden, Ausgegrenzten, Unterdrückten nicht mehr zuwenden. Das haben wir zuletzt in der Zeit des Nationalsozialismus erlebt. Für die Juden hatte die Kirche keine Stimme. Für die russischen Kriegsgefangenen und die Fremdarbeiter ohnehin nicht. Die Täter jedoch, die Massenmörder, die sechs Millionen Juden, drei Millionen russische Gefangene, einige Millionen Zivilisten zu Tode brachten, wurden regelmäßig in die Fürbitte aufgenommen. Saul Friedländer, Holocaust-Forscher, erwähnt einen Priester, der in der Hedwigs-Kathedrale, Berlin, die Fremdarbeiter in die Fürbitte eingeschlossen hat. Er wurde von der Kirche sofort weggesperrt.
Wäre das heute anders? Da sich die Kirchen immer noch nicht vom Staat gelöst haben, wohl kaum. Was repräsentieren also die Kruzifixe in den Schulen? Das fragwürdige Bündnis zwischen dem Staat auf der einen und der protestantischen wie der katholischen Amtskirche auf der anderen Seite. Ja, und die Gewissheit: Wenn der Staat Dich ausgrenzt, hast Du auch von diesen Kirchen nichts mehr zu erwarten.

1. Mai

Gaby ist mit Freundinnen an der Nordsee unterwegs. Ich sollte auch nach draußen gehen, wenn schon nicht zur Maikundgebung, wenigstens in die Frühlingsnatur. Aber ich will die Webseite heute fertig machen und die neuen Seiten hochladen. Wer weiß, ob ich später noch dazu komme.

2. Mai (Bremen / Bensheim)

Fahrt mit dem Zug nach Bensheim. Gaby konnte sich in der Schule frei nehmen und begleitet mich. J. holt uns vom Bahnhof ab. U. hat Spargel gekocht. Die beiden Söhne kommen mit ihren Freundinnen zum Essen. Familiy life at its best. Der Abend ist ausgefüllt mit Gesprächen über die Endlichkeit, Krankheits- und Todeserfahrungen, die Erwartungen für die morgige Vorstellung im Tumorzentrum in Heidelberg.

