Sonntag, Dezember 19, 2010
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Donnerstag, Februar 25, 2010
In Rio.
Nun bin ich schon einen guten Monat in dieser Stadt und habe noch kein einziges Mal gebloggt, wie sich das doch für meine Reisen gehört. Für alle, die es noch nicht wissen: Ich bin in Rio de Janeiro. Nein, das ist nicht die Hauptstadt Brasiliens (aber war sie immerhin mal). Warum es mich von allen weißen Stränden der Welt gerade zu diesem verschlagen hat, lässt sich leicht begründen: Hier kenne ich Claudine, eine gute Freundin aus meiner Baden-Badener Zeit, welche letztere von Historikern uneinheitlich auf ein Jahr um die letzte Jahrtausendwende datiert wird. Denn es ist doch so, dass ich das Versprechen, jemanden einmal in einem entfernten Land zu besuchen, vielleicht leichtfertig gebe, es dann aber doch nur zu gern halte, und sei es erst nach zehn Jahren wie in diesem Fall, in dem es sogar noch nicht einmal leichtfertig gegeben wurde.
Eine Woche nach meiner Ankunft wurde ich glücklicher Mieter eines riesigen Zimmers mit Loft, das ich mit Claudines Hilfe und Verhandlungsgeschick zu günstigen Bedingungen bekommen habe. Das Ehepaar, welches insgesamt drei Zimmer vermietet, hat das ganze Haus – und so mein Zimmer – voller Bilder gehängt, da die Frau Malerin ist. Demnächst wird sie mit vier Bildern in einer Ausstellung im Louvre über südamerikanische Künstler teilnehmen. Der Mann steht auch in gewisser Verbindung zu Paris, und zwar wegen seiner früheren Tätigkeit als Mannequin. Mittlerweile ist er über fünfzig. Aber er spricht sehr gut Französisch aus dieser Zeit, was für mich so eine Art Glückstreffer ist, da mein Portugiesisch immer noch schlecht ist. Ja, ich habe den Lateinabkömmling noch nicht recht gebändigt bekommen, und obwohl ich mittlerweile eine leichtes portugiesisches Buch von Claudine lese und das überlebenswichtige Vokabular bereit liegt, so lässt mich noch fast jede mir gegebe Antwort hilflos zurück. Es sollte an dieser Stelle niemanden blenden, dass ich ein portugiesisches Buch lese: Die Sprache ist dem Französischen ähnlich, das ich recht gut beherrsche, und nur zu oft erkenne ich Worte wieder. Das Missverhältnis zwischen meinem passiven, gelesenen und aktiven Wortschatz hat zu so kuriosen Verwerfungen geführt wie jener, dass ich lange Zeit mit den Chinesen vom Imbiss lieber Chinesisch als Portugiesisch gesprochen habe, worauf die aber nicht so richtig Bock zu haben schienen. Ist ja auch skurril: sich in Brasilien mit Chinesisch zu verständigen. Aber wenn ich sonst nur saftige Südfrüchte esse, muss ich wenigstens einmal untertags zum Imbiss, um mir etwas Warmes zu holen, und die Chinesen halten einen bedeutenden Teil am Imbiss-Markt (woraus man nicht etwa schließen sollte, dass es hier chinesisches Essen gäbe!).
Nicht allein die Sprache muss meinem Entdeckerdrang regelmäßig ein wenig nachgeben. Wenn ich zum Meer will, ziehe ich meine Badehose an, laufe drei Minuten, überquere die Straße, und dann springe ich rein. Dass ich von dieser Möglichkeit großzügigen Gebrauch mache, versteht sich von selbst. Genau neben dem Strand steht in sehr hoher Berg im Wasser, der je nach Tidenhub Insel oder Halbinsel ist. Von dort hat man einen famosen Ausblick auf die ganze Gegend: Nach Norden hin eine lange Bergkette, die sich um eine weite, teils bebaute Ebene spannt und an ihren links- und rechtsseitigen Enden den Atlantik berührt. Nach Westen hin liegt hinter dieser Bergkette das richtige Rio: Copacabana, Ipanema, der Corcovado mit der Christus-Statue, und der Zuckerhut. Nach Süden nur Wasser; würde man seinen Blick um die Erde wölben können, so träfe er in weiter Entfernung noch auf die Falkland-Inseln und viel weiter schließlich auf die Antarktis.
Mein Bezirk heißt „Recreio dos Bandeirantes“ - zu Deutsch: Urlaub für Expeditionisten. Das trifft es irgendwie ziemlich genau. Indes bin ich nicht (nur) zum Urlaub hier: Ich habe mich zum Telearbeiter entwickelt und arbeite jetzt mobil für zwei Kunden in Deutschland, allerdings nur etwa zehn Tage im Monat. Das macht mich zwar von einem halbwegs schnellen Internetanschluss abhängig, aber was das angeht bin ich gut bedient. Wenn am 21. April meine drei Monate in Rio um sind, geht das nach einer Woche Deutschland auch in China so weiter.
Wie ich schon erwähnte, wohne ich nicht ganz im „richtigen“ Rio. Rio zieht sich an der Meeresküste entlang, dabei liegt das Stadtzentrum ganz im Osten, und ich wohne im Westen. Mehr als eine Stunde muss ich Bus fahren, um an die Copacabana zu gelangen. Das kann auch Vorteile haben: Zum einen wohne ich nur eine halbe Stunde von Claudine, und zum anderen ist meine Gegend wesentlich sicherer (Wie das kommt, dazu später). Will ich mich denn einmal wirklich weiter als einen Fußweg von meinem Zimmer fortbewegen, lässt sich das natürlich wie in Deutschland mithilfe von Bussen bewerkstelligen, die jedoch den meisten Berliner U-Bahnen in Sachen Geschwindigkeit locker das Wasser reichen können. Der Fahrstil, der das möglich macht, führt allerdings zu einer starken Abwertung der Stehplätze. Daneben gibt es hier noch ein weiteres Verkehrsmittel: den Kleinbus, eine Mischung aus Taxi und Bus: Vom Taxi hat er, dass man überall aus- und einsteigen kann. Ansonsten gibt es feste Linien und Tarife wie beim Bus. Diese Transportmöglichkeit musste von der Miliz eingerichtet werden, weil die Stadt nicht ausreichend Busse bereitstellt, um einen wirklich reibungslosen öffentlichen Nahverkehr ohne riesige Umwege zu ermöglichen. Die Miliz ist hier so eine Art Wohltätigkeitsverein. Um ihre Funktion zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen.
Wahrscheinlich haben die meisten von Euch schon einmal von den Favelas gehört, jenen Armensiedlungen, die sich illegal an den eigentlich geschützten, dichtbewaldeten innerstädtischen Bergen Rios hochranken und von dieser Entstehungsprozedur ihren Namen ableiten (es gibt indes ähnlich geartete Siedlungen auch in der Ebene, z.B. in der Nähe meiner Wohnstatt). Möglicherweise habt Ihr darüber in der Zeitung gelesen, z.B. dass es dort ziemlich gefährlich zugeht, dass die Polizei dort nicht reindarf usw., und vielleicht haben manche von Euch sogar den Film „City of God“ gesehen, der das Leben dort recht realistisch darstellt. In der Tat ist dieser Umstand ein Problem, mit dem sich die Stadtverwaltung bis zu ihrer Gastgeberschaft der Olympischen Winterspiele 2016 erfolgreich auseinandergesetzt haben will. Denn man stelle sich nur vor, wie Jan Ullrich seine Ski in Ipanema in den Sand steckt und gerade in die lauwarme Brandung hüpfen will, während sich ein Szenarium wie in den vergangenen Jahren wiederholt: Damals hat die vereinigte Gangsterschaft einer strandnahen Favela eine 300köpfige Rotte zusammengezogen und den Badestrand Ipanemas überfallen. Normalerweise hat das moderne Raubrittertum hier eher unauffälligeren Charakter, etwa so, dass man in der Dämmerung am menschenleeren Strand von einem Tunichtgut mit Knarre abgezogen wird, und dabei wollen die Schlingel auch lieber Geld, das alte Händi geben sie Dir zurück. Doch in dieser Situation gab es für hunderte Menschen kein Entrinnen vor der Meute. Seither kreist gelegentlich ein Polizeihubschrauber über dem Strand, und mittlerweile hat die Polizei die Kontrolle über betreffende Favela erzwungen.
In diese Situation tritt die Miliz mit einem wichtigen Geschäftszweig: In einer bestimmten Gegend bezahlen alle Hausbesitzer eine monatliche Sicherheitsgebühr, und dafür herrscht dort Ruhe. Es wird nicht einmal geklaut, ja, ich habe gehört, dass vor Jahren einmal jemand erschossen wurde, weil er einen Pantoffel stibitzt hat. Vielleicht ist die Miliz ja auch eher ein Strengtätigkeitsverein. Auf jeden Fall aber ist das der Grund, warum meine Gegend ziemlich sicher ist und ich mir vorgenommen habe, keine Pantoffeln zu stibitzen.
So, und jetzt noch ein letztes, und dann habe ich für die nächste Zeit erst mal genug geschrieben, okay? Vorige Woche war ich mit Claudine in ihrer Heimat. Hier in Rio war Karneval (ach Mist, das wollte ich ja auch noch schreiben. Na gut, vielleicht doch demnächst), und deswegen hatte sie frei. Auf diese Weise habe ich ihre Eltern kennengelernt, und die letzten beiden ihrer drei Brüder (der jüngste wohnt mit ihr hier in Rio, den kannte ich schon). Einer davon spielt ungefähr ein Dutzend Instrumente und ist Komponist elektronischer Musik. Ich war sehr davon angetan, wie gut er auf dem Bandoneon, einem der schwersten Instrumente überhaupt, nach nur kurzer Einübungszeit spielen konnte. Das Haus von Claudines Eltern hängt voller Bilder – auch ihre Mutter ist Malerin. Während ihr Mann tagsüber gearbeitet hat, nahm sie sich eine Menge Zeit für uns: Wir sind fast jeden Tag unterwegs gewesen, um uns verschiedene Plätze in der Gegend anzusehen, davon viele Wasserfälle, auch Nachbarstädte wie Gramado und Caxias do Sul. Abends saßen wir dann oft noch beisammen und haben z.B. über Religion philosophiert – ein Thema, mit dem man mich schon immer lange beschäftigen konnte, und hier war eine gläubige Familie.
