Glühwürmchen
Wir kamen nie über sieben hinaus. Bis sieben immer, aber nie weiter
Ich kann mich nicht mehr erinnern. Nur der Augenblick existiert, er ist meine
Vergangenheit und meine Zukunft. In diesem Augenblick liegst du vor mir im Krankenbett
und ich stehe neben dir. Deine geschlossenen Augen wirken friedlich, als würdest
du dich nur von einem anstrengenden Tag erholen wollen.
Wach auf, flüstere ich leise in dein Ohr. Du antwortest nicht.
Man könnte fast glauben, es sind nur die Schläuche in deinem Mund, die
dich am Sprechen hindern. Ich drücke vorsichtig deine Hand in der Hoffnung,
du würdest zurückdrücken.
Wach auf
Bis sieben kamen wir immer.
Schau, sage ich und zeige auf einen kleinen leuchtenden Punkt im Gras
vor mir.
Das ist Nummer sechs., sagst du, lächelst mir zu und streckst
deine Hand danach aus. Bevor du es greifen kannst fliegt es weg in Richtung Himmel
und wird immer kleiner, bis man es kaum mehr von den Sternen unterscheiden kann.
Warum leuchten diese kleinen Dinger eigentlich? Ich würde Angst haben
nachts so zu leuchten wenn ich so klein bin, da kann doch ein größeres
Tier kommen und mich fressen.
Das tun die nur zum Paaren, damit locken sie ihren Partner an., sage
ich und schaue immer noch dem kleinen fliegenden Stern hinterher.
Warum antwortest du immer so
sachlich? Kannst du nicht einfach sagen
sie leuchten weil es schön ist, oder weil sie in der Nacht so aussehen wollen
wie Sterne, die vom Himmel gefallen sind?, fragst du mich, immer noch mit
dem selben Lächeln.
Man kann seine Augen nicht vor den Tatsachen verschließen.
Ab und zu sollte man das aber
Ich kann dich nicht loslassen. Egal wie lange es dauert, ich werde hier bleiben,
bei dir, und deine Hand halten und warten, bis du zurückdrückst. Die
Zeit gibt es nicht mehr, sie war nur ein Traum, aus dem ich aufgewacht bin, den
du noch träumst.
In diesem Raum kommt mir alles so falsch vor. Das grelle, weiße Licht ist
ebenso verlogen wie die Bilder mit Naturmotiven an den Wänden. Es fühlt
sich alles so unwirklich an, selbst die Haarsträhnen, die ich dir aus dem
Gesicht streiche, weil du sonst nichts siehst, wenn du aufwachst, sind nicht die,
mit denen der Wind so oft spielte, immer wenn wir draußen am Lagerfeuer
saßen. Ich glaube nicht einmal mehr daran, dass ich derselbe bin.
Bist du noch dieselbe?
Die Welt ist nicht nur schön, das ist sie bestimmt nicht.
Das sollte sie aber sein, wenn auch nur für einen Abend., sagst
du und umarmst und küsst mich, sodass wir umfallen und im Gras liegen bleiben
und die Welt einfach nur noch schön ist.
Ein kühler Wind verwirbelt die Funken des Feuers neben uns und spielt mit
deinen Haarsträhnen. Weil wir aber so eng nebeneinander liegen ist es schön
warm und die Wärme und der schwache Wind machen mich schläfrig. Du liegst
auf meinem Arm und schläfst schon. Bevor ich die Augen zumache sehe ich noch
einen kleinen, hellen Punkt auf einem Grashalm vor mir.
Nummer sieben., flüstere ich und schließe die Augen.
Du öffnest langsam die Augen und deine Hand löst sich aus meiner.
Ich will sie weiter halten, kann es aber nicht. Dein Blick fixiert den Arzt neben
dir ohne von mir Kenntnis zu nehmen.
Mein Freund
, sagst du mit kraftloser Stimme.
hat es nicht geschafft, es tut mir leid., sagt der Arzt und
senkt seinen Blick.
Ich kann mich wieder erinnern. Nun weis ich, es wird Zeit dich loszulassen. Langsam
wird das Weiß des Raumes immer heller und du verschwimmst allmählich
und wirst immer kleiner, bis alles ganz klein ist, wie ein Stern, oder ein Glühwürmchen.
Ich weis nicht, wohin ich nun gehe, aber ich weis, eines Tages werden wir uns
wieder sehen.
Und dann ist die Welt wieder schön, nicht nur für einen Abend, sondern
für die Ewigkeit.