Erdbeben, Forumtheater und Deutschunterricht: Rundbrief Nr. 5



Bukarest, 31.10.2004





Licht am Ende des Tunnels? Irgendwie schon. Die Zeit ist das, wo ich mir überlegen muss, ob ich noch etwas Neues anfange, ob ich es noch zu Ende bringen kann oder nicht. Aber die Zeit hier in Rumänien ist mir nur zu einem sehr keinen Teil ein Tunnel, aus dem ich raus möchte.

Sicher, über meine Arbeit im Tageszentrum schreibe ich immer noch am liebsten weiß auf schwarz denn umgekehrt.

Die Fahrt mit den Kids nach Fagaras hat nicht geklappt, die Autos sind wohl inzwischen repariert, aber fahren offiziell nicht mehr für unser Zentrum. So kommen jeden Tag nur noch zwei oder drei Jugendliche, und neben mir und den drei 'alten' Kollegen auch noch ein neu eingestellter 'Instructor' – warum, das weiß kein Mensch. Soviel zur Transparenz bei TREBUIE Bukarest.

Diese Situation trägt natürlich nicht zur Besserung der allgemeinen Stimmung bei. Man hängt mehr oder weniger gelangweilt aufeinander, die Atmosphäre ist seit dem Sommer dort richtig drückend geworden, nahezu explosiv. Ich habe selber inzwischen fast jegliche Motivation verloren, in diesem Zentrum irgendwas auf die Beine zu stellen. Meine Konsequenz: weg von dort, so gut es geht. Morgen habe ich endlich mal einen Termin mit meiner Chefin Vanda. Mal sehen, ob sie noch eine Idee hat. Ansonsten suche ich mein Glück außerhalb von Trebuie, und habe auch schon ein bisschen was davon gefunden. Das hat meine persönliche Stimmungslage sehr aufgehellt, deshalb schreibe ich jetzt auch auf weißem Hintergrund weiter.


Forumtheater


In der Nähe von Bukarest gibt es ein großes staatliches Waisenhaus für HIV-infizierte Kinder. Dieses wird im Dezember aufgelöst. Die große Frage ist: wohin mit den Kindern. Eine NGO, die sich seit einiger Zeit mit den Kindern dieses Heims unbeschäftigt, ist “Chance for Live” (http://www.chanceforlife.ro). Sie hat es sich zur unter anderem Aufgabe gemacht, sie in Pflegefamilien zu vermitteln. Keine leichte Aufgabe, gerade hier in Rumänien.

Ein kleines Beispiel zur Demonstration: Die Zustände in diesem Heim sind nach wie vor miserabel. Zwar wird nach der Revolution dort nicht mehr geschlagen, die materielle Ausstattung ist in Ordnung, es gibt genug zu essen und es wird geheizt, die Kinder erhalten moderne Medikamente, aber es fehlt an Liebe und Zuwendung, die meisten Kinder sind in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung weit zurück. Eine Schulbildung hat kaum stattgefunden. Um diesen Rückstand aufzuholen und den Kindern ein möglichst normales Leben mit ihren Pflegefamilien zu ermöglichen, betreibt “Chance for Life” für seine Schützlinge ein Art Schule, in der neben der klassischen Schulbildung, also Lesen, Schreiben, Rechnen ect. auch an den sozialen Fähigkeiten gearbeitet wird. Da diese Aktivitäten von der Heimleitung nicht unterstützt wurden, musste zu diesem Zweck eine Wohnung in einem normalen Wohnblock angemietet werden. Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit zum Projekt 'Pflegefamilien' erschien nun in der rumänischen “Bildzeitung” ein durchaus wohlwollender Artikel, allerdings unter dem Titel “Schule für HIV-kranke(!) Kinder in einem Wohnblock”. Und prompt konnte ich Zeuge eines Telefonanrufs einer Bewohnerin eben dieses Blocks im Büro von CfL werden. Ob es denn normal währe, solche Kinder in einem Wohnblock zu haben, es wohnten hier schließlich auch kleine Kinder und das gehe nicht und sie werde sich dagegen wehren und wo solche Kinder bleiben, ist nicht ihr Problem.

Man kann sich vorstellen, das es keine leichte Aufgabe ist, bei diesem allgemeinem Aufklährungsstand Pflegeeltern zu finden. Ein Teil dieser Kampagne ist auch das Forumtheaterprojekt, an dem ich mich auch beteilige.



