Herta Müller schreibt: „Wenn die Umgebung nur das spricht, was man  nicht kann, horcht man in der ganzen Gegend auf die Sprache. Und wenn man lange genug bleibt, dann lernt die in der Gegend vorhandene Zeit die Sprache für einen. So ging es mir, der Kopf wusste gar nicht, wie es geschah. Ich glaube, man unterschätzt sein Horchen auf die Wörter. Aber das Horchen bereitet auf das Sprechen vor. Eines Tages fing der Mund von alleine das Reden an. Da war das Rumänische bereits mein Eigenes.“

 

 

Ich schreibe: „Ich kann gut verstehen was da passiert ist. Sie war in einer ähnlichen Situation wie ich. Ich habe gehorcht, ich habe gelauscht, ich habe geschaut und gelesen und ich habe nichts verstanden. Aber die Zeit hat nicht für mich gelernt, im Gegenteil. Sie saß mir im Nacken, sie trat mir in den Hintern und sie klaute mir Wörter aus meinem Kopf. Die Zeit in der ich hörte und verstand löschte die Zeit, in der ich horchte und nicht verstand.“

Herta Müller schreibt: “Im Unterschied zum Deutschen machten die Wörter aber große Augen, wenn ich sie, ohne zu wollen, mit meinen deutschen Wörtern vergleichen musste. Ihre Vertracktheiten waren sinnlich, frech und überrumpelnd schön. (…) Im Hochdeutschen (…) sagte man: Der Wind WEHT. Und das klang für mich als Siebenjährige so, als würde er sich weh tun. Und im Rumänischen sagte man: Der Wind SCHLÄGT, vântul bate. Das Geräusch der Bewegung hörte man gleich, wenn man schlägt sagte, und da tat der Wind nicht nur sich, sondern auch anderen weh. (…) Auf deutsch heißt es: Der Wind hat sich GELEGT -  das ist flach und waagerecht. Auf rumänisch heißt es aber: Der Wind ist STEHENGEBLIEBEN, vântul a stat. Das ist steil und senkrecht. (…) Fast jeder Satz ein anderer Blick. Das Rumänische sah die Welt so anders an, wie seine Worte anders waren.“

 

Ich schreibe: „Von so etwas habe ich eine Ahnung bekommen, die mich unheimlich motiviert hat, mich noch einmal intensiv mit der Sprache auseinanderzusetzen. Ich habe bis eine Woche vor meiner Abreise noch mit meinen kleinen Karteikärtchen in der U-Bahn gesessen und Vokabeln gelernt. Jetzt arbeitet die Zeit, in der ich horche und verstehe.“