Inselläufer testet: 2. Borkumer Meilenlauf
(1. September 2007)
Von Sebastian "Inselläufer" Lüning
Ja, von Borkum hatte ich natürlich schonmal gehört. Ist doch eine der friesischen Inseln. Aber wo war das nochmal ganz genau? Borkum. Um die Ecke von Amrum, oder doch vielleicht bei Baltrum, möglicherweise unweit Mellum? Nordfriesisch, westfriesisch oder gar südfriesisch? Nein, es war auf jeden Fall eine der ostfriesischen Inseln. Und hierfür gab es ja den schönen Merkspruch „ Welcher Seemann Liegt Bei Nanni Im Bett?“, der die ostfriesischen Inseln von Ost nach West auflistet: Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist, naja und das Bett steht also für Borkum, ganz im Westen an der holländischen Grenze.
Und im Bett hatte ich auch die Idee, nach Borkum zum Insellauf zu fahren. Etwa zehn Tage vor der Veranstaltung lag ich eines spätabends in meiner Koje und hatte einigermaßen große Schwierigkeiten mit dem Sandmann. Nach mehrfachem geräuschvollem Hin-und Hergewälze nahm ich schließlich Rücksicht auf die holde Ehefrau und verzog mich aus den Schlafgemächern Richtung Internet, wo mir nach einigem Her- und Hingesurfe der Borkumer Meilenlauf in die Hände fiel. Seemeilen sollten dort gelaufen werden, und zwar ziemlich ungerade, 11,66 und 5,83. Diese Strecken entpuppten sich später als Halb- und Viertelmarathon. Die Anmeldung im Internet tätigte ich spontan, welcher Insellauffreund hätte da widerstehen können? Euphorisch-erschöpft gestimmt, übermannte mich schließlich der Schlaf.
Am nächsten Tag berichtete ich der geschätzten Familie vom kühnen Plan, mit ihr in der Spätsaison für ein Wochenende auf das Eiland Borkum überzusetzen, um dort sportliche Höchstleistungen zu vollbringen. Die Frau bat sich Bedenkzeit aus, recherchierte mögliche Fährenrouten mit dem persönlichen Ziel, die Fahrzeit auf dem Wasser minimal zu halten, da sie sich trotz zahlreicher Möglichkeiten in der Vergangenheit noch nicht mit dem nassen Element hat anfreunden können. Insbesondere mit dem bewegten Nass. Zu meinem Glück wurde ein pfeilschneller Katamaran identifiziert, der von Emden in nullkommanichts auf die ostfriesische Barriereinsel überzusetzen vermag. Auch von Fährunglücken in dieser Region gab es im Internet keine Spur. Die Fahrt wurde daraufhin genehmigt.
Als ein viel größeres Problem hingegen stellte sich die Anmietung einer geeigneten Unterkunft für die kleine Reisegruppe heraus. Insulaner vermieten gerne wochenweise. Einzelne Wochenendbuchungen oder gar Einzeltagesbuchungen sind verpönt. Zur Verteidigung der Borkumer sei erwähnt, dass dies natürlich nicht nur für diese Insel zutrifft, sondern für die meisten deutschen Eilande mit saisonal ausgeprägtem Geschäft. Vor einigen Jahren landete sich so einmal im sündhaft teuren Golfhotel auf Norderney… Ellenlanges herumtelefonieren galt es diesmal für Borkum aus Zeitgründen zu vermeiden. HRS.de, weg.de & Co konnten keine freien Plätze vermelden. Nach einer Stunde Onlinearbeit wendete sich jedoch das Blatt unverhofft. Ein Borkumer Vermieter hatte unvorsichtigerweise sein Angebot auf hotel.de gelistet, ein Zimmer in einem 70er-Jahre Hotel was dann zum „Best-Preis“ von schlappen 124 Eur pro Nacht gemietet werden konnte. Meilenlauf – ich komme!
Den Freitag vor dem Rennen nahm ich mir großzügigerweise von der Arbeit frei, so dass wir bereits am Vorabend des Ereignisses nach Borkum reisen konnten. Nach 2 Stunden stockiger Autofahrt kamen wir im strömenden Regen im Emder Außenhafen an. Ein fröhlicher Wind pustete uns die Tropfen in sämtliche Jackenöffnungen. Ein schöner Start in ein herbstlich anmutendes Wochenende in der Nordsee. Tropfnass erreichten wir mit Müh und Not den stolzen Katamaran, der sich vom Wetter allerdings nicht im geringsten berührt zeigte. Eine Stunde später schon bestiegen wir die historische Borkumer Bimmelbahn, die uns dann ins Stadt-Zentrum brachte. Praktischerweise lag unser Hotel direkt am Bahnhof. Das Auswahlverfahren des abendlichen Restaurants offebahrte im Nachhinein stärkere Defizite. Zwar dinierten wir zünftig unter einem Baum, der seltsamerweise mitten in der Gaststube wuchs, jedoch bekam niemand von uns auch nur nennenwerte Mengen des, schweren, fetten, mit Sauerkraut verseuchten Essens hinunter. Klientel-bedingt scheinen doch etliche Insel-Restaurants eher auf schwere und reichliche Kost spezialisiert zu sein. (Gute Tapas hingegen bekommt ihr bei Cesars, nahe der Post in der Bismarckstraße).