Forumtheater ist eigentlich eine ganz einfache Methode des Theaterspiels. Nach bestimmten Regeln wird eine kurze Szene gespielt: Es gibt eine Person, die unterdrückt und diskriminiert, und eine andere, die unterdrückt und diskriminiert wird, sowie einige mehr oder weniger neutrale Personen. Es wird ein kurzes Stück gespielt, nicht länger als 15 – 20 Minuten. Es endet auf dem Höhepunkt des Konflikts zwischen den beiden Hauptfiguren, ohne eine Lösung anzubieten. Ein so genannter Joker oder Moderator bespricht dann mit dem Publikum das eben gesehene und die Rollen der Figuren im Konflikt. Dann beginnt das Stück von neuem, aber das Publikum hat jetzt die Möglichkeit, einzugreifen, in dem es in eine der vorhandenen Rollen schlüpft oder eine neue Person ins Spiel bringt. Ich konnte mir schwer vorstellen, das das funktioniert, aber ich habe andere solche Stücke gesehen, und es hat funktioniert. Der Konflikt wurde zusammen mit dem Publikum zu einem überraschenden Happy-End geführt. Natürlich dreht sich in unserer Geschichte alles um eine Familie, die ein HIV-infiziertes Kind in Pflege nehmen will und gegen widrige Umstände (Arbeitslosigkeit und Schwiegermutter) kämpfen muss.

Mitte November wird die Premiere sein und ich werde live auf rumänisch improvisieren müssen. Auch eine neue Herausforderung. Danach wollen wir mit dem Stück irgendwie in Kirchen gehen, was mich allerdings wegen meine bisherigen Erfahrung mit der Orthodoxie sehr verwundern würde, aber man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben.


ERDBEBEN


Der Kollege steht noch, aber ich weiß nicht, ob er schon mal so was erlebt hat. Man stelle sich vor, man sitzt gemütlich auf dem Sofa und schaut sich mit einer netten neuen Freiwilligen auf Projektreise die neuesten Abgründe der deutschen Fernsehkultur an. Plötzlich wackelt die Bude und man wird sich bewusst, das man die ganze Zeit ein einem 10-stöckigen, aus maximal 15 cm dicken Betonplatten zusammengeschweißten Stück sozialistischer Wohnkultur sitzt. Der Vergleich mit einem Kartenhaus lässt mich nicht los. Also nichts wie raus, wie alle anderen Bukerester auch und entweder cool und unbeteiligt die Strasse lang laufen mit möglichst gelangweiltem Gesicht, das sagt „Ich bin nicht vor dem Beben abgehauen, sondern gerade auf dem Heimweg“ oder, wenn man den Schreck nicht so gut verdauen kann, sich zu dem Grüppchen der anderen Treppenaufgangsmitbewohner gesellen und aufgeregt diskutieren, ob das jetzt „Das“ Erdbeben war, auf das man schon so lange wartet oder nicht.


Nun ja, der Schreck sitzt auch bei mit noch tief, besonders weil ich mich jetzt noch nicht mal zu Hause richtig sicher fühlen kann. Das letzte große Beben in Bukarest 1976 hat über tausend Tote gefordert, und dieses hier, obwohl es keine Schäden gab, war mit seinen 6,0 immerhin das stärkste seit 16 Jahren. Die Zeitungen schrieben, das es nicht „das“ große Beben war, das ungefähr alle 30 Jahre erwartet wird. Aber kein Grund zur Besorgnis, die meisten Gebäude, die nicht auf der nebenstehenden Liste stehen, sind sicher – haha. Ich wundere mich manchmal, wie man mit dieser Gefahr im Hinterkopf in Bukarest leben kann. Ich habe jedenfalls noch zwei Nächte in Klamotten geschlafen und kriege immer noch nen riesen Schreck, wenn mal wieder in LKW volle Kanne durch das Schlagloch vor unserm Haus fährt, das die Wände wackeln.



Deutsch



Preisfrage: Wann verwendet man im Deutschen für das Perfekt „sein“ und wann „haben“? Warum sagen wir „Ich bin gelaufen.“, aber „Ich habe gelesen“ und nicht „Ich habe gelaufen.“ oder „Ich bin gelesen.“ - na? <richtige Antwort hier eingeben>

Mit solchen Fragen muss ich mich seit neustem herumschlagen, weil ich mich bereit erklärt habe, ein paar Kollegen etwas Deutschunterricht zu erteilen. Ich muss schon sagen: wir haben schon eine ganz schön komische Sprache, aber das habe ich auch erst gemerkt, seit ich versuche, sie anderen zu erklären. Sachen, die bisher für mich das einfachste von der Welt waren, werden plötzlich kompliziert und unlogisch. Manchmal ist es zum Verrückt werden mit „ß“ und „s“ und „ss“, zumal ich nicht gerade als Orthographiegenie bekannt bin. Aber es ist auch eine Genugtung, die Quälereien, die ich ich mit Rumänisch hatte, endlich mal jemandem heimzahlen zu können. Ich hoffe, es denkt jetzt niemand, ich wäre rachsüchtig, aber ich habe die Deutsche Sprache schließlich nicht gemacht.