Necrophagist

"allerdings nicht so direkt wie z.B. bei Grunge oder Brit-Pop Bands"


NECROPHAGIST, schon seit Jahren eine Fest etablierte Größe im Untergrund, hat es mit ihrer Veröffentlichung "Epitaph" via Relapse Records geschafft, weitergehend an Popularität zu gewinnen. Gute, technische Musik, gute Promotion und Distribution und Bestnoten bei Magazinen haben dazu beigetragen. Aber nun wollen wir auch mal ein paar Fragen an die Köpfe hinter der Band stellen und haben uns einfach mal Christian (Gitarre) an den Rechner geholt:


NecroSlaughter: Hallo Christian! Danke, dass du uns vom NecroSlaughter-Webzine ein Interview gibst!
Christian: Hi! Kein Problem, die Freude ist ganz meinerseits


NecroSlaughter: In wie weit stimmt es, dass Muhammed den Vorgänger von "Epitaph", "Onset of Putrefaction", komplett alleine eingespielt hat?
Christian: Muhammed hat "Onset..." tatsächlich zu 90% alleine eingespielt, da sich die damalige Besetzung zu diesem Zeitpunkt als komplett untauglich erwiesen hat. Einige Basslinien wurden noch von dem damaligen Bassisten eingespielt, der die Band aber dann während der Aufnahmen verlassen hat. Bei Extreme Unction gibt es zusätzliche Solos von Bart Vollmer, der später auch kurze Zeit bei Necro gezockt hat.

NecroSlaughter: Konntest du dich gut in den Entstehungsprozess von "Epitaph" eingliedern, oder hatte Muhammed schon alles vorkonzipiert?
Christian: Sehr viele Riffs und Parts waren bereits komplett fertig, als ich 2002 zu Necro kam. Ich habe einige der Riffs von Symbiotic in Theory komponiert und ebenfalls einige Parts der Basslinien verschiedener Songs. Stefan und Hannes kamen ja erst ganz kurz vor den Aufnahmen dazu, als bereits alles Stand. Die nächste Platte soll aber zu großen Teilen zusammen komponiert werden.

NecroSlaughter: Herrscht bei euch innerhalb der Band Demokratie? Könnt ihr alle an den Liedern mitbestimmen?
Christian: Natürlich kann jeder seinen Senf dazu beitragen, jeder seine eigenen Bass/Drum Parts oder Soli komponieren oder auch mal an einem Riff rummeckern, das einem nicht gefällt oder gegebenenfalls auch mit einem kompletten Song ankommen. Allerdings gibt Muhammed klar die Richtung vor, da er die Band 11 Jahre vor unserem Eintritt gegründet und den Stil auch über diesen langen Zeitraum zurechtgefeilt hat. Von uns anderen hat jedoch keiner ein Problem damit. Ich finde, wenn die Musik eine gewisse Qualität aufweisen soll, muss es einen geben, der eine ganz klare Vision von dem hat, was am Ende dabei heraus kommen soll. Andernfalls endet das ganze zu Schülerband mäßig und es klingt nicht mehr wie aus einem Guss. Für Ego-Probleme ist einfach kein Platz, wenn man Professionalität anstrebt.

NecroSlaughter: Woher bezieht ihr eigentlich eure Inspirationen für eure Lieder? Nehmt ihr sie nur aus der Musik, oder auch aus anderen Medien, wie Film und Buch?
Christian: Aus dem ganzen Leben. Hierbei gibt es natürlich direkte Inspirationen von anderen Platten, Thematiken aus Filmen oder Büchern etc., aber ich denke, dass jeder Musiker auch auf unterbewusster Ebene inspiriert/geprägt wird, eben durch persönliche Erfahrungen, Erlebnisse und so weiter.