Früh am nächsten Morgen schnappte ich mir unseren Vierjährigen und zog zum Anmeldungstischchen des Meilenlaufes im Strandhotel Hohenzollern. Der Hotelbau machte seinem Namen alle Ehre: Edle, blendendweiße Hotelfassaden aus der Zeit um 1900 strahlten uns entgegen. Eine Anmeldungsschlange gab es noch nicht, die Nummer war schnell organisiert, und zack ging es erstmal zurück zum Frühstück. Erst einige Stunden später schlenderte ich samt Supportteam dann Richtung Start. Ich wollte den Viertelmarathon laufen. Nach mehr als einem Jahr verletzungsbedingter Laufpause, war ich erst seit 6 Wochen wieder laufend dabei und froh die 10 km einigermaßen bewältigen zu können. Ein kleiner Leistungstest zur Trainingsstunde Null (siehe Laufbericht zum Insellauf auf Wilhelmsburg) hatte 43 min / 10 km ergeben. Nach 4 Wochen hatte ich dies auf 37 min steigern können. Und nun waren weitere zwei trainingserfüllte Wochen vergangen, eine davon auf einem Laufband in einem sommerlich überhitzten Hotel-Fitnessraums im libyschen Tripolis. Mal sehen wie es läuft, sagte ich mir.
Der Veranstalter verkündete zur Einstimmung, dass sich die Anmelderzahl auf mehr als 700 dieses Jahr gesteigert hatte, quantitativ stark verbessert gegenüber der Premiere im Vorjahr. Ein Großteil der Anmeldungen entfiel dabei freudigerweise auf die Bambini- und Jugendläufe. Prallgefüllte junge Teilnehmerfelder erfüllten die Innenstadt Borkums mit Leben. Die Stimmungsabteilung ging herum und verteilte an Passanten Sparkassenfahnen, um die Jubelatmosphäre in den mager besetzten Seitenstraßen anzuheizen.
Der Start des Hauptlaufes rückte näher. Nach einem sonnigen Morgen, zeigte sich die Sonne nun etwas bedeckter. Optimale Laufbedingungen – wenn da nicht der böse Wind gewesen wäre. Vermutlich steckte das parallel am Promenadenstrand stattfindende Drachenfestival dahinter, hatte sich kräftig Wind erbeten, der nun uns Läufern auf der Strecke zu schaffen machen sollte. Man kann es halt nicht immer jedem recht machen… Mehr als zweihundertfünfzig Läufer standen an der Startlinie. Halb- und Viertelmarathon wurden gleichzeitig gestartet, leider konnten sich die Teilnehmer beider Disziplinen nicht anhand der Startnummer unterscheiden, was sicher zur einen oder anderen Überraschung im Verlauf des Rennens geführt haben wird. Den Startschuß gab die jung-dynamische Bürgermeisterin der Stadt, die im Rahmen der Siegerehrung später ankündigte, den Halbmarathon im Folgejahr selbst mitzulaufen. Aber bitte gerne doch.
Es ging also los. Zunächst führte die Strecke Richtung Norden, auf Stein- und Holzwegen immer an der Küste entlang. Glücklicherweise hatte ich kurz vor dem Start noch bekannte Gesichter erpäht. Peter Steinke vom TV Norden lief den Halbmarathon, genau wie einige weitere Schnellläufer-Kollegen. So entwickelte sich mein eigener Viertelmarathonlauf zu einer recht einsamen Unternehmung. Bereits nach wenigen 100m merkte ich, dass die Herren Halbmarathonis es heute etwas gemütlicher angehen lassen wollten, und es auch sonst niemand so eilig an diesem Tag hatte. Mein einziger Begleiter an diesem Tag sollte daher ein Polizist auf einem Mountainbike bleiben. Leider fuhr er soweit vorne vorweg, dass wir uns nicht unterhaten konnten. Aber eigentlich war ich auch zu sehr von der Strecke begeistert um zu quatschen, es war der pure Genuß. Nach dem initialen Küstenabschnitt ging es auf schmalen Pfaden durch die Borkumer Dünen. Ab und zu mußte ein kleiner Sandhügel erklommen werden, keine Gebirge, nur so steil und so kurz, dass es zu einer netten Abwechslung reichte. Kleine lauschige Wädchen wollte durchlaufen werden, locker eingestreute Richtungswechsel hielten den Kopf bei Laune. Die Eisenbahnstrecke musste gequert werden. Ich hoffe niemand der nachfolgenden Läufer wurde von der Schrank erwischt. Auf der Südstrandpromenade wehte dann ein kräftiger Gegenwind, dennoch rückte das Ziel immer näher und wurde langsam greifbar. Die Kilometerausschilderung war vorbildlich, so wie auch die gesamte Organisation des Laufes durch das Borkumer Team in Kooperation mit dem Sportservice Hamburg eigentlich reibungslos funktionierte.
