Seit 24. Januar 2005 kommt meine „Post“ nicht mehr aus Bukarest, sondern aus Meiningen (Thüringen). Ich bin zurück, aber ein „zurück nach Hause“ will mir nicht so richtig über die Lippen kommen. Wie´s mir jetzt geht und was ich jetzt für ein Fazit ziehe, so kurz danach findet ihr auf den folgenden Seiten. Es ist noch nichts endgültiges, eher ein Versuch, mir diese bewegte Zeit des Abschieds und Ankommens zu bewahren.
Arbeit
Arbeit in einem Tageszentrum für geistig behinderte Kinder und Jugendliche in Bukarest in der Walachei – hört sich toll an und schreibe ich jetzt ganz stolz in meine Bewerbungen. Ich habe mich auch ehrlich bemüht. Vielleicht war das auch meine eigentliche Arbeit: das Bemühen, etwas Sinnvolles zu tun, eine lohnende Aufgabe zu finden. Jedenfalls war das während meines Dienstes einer meiner Hauptbeschäftigungen. Und zum Schluss habe ich es mit dem Forumtheaterprojekt auch geschafft, nicht dort, wo ich wollte und nicht so wie ich wollte, aber es war sinnvoll und lohnend. Ich konnte geben und nehmen, ich habe gelernt und gelehrt, ich konnte motivieren und wurde motiviert und ich habe Spuren hinterlassen.
Ausländer sein
Ja, in Rumänien war ich Ausländer, und es war ein tolles Gefühl! Der Begriff „Ausländer“ stand für mich vor meinem Rumänenaufenthalt für Asylbewerber, Folteropfer, Arme und Gestrandete, die in unserer Überflussgesellschaft Schutz oder ein besseres Leben suchen, und deswegen hier diskriminiert, gehasst und sogar verfolgt werden, Leute eben, die unseres Schutzes und unseres Mitgefühle bedürfen. Auch in Rumänien gibt es diese Sorte von Ausländern, die aus noch ärmeren Ländern kommen und deswegen von nicht wenigen als Parasiten betrachtet werden. Aber es gibt noch eine zweite Sorte, zu denen auch ich gehörte: die Verrückten, die Interessanten, die das Wohlstandsgefälle heruntergerutscht kommen anstatt es mit aller Gewalt erklimmen zu wollen.
Es war so wunderbar einfach dort, in den Augen anderer ein interessanter Mensch zu sein. Es genügte einfach die Tatsache, aus dem ach so reichen Deutschland in das doch so arme und gottverlassene Rumänien gekommen zu sein. Wie bitte, und noch nicht mal, um Geld zu machen? Wie viel hast du vorher verdient? Und alles nur, um Erfahrungen zu sammeln und die Sprache zu lernen? – Cooler Typ!
Zurück in Deutschland gibt’s diesen Ausländerbonus nicht mehr für mich, eigentlich schade.
Bukarest
Nicht nur, aber auch in Bukarest habe ich mich verliebt. Was für eine Stadt! Es ist nicht einfach, ihr etwas abzugewinnen. Auch ich musste mich am Anfang sehr darum bemühen. Aber wenn man im wahrsten Sinne des Wortes hinter die Fassaden schaut, überfällt es dich. Bukarest ist kalt, laut, schmutzig, hässlich, grau, und staubig – wie ein Mensch, der vom Leben gezeichnet ist. Man spürt diese Stadt, man hört förmlich ihren Schmerzensschrei, ihren verletzten Stolz, ihre Scham und ihre Traurigkeit. Keine andere Stadt hat mir so breitwillig und offen von sich erzählt und blieb gleichzeitig so geheimnisvoll.
Wenn ich an Bukarest denke, dann erinnere ich mich an den Mann, der uns mit Tränen in den Augen davon abbringen wollte, den Palast des Volkes zu fotografieren, diesen Schandfleck, unter dem wohl sein Bukarest mit seinen alten Kirchen und Straßenzügen verscharrt wurde. Ich denke an himmelblaue Blechpapierkörbe, an Alleebäume genagelt, auf denen die aufgesprühte Siluette einer schlanken Dame anmutig drei Papierschnipsel in einen Eimer wirft. Ich denke an endlose Plattenbauviertel, in denen sich die Blocks zwar ähneln, aber nicht gleichen. Ich denke an Straßenhunde, volle Straßenbahnen, zu geparkte Gehwege, nicht funktionierende Rolltreppen, Straßenverkäufer und diese Stadt bewegt mich immer noch.