NecroSlaughter: Es gibt Leute, die behaupten, dass nur Musiker, die nicht auf einen Musikstil fixiert sind gute Musik machen. Alles andere währe Inzest. Was sagst du zu dieser Aussage?
Christian: So krass würde ich das nicht ausdrücken. Es ist einfach nicht möglich, so verschiedene Stilistiken wie z.B. Jazz und Metal im Laufe eines Lebens in gleichem Maße zu perfektionieren, da gibt es einfach viel zu viel zu lernen. Ausnahmemusiker wie Allan Holdsworth, Pat Martino oder Joe Pass (R.I.P.) gehören im Bereich des Jazz wohl zu den besten Musikern aller Zeiten, jeder von ihnen hat diesen Stil aber über einen Zeitraum von 30 Jahren perfektioniert, dennoch wäre wohl sicher keiner von ihnen beispielsweise ein guter Metal Gitarrist. Es ist jedoch sicherlich kein Fehler, sich mit verschiedenen Stilistiken zu beschäftigen. Ich finde z.B., dass Bands, die ihre Inspiration nur aus dem Death Metal beziehen, sich also zu Hause nur Geknüppel reinziehen, recht eintönig klingen. Man sollte schon versuchen aus anderen Stilistiken wie Klassik, Jazz, Fusion, Progressive, Rock, Pop etc. zu lernen und das Gelernte geschickt in den eigenen Stil zu integrieren. Gerade im Death Metal Bereich beobachte ich oft, dass Musiker regelrecht mit Scheuklappen anderen Stilen gegenüber durchs Leben gehen. Diese Einstellung finde ich dem Progress der Musik sehr hinderlich.

NecroSlaughter: Wo wir gerade bei der Musik eines Genres sind: Was sagst du zu den Altmeistern des technischen Death Metals: DEATH, ATHEIST und CYNIC?
Christian: Gerade Cynic und Death gehören zu meinen absoluten Lieblingsbands. Cynic haben mir vor allem wegen der vielen Jazz/Fusion Elemente und den herausragenden Musikern schon immer sehr gut gefallen und Death waren natürlich wegen Chucks überirdisch guten Kompositionen sowieso der Hammer. Atheist hatten ebenfalls einige sehr abgefahrene Ideen.

NecroSlaughter: Welche Metalbands bevorzugst du im Moment? Gibt es aktuelle Bands oder Releases, die bei dir rotieren?
Christian: Death/Black Metal Bands, die mir gefallen, sind vor allem Bands wie Dissection, Opeth oder Theory in practice. Ansonsten stehe ich ziemlich auf Prog Metal wie Dream Theater, Symphony X, Adagio oder Planet X. Nevermore finde ich vor allem wegen der hervorragenden Gitarrenarbeit ebenfalls sehr gut. Relativ aktuelle Releases die mir gefallen haben waren Adagio - Underworld, Dream Theater - Train of thought, George Bellas - Venomous fingers, Greg Howe - Extraction und Capharnaum - Fractured.

NecroSlaughter: Wie waren eigentlich bisher die Kritiken zu "Epitaph"? Ich habe bisher nur gutes vernommen. Bei uns ist die Platte zum Album des Monats Oktober gewählt worden. Wie erklärst du dir den Boom, den deine Band im Moment erfährt?
Christian: Ja, ich habe bisher ebenfalls zu 99% positive Kritiken gehört. Das freut uns natürlich sehr. Anscheinend gefällt den Leuten ganz einfach die Musik.

NecroSlaughter: Meinst du, dass euer Deal bei Relapse etwas mit eurer steigenden Popularität (Lesercharts und Höchstwertung beim Legacy) zu tun hat?
Christian: Natürlich. So ehrlich muss man sich selbst gegenüber schon sein. Dadurch, dass wir jetzt ein ordentliches Label hinter uns haben, ist es eben für niemanden auf der Welt mehr ein Problem, an unsere Platte heranzukommen, man bekommt ordentliche Werbung in größeren Magazinen etc. Ich will damit nicht sagen, dass das Ganze möglich wäre, wenn den Leuten die Musik nicht gefallen würde, aber es gibt sicher auch Leute, die auf die Musik stehen, aber vorher noch nie von uns gehört haben, und gerade diese Leute erreicht man jetzt eben auch durch das größere Label.