Der größte Teil der Strecke war, wie bei einem Naturlauf zu erwarten, applausfrei. Dies änderte sich nun auf den letzten paar Metern auf der Zielgeraden, wo es nochmal richtig Stimmung gab. Im Ziel angekommen, wunderten sich zwar Sprecher und Helfer, dass ich nicht noch eine Runde dranhängen wollte – vielleicht sollte man doch einmal über verschiedenfarbige Startnummern für Halb- und Viertelmarathon nachdenken… Ich jedenfalls freute mich, dass ich nach einem flüssigen Lauf im Ziel war. Die 38:20 min auf 10.7 km rechne ich auf eine 36er Zeit auf 10 km herunter, so dass ich mich in diesem Jahr weiter verbessern konnte. Das Halbmarathonrennen der Männer war zugegebenermaßen für die Zuschauer sicher etwas interessanter. Hier bummelten die führenden Läufe zunächst und ersprinteten dann auf der Zielgerade den Sieger. Es ging immerhin um eine ganze Woche Borkumer Hotelaufenthalt als Hauptpreis. Ein tolles Spektakel für alle Zuseher. Leider scheint dies nicht für die 30+ Minuten zwischen Startschuß und Viertelmarathon-Zieleinlauf zu gelten. Hier herrschte im Start-/Zielbereich wohl augescheinlich tote Hose. Vielleicht sollte man über einen erfahrenen Moderator nachdenken, der die Zuschauer auch während dieser Sauregurkenzeit bei Laune hält? Guckt Euch mal an wie Herward Schmidt das in Bremen bei der Winterlaufserie macht. Ein paar Infos von der Strecke, ein paar interessante Hintergrundgeschichten, so schwer ist es nicht. Angesichts der zahlreichen holländischen Besucher auf der Insel und vermutlich etlichen holländischen Teilnehmern ist Zweisprachigkeit sicher eine tolle Sache. Aber müssen es gleich zehnminütige Ansprachen auf holländisch sein?
Die Siegerehrung der Hauptläufe hatte das Orgateam in den Abend verlegt. Ein schlauer Schachzug, hielt es doch so einige davon ab, sich gleich nach dem Lauf wieder auf das Festland abzusetzen… Aber auch aus Läufer-Sicht sicher zu begrüßen, hätte doch die Siegerehrung erst nach dem Eintreffen des allerletzten Halbmarathonläufers beginnen können – und das kann Stunden dauern. So begab sich also die Läuferschar um acht Uhr abends in das Hohenzollern Hotel, um sich hier Pokale, Urkunde und Preise aushändigen zu lassen. Die Ehrung begann überaus pünktlich - sehr zu begrüßen im Vergleich zu anderen Veranstaltungen, wo manchmal sehr viel Zeit sinnlos mit ungeplantem Warten vergeht. Und auch die Block-Verkündung der jeweils drei Ersten einer jeden AK sparte Zeit, konnten sich doch so alle drei gleichzeitig auf zur Bühne machen. Trotzdem konnte schnell der Eindruck einer eher unpersönlichen Siegerehrungsmaschinierie entstehen. Persönliche Worte Mangelware, Hauptsache Urkunde abgeliefert, Pokal dazugesteckt, obligatorisches Foto geschossen – und ab durch die Mitte. Auch die Reihenfolge der Ehrungen blieb undurchsichtig. Die Alterklassenehrung der Viertelmarathonis erfolgte zum Beispiel noch vor der Ehrung des Viertelmarathon-Gesamteinlaufs. Als ich hierdurch ein zweites Mal auf der Bühne auftauchte, zeigte sich die bei der Veranstaltung vorbildlich engagierte Bürgermeisterin zunächst verwirrt und gab zu Bedenken, dass ich ja eigentlich bereits geehrt worden wäre. Ich konnte sie dennoch von meiner Rechtschaffenheit überzeugen und so bekam ich dann auch meinen Gewinn - einen Ferienhausgutschein für ein Wochenende auf Borkum. Leider ist der nicht übertragbar. Und der Termin muß natürlich auch mit dem Hausbesitzer abgestimmt werden. Ich hoffe es ist nicht nur noch der Februar frei.
Abgerundet wurde der ereignisreiche Veranstaltungstag mit einem Feuerwerk der Superklasse. Die Promenade bildete das gut gefüllte Stadion, der Strand die Bühne. Die Pyrotechniker führten ihre faszinierende Show gleich auf drei Himmelsetagen gleichzeitig auf. Viel besser als Silvester in Bremen.
Ich kann den Borkumer Meilenlauf nur wärmstens weiterempfehlen. Vermutlich sollte man wirklich Halbmarathon laufen, da kann man den Naturgenuß auf zwei Inselrunden gleich maximieren. Aber auch als Trainingsrevier eignet sich Borkum vorzüglich. Napoleon schickte einst seine Soldaten hierher, Klaus Störtebeker vergrub in den Borkumer Dünen seine Schätze, und Exkanzler Schröder hat hier ein Ferienhaus. Und wann kommt ihr nach Borkum?
P.S. Die Kat-Fahrt zurück aufs Festland verlief trotz starken Windes erstaunlicherweise relativ ruhig. Im Emder Aussenhafen schloß sich dann der Kreis: Die letzten 300 m bis zum Auto watschelten wir wie gehabt im strömenden Regen …

