Rundbrief Nr.3

 

 

Bukarest, 2.4.2004

Um die Fotos in gross zu sehen: draufclicken!

 

 

Mal wieder "ran"...

 

Also, jetzt muß ich wirklich mal wieder ran. Seit drei Wochen schiebe ich die Geburt dieses Briefes vor mir her. Ich kann nicht behaupten, das ich keine Zeit oder keine Gelegenheit gehabt haette, nein ich habe auf den vermeintlich richtigen Zeitpunkt gewartet. Ich wollte doch so gerne mal einen optimistischen, mit Erfolgserlebnissen und schoenen Geschichten gespickten Brief schreiben aber immer, wenn es fast soweit war, ist am neachsten Tag was passiert, was saemtlichen Optimismus wieder begraben hat, zumindest, was meine Arbeit anbelangt.

 

Ich schwanke also, eigentlich seit Anfang dieses Jahres im Wochen- oder manchmal sogar im Tagesrhytmus zwischen zwei Extemen hin und her. Montags voller Optimismus, Tatendrang und guten Ideen auf Arbeit, mittwochs kurz davor, dem Sauhaufen “Trebuie!” den Ruecken zu kehren und mir ‘ne andere Organisation zu suchen, wo es besser laeuft.

 

Krokus in den Karpaten

 

Irgendwann im Januar ist in unserem Tageszentrum die Geschaeftsfuehrerin der “Trebuie”-Filiale Bucarest aufgetaucht. (Dies ist der Traegerverein unseres Tageszentrums und zweier anderer Zentren hier in Bucarest, nicht zu verwechseln mit der Geschichte, wo ich am Anfang gearbeitet habe, das war das die nationale “Geschaeftsstelle” – nach 8 Monaten blicke ich so langsam durch)

 

Besagte Geschaeftfuehrerin ist bei meinen Kollegen gefuerchtet, wenn nicht sogar gehasst. Sie wird von ihnen “Dna. *************” genannt, richtig: nach dem deutschen Kampfflugzeug im II. Weltkrieg! Ich habe viel von ihr gehoert, aber erlebt habe ich sie bis jetzt nur dieses eine mal, und der Spitzname passte schon irgendwie. Sie flog tief, laut und energisch in unseren Raeumen herum, noergelte ueber kaputte Stuehle, haessliche Bilder und Flecken auf dem Teppich. Ergebnis: dieses Tageszentrum arbeitet schlecht, so kann das nicht weitergehen und schuld sind die, die dort arbeiten. Das “Gepraech” mit meinen Kollegen habe ich verbal nicht verstanden, aber allein mit ihrer Koerpersprache und ihrem Tonfall warf sie schon genuegend Bomben ab. Als sie wieder hinter dem Horizont verschwunden war, gab es Traenen und Geschimpfe, und ich verstand die Demotivation und die Null-Bock-Stimmung meiner Kollerginnen schon viel besser. Unter solchen Fuehrungskraeften wuerde ich es auch nicht lange aushalten. Kein Wort der Motivation, keine Vorschlaege, wie man mit einer einzigen funktionieren Schere die Raeume schoener gestalten oder mit einem hundertjaehrigen Staubsauger den Teppich sauberhalten soll.

 

Mit diesem Erlebnis waren vorerst auch meine allerletzten Hoffnungen zunichte, meine Kollegen auch nur ein bisschen motivieren zu koennen.