NecroSlaughter: Wie ist eigentlich die Zusammenarbeit zwischen Relapse und euch? Funktioniert alles so, wie ihr es euch vorstellst?
Christian: Ja, die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut, da gibt's nichts zu meckern.

NecroSlaughter: Kommen wir mal zurück zu eurem letzen Release: Wie wichtig sind euch eigentlich eure Texte? Im Vergleich zur Musik sind diese relativ minimalistisch ausgefallen...
Christian: Die ganze Musik steht bereits bevor es um die Texte geht. Dennoch sind die Texte wichtig, sie sollten schon mit der Musik zusammenpassen und eine Einheit bilden. Dass sie so minimalistisch ausgefallen sind, liegt vor allem daran, dass die Kompositionen keinen Raum für mehr ließen, da die Parts doch sehr schnell wechseln und die Musik nicht so sehr auf lange Strophen ausgelegt ist. Man kann jedoch auch in knappen Texten auf den Punkt kommen.

NecroSlaughter: Wovon handeln die Texte? Stehen hinter den direkten Aussagen Metaphern oder andere Bilder?
Christian: Die Aussagen sind zum großen Teil metaphorisch gemeint und nicht so direkt zu verstehen. So handelt zum Beispiel der Titelsong Epitaph vom Konflikt zwischen der jüngeren und der älteren Generation, in Stabwound geht es sozusagen um die seelische Stichwunde die einem falsche Freunde oder auch eine in die Brüche gehende Beziehung versetzen können bei Seven geht es um die sieben Todsünden etc.

NecroSlaughter: Wie stehst du zu den Death Metal-Klischees? Horror, Guts'n'Gore, Tod ...
Christian: Haha, gerade der Tod wird natürlich immer ein Thema im Death Metal sein, das liegt ja schon alleine am Namen des Genres. Wir haben jedoch versucht, uns weitgehend von Splatter-Klischees zu lösen, da diese inzwischen einfach abgedroschen sind und wir subtiler an die ganze Sache herangehen wollen. Dennoch bin ich natürlich ein großer Fan alter Horror-Filme und Erzählungen.

NecroSlaughter: Könnt ihr euch vorstellen direkte und klar formulierte Texte über gesellschaftskritische oder andere konkretere Themen zu machen?
Christian: Ich weiß nicht, ob das der Musik so gut zu Gesicht stehen würde. Gerade politische Themen lassen wir immer außen vor. Gesellschaftskritische Themen werden natürlich häufiger aufgegriffen, allerdings nicht so direkt wie z.B. bei Grunge oder Brit-Pop Bands. Hierzu hat unsere Musik einfach ein zu düsteres Flair.

NecroSlaughter: Was sagst du zu dem rechten Abschaum, der sich in unserer Szene breit machen will?
Christian: Davon habe ich bisher glücklicherweise noch gar nichts mitbekommen (Dann schau mal genauer hin.... - Amn. d. Verf.). Ich habe inzwischen so einige Death Metal Konzerte gespielt als auch besucht und jede Menge Leute getroffen. Die waren jedoch immer alle sehr nett, und von den von dir angesprochenen Tendenzen habe ich bisher absolut nichts gemerkt.

NecroSlaughter: Was kann die Szene deiner Meinung nach gegen diese mehr als bemitleidenswerte Tendenz tun?
Christian: Keine Ahnung. So wie allerdings die meisten Death Metal Freaks die ich kenne drauf sind, scheint es mir schwer vorstellbar, dass sich diese rechtsextremen Tendenzen langfristig in der Szene halten oder durchsetzen können. Das widerstrebt einfach zu sehr der Grundaussage des Death Metal und wird daher wohl früher oder später von alleine wieder verschwinden.