Dort, in Rio Grande do Sol in Südbrasilien, herrscht jetzt so eine Art deutscher Sommer mit viel Regen. Die Landschaft ist indes unglaublich schön in all ihrer subtropischen Vegetation und mit den steilen Bergen. Die meisten deutschen Einwanderer hat es denn auch hierhin verschlagen; es gibt noch Dörfer, die nur deutsch sprechen. Naja, und solange das noch erlaubt war, haben diese Immigranten und deren Nachkommen fast alle jahrhundertealten Pinien zu Möbeln und anderem vermöbelt, sodass jetzt überall nur noch Sekundärwald steht. Aber sie waren's nicht allein: Die Italiener, die zahlenmäßig ähnlich stark vertreten sind, haben auch kräftig mitgemischt.
So, nu is gut. Ich blogg' wieder mal.
Eine Woche nach meiner Ankunft wurde ich glücklicher Mieter eines riesigen Zimmers mit Loft, das ich mit Claudines Hilfe und Verhandlungsgeschick zu günstigen Bedingungen bekommen habe. Das Ehepaar, welches insgesamt drei Zimmer vermietet, hat das ganze Haus – und so mein Zimmer – voller Bilder gehängt, da die Frau Malerin ist. Demnächst wird sie mit vier Bildern in einer Ausstellung im Louvre über südamerikanische Künstler teilnehmen. Der Mann steht auch in gewisser Verbindung zu Paris, und zwar wegen seiner früheren Tätigkeit als Mannequin. Mittlerweile ist er über fünfzig. Aber er spricht sehr gut Französisch aus dieser Zeit, was für mich so eine Art Glückstreffer ist, da mein Portugiesisch immer noch schlecht ist. Ja, ich habe den Lateinabkömmling noch nicht recht gebändigt bekommen, und obwohl ich mittlerweile eine leichtes portugiesisches Buch von Claudine lese und das überlebenswichtige Vokabular bereit liegt, so lässt mich noch fast jede mir gegebe Antwort hilflos zurück. Es sollte an dieser Stelle niemanden blenden, dass ich ein portugiesisches Buch lese: Die Sprache ist dem Französischen ähnlich, das ich recht gut beherrsche, und nur zu oft erkenne ich Worte wieder. Das Missverhältnis zwischen meinem passiven, gelesenen und aktiven Wortschatz hat zu so kuriosen Verwerfungen geführt wie jener, dass ich lange Zeit mit den Chinesen vom Imbiss lieber Chinesisch als Portugiesisch gesprochen habe, worauf die aber nicht so richtig Bock zu haben schienen. Ist ja auch skurril: sich in Brasilien mit Chinesisch zu verständigen. Aber wenn ich sonst nur saftige Südfrüchte esse, muss ich wenigstens einmal untertags zum Imbiss, um mir etwas Warmes zu holen, und die Chinesen halten einen bedeutenden Teil am Imbiss-Markt (woraus man nicht etwa schließen sollte, dass es hier chinesisches Essen gäbe!).
Nicht allein die Sprache muss meinem Entdeckerdrang regelmäßig ein wenig nachgeben. Wenn ich zum Meer will, ziehe ich meine Badehose an, laufe drei Minuten, überquere die Straße, und dann springe ich rein. Dass ich von dieser Möglichkeit großzügigen Gebrauch mache, versteht sich von selbst. Genau neben dem Strand steht in sehr hoher Berg im Wasser, der je nach Tidenhub Insel oder Halbinsel ist. Von dort hat man einen famosen Ausblick auf die ganze Gegend: Nach Norden hin eine lange Bergkette, die sich um eine weite, teils bebaute Ebene spannt und an ihren links- und rechtsseitigen Enden den Atlantik berührt. Nach Westen hin liegt hinter dieser Bergkette das richtige Rio: Copacabana, Ipanema, der Corcovado mit der Christus-Statue, und der Zuckerhut. Nach Süden nur Wasser; würde man seinen Blick um die Erde wölben können, so träfe er in weiter Entfernung noch auf die Falkland-Inseln und viel weiter schließlich auf die Antarktis.
Mein Bezirk heißt „Recreio dos Bandeirantes“ - zu Deutsch: Urlaub für Expeditionisten. Das trifft es irgendwie ziemlich genau. Indes bin ich nicht (nur) zum Urlaub hier: Ich habe mich zum Telearbeiter entwickelt und arbeite jetzt mobil für zwei Kunden in Deutschland, allerdings nur etwa zehn Tage im Monat. Das macht mich zwar von einem halbwegs schnellen Internetanschluss abhängig, aber was das angeht bin ich gut bedient. Wenn am 21. April meine drei Monate in Rio um sind, geht das nach einer Woche Deutschland auch in China so weiter.
Wie ich schon erwähnte, wohne ich nicht ganz im „richtigen“ Rio. Rio zieht sich an der Meeresküste entlang, dabei liegt das Stadtzentrum ganz im Osten, und ich wohne im Westen. Mehr als eine Stunde muss ich Bus fahren, um an die Copacabana zu gelangen. Das kann auch Vorteile haben: Zum einen wohne ich nur eine halbe Stunde von Claudine, und zum anderen ist meine Gegend wesentlich sicherer (Wie das kommt, dazu später). Will ich mich denn einmal wirklich weiter als einen Fußweg von meinem Zimmer fortbewegen, lässt sich das natürlich wie in Deutschland mithilfe von Bussen bewerkstelligen, die jedoch den meisten Berliner U-Bahnen in Sachen Geschwindigkeit locker das Wasser reichen können. Der Fahrstil, der das möglich macht, führt allerdings zu einer starken Abwertung der Stehplätze. Daneben gibt es hier noch ein weiteres Verkehrsmittel: den Kleinbus, eine Mischung aus Taxi und Bus: Vom Taxi hat er, dass man überall aus- und einsteigen kann. Ansonsten gibt es feste Linien und Tarife wie beim Bus. Diese Transportmöglichkeit musste von der Miliz eingerichtet werden, weil die Stadt nicht ausreichend Busse bereitstellt, um einen wirklich reibungslosen öffentlichen Nahverkehr ohne riesige Umwege zu ermöglichen. Die Miliz ist hier so eine Art Wohltätigkeitsverein. Um ihre Funktion zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen.
Wahrscheinlich haben die meisten von Euch schon einmal von den Favelas gehört, jenen Armensiedlungen, die sich illegal an den eigentlich geschützten, dichtbewaldeten innerstädtischen Bergen Rios hochranken und von dieser Entstehungsprozedur ihren Namen ableiten (es gibt indes ähnlich geartete Siedlungen auch in der Ebene, z.B. in der Nähe meiner Wohnstatt). Möglicherweise habt Ihr darüber in der Zeitung gelesen, z.B. dass es dort ziemlich gefährlich zugeht, dass die Polizei dort nicht reindarf usw., und vielleicht haben manche von Euch sogar den Film „City of God“ gesehen, der das Leben dort recht realistisch darstellt. In der Tat ist dieser Umstand ein Problem, mit dem sich die Stadtverwaltung bis zu ihrer Gastgeberschaft der Olympischen Winterspiele 2016 erfolgreich auseinandergesetzt haben will. Denn man stelle sich nur vor, wie Jan Ullrich seine Ski in Ipanema in den Sand steckt und gerade in die lauwarme Brandung hüpfen will, während sich ein Szenarium wie in den vergangenen Jahren wiederholt: Damals hat die vereinigte Gangsterschaft einer strandnahen Favela eine 300köpfige Rotte zusammengezogen und den Badestrand Ipanemas überfallen. Normalerweise hat das moderne Raubrittertum hier eher unauffälligeren Charakter, etwa so, dass man in der Dämmerung am menschenleeren Strand von einem Tunichtgut mit Knarre abgezogen wird, und dabei wollen die Schlingel auch lieber Geld, das alte Händi geben sie Dir zurück. Doch in dieser Situation gab es für hunderte Menschen kein Entrinnen vor der Meute. Seither kreist gelegentlich ein Polizeihubschrauber über dem Strand, und mittlerweile hat die Polizei die Kontrolle über betreffende Favela erzwungen.
In diese Situation tritt die Miliz mit einem wichtigen Geschäftszweig: In einer bestimmten Gegend bezahlen alle Hausbesitzer eine monatliche Sicherheitsgebühr, und dafür herrscht dort Ruhe. Es wird nicht einmal geklaut, ja, ich habe gehört, dass vor Jahren einmal jemand erschossen wurde, weil er einen Pantoffel stibitzt hat. Vielleicht ist die Miliz ja auch eher ein Strengtätigkeitsverein. Auf jeden Fall aber ist das der Grund, warum meine Gegend ziemlich sicher ist und ich mir vorgenommen habe, keine Pantoffeln zu stibitzen.
So, und jetzt noch ein letztes, und dann habe ich für die nächste Zeit erst mal genug geschrieben, okay? Vorige Woche war ich mit Claudine in ihrer Heimat. Hier in Rio war Karneval (ach Mist, das wollte ich ja auch noch schreiben. Na gut, vielleicht doch demnächst), und deswegen hatte sie frei. Auf diese Weise habe ich ihre Eltern kennengelernt, und die letzten beiden ihrer drei Brüder (der jüngste wohnt mit ihr hier in Rio, den kannte ich schon). Einer davon spielt ungefähr ein Dutzend Instrumente und ist Komponist elektronischer Musik. Ich war sehr davon angetan, wie gut er auf dem Bandoneon, einem der schwersten Instrumente überhaupt, nach nur kurzer Einübungszeit spielen konnte. Das Haus von Claudines Eltern hängt voller Bilder – auch ihre Mutter ist Malerin. Während ihr Mann tagsüber gearbeitet hat, nahm sie sich eine Menge Zeit für uns: Wir sind fast jeden Tag unterwegs gewesen, um uns verschiedene Plätze in der Gegend anzusehen, davon viele Wasserfälle, auch Nachbarstädte wie Gramado und Caxias do Sul. Abends saßen wir dann oft noch beisammen und haben z.B. über Religion philosophiert – ein Thema, mit dem man mich schon immer lange beschäftigen konnte, und hier war eine gläubige Familie.