 

Am darauf folgenem Freitag (Freitags arbeite ich immer noch im “National”, vor allem um die Homepage endlich mal fertig zu kriegen.) bin ich nach Feierabend mit Vanda, der “Trebuie-National”-Geschaeftsfuehrerin noch auf ein Bier in einer Pizzaria versackt, und konnte mir mal den ganzen Frust von der Seele reden. Sie schlug mir vor, doch mal meine Ideen und Vorschlaege fuer das Tageszentrum mal aufzuschreiben, man koennte auf dieser Basis sicher mit den Eltern (Elternverein – Teager der Filiale Bukarest – Tiefflieger – alles klar?) reden. Ich habe dann auch zwei A4-Seiten zustande gebracht, vor allem was die Nutztung und Gestaltung der Raume und des Gartens angeht. Das habe das mit ihr besprochen und ueberstetzt, und sie war ziemlich begeistert. Sie meinte, das die Eltern sich schon ueber sie Tatsache freuen wuerden, das endlich mal jemand Initiative zeigt und der ganzen Sache sehr offen gegenueberstehen wuerden. Es folgte fuer mich ein ziemlich optimistisches Wochenende…

 

Am Montag bin ich dann samt Papier und Optimismus in mein Tageszentrum gegangen, um mit meinen Kollegen drueber zu sprechen, noch nicht mal mit der Hoffnung, das sie meine Vorschlaege gut finden, aber sich doch wenigstens damit auseinandersezten und irgendwas dazu sagen. Nach dem dritten Anlauf konnten ich sie endlich dazu ueberreden, die wenigstens mal zu lesen. Antwort: Schulterzucken, Gleichgueltigkeit, keine Ablehnung, keine eigenen Ideen – nichts! Habe ziemlich schlecht geschlafen diese Nacht. Was will ich hier ueberhaupt noch?

(Die Reaktion der Eltern steht zur Zeit noch aus mangels freier Valenzen bei Vanda. Ich hoffe, das es diese Woche klappt.)

 

In der Zwischenzeit hat es wenistens mit meinem Visum endlich geklappt, und ich bin anlaesslich des Geburtstages meiner Tochter nach Deutschland gefahren. Nach drei Wochen inclusive zwei Tagen Zwangsaufenthalt in Temeschwar wegen Eisenbahnerstreik zurueck in Bukarest, gab es fuer mich erstmal wieder eine Protion Optimismus.

 

Vanda (die Flaschen sind zum Musik machen!)

 

“Trebuie-National” organisiert jedes Jahr einen zweiwoechigen Workshop fuer Musik-, Kunst- und Dramatherapie. Drei Englaenderinnen mittleren Alters, mopsfidel, kreativ und sehr erfahren auf diesem Gebiet waren die Referenten. Mit ca. 30 anderen Leuten aus allen moeglichen anderen Oranisationen und sozialen Einrichtungen in Bukarest haben wir zwei Wochen unzaehlige Spiele, Entspannungsuebungen und Techniken der basalen Stimulation ausprobiert. Fuer mich kam diese Sache zu einem Zeitpunkt, wo mir in meiner alltaglichen Arbeit mit den Kids in unserem Tageszentrum, die ich ja neben meinen Weltverbesserungsbemuehungen auch noch betreibe, so langsam die Ideen ausgingen. Also alles in allem fuer mich zwei tolle Wochen voller neuer, interessanter Leute, geistigem Input und Spass, zu dem noch genau zur richtigen Zeit.

 

Susan aus England

 

Tobias aus Deutschland mit selbstgebauter Wolke (Drama-Therapie!)

 

Was man nicht alles mit einer Gruppe machen kann...

 

 

Allerdings habe ich auch mehrmals vergeblich versucht, die enstprechenden Leute dazu zu bringen, doch wenigstens eine meiner meiner Kolleginen auch einzuladen. Die Techniken und Spiele kann ich sicher uebermitteln, nicht aber die froehliche und enthusiatische Atmospaehre und die Energie, die vorallem die Referentinnen ausstrahlten und die meine Kollegen noch viel dringender als ich gebraucht haetten. Trotzdem war mein Optimismusbarometer nach dieser Zeit wieder auf Maximum.

 

Victor, das letzte Einhorn

 

Der Traum vom Fliegen

 

Eigentlich findet sich immer ein Grund fuer Optimismus...

 

... und wenn's nur der Hinterhoffruehling ist.

