Aktionstag
gegen Rassismus im Kiez & anderswo
Bericht
vom Aktionstag
So etwas hatte der Prenzlauer Berg wohl noch nicht
gesehen. Das Bündnis „Nie-wieder-Sonntag“ nutze eben
den 17. Juli 2005, um auf die rassistische Praxis des Cafés
„An einem Sonntag im August“ aber auch das gesamtgesellschaftliche
Problem Rassismus, vor allem im Ostteil der Stadt aber auch anderswo,
aufmerksam zu machen. Engagierte junge Leute besetzten zu diesem Zweck,
natürlich angemeldet, die Ecke Kastanien- Schönhauser Alle,
um genau einen Tag lang ihre Umgebung zum Nachdenken und Reagieren
auf Diskriminierung von Minderheiten zu bewegen.
Das Programm begleiteten vegane Leckereien aus dem hause K77 und DJ-Sets
der Soundpiraten, Matatu und Djane Patricia. Zwischen den Songs fanden
Redebeiträge unter anderem vom Aktionsbündnis und den zahlreichen
UnterstützerInnen zu zentralen Themen wie „Multikulti“,
„Diskriminierung im deutschen Alltag“ und „Polizeigewalt
gegen AusländerInnen“ statt. Eine thematische Vertiefung
dazu und zum Aktiontag an sich konnte am Infostand in bis zu 7 verschiedenen
Sprachen eingeholt werden. Das rege Interesse der BesucherInnen des
Aktionstages an den Flugis und Broschüren, vor allem aber an
der rassistischen Dienstanweisung des Cafés „An einem
Sonntag im August“ und allen damit verbundenen Informationen
zeigte eine breite Resonanz an antirassistischem Konsens in der Bevölkerung
aber auch die Notwendigkeit, um diesen immer wieder zu kämpfen.
So zogen ab 16.30 ca. 200 TeilnehmerInnen mit der Parole „Fight
racism- anytime and anywhere“ (übersetzt auch hier in andere
Sprachen) über die Schönhauser-, Oderberger- und Kastanienalle.
Von den Kiez-Kaffee-TrinkerInnen wurden sie mit einer Mischung aus
Neugier und Überraschung betrachtet. Trotzdem drängte sich
der Eindruck auf, daß Hip-sein-wollen und gesellschaftliche
Verantwortung nur in den seltensten Fällen zusammen gehen, denn
es protestierten überwiegend bereits politisierte linke Gruppen
wie Privatpersonen als daß sich „ZuschauerInnen“
spontan der Demo angeschlossen hätten. Es erschien aber auch
hier allen AktivistInnen wichtig, Präsenz und Unterstützung
für die Betroffenen und Opfer von Rassismus zu zeigen und klar
zu machen, daß es trotz Bequemlichkeit und Verdummung in der
Gesellschaft noch immer eine kritische Öffentlichkeit im Bezirk
gibt, die rassistische oder anderweitig diskriminierende Äußerungen
wie Praxen nicht akzeptieren und durchgehen lassen wird. Der absolut
friedliche Gang durch den Kiez endete nach ca. einer Stunde vor dem
in Kritik geratenen Café mit dem gemeinsamen Schluß:
„Nie-wieder-Sonntag“, denn solche Läden braucht kein
Kiez!
Viele sahen sich aber noch einmal genötigt, „an den Ort
von Diskriminierung zurückkehren, um sich über Diskriminierung
an sich auseinanderzusetzen“, wie das treffend die Wissenschaftlerin
Peggy Piesche ausdrückte. Denn „An einem Sonntag im August“
fuhr harte Geschütze auf, um sich von den Vorwürfen reinzuwaschen
und seinen guten Ruf zu wahren, und organisierte sozusagen als Reaktion
auf den Aktionstag eine scheinheilige Diskussionsveranstaltung, wo
über „Rassismus und Alltag“ und einen vorgeschobenen
PC-Kodex diskutiert werden sollte. Zum Podium geladen waren Cem Özdemir
von den GRÜNEN, Annette Kahane von der Antonio-Amadeo-Stiftung
und u.a. der "Kommunikationsexperte" Jens Kapitzky. Das
Konzept bestand wohl eindeutig darin, die rassistische Praxis des
Cafés zu einem „Formulierungsfehler“ zu machen
und sich in einen allgemeinen Diskurs über „ungeschickte
Ausdrucksformen“ und Rassismus in der Gesellschaft zu flüchten.