Dort, in Rio Grande do Sol in Südbrasilien, herrscht jetzt so eine Art deutscher Sommer mit viel Regen. Die Landschaft ist indes unglaublich schön in all ihrer subtropischen Vegetation und mit den steilen Bergen. Die meisten deutschen Einwanderer hat es denn auch hierhin verschlagen; es gibt noch Dörfer, die nur deutsch sprechen. Naja, und solange das noch erlaubt war, haben diese Immigranten und deren Nachkommen fast alle jahrhundertealten Pinien zu Möbeln und anderem vermöbelt, sodass jetzt überall nur noch Sekundärwald steht. Aber sie waren's nicht allein: Die Italiener, die zahlenmäßig ähnlich stark vertreten sind, haben auch kräftig mitgemischt.
So, nu is gut. Ich blogg' wieder mal.
Montag, November 23, 2009
Variation über das Thema eines unbekannten »Meisters«
Neulich (und seitdem gelegentlich wieder) hatte ich Gelegenheit, in einem zutiefst menschlichen Ansinnen einen kleinen Raum zu besuchen. Der Besitzer hatte an der Innenseite der Eingangstür folgenden Spruch hinterlassen:
Lieber Kunde, schau zurück,
ganz tief in das Becken hinein.
Ist es leer, dann dank ich dir,
Ist noch ein Rest, dann spüle bittesehr!
Was für ein Furiosum der deutschen Dichtkunst! Konnte sich dieser Mensch, der obige Zeilen ganz offensichtlich für eine unüberschaubare Meute von Kunden schrieb, nicht bei seinem Reimwerk angemessen Mühe geben? Und wie oft springt mir linguistischem Schöngeist nun schon dieser Spruch ins Gesicht - mir, dem jeder Rechtschreibfehler auffällt, der schon weiß, dass du das Plusquamperfekt falsch verwendest, noch ehe du den Mund aufmachst, und der keine Mail abschickt, wenn er nicht vorher noch einmal ihren Stil geprüft hat. Ich bringe also mit dieser schriftgewordenen Kakophonie unvermeidbar regelmäßig mehrere Minuten meines Lebens in einem Raum zu.
Dabei ist es so einfach, den Reim herzustellen, die Worte dafür stecken ja fast schon darinnen. Die Improvisierung über sein Thema kostete mich nicht einmal einen ganzen Aufenthalt in besagtem Zimmer:
Lieber Kunde, schau zurück,
tief in das Becken wirf den Blick.
Ich danke, wenn es gänzlich leer,
ist noch ein Rest, dann spüle bittesehr!
Und schon kommen wir dem alten Goethe näher. Aber halt! Mit dem Metrum stimmt ja etwas noch ganz und gar nicht! Die letzte Zeile kann so nicht stehenbleiben. Vielleicht lieber so:
...
ansonsten spüle, bittesehr!
Schon besser. Natürlich kann man das Ganze auch in das Reimschema eines Limerick bringen: AABBA
Lieber Kunde, schau zurück,
tief in das Becken wirf den Blick.
Ich danke, wenn es gänzlich leer,
ansonsten spüle, bittesehr,
oder nimm Dir gleich den Strick!
Na gut, vielleicht etwas martialisch. Die Variante eines Shakespear'schen Sonetts erspare ich euch aber jetzt, mit These, Antithese und Synthese; schon schlimm genug, dass ich ihn und Goethe in einer derartigen Publikation überhaupt erwähne.
So, Schluss jetzt.
Lieber Kunde, schau zurück,
ganz tief in das Becken hinein.
Ist es leer, dann dank ich dir,
Ist noch ein Rest, dann spüle bittesehr!
Was für ein Furiosum der deutschen Dichtkunst! Konnte sich dieser Mensch, der obige Zeilen ganz offensichtlich für eine unüberschaubare Meute von Kunden schrieb, nicht bei seinem Reimwerk angemessen Mühe geben? Und wie oft springt mir linguistischem Schöngeist nun schon dieser Spruch ins Gesicht - mir, dem jeder Rechtschreibfehler auffällt, der schon weiß, dass du das Plusquamperfekt falsch verwendest, noch ehe du den Mund aufmachst, und der keine Mail abschickt, wenn er nicht vorher noch einmal ihren Stil geprüft hat. Ich bringe also mit dieser schriftgewordenen Kakophonie unvermeidbar regelmäßig mehrere Minuten meines Lebens in einem Raum zu.
Dabei ist es so einfach, den Reim herzustellen, die Worte dafür stecken ja fast schon darinnen. Die Improvisierung über sein Thema kostete mich nicht einmal einen ganzen Aufenthalt in besagtem Zimmer:
Lieber Kunde, schau zurück,
tief in das Becken wirf den Blick.
Ich danke, wenn es gänzlich leer,
ist noch ein Rest, dann spüle bittesehr!
Und schon kommen wir dem alten Goethe näher. Aber halt! Mit dem Metrum stimmt ja etwas noch ganz und gar nicht! Die letzte Zeile kann so nicht stehenbleiben. Vielleicht lieber so:
...
ansonsten spüle, bittesehr!
Schon besser. Natürlich kann man das Ganze auch in das Reimschema eines Limerick bringen: AABBA
Lieber Kunde, schau zurück,
tief in das Becken wirf den Blick.
Ich danke, wenn es gänzlich leer,
ansonsten spüle, bittesehr,
oder nimm Dir gleich den Strick!
Na gut, vielleicht etwas martialisch. Die Variante eines Shakespear'schen Sonetts erspare ich euch aber jetzt, mit These, Antithese und Synthese; schon schlimm genug, dass ich ihn und Goethe in einer derartigen Publikation überhaupt erwähne.
So, Schluss jetzt.
Mittwoch, Juli 23, 2008
Gentleman of old: Stilecht verloren.
Haltet Euch fest: Ihr werdet mich bei unserem nächsten visuellen Kontakt nicht wiedererkennen. Ich habe heute mein wallendes Haar verwettet, und nicht nur das: In den nächsten Tagen werde ich mir den üppigen Schopf auf stoppelige 5mm verkürzen lassen.
Wir haben gerade den französischen Film "Delicatessen" gesehen und festgestellt, dass der im Original auch so heißt, obwohl das Wort eher Deutsch anmutet. Ich wollte es drauf ankommen lassen—und das Wort existiert im Französischen tatsächlich. Der Petit Robert wird es am Ende richten, aber das Internet kannte es bereits, und ich mache mir keine Hoffnungen mehr. Zugegeben: Mir stehen die 5mm auch besser als Philipp die Absenz seines wuschligen Filzes.
Ich hatte übrigens nichts getrunken. Aber langsam mache ich mir Sorgen, dass ein Casino genau über die Straße ist. Man sollte mit manchen Sachen aufhören, bevor sie zur Gewohnheit werden.
Wir haben gerade den französischen Film "Delicatessen" gesehen und festgestellt, dass der im Original auch so heißt, obwohl das Wort eher Deutsch anmutet. Ich wollte es drauf ankommen lassen—und das Wort existiert im Französischen tatsächlich. Der Petit Robert wird es am Ende richten, aber das Internet kannte es bereits, und ich mache mir keine Hoffnungen mehr. Zugegeben: Mir stehen die 5mm auch besser als Philipp die Absenz seines wuschligen Filzes.
Ich hatte übrigens nichts getrunken. Aber langsam mache ich mir Sorgen, dass ein Casino genau über die Straße ist. Man sollte mit manchen Sachen aufhören, bevor sie zur Gewohnheit werden.
Freitag, Juni 27, 2008
Du bist dran!
Hallo Fans! Diesmal bitte ich Euch um Hilfe für einen guten Freund. Er macht im Rahmen seiner Masterarbeit eine Umfrage, und natürlich habe ich auch gerade mitgemacht. Ich sage Euch: Solche Fragen habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Kaum zu glauben, was für verschiedene Synapsen angeblich im Hirn miteinander verknüpft sein sollen...
Also Leute, Eure Chance, macht die Welt besser, gebt Euren Klick ab: http://www.brandvote.net
Also Leute, Eure Chance, macht die Welt besser, gebt Euren Klick ab: http://www.brandvote.net
Donnerstag, April 03, 2008
Habeo fertig. Kopf wie Flasche vacuum.
Ich wende mich heute an die Menschheit, um kundzutun, dass sie um eine Großtat reicher ist: Nach zwölf Monaten, zwei Tagen und einer nur um Stunden zurückliegenden Nachtschicht bin nun auch ich in den erlesenen Kreis jener aufgestiegen, die auf ihre Diplomarbeit als historisches Ereignis zurückblicken können.
Eigentlich wollte ich ja nie einen Prozessabgleich schreiben. Mit dieser Einstellung bin ich zu dem Vorstellungsgespräch bei Motorola gegangen: Ich werde jedes Thema annehmen, außer diesem. Und was kam... war eine Aufgabe, für deren Lösung ich über Wochen hinweg zwei komplett verschieden strukturierte, mehrhundertseitige englische Prozessbeschreibungen miteinander vergleichen und Redundanzen finden sollte, und zwar gleich zweimal. Ein Mapping. Ein Prozessabgleich. Eine englischsprachige Diplomarbeit, deren Thema einzig in einem 181-seitigen PDF angemessen umfassend behandelt werden konnte. Gott hatte es gut gemeint und mir die größte Herausfordung gegeben, die er sich ausdenken konnte.
