Rundbrief Nr. II
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Bukarest, 9.1.2004
Wieder ein Jahr vergangen, aber fuer mich ist eigentlich erst ein Halbes um. Also knappes sechs Monate bin ich jetzt hier in Rumaenien. Ich sollte mich also so langsam eingelebt haben, mich an die ‘fremde’ Kultur gewoehnt und die Sprache gelernt haben. In ein paar Wochen werden meine beiden Mitstreiter die Heimreise antreten und mich hier mit einem Greenhorn zuruecklassen (sorry, Fritjof). Ein komisches Gefuehl, der ‘Alte’ zu sein, wissen zu muessen, wie und wo man die Rechnungen bezahlt, wie man eine Wohnung sucht oder ein Taxi bestellt. Aber es hat sich ja auch einiges getan in den fuenf Monaten, insbesondere in der Zeit nach meinem letzten Rundbrief.
Es hat tatsaechlich geklappt, die Eltern waren einverstanden, ich darf im Tageszentrum fuer Jugendliche arbeiten. Seit Mitte November setze bzw. zwaenge ich mich jeden Morgen in die klapprige Strassenbahn, die bis vor einigen Jahren in Bremen ihren Dienst gatan hat und von dort sicher ein bequemeres Schienenbett gewoehnt war. Nach nur einer halben Stunde (nicht wie vorher in einer) und 200m durch hundeverseuchte Neubaublockhinterhoefe bin ich dann da. Ein kleines, einstoeckiges Haus, zwei Zimmer, Kueche, Bad, ziemlich schwer zu heizen mit den beiden riesigen, auf Gas umgestellten Kacheloefen. Der eine Raum ist blockiert von alten Fitnessgeraeten: Hometrainer, Laufband und solche Sachen, zur ‘Physiotherapie’. Der andere Raum ist voll mit Tischen und Stuehlen, die alle mal etwas Leim und ein paar Schrauben vertragen koennten. Die Waende haengen voll mit alten Bastelarbeiten, Plakaten. Es wirkt auf den ersten Blick wie der Gruppenraum eines Kindergartens oder einer Grundschule. Aber alles alt und verstaubt, nach dem Motto: einmal gemuetlich – immer gemuetlich. Es arbeiten dort zwei Erzieherinnen, beide heissen Mihaela, welch Glueck fuer mein Namensgedaechtnis, ein Fahrer, Herr Gigi, der staendig meine Faehigkeiten im Fluchen und obszoenem reden auszubauen versucht und Virginia, die Leiterin, eine Sozialarbeiterin, die dort erst genauso lange arbeitet wie ich.
28 Jugendliche, genannt ‘Kinder’ gehoeren zum Tageszentrum, wobei eigentlich nur sieben bis acht regelmaessig kommen, fuer die meisten stehen wir nur im ‘Standby’.
In den zwei Monaten, in der ich da bin, habe ich mehr rumaenisch gelernt als in der ganzen Zeit vorher. So gesehen war die Zeit vor meinem Anfang dort verlohren. Die Kollegen mir sind begeisterte Lehrer, erklaeren alles zweimal, haben die Geduld, mit mir im Woerterbuch nachzuschlagen und lachen nur ueber die groebsten Fehler und ueber die Vokabeln von Gigi. Noch ein paar Wochen, und ich kann mich richtig unterhalten. Meine Hoffnungen bezueglich Spracherwerb haben sich also erfuellt, bezueglich der Arbeit bin ich noch etwas zwiegespalten.
Momentan kann ich noch nicht so arbeiten, wie ich eigentlich will. Der Arbeitsstil meiner Kollegen gefaellt mir gar nicht. Ich kann sie nicht dafuer verurteilen, sie werden sehr schlecht bezahlt, ihre Ausbildung war warscheinlich irrational theoretisch, die aeusseren Umstaende sind schlecht. So geht ihre Arbeit, ich muss sagen unsere Arbeit, oft an den ‘Kindern’ vorbei. Vielleicht mal ein paar Beispiele:
Im Zuge der allgemeinen Weihnachtsvorbereitungen mussten Grusskarten fuer unsere Sponsoren gestaltet werden. Dabei war es wichtiger, das die schoen und von guter Quallitaet waren, als das sie von den Kindern selbst gestaltet wurden. Moeglicherweise wird dies von des Sponsoren so erwaret, aber der Kinder blieben waehrend dieser Arbeit weitgehend sich selbst ueberlassen. Beim Schmuecken des Raumes ging es aehnlich zu.
Bei den Proben fuer die selbigen Sponsoren vorzusingenden Weihnachtslieder durften diejenigen nicht mitsingen, die Text oder Melodie nicht konnten, unabhaengig davon, ob ihnen Singen und Musikmachen Freude macht.
‘Outdoor-Aktivitaeten’ scheitern an den angeblich zu niedrigen Temperaturen, ich habe aber eher das Gefuehl, das sich meine Kollegen sich mit den Kindern schaemen wuerden.
Alles in allem stehen unsere Kinder nicht so im Mittelpunkt, wie sie eigenlich sollten. Vieles geschieht ohne sie, obwohl es mit etwas mehr
Geduld, Einfuehlungsvermoegen und Kreativitaet nicht so sein muesste.
Ich glaube nicht, dass ich an dieser Situation grundsaetzlich und dauerhaft etwas aendern kann. Ich versuche vor allem, irgendwie das zu tun, was ich fuer richtig halte. Hier und da glingt mir das auch, aber momentan bin ich etwas vorsichtig, weil meine Position im Team noch nicht so richtig klar ist und ich nicht weiss, wie weit ich gehen kann.