NecroSlaughter: Wollen wir hier einfach mal wieder das Thema wechseln: Wie schreibt ihr eure Lieder? Benutzt ihr bestimmte Skalen oder andere Hilfsmittel? Arbeitet ihr am Rechner oder mehr mit der Gitarre in der Hand im Proberaum?
Christian: Unsere Songs basieren tatsächlich allergrößten Teils auf Skalen. Wir benutzen vor allem Mollskalen wie aeolisch, harmonisch Moll oder phrygisch dominant. Es macht einfach Sinn, nach klassischer Harmonielehre vorzugehen, da man so intelligent Spannung erzeugen und auflösen kann und der Musik mehr Richtung gibt. Natürlich brechen wir aber auch mal die Regeln, wenn's einfach gut klingt. Man muss sich hierbei eben auf seine Ohren verlassen. Das chaotische Töne zusammensuchen, wie es viele Bands tun, ist aber jedenfalls nicht unser Ding. Wir fangen auch nicht im Proberaum an, auf Ideen rumzujammen, alles ist komplett auskomponiert, eben ähnlich wie klassische Komponisten ans Werk gingen. Natürlich benutzen wir hierbei viel die aktuell gängigen PC-Programme wie Powertab und Guitar Pro und schicken uns das Zeugs per e-mail zu. Das ist auch logistisch die einzige sinnvolle Methode für uns, da wir alle sehr weit voneinander entfernt wohnen.

NecroSlaughter: Welche Tipps kannst du lernenden Musikern, ins Besondere Gitarristen geben, um ihre Fähigkeiten zu verbessern?
Christian: Nun, zunächst mal ganz einfach üben, üben, üben. Versucht einen guten Lehrer zu finden. Wenn ihr euch das nicht leisten könnt oder es niemand geeigneten in eurer Gegend gibt, sind die besten Lehrer oftmals in der eigenen Plattensammlung zu finden. Hört euch gute Gitarristen wie Yngwie Malmsteen, Paul Gilbert, Vinnie Moore, Jason Becker, Greg Howe, Allan Holdsworth, Frank Gambale, George Bellas, Scott Mishoe, Bernd Steidl, Stephan Forté, Michael Romeo, John Petrucci, Marty Friedman, Steve Vai etc. an und versucht, Licks, Konzepte, Denkweisen von ihnen zu lernen und in euren eigenen Stil zu integrieren oder besorgt euch Unterrichtsvideos/DVD's/CD Roms von namhaften Musikern. Lernt alles über Harmonielehre (Modes, Akkordaufbau und Verbindungen, Zusammenhänge zwischen Skalen und Akkorden), Noten lesen, Gehörbildung (Sachen selber raushören!) etc. und gewöhnt euch an, immer mit einem Metronom zu üben und die Geschwindigkeit nicht zu erhöhen, bevor ihr es nicht 100%-ig sauber und akkurat spielen könnt. Oder versucht auch mal Linien von anderen Instrumentalisten wie Violinisten (z.B. Paganini's 24 Capricen) oder Saxophonisten (z.B. Michael Brecker, John Coltrane etc.) nachzuspielen, das hilft vor allem, aus eingefahrenen Gitarristendenkweisen wie dem Patternspiel und ähnlichem auszubrechen.

NecroSlaughter: Wie sieht die Zukunft von Necrophagist aus?
Christian: Zunächst mal wollen wir nächstes Jahr sehr viele Konzerte spielen, um unser Album zu promoten, und dann wird es auch schon wieder Zeit, ans Songwriting für die nächste CD zu gehen, was sicher so einige Zeit in Anspruch nehmen wird.

NecroSlaughter: Dann lasse ich dir den Platz für die letzten Worte an unsere Leser und bedanke mich vielmals, dass du uns ein Interview gegeben hast!
Christian: Vielen Dank an alle Necro-Fans (Necro-Phagist oder Necro-Slaughter? - Annm. d. grinsenden Verf.) und Leute, die unsere Platte gekauft und uns z.B. bei Lesercharts unterstützt haben. Wir hoffen, euch nächstes Jahr zahlreich bei unseren Live-Gigs begrüßen zu können.

Interview:Christian/NecroSlaughter 27.10.2004

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