Die einzige sinnvolle Erleuchtung innerhalb der ersten drei Monate meines Diplomanden-Daseins war die, dass ich mein Thema von dem eines Kommilitonen (auch bei Motorola) entkoppeln musste. Irgendwann lief mein Vertrag mit Motorola aus und ich ging zwei Monate auf Arbeit. Schließlich, mit Beginn des momentan verstreichenden Jahres, bemächtigte sich eine mittelmäßige Torschusspanik meines zarten Gemütes und ließ mich, the Master of advanced Verpeiltness, zu dem ich zwischenzeitlich magna cum laude avanciert war, einen Marathon der Abstraktionen vollführen, mithilfe derer mein Denken ja laut Karl Marx der Wahrheit näher kommen soll. Nun, die Wahrheit ist, dass sich mein Hirn in den dünnluftigen Höhen der Meta-Ebene lange Zeit marterte und wohl soviel rote Blutkörperchen angehäuft hat, dass für die Niederungen des Alltagslebens seine neugewonnene Abstraktionsfähigkeit leicht überdimensioniert ist. Freunde, lasst Euch nie auf eine Beschreibung von Prozessbeschreibungen ein wenn Ihr Euch nicht sicher seid - oder wenigstens eine verstohlene Hoffnung hegt - dass Euch diese Erfahrung in Eurem beruflichen Weg nennenswerte Vorteile liefern könnte, so wie ich jetzt, im hintersten Nachhinein.
Eigentlich wollte ich ja nie einen Prozessabgleich schreiben. Mit dieser Einstellung bin ich zu dem Vorstellungsgespräch bei Motorola gegangen: Ich werde jedes Thema annehmen, außer diesem. Und was kam... war eine Aufgabe, für deren Lösung ich über Wochen hinweg zwei komplett verschieden strukturierte, mehrhundertseitige englische Prozessbeschreibungen miteinander vergleichen und Redundanzen finden sollte, und zwar gleich zweimal. Ein Mapping. Ein Prozessabgleich. Eine englischsprachige Diplomarbeit, deren Thema einzig in einem 181-seitigen PDF angemessen umfassend behandelt werden konnte. Gott hatte es gut gemeint und mir die größte Herausfordung gegeben, die er sich ausdenken konnte.
Die einzige sinnvolle Erleuchtung innerhalb der ersten drei Monate meines Diplomanden-Daseins war die, dass ich mein Thema von dem eines Kommilitonen (auch bei Motorola) entkoppeln musste. Irgendwann lief mein Vertrag mit Motorola aus und ich ging zwei Monate auf Arbeit. Schließlich, mit Beginn des momentan verstreichenden Jahres, bemächtigte sich eine mittelmäßige Torschusspanik meines zarten Gemütes und ließ mich, the Master of advanced Verpeiltness, zu dem ich zwischenzeitlich magna cum laude avanciert war, einen Marathon der Abstraktionen vollführen, mithilfe derer mein Denken ja laut Karl Marx der Wahrheit näher kommen soll. Nun, die Wahrheit ist, dass sich mein Hirn in den dünnluftigen Höhen der Meta-Ebene lange Zeit marterte und wohl soviel rote Blutkörperchen angehäuft hat, dass für die Niederungen des Alltagslebens seine neugewonnene Abstraktionsfähigkeit leicht überdimensioniert ist. Freunde, lasst Euch nie auf eine Beschreibung von Prozessbeschreibungen ein wenn Ihr Euch nicht sicher seid - oder wenigstens eine verstohlene Hoffnung hegt - dass Euch diese Erfahrung in Eurem beruflichen Weg nennenswerte Vorteile liefern könnte, so wie ich jetzt, im hintersten Nachhinein.
Montag, Mai 14, 2007
Haben wir's nicht schon immer gewußt?
<zitat> Britische Wissenschaftler haben in einer Studie bestätigt, dass ein Spaziergang im Grünen deutlich gegen Depressionen wirkt und das Selbstwertgefühl verbessert. Millionen von Menschen könne durch eine so genannte Ökotherapie geholfen werden, erklärte der Wohlfahrtsverband "Mind" bei der Veröffentlichung der Untersuchung "Ökotherapie: die grüne Agenda für psychische Gesundheit". Es handle sich um eine glaubwürdige, klinisch wirkungsvolle Methode. Sie sollte von den Ärzten viel häufiger verschrieben werden, forderte die Organisation, die sich für psychisch Kranke einsetzt.
Also, jetzt nochmal für alle: Wer geht mit baden in der Krummen Lanke? Umgeben vom Grunewald, der so grün ist wie er heißt. Natürlich könnt Ihr auch mitkommen, wenn es Euer Selbstbewußtsein schon lange nicht mehr so nötig hat wie meines ;o)
Wissenschaftler der Universität von Essex untersuchten zunächst die Wirkung eines halbstündigen Spaziergangs an der frischen Luft auf 20 Menschen mit psychischen Problemen. 71 Prozent gaben an, ihre Depression habe abgenommen, und 90 Prozent hatten ein besseres Selbstwertgefühl. Ein Spaziergang in einem Einkaufszentrum zeigte dagegen deutlich schlechtere Resultate. Eine zweite Studie mit 108 Probanden kam zu dem Ergebnis, dass die "Ökotherapie" das psychische Befinden fast aller Teilnehmer (94 Prozent) verbesserte.
Laut "Mind" wurden in Großbritannien im vergangenen Jahr mehr als 31 Millionen Anti-Depressiva und damit sechs Prozent mehr als im Vorjahr verschrieben. </zitat>
Quelle: Yahoo NewsAlso, jetzt nochmal für alle: Wer geht mit baden in der Krummen Lanke? Umgeben vom Grunewald, der so grün ist wie er heißt. Natürlich könnt Ihr auch mitkommen, wenn es Euer Selbstbewußtsein schon lange nicht mehr so nötig hat wie meines ;o)
Samstag, Februar 17, 2007
Karriereleiter: Sprosse 1
Gestern war nicht nur der Tag meiner zweiten Prüfung im Rechenzentrum gemeuchelter Stunden. Seit gestern bin ich auch ein Motorolaner. Es erreichte mich ein Brief mit ein paar Seiten unterschriebenem Vertrag und einem Pack Papier mit Verhaltenskodex und ähnlichem. Wenn ich unterschreibe, bin ich drin. D.h. daß ich meine Diplomarbeit dort schreiben werde, und zwar zum Thema "Detaillierter Prozeßabgleich zwischen CMMI und ITIL" (Es ist okay, wenn Ihr damit nix anzufangen wißt.).
Und ich werde wohl unterschreiben ;o)
Und ich werde wohl unterschreiben ;o)
Montag, Februar 12, 2007
Musestunde.
Heute habe ich meine erste Prüfung recht erfolgreich hinter mir in Vergessenheit geraten lassen. Ist man sowas erstmal los, tritt man nur bei jedem dritten Schritt auf. In diesem Gefühl der Erleichterung ließ ich an der Spichernstraße einige U-Bahnen passieren, um einem chromatischen Akkordeon zu lauschen. Aber leider hatte der Spieler die Toccata und Fuge d-Moll nicht im Repertoir, mit der seine Kollegen U-Bahnhöfe regelmäßig in dröhnende Kirchen verwandeln und dem geneigten Zuhörer unweigerlich Andächtigkeit abzwingen.
Meinen Döblin ("Berlin Alexanderplatz") habe ich mittlerweile schon fast durch und finde, den sollte jeder gebildete Mensch mal in der Hand gehabt haben, und zwar lesenderweise. Die ersten 100-150 Seiten sind zur Gewöhnung an den Stil, danach wird es richtig interessant. Aber heute hat nur der Schimmelreiter in meine Tasche gepaßt (weil der Laptop schon drin war), den ich mal für 50 Cent gefunden irgendwo habe. Beide Bücher sind übrigens in Frakturschrift gehalten, die gelegentlich die Aufmerksamkeit meiner Platznachbarn auf den Musensohn lenken, der in der U-Bahn Klassiker liest.
Meinen Döblin ("Berlin Alexanderplatz") habe ich mittlerweile schon fast durch und finde, den sollte jeder gebildete Mensch mal in der Hand gehabt haben, und zwar lesenderweise. Die ersten 100-150 Seiten sind zur Gewöhnung an den Stil, danach wird es richtig interessant. Aber heute hat nur der Schimmelreiter in meine Tasche gepaßt (weil der Laptop schon drin war), den ich mal für 50 Cent gefunden irgendwo habe. Beide Bücher sind übrigens in Frakturschrift gehalten, die gelegentlich die Aufmerksamkeit meiner Platznachbarn auf den Musensohn lenken, der in der U-Bahn Klassiker liest.
Freitag, Dezember 08, 2006
Neue Freundin
Hallo Leute! Es mußte ja so kommen. Irgendwann erwischt es auch den letzten Mann. Nun ja. Sie heißt Alice und kommt aus Italien.
Alles Quatsch, Leute, eigentlich wollte ich nur sagen: Ich habe jetzt endlich DSL zuhause!! Ja, Emails über das Mobiltelefon aus dem Netz auf den Rechner zu saugen ist eine mühselige Angelegenheit, surfen sogar fast ausgeschlossen. Mein Anbieter, Hansenet, eine Telecom Italia-Tochter, ist derjenige, der in der ganzen Stadt mit einer halb nackten Frau Werbung macht ("Alice"), mit der das gemeine Volk das Internet assoziieren soll, das aus ihrer Telefonsteckdose kommt. Das allein war für mich eigentlich langezeit Grund genug, diese Firma zu meiden - nicht daß ich etwas gegen halb nackte Frauen hätte, aber wer möchte sich denn schon in die Nähe jener unbewußt über ihre Hormone gesteuerten und so in die Arme von Hansenet getrieben Proletarier stellen. Deswegen, meine Damen und Herren, möchte ich hier noch einmal nachdrücklich betonen, daß meine Wahl für "Alice" aus knallhartem Kalkül erfolgte (gleich-genug Download, gleicher Preis wie Arcor und Versatel, aber keine Mindestvertragslaufzeit) und kann kaum glauben, daß ich dieser Stadt noch eine weitere Alice-Werbung hinzugefügt habe...