Club A
Laute Musik, Langhaarige, billiges Bier und meisst überfüllt – nur der FIRE geht noch drüber!
Deutscher sein
Ich: (rumänisch) „Guten Tag!“
Anderer: (auch rumänisch) „Guten Tag! Du bist aber nicht von hier?“
Ich: (rumänisch) „Nein, ich bin aus Deutschland.“
Anderer: (grinsend, deutsch) „Guten Tag, Herr Obersturmbandführer!“ (lacht ob seines guten Witzes)
Ich: (würde lieber woanders her kommen)
Oder:
Wieder ein Anderer: „Schau mal, du interessierst dich doch für so was. Die wichtigen Stellen hab ich angestrichen.“
Ich: (lese) Überschriften wie „Die jüdische Weltverschwörung“, „Der so genannte Holocaust“, „Das wahre Auschwitz“, mit Bleistift unterstrichene Sätze wie „… die Mauern der so genannten Gaskammern können folglich nicht vor 1950 errichtet worden sein…“ oder „… was beweist, das zwischen 1933 und 1945 nicht mehr als 20000 Juden umgekommen sein können…“
Anderer: (erwartungsvoll) „Und?“
Ich: finde harte Worte, rede mich in Rage, kann nicht überzeugen, werde nicht verstanden
Anderer: (besänftigend) „Schau mal, freu dich doch für die Juden. Mir geht es jedenfalls besser, seit ich weiß, dass das mit den Gaskammern alles nicht wahr ist. Ist doch schön, dass es nicht so viele waren, oder?“
Ich: stehe da, wütend, verzweifelt, aber ich weiß jetzt besser, was es heute bedeutet ein Deutscher zu sein. Ich werde stärker.
Eirene
Internationaler Christlicher Friedensdienst. Das ist also meine so genannte Entsendeorganistation, hat sich um die Projektbeschaffung, Versicherungen, Begleitseminare und Geldgeschichten gekümmert. Aber Eirene ist weit mehr als das. Was ich besonders gut fand:
-Die Angestellten in der Geschäftsstelle bekommen alle das gleiche Gehalt, der Chef genau so viel wie die Sekretärin
-Eirene ist christlich auf eine sehr angenehme Art und Weise. Keiner nervt, keiner missioniert, niemand ist konservativ oder fanatisch – nur das beste des christlichen Geistes umweht diese Organisation
-Der Bewerbungsprozess läuft mit wenig Papier, sondern eher persönlichen Kontakten.
Man hat das Gefühl, teil eines weltumspannenden Netzes von Menschen zu sein, die noch so bekloppt sind, sich von Idealen und Träumen leiten zu lassen.
Fazit
Ich schreibe diese Zeilen, um mir Rumänien fest zu halten. Ich bin noch nicht wirklich wieder zurück. Ich ziehe jeden Tag ein anderes Fazit, noch hat sich kaum was gesetzt und steht als endgültig fest. Noch kann ich kaum kühl und gelassen auf diese Zeit zurückschauen. Immer noch kommen mit den Erinnerungen starke Emotionen des Abschieds und des Verlustes auf. Sicher ist bisher nur, dass es gut und richtig war, dort gewesen zu sein und auch wieder zurückzukehren, irgendwie und irgendwann. Und das es jetzt wichtig ist, hier zu sein und zu bleiben.
Geld
Wurde mir zum Schluss wirklich knapp. Danke an die edlen Spender von so manchem Bier und mancher Zigarette, und an meine Kleinkreditgeber und Angepumpten.
Halbzeiten
Ich kann meinen Dienst in Halbzeiten einteilen. Oder in Drittel.