Die Rechnung der CaféinhaberInnen ging aber nicht auf, denn
zu viele Menschen fanden sich hier ein, die empört, betroffen
und verletzt von den rassistischen Umgangsformen der CafébetreiberInnen
das Wort ergriffen. Darunter beispielsweise ein Sprecher des Anti-Diskriminierungsbüro,
der unter anderem über die deutsche Ämterdiskriminierung
und das Versagen eines Sozialstaates sprach, der MigrantInnen von
vornherein nicht dieselben Möglichkeiten bietet, um sich ein
menschenwürdiges Leben zu schaffen. Die bereits erwähnte
Peggy Piesch bezog sich konkret auf die Verschleierungsversuche des
Podiums, da das brisante Thema der eindeutig rassistischen Dienstanweisung
der CaféinhaberInnen nicht zum zentralen Thema der Diskussion
gemacht wurde, „wie das die jungen Leute da draußen tun“.
Sachlich und überlegt kritisierte sie die Reinwaschungskampagne
mit vorgeschobenen Rechtfertigungen und Lügen, die ein „weißes
Podium“ dafür benutzten, um über die Diskriminierung
von den „people of colour“ zu diskutieren. Ein Paradoxon
an sich wie auch der Fakt, daß dem zu einer „Diskussionsveranstaltung“
geladenen Publikum nicht mehr als eine Viertelstunde zum Sprechen
gegeben wurde. Doch auch diese kurze Zeit reichte dafür aus,
um die breite Ablehnung und Wut des Publikums gegen derartige rassistische
Kriterien und Vorgehensweisen zu verdeutlichen. Sie mündete in
einem Sprechchor, der die InhaberInnen dazu aufforderte, sich bei
den Betroffenen und Opfern ihrer rassistischen Praxis zu entschuldigen.
Die InhaberInnen entschuldigten sich nicht und waren offensichtlich
noch viel weniger an der ganzen Diskussion interessiert. Sie zogen
es vor, an der Veranstaltung erst nicht teilzunehmen, was den Vorwurf,
mit der Diskussion nur ihren guten Ruf retten zu wollen, ohne ein
wirkliches inhaltliches Interesse an den Themen zu haben, nur verstärkte
und für ihre Ignoranz und Kritikunfähigkeit spricht. Doch
wie so oft haben sie auch hier nicht zu Ende gedacht und sich in der
von ihnen selbst organisierten Veranstaltung nur noch viel mehr in
Verruf gezogen. Sobald die Diskussion offiziell geschlossen wurde,
hatte noch kaum jemand Lust, sich dort länger als nötig
aufzuhalten.
Es wäre mit Sicherheit noch eine schöne Party draußen
geworden, hätte die Polizei den Aktionstag nicht vorzeitig (2einhalb
Stunden vorher!) aus vorgeschobenen Gründen (statt DJs sei Live-Musik
angemeldet gewesen usw.) abgebrochen. So ging der Aktionstag zwar
nicht so lange wie geplant, dafür aber inhaltlich wie formell
umso zufriedenstellender zu Ende.
KURZAUFRUF
zum Aktionstag gegen Rassismus im Kiez & anderswo
Es hat sich gezeigt,
dass auch im „liberalen und multikulturellen“ Prenzlauer
Berg Rassismus auf der Tagesordnung steht. Die am 28.6.2005 öffentlich
gewordene Dienstanweisung der Betreiberinnen des Cafés „An
einem Sonntag im August“ (Kastanienallee) an ihre Angestellten,
veranschaulicht, dass auch vermeintlich linke Geschäftsleute
auf Kategorien wie Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft zurückgreifen,
wenn es darum geht, den Drogen den Krieg zu erklären oder einfach
nur die Zusammensetzung des Publikums nach eigenem Geschmack zu gestalten.