4. Mai (Bensheim / Heidelberg)

Sechs Stunden hintereinander geschlafen. Kein Gliederreißen. Keine Bauchschmerzen. Keine bleierne Müdigkeit. Entweder hat das letzte Oxaliplatin meinen Körper verlassen oder er überlässt sich ungebremst der Zukunftsperspektive, die sich gestern bei dem Vorstellungsgespräch in Heidelberg ergeben hat. Die Ärzte des Nationalen Tumorzentrums (NCT) bestätigten, dass ich die Voraussetzungen für die Teilnahme an der Studie erfülle, dass es keine ernstzunehmende Alternative gibt und dass es schwierig ist, Argumente gegen eine Teilnahme zu finden. Allerdings muss noch überprüft werden, ob meine körperliche Verfassung so ist, dass ich die Belastungen der Studie tragen kann und ob beziehungsweise wann ein Platz frei ist. Denn die Studie, die in Mailand, Berlin und Heidelberg gleichzeitig durchgeführt wird, umfasst zunächst nur eine ganz kleine Personenzahl, da das neue Medikament bisher an Menschen noch nicht ausprobiert wurde. Das alles wird sich in den nächsten Wochen herausstellen. Und wenn alles gut geht, werde ich die nächsten Monate in Bensheim bzw. Heidelberg verbringen, da das neue Medikament, L19 IL2, das in Kombination mit Gemcitabin gegeben wird, noch nicht zugelassen ist und nur in den Vertragskliniken eingesetzt werden darf. Man geht übrigens von einer Studiendauer von sechs Monaten aus. Ich hatte mir angesichts meines miesen Zustands in den letzten Wochen überhaupt nur noch drei vorstellen können.
U., unsere Gastgeberin, beklagt sich gelegentlich darüber, dass sie in ihrem Haushalt die einzige Frau unter drei Männern ist und dass diese drei Männer durch ihr spezifisches Verhalten, zum Beispiel bei wichtigen Fußballspielen, die Wohnung derart dominieren, dass sie für sich keinen Platz mehr findet. Im alltäglichen Leben spielt wohl eher die Unordnung eine Rolle. Wenn die Sitzmöbel im Wohnzimmer durch abgelegte Textilien belegt sind, kann U. sich nicht mehr wohlfühlen oder muss, indem sie ihren Männern nachräumt, die Wohnlichkeit selbst wieder herstellen. Das ärgert sie, da sie außer Haus ebenso stark eingebunden ist wie ihre Männer und ihre Zeit zuhause nicht für an sich unnötige Dienstleistungen aufwenden möchte.
Zwischen Gaby und mir gibt es dieses Problem nicht, und wenn, dann sind die Rollen eher vertauscht. Das ist eher ungewöhnlich. Wenn ich eine Beobachtung wie diese mache, frage ich mich gelegentlich, ob ich anders bin als andere Männer. Ich bin nicht schwul, auch nicht latent. Im Gegenteil, ich war gern Soldat, ja, habe mich beim Militär ausgesprochen wohl gefühlt, bin in der Schule bei den Jungs in der Regel besser angekommen als bei den Mädchen. Dennoch habe ich eine ganze Reihe von Eigenschaften, die man als weiblich bezeichnen kann oder die man Schwulen zuschreibt. Im Haushalt- und Kinderbereich bin ich sicher genauso kompetent wie eine Frau und habe größere Phasen meines Lebens als Hausmann verbracht. Der erste Schriftsteller, bei dem ich mich als Jugendlicher wiedergefunden habe, in dessen männlichen Figuren ich mich wieder erkannte, ist Thomas Mann, latent homosexuell, und er ist mir auch heute noch vertrauter als jeder andere Schriftsteller. Die Sensibilität Tonio Krögers und auch die ironische Distanz zu sich selbst, die er schließlich gewinnt; die Vornehmheit Thomas Buddenbrooks, die Sorgfalt seiner Kleidung, seine Fingernagelkultur; die Art, wie Thomas Mann selbst den Federhalter führt, das alles sind Dinge, die irgendwie auch in mir sind und die ich zumindest als Jugendlicher in meiner Umwelt, es sei denn in späteren Jahren gelegentlich gegenüber meiner Mutter, nicht ausdrücken konnte. Auch meine Vorliebe für Puccini-Opern ist sicher ein Indiz für gebrochene Männlichkeit.
Woher dieser, mein männlich-weiblicher Charakter, stammt? Er könnte eine Folge meiner Sozialisation sein. Schließlich habe ich meinen Vater erst mit fünf Jahren kennengelernt und die ersten Jahre ganz dicht an der Seite meiner Mutter verbracht. Dann haben wir nach dem Krieg zwölf Jahre auf dem Land verbringen müssen, ich als Fremdling mit der Sehnsucht nach der Stadt, der feinsinnigen Zivilisation. Andererseits gibt es Bilder von meinem Großvater mütterlicherseits, die einen sehr eleganten Fanzosen zeigen, der durchaus Eigenschaften von Thomas Buddenbrook gehabt haben kann. Sozialisation oder Erbe? Wahrscheinlich beides.

5. Mai (Bensheim)

Nach dem Frühstück Bummel durch die Einkaufsmeile und Altstadt von Bensheim. Ein Marktplatz, hübsche alte Häuser, ein Bach - teilweise recht idyllisch. Gaby kauft ein Kilo Hackfleisch, weil sie gegen Abend Spaghetti à la Bolognèse machen will.
Mittags Anruf aus dem Krankenhaus: Die große Voruntersuchung findet am 11. Mai statt, der Termin für den Beginn der Behandlung wird drei Tage später mitgeteilt. Das heißt, ich kann nach Bremen mit zurückfahren und abgesehen von der Voruntersuchung dort bis zum Behandlungsbeginn bleiben.
Das Hackfleisch wehrt sich gegen das Angebratenwerden durch Verbreitung eines ekelhaften Geruchs, jedenfalls eines anderen, als wir ihn aus Bremen zu kennen meinen. Gaby beschwert sich ohne Ergebnis beim Fleischer, wirft dieses Fleisch schließlich weg und verwendet anderes aus der Tiefkühltruhe. Es stinkt genauso. Haben wir ein Geruchsproblem oder werden die Kühe hier anders gefüttert als in Norddeutschland? Jedenfalls wird das wertvoll gewordene Essen am Ende lachend verzehrt und allenthalben gelobt.

7. Mai (Bremen)

Heute wäre meine Mutter hundertunddrei Jahre alt geworden. Aber sie ist mit vierundsechzig Jahren an Krebs gestorben. Diese Krankheit ist offenbar ein Familienerbe.
Mittags ein Anruf aus dem Nationalen Tumorzentrum in Heidelberg: Wahrscheinlich wird erst am 7. Juni ein Platz für mich in der Studie frei. Deshalb wird auch die Voruntersuchung auf später verschoben. Am nächsten Freitag erhalten wir die Daten. Das heißt, noch einen Monat warten. Was macht der Tumor in dieser Zeit? Bin ich dann noch gesund genug für die Studie? Gaby ist sehr traurig und erholt sich für den Rest des Tages auch nicht von ihrer Niedergeschlagenheit.