Das erste Drittel: Ich wollte die Sprache lernen und konnte nicht. Ich wollte was Tolles machen, stolz auf mich sein und konnte nicht. Ich wollte es alleine schaffen und hab mir eingebildet, dass das geht. Ich wollte Spaß haben und hatte ihn.
Das Zweite Drittel: Jetzt kann ich die Sprache lernen und tue es auch. Mir kamen Menschen entgegen, die etwas Tolles machen und stolz auf sich sein wollten und die längst schon eingesehen hatten, das so was nicht allein geht. Sie nahmen mich mit. Ich hatte Spaß, aber dazu auch tiefe innere Freude.
Das dritte Drittel: Ich wollte nicht weg, aber ich musste. Wir hatten etwas Tolles gemacht, wir waren stolz gewesen und wir wollen weiter machen. Aber ich weiß jetzt, dass so was nicht alleine geht. Aber diese Menschen sind jetzt 2000 km weit weg. Die Freude nährt sich nicht aus Emails und Telefonaten, der Schmerz schon.
I-Sign
Auf dem Universitätsplatz in Bukarest befindet sich eine Uhr, die die Tage bis zum angepeilten EU-Beitritt Rumäniens herunterzählt. Wenn man von dort um das Universitätsgebäude zu seiner diagonal gegenüberliegenden Ecke herum geht, findet man auf der anderen Straßenseite dieses kleine Internetcafe: Über eine enge Wendeltreppe in die erste Etage und durch eine ewig laut quietschende Tür, 24 Stunden geöffnet, außer am 1. Januar, man darf CD´s benutzen und Programme installieren und ist mit der weiten Welt verbunden. Ein Ort, fast so magisch wie der Bahnhof (siehe auch: „Nord, Gara de“)
Kollegen
Meine lieben Kollegen. Sie haben mir die Sprache beigebracht. Und vieles andere, manchmal ohne es zu wollen. Sie haben mich gelehrt, meine Grenzen einzuschätzen und zu überschreiten. Sie haben mich machen lassen, manchmal mitgemacht, manchmal zugeschaut, manchmal noch nicht mal das. Manchmal habe ich es verstanden, manchmal nicht.
Lernen
Klar habe ich gelernt, nicht nur Rumänisch. Und ich habe Spaß dran gehabt. Das hätte mir mal jemand nach dem Abi sagen sollen! Meist ging das auch ganz von alleine vonstatten, ohne große Anstrengungen, schlicht durch die Menge und die Dichte an Erfahrungen und Eindrücken. Es passiert einfach irgendwas, und man hat das Bedürfnis, zu verstehen warum und wie, und plötzlich wieder was gelernt!
Motivation
- braucht man irgendwie. Besonders ich, der ich eigentlich sehr faul bin. Wo ich sie herbekommen kann, weiß ich jetzt besser. Es gibt Menschen, die beziehen sie aus einer Idee, aus einem Traum, aus sich selber. Ich glaube, das reicht nicht für mich. Ich brauche andere Menschen, mit denen ich diese Träume und Ideen teilen kann, eine Gruppe, die sich gegenseitig ansteckt. Eigentlich wäre ich in dieser Beziehung unabhängig, bin ich aber nicht. Aber wenigstens weiß ich jetzt besser über mich Bescheid.
Nord, Gara de
Hauptbahnhof von Bukarest und der Ort meines Erstkontaktes mit dieser Stadt. Bahnhöfe sind magische Orte. Es kreuzen sich hier die Wege so vieler Menschen, die nichts voneinander wissen und doch so viel gemeinsam haben. Sie warten oder sie haben es eilig, und immer sind Kopf oder Herz – schon oder noch – ganz woanders. Ich liebe es, die Leute zu beobachten und mir ihr Woher und Wohin, Warum und Wie vorzustellen. Und immer würde ich viel lieber in einen anderen Zug einsteigen, als in den, für den ich eine Fahrkarte habe.