Ein pauschales Hausverbot für „schwarze Jugendliche unter
25“ wurde vom Bezirksamt nie eingefordert. Ebensowenig wurde
dem Café nach Aussagen der verantwortlichen Bezirksstadträtin
der Entzug der Ausschankkonzession angedroht, wie von den Betreiberinnen
behauptet. Der Ausschluß ganzer Bevölkerungsteile ist der
denkbar schlechteste Weg, das Problem zu beheben.
Wir wissen, dass
es nichtrassistische Strategien gibt, mit der Drogenproblematik und
dem diesbezüglichen Druck vom Bezirksamt umzugehen. Des weiteren
beobachten wir mit Sorge einen verstärkten Alltagsrassismus.
Insbesondere im Mauerpark und Weinbergsweg sind Menschen nichtdeutscher
Herkunft von verdachtsunabhängigen Polizeikontrollen betroffen.
In den letzten Monaten kam es zu einer Häufung rechter Übergriffe
mit rassistischem Hintergrund. Da wir einen Beitrag dazu leisten wollen,
dass jegliche Formen der Diskriminierung im Kiez & anderswo erkannt
und bekämpft werden, rufen wir zum Aktionstag gegen Rassismus
am 17.7. auf.
Der
Aktionstag wird unterstützt von:
ACUD (Kunst- und Kulturhaus), Antifa Friedrichshain, Antifa Hohenschönhausen
(AH), Antifa TU-Berlin, Antifaschistische Fußballfaninitiative
(AFFI), Antifaschistische Gruppe in Prenzlauer Berg (AGiP), Antifaschistische
Initiative Moabit, Antifaschistischer Aufstand Köpenick (AAK),
Antirassistische Initiative, Asta der Technischen Universität
Berlin, Autonome Antifa Prenzlauer Berg
(AAPB), Bad Boy‘z, „bella, boss & bulli“, Bistro
Marcann‘s, Buchl. Schwarze Risse Kastanienallee, Bund der AntifaschistInnen
Berlin-Pankow e.V., Brazine, Bruder&Kronstädta, Café/Kneipe
„Absinth“, Café Bla Bla, Café Doors, Café
Mauerblümchen, Café Morgenrot, Café MS Völkerfreundschaft,
Café Nemo, Café Simson, Café Torpedokäfer,
Carola Handwerg (Anwältin), >da capo< Bücher und Schallplatten,
Desperados.Berlin, DJ Drums & Freaks, DJ Matatu, DJ Werd, DJs
"The BeLarska's", Doctor Wood GmbH, DRK-Jugendladen „Eastside
2000“, DRK-Jugendladen Wedding, Emanzipative und Antifaschistische
Gruppe (EAG), Food for Action-Berlin, Franz&Josef Scheiben, Gegeninformationsbüro,
Gun Club, Hakuna Matata, Hausprojekt Schliemannstr. 40, HEVEL e.V.
- Verein für soziale Gerechtigkeit, Initiative schwarze Deutsche
Berlin e.V. (ISD e.V.), Initiative gegen das Chipkartensystem, IG
BühnenWerk Ostberlin, Judith Braband, K & K, K77, Kamun (Imbiss),
„Kastaniengrill 28 bei Ismail“, Kastanienallee 86 (Vorderhaus),
Kathedrale e.V., Kaya Foundation, Kontakt- und Beratungsstelle für
ausländische Flüchtlinge e.V., Kumasi Shop, Leathers Lederwerkstatt
Berlin, Linienstr. 206, Linke Liste der HU-Berlin, Mauer, Mercato
Piccolo (Lebensmittel, Obst & italienische Feinkost), Musikkneipe
„Everybody‘s Subway to Peter“ Chemnitz, Nix wie
Wein, Palpitacoes, Pegasus Druck, Radio Tanzbär Berlin Nordost,
ReachOut Berlin, SOS Human Rights (Berlin), Subversive Philosophie
und Kommunismus (SPUK), Skaquadrat, Soundpiraten, Streetsmartz, Trommel,
The Running Assholes (TRA), VEB Orange, Villa Orange, Yaam, Zielona
Gora (VoKü)
Stand:
16.7.