 

Am Montag drauf wieder im Tageszentrum, tauchte von mir unerwartet eine Trebuie!-Mitarbeiterin aus einem anderen Zentrum Bucarests auf, die auch an dem Kurs teilgenommen hatte, offensichtlich geschickt, um mit mir die Inhalte dieses Kurses weiterzuvermitteln. Das Ganze endete in einem Desaster. Nach drei Tagen explodierte eine riesen Bombe aus aufgestautem Frust, Wut, Missverstaendnissen, zwischenmenschlichen Konflikten und privaten Problemen. Anlass, nicht Ursache war wohl, das besagte Mitarbeiterin mit einem Bild von unserem Tageszenrum gekommen ist, das sie von o.g. Dna. M. uebermittelt bekommen hatte und dies meine Kollegen allzudeutlich hatte spueren lassen. Ihr Auftreten wirkte arrogant, meine Kollegen fuehlten sich in herabgesetzt und in Frage gestellt und die Dinge nahmen ihren Lauf. Alles endete mal wieder mit Traenen und Geschrei, aber es konnten endlich mal auch Dinge gesagt werden, die wohl sonst noch laenger unter der Oberflaeche gebrodelt haetten. Auch ich habe diese Chance nutzen muessen und es hat mir gut getan. Ich hoffe, das diese Sache uns als Team eine Chance zu einem Neuanfang bietet, ob das klappt kann ich jetzt noch nicht sagen.

 

Meine Kollegen wollen jedenfalls die Kursinhalte jetzt nur noch von mir uebermittelt bekommen und ein erster Veruch, nach dem die haeftigsten Emotionen vorrueber wahren, hat ueberraschend gut geklappt – wieder eine kleine Portion Optimismus fuer mich.

 

Ja, so siehts also zur Zeit so aus in bei mir, aber ich es gibt ja nicht nur Arbeit und Trebuie, sondern auch noch das restliche Rumaenien, z.B. die Karpaten.

 

Irgendwo zwischen Cabana Trei Brazi und Timisul de Jos

Cabana Izvorilor

Man begebe sich also samstags moeglichst fueh an den Bucarester Nordbahnhof, loese ein Fahrkarte nach Busteni (geht ganz schnell mit Computer!), setze sich in den Zug, schlafe dort noch zwei Stunden und wache mitten im Hochgebirge auf. Im Maerz mit der “Telecabina” (Seilbahn) rauf zur Cabana Babele (ca. 2300m) zu fahren, war keine so gute Idee, weil dort auf dem Boden noch Schnee lag und die Luft aus Wolke bestand und man einfach ueberhaupt nichts sehen konnte ausser weis. Zum Zwecke einer Wochenend-Bergwanderung begebe man sich also flugs wieder in tiefere Gefilde, wo man die Schoenheit der Bergwelt besser sehen kann. Dort gibt es dann dunkle Waelder, knietiefen Schnee, knoecheltiefen Schlamm, erste Krokusse, einen Tag alte Baerenspuren, geheimisvollen Nebel, Regen, Berghuetten (Cabana) mit Holzofen und lecker Ciorba (saure Suppe), Einsamkeit, Ruhe und Schoenheit. Zum Zwecke der besseren Uebermittelbarkeit an dritte mache man ein paar Fotos. Und wenn man dann das Knie nicht mehr bewegen kann und die Fuesse abzufrieren drohen, lege man sie in einem ueberheitzten Zugabteil auf die gegenueberliegende Bank und lasse sich gemuetlich nach zurueck Bucarest schauckeln, wo schon Badewanne und frische Socken warten.

 

Der BAER!!!

Heute ist Freitag und Feiertag in Rumaenien. Anlaesslich der Aufnahme in die Nato laesst sich der Staat nicht lumpen und schmeisst ein Volksfest, auf welches ich mich jetzt auch begeben werde, wegen dem Optimismus.

Fuer Insider: Viele Gruesse an Andi und Frido!