Rundbrief Nr. 4
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Bukarest, 19.6.2004
Wieder sind ein paar Monate um und mein
kleines gelbes Woerterbuch hat schon einige Meter an Klebestreifen verbraucht.
Erstaunlich geduldig ertraegt es das taegliche Geblaettere und
"In-die-Hosentasche-Gestopfe" und "In-die-Ecke-Geschmeisse".
Fast haette ich mir
heute meinen ersten rumaenischen
Roman gekauft,
aber
noch fehlt das letzte bisschen Geduld,
mich an ein solches Projekt zu wagen. Mit der
Sprache klappts also einigermassen, wir
aber auch Zeit nach fast einem Jahr.
Nun
also zur Arbeit: Wir sehen hier Ailina mit dem Produkt einer Woche Arbeit mit
Tapetenkleister, Zahnstochern, Zeitung, Luftballons, Wasserfarben und 750g
importierten Linsen. Das Geraet ist ein sogenannter "Rain-Stick",
manchem vielleicht bekannt als unvermeidlicher Bestandteil des Angebots eines
jeden gut sortierten Eine-Welt-Ladens. Dreht man also den Stab um, so rieseln
die Linsen ueber die duch das Rohr gesteckten Zahnstocher und erzeugen ein
langanhaltendes, regenaehnliches Geraeusch, welches behinderte und
nichtbehinderte Kinder, alte und junge Erzieher, Eltern und Fahrer in fast
genausolanges Erstaunen versetzt. Ausserdem kann man damit wirklichen Regen
machen: das miese Wetter, das in Bukarest seit seiner Fertigstellung herrscht,
kann einfach kein Zufall sein.
Nebenbei sind bei dem Gematsche mit dem Kleister auch noch ein paar Rasseln rausgekommen, sodass wir jetzt schon fast ein kleines Orchester zusammen haben. Die Proben werden wohl dann losgehen, wenn mal keine meiner Kolleginnen Kopfschmerzen hat oder sonstwie unpaesslich ist.
So bin ich denn auch schon wieder in der Meckerecke angekommen, aber ich habe jetzt keine Lust zum Meckern. Die Hochs und Tiefs gibts immer noch, die bloeden Eltern und die gelangweilten Kollegen, aber ich habe mich wohl irgendwie dran gewoehnt. Auf jeden Fall werde ich langsam immer unabhaengiger von der Motivation der anderen und kann immer besser mein eigenes Ding machen. Der Sommer ist da, wir sind meist draussen im Garten, spielen Fussball und duerfen uns sogar, wenn vorhanden, mit frisch gemaehten Gras bewerfen, ohne das gleich ein ueberbesorgte Erzieherin einschreitet.
Ich habe da so ein kleines "grosses" Projekt, das sich fuer mich inzwischen zu einem Indikator fuer die Organisation "Trebuie" entwickelt hat und an dem sich meine Zukunft dort entscheiden wird.
In der Naehe von Fagaras gibt
es ein kleines Dorf mit einem Kinderheim fuer behinderte Kinder, in welchem eine
andere Eirene-Freiwillige, neamlich die Sonja, arbeitet. (Wer sich interessiert:
http://www.agape-rumaenienhilfe.de/).
Die dortige Organisation hat auf meine und Sonjas Initiative hin unsere Kids
eingeladen, dort einige Tage zu verbringen, ein bisschen Urlaub, Kontakt zu
anderen Kindern, schoene Natur, Landluft usw. Das alles fuer ein bisschen
Kostenbeteilung beim Essen und die Fahrt. Solle eigenlich keine grosse Sache
sein, gerade bei der vermeintlichen rumaenischen Leichtvertigkeit. Anfangs
zeigten meine Kollegen schon Begeisterung; das Elternkomitee nicht so sehr, war
aber wenigstens einverstanden. Aber mit der Zeit tauchten immer wieder Fragen
und Einwaende auf, die diese Sache in Frage stellten und auf die ich eine
Antwort geben sollte, z.B. "Was wenn unsere Kinder eine ansteckende
Krankheit haben und wir schleppen die nach Fagaras. Wir muessen sie untersuchen
lassen, aber wer bezahlt das?" oder "Was wenn A. einen epileptischen
Anfall bekommt und der Arzt in Fagaras kennt ihre Krankengeschichte nicht?"
- Tausend kleine Problemchen, die mir manchmal das Gefuehl vermitteln, das man
diese Sache doch irgendwie verhindern moechte. Jedenfalls bin ich immer mal
wieder am kaempfen und diskutieren. Aber es sieht doch ganz gut aus bis jetzt
und wir werden das wohl Mitte Juli durchziehen. Wenn nicht, werde ich "Trebuie!"
wohl den Ruecken kehren...
Ich moechte bei dieser
Gelegenheit mal einen kleinen Spendenaufruf fuer diese Sache starten: Wer also
so zehn oder zwanzig Euros uebrig hat und die Zeit, sie in einen Briefumschlag
zu stecken und an mich zu schicken, die wuerde mir und unseren Kids sehr helfen.
Das Geld soll fuer die besagte Kostenbeteiligung am Essen sein, fuer die
Fahrtkosten, Eintrittsgelder usw. Leider fehlt mir die Zeit und die Moeglichkeit,
das offiziell und mir Spendenquittung und so zu machen. Als Abrechnung wird es
wohl nur ein paar Fotos und einen Bericht geben, aber ich hoffe, das reicht.
Das war mal wieder der Rundbrief. Eigentlich wollte ich endlich mal was ueber Bucarest schreiben und ein paar Fotos zeigen, aber ich habe grade keine Lust mehr auf Internetcafe.
Bis zum neachsten mal, Tobias