Neunzehn
Meine Straßenbahnlinie. Jeden morgen die Spannung: Wie viele Leute stehen an der Haltestelle? Wenige: Mist, grade abgefahren! Viele: Gut, sollte gleich kommen. Am besten ganz hinten einsteigen, da ist immer noch am meisten Platz. Beim Lochen den Fahrschein immer festhalten, sonst könnte er in den Locher fallen und für immer verloren sein. Hat man einen Sitzplatz und braucht ihn wirklich, weil der Tag so anstrengend war: immer stur aus dem Fenster schauen oder schlafen, damit man keinen sieht, der ihn womöglich noch nötiger braucht. Die Hälfte der Leute bekreuzigt sich, wenn wir an einer orthodoxen Kirche vorbeifahren, bei der katholischen rührt sich niemand. Gut festhalten. Den Rucksack vor den Bauch.
Obor
Größter Markt von Bukarest. Für mich ein bisschen ein Symbol für den Identitätsverlust Rumäniens. Mein erster Besuch, ganz am Anfang meiner Zeit dort, war berauschend. Ein großer Platz voll Leben, die Verkaufsstände wie Bienenwaben aneinandergefügt, organisch gewachsen, jeder Zentimeter genutzt, selbst gezimmerte Buden, kaum Platz um sich am Entgegenkommenden vorbeizuzwängen, dazwischen Straßenhunde und Schwarzhändler.
Mein letzter Besuch kurz vor der Abfahrt war eher ernüchternd. Viele der Buden sind verschwunden, ein riesiger Parkplatz jetzt. An anderer Stelle genormte Stände, einheitlich, in Reih und Glied, Dächer aus blauem PVC, die ein bedrückendes Licht erzeugen, anstelle der Schwarzhändler private Sicherheitsleute.
Rumänien ist auf dem Weg in die EU, in die „Normalität“, aber ich habe Angst, das vieles, was dieses Land so einzigartig macht, dabei auf der Strecke bleibt.
Perspektiven
Wie geht’s jetzt weiter mit mir? Ich möchte nach Berlin, um näher bei meiner Tochter zu sein. Ich möchte so oft wie möglich nach Rumänien fahren. Und ich hoffe, ich finde irgendwo irgendwie mein Glück.
Rumänien
Eine der FAQ´s, wenn jemand festgestellt hatte, das ich von woanders her komme: „Und, wie ist Rumänien?“ Ich hätte mir ein T-Shirt machen können mit der Aufschrift „Keine Ahnung!“
Sicher, es gibt diese vielen kleinen und offensichtlichen Unterschiede, die weis angestrichenen Baumstämme, die besonders in freier Natur allgegenwärtigen PET-Einwegflaschen, das Kabelgewirr an den Lichtmasten. Und es gibt diesen merkwürdigen Begriff „Mentalität“. Der Deutsche: ordentlich, fleißig, pünktlich. Der Rumäne: das Gegenteil. Der Deutsche: kalt, verschlossen, verbissen. Der Rumäne: das Gegenteil. Aber so gesehen, habe ich weder einen Deutschen, noch einen Rumänen kennen gelernt. Das Spiel mit dem Mentalitätsbegriff ist mir ein zu gefährliches. Trotzdem gibt es einen Unterschied, den in Worte zu fassen mir aber noch nie gelungen ist. Der Interessierte möge sich in das jeweils andere Land begeben und selber eine Antwort finden. Ein entsprechendes T-Shirt würde unter Rumänienfreiwilligen sicher reißenden Absatz finden.