9. Mai

Wir Deutschen feiern Muttertag wie zu Adolfs Zeiten, die Russen feiern mit den Alliierten und Frau Merkel zusammen den Sieg über Deutschland im Mai 1945. Zwar betont die Kanzlerin, dass wir für die Befreiung nach wie vor dankbar seien. Aber ich fürchte, das Bewusstsein von der Entsetzlichkeit des Nationalsozialismus ist in der Bevölkerung noch nicht angekommen und somit auch nicht das Gefühl der Befreiung, die schon 1945 für die meisten Deutschen wider Willen geschah.

12. Mai

Was ist das Leben ohne Arbeit? Die Tage gehen ohne Bedeutung dahin. Und für solch leere Tage müsste ich eigentlich nicht hier sein und mich von einem Sonnenaufgang zum nächsten quälen. Mit Arbeit meine ich neben der Alltagsbewältigung und der Berufstätigkeit auch die tätige Muße, Lesen, Schreiben, Klavier spielen, Reisen, kurz alles, was der Selbstbetätigung und Selbstverwirklichung dient. Ich glaube, die Arbeit ist der wichtigste Teil meines Lebens und der verlässlichste. Sie bietet sich immer an, sie schafft uns, sofern wir uns nicht überfordern, Erfolgserlebnisse und führt uns über manche Untiefen des Lebens hinweg. Dass es einen Zustand geben könnte, in dem ich ihre Angebote nicht mehr ergreifen kann, hätte ich mir bis vor kurzem nicht vorstellen können. Nun ist es so.

14. Mai

Gegen Mittag Gespräch mit dem organisierenden Arzt im Nationalen Tumorzentrum in Heidelberg: Vorläufig sei in der Studie kein Platz für mich frei. Ich solle erst noch ein anderes Medikament ausprobieren, um nicht zu lange ohne Medikation zu sein. (Immerhin sind jetzt vier Wochen seit der letzten Infusion vergangen.) Eine plausible Begründung für diesen Rückzieher nach anfänglicher Bereitschaft ist nicht zu bekommen. Eine große Enttäuschung! Zum Glück kommen am Nachmittag Franziska und ihr Freund vorbei. So können wir uns Frust und Ärger wenigstens von der Seele reden.
Ich nehme mir vor, am Montag mit dem Krankenhaus Mitte zu telefonieren, um mir einen neuen Behandlungsplatz zu sichern. Ins Krankenhaus Ost möchte ich nicht zurück, weil ich in meinem jetztigen Stadium mehr Aufmerksamkeit brauche, als die Ärzte in Ost zu geben vermögen. Vor allem möchte ich einen Arzt, der mich kennt, als Bezugsperson haben. (In Ost wechseln die behandelnden Ärzte wöchentlich.) Warum mehr Aufmerksamkeit? Mein Zustand verschlechtert sich von Tag zu Tag. Ich schaffe es kaum noch, in die Stadt zu gehen (20 Min.), seit Wochen schlafe ich nachts nicht mehr und kann mich tagsüber zu kaum einer Handlung aufraffen, auch nicht zum Tagebuch schreiben. Außerdem habe ich immer latente Schmerzen im Bauchbereich. Um mich gegen solche Dinge zu wehren, müsste ich im Krankenhaus Ost eine andere Abteilung aufsuchen, nämlich die für Schmerztherapie. Das ist mir zu umständlich. Rotation des Personals und strikte Arbeitsteilung in einen Krankenhausbetrieb tun der Psyche des Patienten nicht gut.