Aufbruch von Emden in die Weite des Wattenmeeres, Kurs Borkum.

Angekommen auf Borkum, wird vom Boot auf die Bahn gewechselt.
Hier gehts lang.

Gruppenaufnahme (von oben nach unten): Inselwolf, Klein-Inselläufer und Inselläufer

Das Insellauf-Hauptquartier
Ein farbenfrohes Spektakel.

Das Ziel vor Augen.
Das Leben geht weiter: Strandleben ein paar Meter vom Insellauf entfernt.

Wir hätten da einen Einsatz auf Borkum für Sie...

Jubelnde Menschenmassen an den Wegesrändern.

Sogar die Hunde konnten sich für den Lauf begeistern.

Freudige Nachwuchsläufer mit bedrohlicher Regenwand im Hintergrund.
Eine Fußgängerzone wird zur Fußläuferzone.
Angespannte Ruhe am Start des Hauptlaufes.

Inselläufer kurz vor dem Zieleinlauf, mit letzter Kraft in die Kamera grüßend.

Ein selektives Verbot gibt Rätsel auf: Angenommen man kommt mit dem Fahrrad nur zum Einkaufsbummel in die Innenstadt (also nicht zum Essen im Restaurant Valentin's), darf man sein Rad hier abstellen, ja oder nein...?
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