Sprache
Herta Müller schreibt: „Wenn die Umgebung nur das spricht, was man nicht kann, horcht man in der ganzen Gegend auf die Sprache. Und wenn man lange genug bleibt, dann lernt die in der Gegend vorhandene Zeit die Sprache für einen. So ging es mir, der Kopf wusste gar nicht, wie es geschah. Ich glaube, man unterschätzt sein Horchen auf die Wörter. Aber das Horchen bereitet auf das Sprechen vor. Eines Tages fing der Mund von alleine das Reden an. Da war das Rumänische bereits mein Eigenes.“
Ich schreibe: „Ich kann gut verstehen was da passiert ist. Sie war in einer ähnlichen Situation wie ich. Ich habe gehorcht, ich habe gelauscht, ich habe geschaut und gelesen und ich habe nichts verstanden. Aber die Zeit hat nicht für mich gelernt, im Gegenteil. Sie saß mir im Nacken, sie trat mir in den Hintern und sie klaute mir Wörter aus meinem Kopf. Die Zeit in der ich hörte und verstand löschte die Zeit, in der ich horchte und nicht verstand.“
Herta Müller schreibt: “Im Unterschied zum Deutschen machten die Wörter aber große Augen, wenn ich sie, ohne zu wollen, mit meinen deutschen Wörtern vergleichen musste. Ihre Vertracktheiten waren sinnlich, frech und überrumpelnd schön. (…) Im Hochdeutschen (…) sagte man: Der Wind WEHT. Und das klang für mich als Siebenjährige so, als würde er sich weh tun. Und im Rumänischen sagte man: Der Wind SCHLÄGT, vântul bate. Das Geräusch der Bewegung hörte man gleich, wenn man schlägt sagte, und da tat der Wind nicht nur sich, sondern auch anderen weh. (…) Auf deutsch heißt es: Der Wind hat sich GELEGT - das ist flach und waagerecht. Auf rumänisch heißt es aber: Der Wind ist STEHENGEBLIEBEN, vântul a stat. Das ist steil und senkrecht. (…) Fast jeder Satz ein anderer Blick. Das Rumänische sah die Welt so anders an, wie seine Worte anders waren.“
Ich schreibe: „Von so etwas habe ich eine Ahnung bekommen, die mich unheimlich motiviert hat, mich noch einmal intensiv mit der Sprache auseinanderzusetzen. Ich habe bis eine Woche vor meiner Abreise noch mit meinen kleinen Karteikärtchen in der U-Bahn gesessen und Vokabeln gelernt. Jetzt arbeitet die Zeit, in der ich horche und verstehe.“
Selbstkritik
Ich gebe zu:
-Der Kaffee in der Küche mit den Kollegen hat geschmeckt und ich habe dort vielleicht zu viel Zeit verbracht.
-Ich habe es meinem inneren Schweinehund manchmal zu leicht gemacht.
-Ich habe Geld für sinnlose Sachen ausgegeben.
-Ich war manchmal zu faul zum Kämpfen, ich habe zu schnell aufgegeben.
-Ich hätte die Schuld bei mir suchen können und mich nicht so schnell auf die rumänischen Verhältnisse, auf Mängel meiner Organisation oder die Schwächen meiner Kollegen berufen sollen.
Ich würde meinen Dienst gerne noch mal von vorne beginnen
Theater
Diese Sache war für mich der Höhepunkt meines Freiwilligendaseins. Ich habe mich tatsächlich getraut, mich auf eine Bühne zu stellen und auf rumänisch Theater zu spielen. All die damit verbundenen Erfahrungen und Eindrücke, die entstandenen Beziehungen und das, was hoffentlich in Zukunft aus diesem Projekt noch entstehen wird, machen den bedeutendsten Teil dessen aus, was mir von Rumänien bleiben wird. Diese Geschichte hat viele vorher erlebte Enttäuschungen und Misserfolge wettgemacht und mir das Gefühl gegeben, auch etwas Wichtiges und Gutes getan zu haben.
TREBUIE
Bedeutet ja: Ich muss! Wir müssen! So war sie also, mein „Projekt“, mein „Arbeitgeber“. Viel könnte ich jetzt schreiben mit „hätte“ und „sollte“ und „deswegen“ und „aber“. Ich will hier nicht analysieren, warum wir nicht richtig zueinander gefunden haben, warum wir nicht miteinander zufrieden sind. Ich finde, hinter TREBUIE steckt eine gute Idee, ich wünsche den Kindern und Eltern, und den Menschen, die dort arbeiten, alles Gute und viel Kraft. Gerade Rumänien ist kein einfaches Feld für ihre Ideale und Ziele.