Alles Quatsch, Leute, eigentlich wollte ich nur sagen: Ich habe jetzt endlich DSL zuhause!! Ja, Emails über das Mobiltelefon aus dem Netz auf den Rechner zu saugen ist eine mühselige Angelegenheit, surfen sogar fast ausgeschlossen. Mein Anbieter, Hansenet, eine Telecom Italia-Tochter, ist derjenige, der in der ganzen Stadt mit einer halb nackten Frau Werbung macht ("Alice"), mit der das gemeine Volk das Internet assoziieren soll, das aus ihrer Telefonsteckdose kommt. Das allein war für mich eigentlich langezeit Grund genug, diese Firma zu meiden - nicht daß ich etwas gegen halb nackte Frauen hätte, aber wer möchte sich denn schon in die Nähe jener unbewußt über ihre Hormone gesteuerten und so in die Arme von Hansenet getrieben Proletarier stellen. Deswegen, meine Damen und Herren, möchte ich hier noch einmal nachdrücklich betonen, daß meine Wahl für "Alice" aus knallhartem Kalkül erfolgte (gleich-genug Download, gleicher Preis wie Arcor und Versatel, aber keine Mindestvertragslaufzeit) und kann kaum glauben, daß ich dieser Stadt noch eine weitere Alice-Werbung hinzugefügt habe...
Donnerstag, November 09, 2006
Sprachlosigkeit
Tja, liebe Leute, und da haben wir das Phänomen, das so alt ist wie die Welt selbst: Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen. Und wenn nicht, dann eben nicht.
Aber seien wir ehrlich: Wer will ausführliche Beschreibungen aus dem Alltag eines gut beschäftigten Studenten, der sich sein Zubrot durch Nachhilfeunterricht verdient und in einem ruhigen Stadtteil wohnt, noch näher beschrieben wissen? Das Interessante im Leben ist die Abwesenheit des Langweiligen, und irgendwie verblaßt mir daher sämtliches halbwegs Interessante vor einer Übermacht des Langweiligen - welches letztere in Zukunft hoffentlich für immer in die Mottenkiste meiner persönlichen Historie verbannt sein wird.
Vielleicht doch noch ein kleiner Einblick in das verblaßte Interessante, das sich wie grüne Inseln in der staubigen Wüste meines Studentenlebens verliert: Ich lese gern, das sei als bekannt vorausgesetzt. Ich lese in der U-Bahn, ich lese beim Laufen von der U-Bahn zur Uni, und beim Laufen von der U-Bahn nach Hause, ich lese, wenn ich warten muß, und überhaupt immer, wenn ich mich mehr als fünf Minuten irgendwo im Leerlauf wiederfinde. Zur Zeit habe ich ein Buchfast durchgelesen, welches "Ach, Afrika" heißt und von Bartholomäus Grill geschrieben wurde, dem Afrika-Korrespondenten der "Zeit". Ein ausgesprochen lesenswertes Werk. Wer schon immer mal wissen wollte, warum es auf dem Kontinent nicht vorwärtsgeht - oder vorwärtszugehen scheint - dem sei dieses Buch empfohlen... Tja, und wenn ich ein wenig mehr von der Abwesenheit des Langweiligen und seiner Arbeitsfülle in meinem Leben verspürte,
so würde ich jetzt wahrscheinlich sehr viel über lesenswerte Bücher schreiben. Aber leider genügt zur Bloggerei nicht nur die Präsenz des Interessanten, sondern es braucht auch unbedingt die Abwesenheit des Langweiligen, welches die Birne verklebt und derer ich mich vorerst nicht freuen darf.
Damit sei für heute meinem Mitteilungsbedürfnis erst einmal Genüge getan.
Aber seien wir ehrlich: Wer will ausführliche Beschreibungen aus dem Alltag eines gut beschäftigten Studenten, der sich sein Zubrot durch Nachhilfeunterricht verdient und in einem ruhigen Stadtteil wohnt, noch näher beschrieben wissen? Das Interessante im Leben ist die Abwesenheit des Langweiligen, und irgendwie verblaßt mir daher sämtliches halbwegs Interessante vor einer Übermacht des Langweiligen - welches letztere in Zukunft hoffentlich für immer in die Mottenkiste meiner persönlichen Historie verbannt sein wird.
Vielleicht doch noch ein kleiner Einblick in das verblaßte Interessante, das sich wie grüne Inseln in der staubigen Wüste meines Studentenlebens verliert: Ich lese gern, das sei als bekannt vorausgesetzt. Ich lese in der U-Bahn, ich lese beim Laufen von der U-Bahn zur Uni, und beim Laufen von der U-Bahn nach Hause, ich lese, wenn ich warten muß, und überhaupt immer, wenn ich mich mehr als fünf Minuten irgendwo im Leerlauf wiederfinde. Zur Zeit habe ich ein Buchfast durchgelesen, welches "Ach, Afrika" heißt und von Bartholomäus Grill geschrieben wurde, dem Afrika-Korrespondenten der "Zeit". Ein ausgesprochen lesenswertes Werk. Wer schon immer mal wissen wollte, warum es auf dem Kontinent nicht vorwärtsgeht - oder vorwärtszugehen scheint - dem sei dieses Buch empfohlen... Tja, und wenn ich ein wenig mehr von der Abwesenheit des Langweiligen und seiner Arbeitsfülle in meinem Leben verspürte,
so würde ich jetzt wahrscheinlich sehr viel über lesenswerte Bücher schreiben. Aber leider genügt zur Bloggerei nicht nur die Präsenz des Interessanten, sondern es braucht auch unbedingt die Abwesenheit des Langweiligen, welches die Birne verklebt und derer ich mich vorerst nicht freuen darf.
Damit sei für heute meinem Mitteilungsbedürfnis erst einmal Genüge getan.
Montag, Oktober 02, 2006
Bilder.
Es gibt jetzt Bilder von Hangzhou, wo ich letzte Woche Zhao und Yiling besuchte. Bitte nebenstehend klicken!
Geplatzte Bombe war Kanonenkugel

Ich habe mich in letzter Minute von meinem Wahnsinn bekehrt und bin auf einer Kanonenkugel nach Deutschland geflogen.
Mal ehrlich, Leute, mein letzter Block war alles erstunken und erlogen. Aber das war mir einfach zu langweilig, meine Bloggerei in wehmütigem Abschiedsgesäusel ausklingen zu lassen. Es steigert sich ja jedes Kunstwerk bis zu einem schlußendlichen Höhepunkt, um dann die Disharmonie in einen harmonischen Wohlklang aufzulösen, so denn auch das meine. Aber hier ist noch ein anderer Grund, mich als Baron von Münchhausen zu betun: Es juckte mich die Neugier, herauszufinden, welche von meinen Freunden und Verwandten mir meine Escapade glauben. Ich habe mir auch vorher überlegt, ob ich dann sauer sein sollte, darüber, daß meine Freunde mich einer derartigen Handlungsweise für fähig halten. Allerdings habe ich mir mit der Glaubhaftigkeit und Authentizität meiner Ausführungen ein bißchen Mühe gegeben, und naja... da bin ich ja eigentlich selbst der Hauptschuldige, daß sich der ein China eingefangene Pandabär jetzt auf Eurem Rücken aufgebunden wiederfindet.
Aber mal ganz ehrlich: Wer ein solches Gedankenthum wie in meinem letzten Block ernsthaft in seinem Hirn hin und herbewegt, eine derartige Pflichtvergessenheit und Verantwortunglosigkeit, an dem muß die Gesellschaft nachholen, was die Eltern vernachlässigt haben, wobei fast alle Mittel gerechtfertigt sind.
Und um keinen falschen Gedanken aufkommen zu lassen: Es ist auch nicht so, daß ich das Leben in Deutschland nicht mag - ich fühle mich sehr wohl in meiner Heimat und freute mich sogar darauf, wieder in einem Land zu leben, in dem nicht jeder gesprochene Satz einen linguistischen Kraftakt bedeutet - selbst in Englisch bin ich noch längst nicht so zuhause wie in Deutsch.
Das obige Foto stammt übrigens aus der spitzen Feder meines Freundes Uwe, den ich vor ein paar Monaten in Bremen besucht habe, und der noch eine Vielzahl weiterer derartiger graphischer Schelmigkeiten drauf hat.
Nichtsdestotrotz möchte ich noch meine letzten Tage in China beschreiben, was mir mittlerweile zeitlich endlich möglich ist.
An meinem zweiten Tag in Shanghai bin ich zu Fuß losgezogen. Mein erster Gang führte mich in die ausländische Buchhandlung, denn mir graute vor einem vielstündigen Flug ohne Lesefutter. Wie sich später herausstellen sollte, hätte ich dieses Buch dann doch kaum gebraucht...
Im Buchladen stellte man mir ein Programm zum Chinesischlernen vor, und ich verstand, daß die Konkurrenz nicht geschlafen hatte. Aber die Promoterin war auch fleißig: "Na, du kannst ja unser Programm kaufen und anhand dessen ein besseres schreiben!"
Auf dem Weg zu meinem nächsten Ziel strich ich durch ein sehr heruntergekommenes Gebiet, in dem der Dreck überall herumlag und die Luft stank - der Wohlgeruch des billigen Einkaufs immerhin, denn in solchen Vierteln bekommt man alles günstiger, was man anderswo auch bekommt. Auf meinem Rückweg von der Gründungsstätte der KP Chinas ging ich dort lecker essen und war in der kleinen schäbigen Kneipe wahrscheinlich der erste Ausländer, der dort zu Gast kam. Ich hatte auch prompt beim Essen Gesellschaft - vom Sohn (12) des Besitzers, der sein Englisch verbessern sollte, aber mit dem ich fast nur Chinesisch reden konnte.