19. Mai

Heute Mittag war Heulen und Zähneklappern. Jetzt sitzen wir wieder trocken bei unseren Beschäftigungen. Als Gaby nach der Schule die Wohnung betrat, ging ich zum Backofen und nahm den vorgefertigten Fisch heraus, der dort nur gegart worden war. Da ich so etwas während der Zeit unsereres Zusammenlebens noch nie gemacht hatte, drängte es mich zu dem Kommentar, dass ich mich zu einem selbständigen Fischgericht heute nicht in der Lage gesehen hätte. Überhaupt fiele mir die ordentliche Haushaltsführung immer schwerer und ich würde Teile davon gern nach und nach abgeben. Da brachen bei Gaby schon die Dämme. Sie erklärte das zwar damit, dass sie in der Schule viel Ärger gehabt habe und nicht sehr stabil sei, aber ihre - durch mich jetzt bestätigte - Erwartung, mich jeden Tag schwächer zuhause vorzufinden, spielte sicher auch eine Rolle. Nachdem wir uns wieder beruhigt hatten, fragte sie nach Anrufen, und ich erzählte ihr von einem Anruf am gestrigen Abend, bei dem es um das geplante Pfingsttreffen unserer Silvestergruppe (siehe dort) gegangen war. Ich hatte mich entscheiden müssen, ob ich imstande wäre, von Bremen aus an einen anderen Ort zu fahren oder ob die anderen beiden Familien nach Bremen kommen sollten. Ich hatte mich für letzteres entschieden und gesagt, dass auch Gaby einverstanden sei, obwohl sie sich im Moment sehr belastet fühle. Daraufhin meinte meine Telefonpartnerin, dass das kein Problem sein müsse, sie hätten sich alle schon darauf verständigt, in einer nahe gelegenen Pension zu übernachten und nicht bei uns. Als ich das aussprach, muss mir das Außergewöhnliche meiner Situation, das so außergewöhnliche Maßnahmen zeitigt, bewusst geworden sein, so dass es bei mir kein Halten mehr gab. Und schon wieder standen wir heulend neben dem Esstisch. Später, wir hatten das Essen inzwischen abgeschlossen und saßen im Wohnzimmer, wollte Gaby mich vielleicht trösten mit dem Gedanken, dass wir die Freunde außerhalb Bremens auch später noch besuchen könnten. Ich aber hatte mir am Vormittag, als ich den Einkauf nur mit Mühe bewältigte, überlegt, dass ich inzwischen zu schwach sei, um noch nach Heidelberg oder irgend woanders hin zu gehen. So antwortete ich: Ich glaube, dass ich Bremen nicht mehr verlassen werde. Als dieser Satz ausgesprochen war, entfaltete er sein ganzes emotionales Potential und überschwemmte mich geradezu. Auch Gaby wurde mitgerissen. Die Taschentücher wurden knapp. So ist wohl Abschied.
Abschiede hatte es in den vergangenen Wochen schon mehrere gegeben: Ich hatte meinen sportlichen Morgenspaziergang aufgegeben, hatte aufgehört, Kneipen, Cafés, Restaurants zu besuchen, war nicht mehr ins Kino, Theater, Konzert gegangen, weil das lange Sitzen mir Schwierigkeiten macht. Aber die Unwiederbringlichkeit dieser Möglichkeiten, die sich nun in der Vorstellung des Nicht-mehr-wegfahren-könnens symbolisierte, war uns offenbar nicht deutlich geworden. Vielleicht weil es immer noch die Hoffnung gab, es könnte noch mal besser werden, zum Beispiel durch die Heidelberger Therapie. Ein neuer Abschnitt in meiner/unserer Krankheitsgeschichte hat begonnen.
Als die Tränenströme versiegt waren, konnten Gaby und ich uns darauf verständigen, dass wir nach dem Beginn der Krankkeit im Mai 2009 noch ein sehr schönes Jahr miteinander verbracht haben und dass wir die letzten Monate so angenehm wie möglich und in Würde verbringen wollen.

20.Mai (Klinikum Bremen Mitte)

8.30 h. Termin im Klinikum Bremen Mitte. Gaby hat erst später Schule und fährt mich hin, kommt auch mit rein. Die Gebäude sind zwar älter als in Bremen Ost, aber renoviert und gepflegt. Außerdem scheint der Klinikbetrieb in relativ kleine Einheiten aufgespalten zu sein. Der Arzt, der uns empfängt, ist ein älterer Herr, der sich in aller Ruhe meiner Krankheitgeschichte widmet, mich sogar gründlich untersucht, auf Gabys Zwischenfragen eingeht und sich intensiv mit der Frage auseinandersetzt, wie sinnvoll es ist, der Heidelberger Empfehlung zu folgen und eine neue Therapie mit einer Kombination aus Erlotinib (Tarceva) und Gemcitabin zu beginnen. Er plädiert dafür, wenn sich mein Körper als stabil genug erweist, und begründet sein Votum auch plausibel. In der nächsten Woche soll die Entscheidung fallen. Zum Schluss nimmt er mir mehrere Blutproben ab. Dabei entdecke ich, dass er die gepflegtesten Fingernägel hat, die ich je an einem Mann gesehen habe. Sie würden Thomas Buddenbrook alle Ehre machen. Ob er Thomas Mann liest und Wagner-Opern hört?
Sehr zufrieden verlassen Gaby und ich die Klinik. Sie fährt in die Schule, ich gehe nach Hause. Der Abschied ist wieder ein bisschen hinausgeschoben.