Untersützerkreis
Liebe Unterstützer: Ihr wart echt wichtig für mich in dieser Zeit. Ich rede hier weniger vom Geld, als von der Motivation. Wie oft habe ich überlegt, was ich euch schreiben kann, damit ihr das Gefühl habt, euer Geld nicht zum Fenster rausgeworfen zu haben. Habt ihr nicht! Auch wenn ich nicht immer Berichte von den armen rumänischen Behinderten, die so dringend einen deutschen Krankenpfleger brauchen, liefern konnte, so habe ich doch viel erreicht. Nicht nur für mich, sondern auch für das Land und die Leute, denen ich dort begegnet bin. Aber das kann kein Rundbrief und keine Internetseite beschreiben, vielleicht kann ich das ja mal bei einem Glas Rotwein erzählen.
Wenn ihr immer noch zweifelt, schaut euch mal an, was sonst so bei Eirene – und nicht nur im Ostprogramm – passiert und sagt mir dann, ob Eirene nicht jeden Euros würdig ist!
Veränderung
Was hat sich verändert in den eineinhalb Jahren? Manchmal haut es mich schon um. Das Problem des ewig von Tabakkrümeln funktionsunfähig gemachten Klebeverschlusses der Zigarettentabakverpackung ist gelöst, die Tetrapacks haben neue Verschlüsse, die Frauenkirche in Dresden ist fertig wiederaufgebaut. Manchmal erschreckt es mich: das Dosenpfand ist immer noch nicht einheitlich, der Erfurter Hauptbahnhof ist immer noch im Bau.
Gut, das ist eigentlich unwichtig, die spannende Frage wäre ja, wie ICH mich verändert habe. Aber auch dafür gibt es zwei genau so verschiedene Antworten. Manchmal merke ich, dass ich mutiger geworden bin, klüger und erfahrener, mein Verhältnis zu Menschen sich verändert hat, ich etwas mehr Weitblick bekommen habe. Aber es gibt auch viele Augenblicke, in denen ich nichts sehe, das Gefühl habe, genauso zurück gekommen zu sein, wie ich aufgebrochen bin, und das sich eigentlich nichts getan hat. Ich hoffe, ich werde diesbezüglich eines Tages schlauer sein.
Vokabeln
Einige meiner Lieblingsvokabeln:
oalǎ: Topf, Kanne (habe ich immer wieder versucht zu lernen, aber fällt mir grundsätzlich nicht ein, wenn ich es brauche)
bormaşina, aisberg, laitmotif: Bohrmaschine, Eisberg, Leitmotiv (Warum ausgerechnet diese Wörter?)
a-şi lua inima în dinţi: Das Herz zwischen die Zähne nehmen. (Anstatt wie wir Deutschen bloß in die Hand.)
a fluiera: pfeifen (jeder Vokal wird betont, also fluuu-iii-eeee-ra! Hab ich bis zum Schluss nicht ordentlich hingekriegt.)
Welt, weite
War ich nun also in der „weiten Welt“? Nach Rumänien ist es nicht wirklich weit, zum Glück. Aber es ist doch fremd und andersartig. Ein gutes Gefühl, das man auch in der Fremde leben kann, das es dort nette Menschen gibt. Man kann dort leben, arbeiten, glücklich sein. Wenn das nun schon in Rumänien so ist, warum nicht auch andereswo? Gut zu wissen!
x
In meinem Rumänisch-Deutschen-Wörterbuch von 1925 gibt es 14 rumänische Worte, die mit X anfangen
Yemen und Yoga
Im Langenscheidt Universalwörterbuch von 2002 gibt es nur zwei rumänische Wörter mit Y
Zurückkehren
Als ich im Sommer vorigen Jahres kurz mal auf Deutschlandbüro war, hätte ich nicht gedacht, dass mir das Zurückkommen mal so schwer werden würde. Damals hatte ich nicht die Bindungen und Beziehungen, die sich ein halbes Jahr später gefunden hatte. Jetzt bin ich zurück, geleitet von der Vernunft und meinem Verantwortungsgefühl, weil es „besser“ so ist, und weil es so geplant war. Aber noch zerrt an mir eine andere Kraft, ziemlich stark, und hemmt jeden meiner Schritte wie die Eisenkugel am Fuß des mittelalterlichen Sträflings. Um wirklich ganz zurück zu kommen, muss ich noch ganz schön arbeiten. Wenn ich könnte, würde ich dieser Kraft nachgeben.