Rund um die Gründungsstätte der KP Chinas hat sich ein ganz liebevoll restaurierter Altstadtteil erhalten, wo sehr teure Cafés entstanden sind, ähnlich wie in den Hackeschen Höfen in Berlin. Wer Geld hat, geht hier weg, wenn er mal weggeht. Das Haus der nationalen Gedenkstätte war nicht weniger chic hergerichtet. Es gab einen Raum mit einer Szene von Wachsfiguren, wo 13 Vertreter der kommunistischen Zellen aus allen Landesteilen zusammensitzen und diskutierten, in Gegenwart zweier Russen, die Abgesandte der Kommintern waren. Die Szene wirkte sehr lebendig. Die KP zählte am Anfang nur eine handvoll Mitglieder, die zum Teil - wie Zhou Enlai - in Europa studiert und dort kommunistische Ideen aufgegriffen hatten. Das ganze passierte in einer Zeit, als manche Denker in China eine starke Abkehr von ihren traditionellen Werten hin zu westlichen Ideen propagierten.
Auf meinem Rückweg wollte ich noch einmal nach Pudong, dem chinesischen Manhattan. Dazu mußte ich über den Huang Pu und hatte mir zu diesem Zweck die Fähre auf der Karte ausgeguckt, auf die ich auch prompt stieß, als die Straße nicht mehr weiterging, wenn auch nicht an dem Ort, wo ich sie vermutet hatte. Einmal übersetzen: 5 Eurocent.
Pudong ist am Abend eine interessante Lichtlandschaft. Meiner Passion für die Ersteigung hoch aufragender Gebilde konnte ich hier nicht frönen, denn eine Auffahrt zur Spitze des Fernsehturms und auch in den 88. Stock des Jinmao-Turmes waren sehr teuer - zwischen fünf und zehn Euro. Und ich hatte gerade noch genug RMB um mit der U-Bahn unter dem Fluß wieder in meine Herberge zu fahren. Dort hatte ich am Morgen übrigens einen Deutschen getroffen: "Hi, I am Martin" - "Hi, where are you from?" - "I am a German!" - "Hab ich mir gedacht." Ein Pfälzer aus der Nähe von Landau (Hallo Angela!).
Am nächsten Tag bin ich mit dem Transrapid zum Flughafen geheizt. In acht Minuten legt er 30 km zurück, bei einer Höchstgeschwindigkeit von 430 km/h. Die hält er aber nur für etwa eine Minute. Wenn er dann langsamer wird, denkt man, er bleibt gleich stehen, aber die Anzeige ist immer noch bei 220 km/h. Und er ruckelt ziemlich, mehr als ein ICE, der ganz smooth in seinem Gleisbett dahingleitet.
Im Flugzeug saß ich doch glatt neben einer chinesischen Kunststudentin, die in Moskau studiert. Der Vogel war vollgestopft mit Russen, aber ich sitze neben einer Chinesin. Na gut, ich habe mein Buch dann wirklich nicht gebraucht. Ein anderes Buch allerdings - mein Wörterbuch - hatte ich, eine Eingebung ignorierend, heute morgen in mein Check-In-Gebäck verfrachtet und damit nicht zur Hand. Es ging auch so ganz leidlich. Aber mit der Sprache, liebe Leute, da habe ich jetzt richtig Blut geleckt. Ich kann schon lange, wenn auch oberflächliche Konversationen führen, und alles was leider noch fehlt, sind Myriaden an Vokabeln.
Auf dem Moskauer Flughafen saß ich dann drei Stunden herum, fand eine Steckdose für meinen Laptop und schrieb diesen Blogeintrag bis hierhin. Meine chinesische SIM-Karte wollten die Russen in keines ihrer Netze lassen. Ich streifte ein wenig durch die Duty-Free-Geschäfte und fand eine CD, die ich schon seit zehn Jahren kaufen wollte: Ehrlich, wir hatten damals in Russisch Viktor Zoi, einen russischen Rocksänger der 90er Jahre behandelt, dessen CDs man einfach nirgendwo in Deutschland bekommt.
Es war ein sehr gutes Gefühl, in Frankfurt anzukommen und gleich einem Freund in die Arme zu laufen. Alex arbeitet in Mannheim und fuhr dieses Wochenende ins Vogtland, wo wir gemeinsam zur Schule gegangen waren. Er wartete mit der Abfahrt, bis ich nachts um elf in Frankfurt ankam. Mein Freitag war mit 30 Stunden der längste Tag meines bisherigen kurzen Lebens.
Wir hatten seit langem wieder einmal lange Zeit zum Reden. Meine Eltern allerdings - denen ist der (Panda-)Bär wieder den Buckel runtergerutscht - hatte ich wohl nicht richtig festgebunden - , sodaß sie mich schon erwarteten als ich morgens halb vier in der Tür stand.
Ich werde die nächsten Tag sicher noch einmal bloggen, wenigstens, um Bilder ins Netz zu stellen. Vielleicht regt sich mein Mitteilungsbedürfnis aber auch so stark, daß ich meine Bloggerei zu einer Gewohnheit mache.
Donnerstag, September 28, 2006
Jetzt platzt die Bombe...
Leute, jetzt muß ich die Sau rauslassen, es hilft nichts. Wenn Ihr Euch morgen früh aus Euren Leinen wälzt, weil Euch die ersten Sonnenstrahlen an der Nase kitzeln, werde ich bereits im Flugzeug zurück nach Shenyang sitzen. Ich habe mein Ticket nach Frankfurt eingetauscht und sogar noch etwas Geld zurückerstattet bekommen, und es war wieder einmal gut, daß ich Chinesisch konnte.
Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, ich habe das vorher angedeutet, aber wenn ich mein Leben in Deutschland vergleiche mit jenem in China, dann muß ich offen zugeben, daß mir letzteres deutlich mehr behagt, so sehr, daß ich eigentlich nächstes Jahr wieder hier zurückkehren wollte, um zu arbeiten, sobald ich mein Diplom habe. Mein Diplom war der einzige Grund, zurück nach Deutschland zu fliegen. Aber ich habe diesen Grund außer Gefecht gesetzt, indem ich mich für eine expressionistische Ästhetik entschieden habe: Die Ästhetik des Chaos. Mein Studium bleibt unfertig; meine angemietete Wohnung nehme ich doch nicht; alle, die sich im positiven wie im negativen als Buchungseinträge auf meinen Kontoauszügen tummeln, werden früher oder später meine Abwesenheit und Untätigkeit bemerken; mein sämtliches Hab und Gut ist bis in alle Ewigkeit (vielleicht auch nicht ganz so lang) auf einige Freunde verteilt (Hallo Ariane!); und so weiter. Chaos. Schönheit. Destruktivismus. Das ist auch Kunst, und für einen Moment bin ich der mächtigste Künstler der Welt.
Aber ich mußte die Notbremse ziehen, Leute. Wohl dem, der die Möglichkeiten hat, seine Ketten zu sprengen und in die Freiheit auszubrechen! Wahrscheinlich wird sich der eine oder andere auch seinen Teil denken, warum es denn unbedingt Shenyang sein mußte, wohin ich zurückkehre, warum nicht in Shanghai bleiben - ja, mein Freund, Du hast recht: Es knüpft mich mehr an Shenyang, als ich Euch geschrieben habe, mehr noch, als ich in allen Blogs der Welt schreiben könnte, aber dazu später mehr.
Ich wünsche jedem von Euch die Freiheit, in die mich diese platzende Bombe katapultiert hat, diese Schwerelosigkeit, die nicht umsonst wortverwandt mit "Unbeschwertheit" ist. Wahrscheinlich erklären mich die einen oder anderen für verrückt... Aber ganz ehrlich: Hat nicht meine sämtliche bisherige Entwicklung diesen meinen Schritt erahnen lassen?
Bleibt am Ball, Leute, die nächsten Blogeinträge werden sehr interessant!
Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, ich habe das vorher angedeutet, aber wenn ich mein Leben in Deutschland vergleiche mit jenem in China, dann muß ich offen zugeben, daß mir letzteres deutlich mehr behagt, so sehr, daß ich eigentlich nächstes Jahr wieder hier zurückkehren wollte, um zu arbeiten, sobald ich mein Diplom habe. Mein Diplom war der einzige Grund, zurück nach Deutschland zu fliegen. Aber ich habe diesen Grund außer Gefecht gesetzt, indem ich mich für eine expressionistische Ästhetik entschieden habe: Die Ästhetik des Chaos. Mein Studium bleibt unfertig; meine angemietete Wohnung nehme ich doch nicht; alle, die sich im positiven wie im negativen als Buchungseinträge auf meinen Kontoauszügen tummeln, werden früher oder später meine Abwesenheit und Untätigkeit bemerken; mein sämtliches Hab und Gut ist bis in alle Ewigkeit (vielleicht auch nicht ganz so lang) auf einige Freunde verteilt (Hallo Ariane!); und so weiter. Chaos. Schönheit. Destruktivismus. Das ist auch Kunst, und für einen Moment bin ich der mächtigste Künstler der Welt.
Aber ich mußte die Notbremse ziehen, Leute. Wohl dem, der die Möglichkeiten hat, seine Ketten zu sprengen und in die Freiheit auszubrechen! Wahrscheinlich wird sich der eine oder andere auch seinen Teil denken, warum es denn unbedingt Shenyang sein mußte, wohin ich zurückkehre, warum nicht in Shanghai bleiben - ja, mein Freund, Du hast recht: Es knüpft mich mehr an Shenyang, als ich Euch geschrieben habe, mehr noch, als ich in allen Blogs der Welt schreiben könnte, aber dazu später mehr.
Ich wünsche jedem von Euch die Freiheit, in die mich diese platzende Bombe katapultiert hat, diese Schwerelosigkeit, die nicht umsonst wortverwandt mit "Unbeschwertheit" ist. Wahrscheinlich erklären mich die einen oder anderen für verrückt... Aber ganz ehrlich: Hat nicht meine sämtliche bisherige Entwicklung diesen meinen Schritt erahnen lassen?
Bleibt am Ball, Leute, die nächsten Blogeinträge werden sehr interessant!
Mittwoch, September 27, 2006
Gucken und fahren.