Ausführlicher Infotext
Kastanienallee, Ecke Schönhauser: eine der belebtesten
Ecken des sogenannten Szenebezirks Prenzlauer Berg. Dieser Kiez genießt
den Ruf, weltoffen, vielfältig und tolerant zu sein. Deswegen
treffen sich gerade hier Menschen aus Berlin und anderswo, um in entspannter
Atmosphäre einen Kaffee oder ein Bier zu trinken. Ein großes
Angebot an Bars, Cafés und Clubs sorgen für aufregende
Nächte und harmonische Sonntage.
Womit wir beim Thema wären: Das Café „An einem Sonntag
im August“ nimmt eine Sonderstellung in Anspruch. Es handelt
sich sozusagen um „das erste Haus am Platz“: Hier sitzen
die hippen Leute, hier scheint am längsten die Sonne, hier gibt
es den ganzen Tag Frühstücks-Büffet für 3 Euro
(don‘t try it!). Hinter der Fassade des netten Ambientes versteckt
sich jedoch eine rassistische Alltagspraxis von Seiten der Betreiberinnen,
die sich seit kürzerem in einer unverhohlen diskriminierenden
KundInnenpolitik niederschlägt. Gäste beklagen schon seit
längerer Zeit rassistische Äußerungen und Behandlung.
Am 12. April erreichte die diskriminierende Haltung gegenüber
schwarzen Menschen eine neue Qualität. An diesem Tag wurde eine
Dienstanweisung ausgehangen, deren skandalösen Inhalt wir hiermit
öffentlich machen (bitte wenden). Mit Verweis auf Probleme mit
angeblichen Dealern, die zu einer sogenannten „Mauerpark-Gang“
gehören sollen, wurden die Angestellten verbindlich aufgefordert,
ein pauschales Hausverbot für „schwarze Jugendliche“
durchzusetzen. Das gemeinsame Merkmal dieser „Gang“ ist
ihre Hautfarbe. Dies reichte den Inhaberinnen offensichtlich als Grundlage
für ihre rassistische Geschäftspraxis, die auf biologische
und soziale Kriterien zurückgreift, um die Zusammensetzung des
Publikums nach ihrem Geschmack zu gestalten. Damit stellt sich das
Café in eine lange deutsche Tradition der Ausgrenzung von Menschen
aufgrund äußerer Merkmale.
MitarbeiterInnen, die nicht unterschrieben haben, wurden im weiteren
Dienstplan nicht mehr berücksichtigt. Diejenigen, die aufgrund
ökonomischer Zwänge oder mangelnden Bewusstseins unterzeichnet
haben, sind nun verpflichtet „keine Toleranz“ zu zeigen
und nach eigenem Ermessen die in der Dienstanweisung formulierten
rassistischen Ausschlusskriterien zur Anwendung zu bringen.
Derartige Vorkommnisse sind für jeden, der mal eine Disco im
Land Brandenburg besucht hat, nichts Neues und gehören zum deutschen
Alltag. Auch im Prenzlauer Berg, besonders im Mauerpark und am Weinbergsweg,
sind Menschen nicht-deutscher Herkunft verstärkt von verdachtsunabhängigen
Kontrollen durch die Polizei betroffen. Des weiteren kam es in den
letzten Monaten gehäuft zu Übergriffen mit rassistischem
Hintergrund. Ein Hausverbot für „schwarze Jugendliche“
stellt jedoch gerade im Prenzlauer Berg eine Besonderheit dar, die
durch das erschreckend selbstbewusste Auftreten der Verantwortlichen
bei der Anwendung ihrer rassistischen Kriterien auffällt. Die
einzige Antwort auf diese Zustände ist konsequentes Eingreifen!
Woanders schmeckt der Kaffee besser, es gibt genug Alternativen! Erzählt
anderen vom Alltag im „Sonntag“! Beteiligt euch an Aktionen
gegen Rassismus im Kiez und anderswo! Setzt euch mit uns in Verbindung,
wenn ihr Kenntnisse von ähnlichen Vorkommnissen in anderen Einrichtungen
habt!
Nie wieder Sonntag! Fight racism!
Bitte beachtet auch den "Offenen
Brief" und die bisher erschienenen Infos in der Presse
Stand:
27.7., 15 Uhr