21. Mai

Was ist ein schöner Tod? Ist es jener, der uns nachts unverhofft und unbemerkt aus dem Schlaf holt? Ist es der, der uns per Schlaganfall, Herzinfakt etc. aus unserer Lieblingsbeschäftigung reißt? An schlechten Tagen kann ich mir vorstellen, dass mich ein plötzlicher Tod mitnähme, und alles wäre vorbei. Ein solcher Tod ist für den Betroffenen eine unkomplizierte Lösung. Aber sie kommt über ihn wie ein Naturereignis. Er ist lediglich ihr Objekt. Ist das unserer als Menschen würdig, die wir doch stolz darauf sind, die Natur, wenn nicht zu beherrschen, so doch zu verstehen und mitzugestalten? Geben wir auf diese Weise einen Teil unserer Natur, den Tod, entgegen unserem sonstigen Streben, nicht achtlos aus der Hand?
Seit ich dieses Tagebuch ins Netz gestellt habe, bekomme ich gelegentlich Rückmeldungen von Freunden und Bekannten, die durch meine (zwangsläufigen) Gedanken dazu angeregt wurden, über Aspekte ihres eigenen Lebens nachzudenken oder die nach der Lektüre den Wert ihres Lebens deutlicher empfinden. Ich auf der anderen Seite bekomme auf diese und andere Weise während des Prozesses des Abschiednehmens mehr Zuwendung, bin stärker im Diesseits aufgehoben als wahrscheinlich jemals vorher in meinem Leben. So profitieren beide Seiten, um es profan auszudrücken. Der Tod muss also nicht nur das Ende des Lebens sein, er kann, wenn wir uns seine Gegenwart bewusst machen, auch seiner Intensivierung dienen. Ein bewusst erlebtes Sterben ist sicher eine Herausforderung, vor der man sich gern drücken würde. Aber wenn ich diese letzten Monate, die natürlich nicht immer durch den Tod gekennzeichnet waren, nicht erlebt hätte, wäre ein Teil meiner Persönlichkeit unbeansprucht geblieben, hätte die Beziehung zwischen Gaby und mir nicht jene Tiefe erreicht, die sie jetzt hat, wäre ich für meine Umwelt nicht der, der ich durch meine Krankheit auch noch für sie geworden bin. Und das würde ich als ein deutliches Manko empfinden.

25. Mai

Als "müde, sehr müde (so dass ich wohl nur in kleinen Etappen und unter häufigem Ausruhen werde vorwärtsschreiten können)" beschreibt Felix Krull zu Beginn des Romans seinen Zustand. Diese Beschreibung trifft auch auf mich zu. Aber Felix Krull ist eine fiktionale Figur und wird geschrieben. Ich dagegen bin real und meine Hand ist im Moment kaum in der Lage, die "Feder zu ergreifen".
Vielleicht bringt die neue Zytostase am Donnertag (übermorgen) und die Schmerztherapie, die ich in Anspruch nehmen will, Erleichterung.

27. Mai

Beginn des ersten Zyklus' der neuen Chemotherapie mit Gemcitabin und Erlotinib (Tarceva). Dr. K. nimmt sich wieder sehr viel Zeit, untersucht mich erneut, begleitet die Infusion, stellt den Kontakt zum Schmerztherapeuten her und verschafft mir so einen erträglichen Tag.
Zum Krankenhaus hat mich Gaby gefahren, zurück nehme ich ein Taxi, das mich vor der Apotheke in unserer Nachbarschaft absetzt. Hier will ich die Dreißig-Tabletten-Schachtel Tarceva erwerben. Doch der Preis ist so hoch, dass sich selbst die Kreditkarte verweigert: 2394,98 €. Nicht schlimm, das Medikament muss ohnehin für den Nachmittag bestellt werden - und vielleicht gehöre ich ja zu den 20 % der Patienten, denen es für ein paar Wochen das Leben erleichtert.

29. Mai

Tarceva ist ein Teufelszeug. Es revoltiert meine Eingeweide und schleudert die Nahrungsmittel nach oben und unten aus meinem Körper heraus. Trotz eines starken Gegenmittels will sich mein Magen nicht beruhigen. Und ich bin sehr geschwächt. Wenn ich die zwei Treppen zu meinem Arbeitszimmer langsam hochgehe, um diese Zeilen ins Netz zu setzen, bekomme ich ein derartiges Herzrasen, dass ich mich fünf Minuten lang hinlegen muss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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