Ich bin mittlerweile in Shanghai. Davon gleich mehr, ich fange lieber von vorne an.
Um Peking zu verlassen, hatte ich mich schließlich doch für das Flugzeug und gegen den Zug entschieden. Ich sage Euch aber nicht, wie das gekommen ist. Nur, daß ich noch eine weitere Nacht in meiner Jugendherberge geblieben und erst am nächsten Morgen geflogen bin, sodaß ich etwa sieben Stunden später als geplant in Hangzhou bei Zhao und Yiling ankam. Von dem, was mich die ganze Aktion gekostet hat, kann man in Berlin acht Nachhilfestunden von mir kaufen, oder ich kann Kathy und Sally viermal ins Hotel Interkontinental zum Italiener einladen. Tja, der alte Gorbatschow hat es schon gewußt.
Zhao hat mich in der Innenstadt vom Zubringerbus abgeholt. Er, Yiling und Anni (ihre Tochter, 4) sind die ersten, die ich von Deutschland wiedersehe, seit ich in China bin. Sie haben zur Zeit, während sie Urlaub machen, eine 90-m²-Wohnung zur Verfügung, in der wir alle genug Platz hatten. Hangzhou ist ein bißchen größer als Berlin, hat nicht soviele riesige Gebäude wie Peking und eine sehr lange Geschichte. Schon in Shenyang hat man mir gesagt, ich soll mir unbedingt den Westsee anschauen, dessen Schönheit in ganz China gerühmt wird. Es gibt ein chinesisches Sprichwort "Im Himmel gibt es das Paradies und auf Erden Hangzhou und Suzhou". Ja, wirklich eine sehr schöne Stadt, eine der bewohnenswertesten Städte Chinas, zusammen mit Dalian, Suzhou und Ningbo, meinte Zhao. Das Taxi war auch endlich wieder billig, nicht wie in Peking, oh Leute... Pekinger Taxis machen Euch arm.
Am nächsten Tag führten mich Zhao und Yiling zu den Plätzen, die man unbedingt mal gesehen haben muß, wenn man schon nicht die Gelegenheit hat, länger in der Stadt zu wohnen. Das erste war ein Ahnentempel für einen General aus alter Zeit, den man unschuldig umgebracht hatte. Gleich danach machten wir eine Bootsfahrt auf dem Westsee, der tatsächlich sehr romantisch ist und drei künstliche Inseln hat. Allerdings waren wir bei weitem nicht die einzigen dort, zumal es ein Sonntag war.
Am Nachmittag lernte ich Zhaos besten Freund in Hangzhou samt Familie kennen. Wir besuchten sie zu viert, unterhielten uns viel. Ich merke langsam, daß mein Chinesisch zum Sprechen schon ganz leidlich brauchbar ist, wenn mir auch viele Wörter fehlen, aber zum richtigen Hörverständnis ist es noch lange hin, sodaß meine Konversationen jenseits der bekannten Themen immer wieder ins Stocken geraten. Ein sympathischer Mensch übrigens, dieser Freund von Zhao. Nette Leute kennen nette Leute.
Eine weitere Freundin von mir - Yu - wohnt schon seit etwa anderthalb Jahren wieder in China, und ich hatte ihr damals beim Abschied versprochen, sie zu besuchen, was ich auch unbedingt wahrmachen wollte. Zhao und Yiling kannten sie auch, und so verbrachten wir den nächsten Tag mit ihr zusammen. Zhao hatte mich noch am Morgen zu einem großen buddhistischen Tempel mit der größten Buddha-Statue Chinas geführt. Den Nachmittag unterhielt ich mich mit Yu für längere Zeit, was zum überwiegenden Teil daran lag, daß die anderen drei tief eingeschlafen waren. Am Abend schließlich spazierten wir noch einmal am Westsee entlang.
Yu war meine erste Chinesischlehrerin. Wahrscheinlich hatte sie keine Ahnung, was sie anrichtete, als sie mir Fremdsprachen-Fetischisten damals Chinesischunterricht anbot. Wir trafen uns dafür wohl nur etwa dreimal, aber ich hatte Blut geleckt und schrieb mich infolgedessen später an der HU am Institut für Südostasienwissenschaften ein, um weiter Chinesisch zu lernen. Und jetzt bin ich hier in China.
Am nächsten Tag lernte ich Zhaos Eltern kennen. Sie hatten während ihres gesamten Lebens eine Düngemittelfabrik von 2000 Angestellten mit aufgebaut, später geleitet und waren jetzt schon in Rente. Zhaos Vater schenkte mir sehr teuren Tee und seine Mutter zauberte ein sehr leckeres Essen auf den Tisch. Achja, das Essen hier werde ich vermissen, wirklich. Nur nach deutschem Kuchen verlangt mich bisweilen, dafür gibt es hier kein wirkliches Äquivalent.
Zum Essen kam auch Zhaos Nichte Zhuyunyi. Sie hatte gehört, daß ein Ausländer ihre Onkel und Tante besucht, und wollte mich unbedingt sehen. Später wollte sie einen Aufsatz schreiben "Wie ich einen Ausländer traf". Aber sie war sehr zurückhaltend, ganz und gar nicht wie Anni, mit der ich ständig herumtobe, und es ergab sich kein allzulanges Gespräch.
Zhao brachte mich mit dem Bus, der länger als eine Stunde unterwegs war, zum Bahnhof. Die Müdigkeit wich während der Zugfahrt deutlich meiner angespannten Erwartung, endlich die riesige Metropole Shanghai sehen zu können.
Meine Jugendherberge liegt genau zwischen der Nanjing Lu - der wichtigsten Einkaufsstraße in ganz China - und dem Bund, das ist die Paradestraße am Huangpu-Fluß, an der sich sämtliche Kolonialmächte architektonischen Denkmäler gesetzt haben, und die eines der Wahrzeichen Shanghais ist. Ich beschloß, am Abend dort spazieren zu gehen. Die Promenade war sehr von Menschen überlaufen, ich sah alle möglichen Ausländer ihre lange Nase in die Shanghaier Luft recken und hörte einmal sogar Sächsisch, und wie an allen touristischen Orten versuchte man mir alle möglichen Waren zu verkaufen, angefangen bei Rollschuhen, Rolexuhren (erlesenste Raubproduktion), Postkarten, bis hin zu Dienstleistungen in einem Rotlichtklub, tja, Leute, da war ich froh, daß ich auf Chinesisch "Fuck you!" sagen konnte - der Typ ging auch wirklich.
Aber die Aussicht, Leute, die Aussicht ist eine wahre Augenweide bei Nacht: Auf der anderen Seite des Flusses erhebt sich eine Art chinesisches Manhatten, und hinter einem werden alle alten Prunk-Gemäuer von farbigen Scheinwerfern angestrahlt. Ein Stadt wie Shanghai gibt es in ganz Europa nicht.
Als ich wieder in die Herberge kam, saß ein Brasilianer in meinem Zimmer. Wir unterhielten uns noch kurz.
Es gibt noch so viel zu erzählen, aber ich will ins Bett, Leute, hier ist es schon gleich zwölf. Deshalb nur noch der Bericht von heute:
Ich war den ganzen Tag unterwegs. Als ich so über die Nanjing Lu mit ihrer Vielzahl an Geschäften schlenderte, hatte ich mehrfach gleich Begleitung von Chinesen, die mich zu einer Kunstaustellung einladen wollten - ein mittlerweile recht bekannter Touristennepp, erfunden, um Leute von ihrem Geld zu trennen. Ich machte mir dann einen Spaß, sie zu verunsichern, indem ich mit ihnen Chinesisch anstelle von Englisch redete, denn natürlich beginnen sie Einladung mit Smalltalk.
Und auch das "DVD?", das ich schon aus Shenyang kannte, fehlte hier nicht. Ich folgte der Tante wieder durch verschlungene Seitenwege, bis wir in einem kleinen Laden standen, wo andere Ausländer schon eifrig am Rolex-Begutachten waren. Nur nochmal zur Erinnerung: Ich entäußere mich nur deswegen, einen raubkopierten Film zu kaufen, weil es sich um den "Da Vinci Code" handelt. Ja, und dann fand ich "花样年华" ("In the mood for love"), den ich in schon mindestens (!!) 10 Läden nicht legal gefunden habe..., und den kaufte ich auch.
Den frühen Nachmittag brachte ich in der Ausstellung für Stadtplanung zu und bildete mich in der jüngsten Shanghaier Geschichte. Es gab sogar ein Rundum-Kino, in dem ein Flug durch und über Shanghai simuliert wurde, bei dem mir richtig schwindelig wurde.
Danach fuhr ich zu der U-Bahn-Station (Shanghai hat fünf U-Bahnlinien), an der der Transrapid beginnt, damit übermorgen alles smooth geht. Leute, als ich in dem Ausstellungsraum war, der die Technik beschreibt, da fühlte ich richtig einen Kloß im Hals: Mein Land hat hier die Speerspitze der Technik erfunden, aber genutzt wird der Transrapid nicht bei uns, nur die Chinesen wissen ihn zu schätzen. Wie stehe ich hier rum, als Deutscher, der seines Landes Produkt nur im Ausland nutzen kann? Traurig, traurig.
Mein Weg zur Sichuan Bei Lu gestaltete sich schwieriger, als erwartet, weil die U-Bahn-Stationen noch nicht so gut ausgeschildert sind. Trotzdem erreichte ich die Einkaufsstraße gegen acht Uhr abends nach einer Metro-Odyssee zur Rushhour.
Die Shanghaier sind sehr hilfsbereit gegenüber Ausländern, allerdings ist es mir hier nur selten, oder nur im Verlauf eines längeren Gespräches vorgekommen, daß man mein Chinesisch gelobt hat, wie das in Shenyang beständig passierte. Offenbar sind die Shanghaier an chinesischsprachige Ausländer schon gewöhnt oder einfach nicht mehr so traditionell, daß sie mir ständig Gesicht geben wollen.
Ich glaube, der nächste Blogeintrag wird sehr interessant, aber ganz sicher bin ich mir noch nicht.