Auch wenn sich das alles etwas trostlos anhoeren mag, so bin ich doch alles in allem sehr zufrieden und sicher, den richtigen Schritt getan zu haben. Die Arbeit macht Spass, ich bekomme langsam eine Beziehung zu den Kindern und kann zumindest zum Teil das anwenden, was ich gelernt habe.
Denn Alltag und ein paar Geschichten will ich mir fuer spaetere Briefe aufheben, aber fuer die Weihnachtfeierlichkeiten ist es dann doch zu spaet, also:
Natuerlich wird auch ein einem rumaenischen Tageszentrum fuer behinderte Jugendliche Weihnachten gefeiert. Es gibt einen Weihnachtsbaum, kuenstlich, mit rotem umd blauem Lametta. Der Raum ist geschmueckt, nicht mit Tannenzweigen, aber mit rot-weissen Girlanden, Weihnachtsmannbildchen und Spruchbaendern, die entweder ‘Frohe Weinachten’ oder ‘Auf viele Jahre’ wuenschen, sowie abertausenden von Froebelsternen, die ein deutscher Freiwilliger in tagelanger harter Arbeit anfertigen musste, weil sich das Erlernen der anspruchsvollen Falttechnick fuer die zittrigen Haende alternder Erzieherinnen als zu schwer erwies. Rechtzeitig einen Tag vorher trafen auch die Geschenke ein, Schuhe und abscheuliche himmelblaue Damenkleider, wohl Restposten einer deutsch-rumaenischen Textilfirma – aber neuwertig. Nebst eingen Kleinigkeiten, Zahnputzausstattungen, Suessigkeiten, Stiften und anderem Nippes huebsch verpackt in Werbeplastiktueten der Firma Connex, einem rumaenischen Mobilfunkanbieter, lagen
sie bereit unter dem Weihnachtsbaum, abwechselnd blau, rot und gruen iluminiert von der obligatorischen Lichterkette, deren Melodiefunktion man gnaedigerweise deaktiviert hatte. Fehlt nur noch der Weihnachtsmann – Freiwillige vor!
Nun ja, der Weihnachtsmann hatte wohl schon bessere Zeiten erlebt. Nicht nur, das er kein Wort hervorbrachte, nur steif nickte, und die Familiennamen der zu Beschenkenden vorgelesen bekommen musste, sein Bart war aus Schaffell und die Brille auch nicht ganz stilecht. Aber er nahm wuerdig und wohlwollend die ihm gewidmeten Weihnachtslieder entgegen, auch wenn sich in den Chor Stimmen mischten, die Text und Melodie nicht so perfekt beherrschten wie von anderen Anwesenden erwartet. Es wurde Kekse gegessen und Holunderbluetenfanta® getrunken und nachdem die Eltern den Erhalt der Geschenke mit Unterschrift quittiert hatten, gingen alle froh und zufrieden nach Hause.
Soweit also meine Arbeitsweihnachtsfeier, privat habe in Galati bei ein paar Freunden gefeiert. Es soll eine schoene Stadt sein, das Tor zum Donaudelta, weitestgehend verschont von der Bauwut des Kommunismus, aber weil ich vor lauter Schneesturm immer nach unten gucken bzw. rueckwaerts gehen musste, habe ich nicht so viel sehen koennen. Es was sehr gemuetlich, zwar ohne Blinkweihnachtsbaum und Musik, aber mit vielen netten Leuten und lecker Essen. Auch habe ich meine allererste Stunde Schlittschuhlaufen ohne Sturz ueberlebt – Gunda-Niemann-Stirnemann-Halle – ich komme!
Die Fahrkarte habe ich uebrigens ganz allein gekauft, was garnicht so einfach ist. Am Bahnhof gibt es Fahrkarten erst eine Stunde vor Abfahrt und man weiss nie, wie lang die Schlange sein wird. Um sie vorher zu kaufen, muss man auf eine der zahlarmen und gut versteckten Agenturen gehen. Nach dem ich 20 Minuten angestanden hatte, kriegte ich endlich mit, dass es hier ein Wartesystem gibt, richtig mit Nummer ziehen und so. Ich weiss noch ganz genau: ich hatte Nr. 429, auf dem Display wurde grade 319 angezeigt. Man bedenke, der Vorgang des Fahrkartenverkaufs dauert so seine 5-7 Minuten, weil es dafuer noch keine Computer gibt und man in Fernverkehrszuegen einen Platz reservieren muss. Zu diesem Zwecke sind eine stattliche Anzahl von Nummern und Abkuerzungen in diverse Heftchen und Formulare einzutragen, gelegentlich auch ein Telefongespraech zu fuehren. Man kann sich also meine Verzweiflung vorstellen. In solchen Augenblicken frage ich mich schon mal, was ich in diesem Land ueberhaupt will. Nach dem ich also ca 2,5 Stunden mit System (!)gewartet hatte, bekam ich von einen wohl noch verzweifelteren Mann Nr. 421 gesche
nkt und innerhalb der naechsten 20 Minuten hatte ich schon meine Fahrkarte. Eine Freundin, die mit dem gleichen Zug fuhr, kaufte ihre Karte innerhalb von 5 Minuten am Bahnhof. Dort gab es aber auch schon Computer.
Silvester war nicht so besinnlich und schneereich, aber nicht weniger schoen. 30 Leute, 17 Betten, kein fliessendes Wasser und jeden Tag Holz hacken - dafuer Musik und wiederum lecker Essen. Wer Fotos sehen will: www.ark2003.netfirms.com