Um Peking zu verlassen, hatte ich mich schließlich doch für das Flugzeug und gegen den Zug entschieden. Ich sage Euch aber nicht, wie das gekommen ist. Nur, daß ich noch eine weitere Nacht in meiner Jugendherberge geblieben und erst am nächsten Morgen geflogen bin, sodaß ich etwa sieben Stunden später als geplant in Hangzhou bei Zhao und Yiling ankam. Von dem, was mich die ganze Aktion gekostet hat, kann man in Berlin acht Nachhilfestunden von mir kaufen, oder ich kann Kathy und Sally viermal ins Hotel Interkontinental zum Italiener einladen. Tja, der alte Gorbatschow hat es schon gewußt.
Zhao hat mich in der Innenstadt vom Zubringerbus abgeholt. Er, Yiling und Anni (ihre Tochter, 4) sind die ersten, die ich von Deutschland wiedersehe, seit ich in China bin. Sie haben zur Zeit, während sie Urlaub machen, eine 90-m²-Wohnung zur Verfügung, in der wir alle genug Platz hatten. Hangzhou ist ein bißchen größer als Berlin, hat nicht soviele riesige Gebäude wie Peking und eine sehr lange Geschichte. Schon in Shenyang hat man mir gesagt, ich soll mir unbedingt den Westsee anschauen, dessen Schönheit in ganz China gerühmt wird. Es gibt ein chinesisches Sprichwort "Im Himmel gibt es das Paradies und auf Erden Hangzhou und Suzhou". Ja, wirklich eine sehr schöne Stadt, eine der bewohnenswertesten Städte Chinas, zusammen mit Dalian, Suzhou und Ningbo, meinte Zhao. Das Taxi war auch endlich wieder billig, nicht wie in Peking, oh Leute... Pekinger Taxis machen Euch arm.
Am nächsten Tag führten mich Zhao und Yiling zu den Plätzen, die man unbedingt mal gesehen haben muß, wenn man schon nicht die Gelegenheit hat, länger in der Stadt zu wohnen. Das erste war ein Ahnentempel für einen General aus alter Zeit, den man unschuldig umgebracht hatte. Gleich danach machten wir eine Bootsfahrt auf dem Westsee, der tatsächlich sehr romantisch ist und drei künstliche Inseln hat. Allerdings waren wir bei weitem nicht die einzigen dort, zumal es ein Sonntag war.
Am Nachmittag lernte ich Zhaos besten Freund in Hangzhou samt Familie kennen. Wir besuchten sie zu viert, unterhielten uns viel. Ich merke langsam, daß mein Chinesisch zum Sprechen schon ganz leidlich brauchbar ist, wenn mir auch viele Wörter fehlen, aber zum richtigen Hörverständnis ist es noch lange hin, sodaß meine Konversationen jenseits der bekannten Themen immer wieder ins Stocken geraten. Ein sympathischer Mensch übrigens, dieser Freund von Zhao. Nette Leute kennen nette Leute.
Eine weitere Freundin von mir - Yu - wohnt schon seit etwa anderthalb Jahren wieder in China, und ich hatte ihr damals beim Abschied versprochen, sie zu besuchen, was ich auch unbedingt wahrmachen wollte. Zhao und Yiling kannten sie auch, und so verbrachten wir den nächsten Tag mit ihr zusammen. Zhao hatte mich noch am Morgen zu einem großen buddhistischen Tempel mit der größten Buddha-Statue Chinas geführt. Den Nachmittag unterhielt ich mich mit Yu für längere Zeit, was zum überwiegenden Teil daran lag, daß die anderen drei tief eingeschlafen waren. Am Abend schließlich spazierten wir noch einmal am Westsee entlang.
Yu war meine erste Chinesischlehrerin. Wahrscheinlich hatte sie keine Ahnung, was sie anrichtete, als sie mir Fremdsprachen-Fetischisten damals Chinesischunterricht anbot. Wir trafen uns dafür wohl nur etwa dreimal, aber ich hatte Blut geleckt und schrieb mich infolgedessen später an der HU am Institut für Südostasienwissenschaften ein, um weiter Chinesisch zu lernen. Und jetzt bin ich hier in China.
Am nächsten Tag lernte ich Zhaos Eltern kennen. Sie hatten während ihres gesamten Lebens eine Düngemittelfabrik von 2000 Angestellten mit aufgebaut, später geleitet und waren jetzt schon in Rente. Zhaos Vater schenkte mir sehr teuren Tee und seine Mutter zauberte ein sehr leckeres Essen auf den Tisch. Achja, das Essen hier werde ich vermissen, wirklich. Nur nach deutschem Kuchen verlangt mich bisweilen, dafür gibt es hier kein wirkliches Äquivalent.
Zum Essen kam auch Zhaos Nichte Zhuyunyi. Sie hatte gehört, daß ein Ausländer ihre Onkel und Tante besucht, und wollte mich unbedingt sehen. Später wollte sie einen Aufsatz schreiben "Wie ich einen Ausländer traf". Aber sie war sehr zurückhaltend, ganz und gar nicht wie Anni, mit der ich ständig herumtobe, und es ergab sich kein allzulanges Gespräch.
Zhao brachte mich mit dem Bus, der länger als eine Stunde unterwegs war, zum Bahnhof. Die Müdigkeit wich während der Zugfahrt deutlich meiner angespannten Erwartung, endlich die riesige Metropole Shanghai sehen zu können.
Meine Jugendherberge liegt genau zwischen der Nanjing Lu - der wichtigsten Einkaufsstraße in ganz China - und dem Bund, das ist die Paradestraße am Huangpu-Fluß, an der sich sämtliche Kolonialmächte architektonischen Denkmäler gesetzt haben, und die eines der Wahrzeichen Shanghais ist. Ich beschloß, am Abend dort spazieren zu gehen. Die Promenade war sehr von Menschen überlaufen, ich sah alle möglichen Ausländer ihre lange Nase in die Shanghaier Luft recken und hörte einmal sogar Sächsisch, und wie an allen touristischen Orten versuchte man mir alle möglichen Waren zu verkaufen, angefangen bei Rollschuhen, Rolexuhren (erlesenste Raubproduktion), Postkarten, bis hin zu Dienstleistungen in einem Rotlichtklub, tja, Leute, da war ich froh, daß ich auf Chinesisch "Fuck you!" sagen konnte - der Typ ging auch wirklich.
Aber die Aussicht, Leute, die Aussicht ist eine wahre Augenweide bei Nacht: Auf der anderen Seite des Flusses erhebt sich eine Art chinesisches Manhatten, und hinter einem werden alle alten Prunk-Gemäuer von farbigen Scheinwerfern angestrahlt. Ein Stadt wie Shanghai gibt es in ganz Europa nicht.
Als ich wieder in die Herberge kam, saß ein Brasilianer in meinem Zimmer. Wir unterhielten uns noch kurz.
Es gibt noch so viel zu erzählen, aber ich will ins Bett, Leute, hier ist es schon gleich zwölf. Deshalb nur noch der Bericht von heute:
Ich war den ganzen Tag unterwegs. Als ich so über die Nanjing Lu mit ihrer Vielzahl an Geschäften schlenderte, hatte ich mehrfach gleich Begleitung von Chinesen, die mich zu einer Kunstaustellung einladen wollten - ein mittlerweile recht bekannter Touristennepp, erfunden, um Leute von ihrem Geld zu trennen. Ich machte mir dann einen Spaß, sie zu verunsichern, indem ich mit ihnen Chinesisch anstelle von Englisch redete, denn natürlich beginnen sie Einladung mit Smalltalk.
Und auch das "DVD?", das ich schon aus Shenyang kannte, fehlte hier nicht. Ich folgte der Tante wieder durch verschlungene Seitenwege, bis wir in einem kleinen Laden standen, wo andere Ausländer schon eifrig am Rolex-Begutachten waren. Nur nochmal zur Erinnerung: Ich entäußere mich nur deswegen, einen raubkopierten Film zu kaufen, weil es sich um den "Da Vinci Code" handelt. Ja, und dann fand ich "花样年华" ("In the mood for love"), den ich in schon mindestens (!!) 10 Läden nicht legal gefunden habe..., und den kaufte ich auch.
Den frühen Nachmittag brachte ich in der Ausstellung für Stadtplanung zu und bildete mich in der jüngsten Shanghaier Geschichte. Es gab sogar ein Rundum-Kino, in dem ein Flug durch und über Shanghai simuliert wurde, bei dem mir richtig schwindelig wurde.
Danach fuhr ich zu der U-Bahn-Station (Shanghai hat fünf U-Bahnlinien), an der der Transrapid beginnt, damit übermorgen alles smooth geht. Leute, als ich in dem Ausstellungsraum war, der die Technik beschreibt, da fühlte ich richtig einen Kloß im Hals: Mein Land hat hier die Speerspitze der Technik erfunden, aber genutzt wird der Transrapid nicht bei uns, nur die Chinesen wissen ihn zu schätzen. Wie stehe ich hier rum, als Deutscher, der seines Landes Produkt nur im Ausland nutzen kann? Traurig, traurig.
Mein Weg zur Sichuan Bei Lu gestaltete sich schwieriger, als erwartet, weil die U-Bahn-Stationen noch nicht so gut ausgeschildert sind. Trotzdem erreichte ich die Einkaufsstraße gegen acht Uhr abends nach einer Metro-Odyssee zur Rushhour.
Die Shanghaier sind sehr hilfsbereit gegenüber Ausländern, allerdings ist es mir hier nur selten, oder nur im Verlauf eines längeren Gespräches vorgekommen, daß man mein Chinesisch gelobt hat, wie das in Shenyang beständig passierte. Offenbar sind die Shanghaier an chinesischsprachige Ausländer schon gewöhnt oder einfach nicht mehr so traditionell, daß sie mir ständig Gesicht geben wollen.
Ich glaube, der nächste Blogeintrag wird sehr interessant, aber ganz sicher bin ich mir noch nicht.
