Missbrauch

 

Sexueller Missbrauch - kurz definiert

 

Sexueller Missbrauch ist körperliche und/oder psychische Gewaltanwendung mittels sexueller Gewaltanwendungen am Körper und/oder der Seele eines Kindes oder Jugendlichen.

Sexueller Missbrauch ist Missbrauch von Autorität und Macht. Sexuelle Übergriffe auf Mädchen/Jungen geschehen nicht aus sexuellem Notstand. Missbraucher nutzen die Unterlegenheit und das Vertrauen des Kindes, um sexuell über es zu verfügen.

Im Empfinden der Kinder ist der Übergang von Schmusen, Zärtlichkeit und sexuellem Missbrauch fließend. Kinder und jüngere Jugendliche sind aufgrund ihrer geistigen und emotionalen Entwicklung nicht in der Lage, sexuellen Beziehungen zu Erwachsenen und älteren Jugendlichen wissentlich zuzustimmen oder sie abzulehnen. Sexuelle Gewalttäter wissen sehr oft genau, was sie tun, und planen die Übergriffe.

Sexuelle Gewalt gegen Minderjährige fängt bei heimlichen vorsichtigen Berührungen, verletzenden Blicken und Redensarten an und reicht bis hin zu Kinderpornographie und oraler, vaginaler und analer Vergewaltigung.

(Quelle: Arbeitskreis - Hilfe gegen sexuellen Missbrauch)

 

Was ist sexueller Missbrauch?

Kinder lernen im Lauf ihrer Entwicklung die Welt kennen. Sie beobachten, fragen, probieren, “begreifen” mit unerschöpflicher Fantasie. Um leben und wachsen zu können, brauchen sie die Unterstützung der Erwachsenen, sie brauchen Liebe, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Hilfe, Schutz und Sicherheit. Darauf sind Mädchen und Jungen angewiesen und darauf vertrauen sie.

Missbraucht ein Erwachsener ein Kind sexuell, so benutzt er die Liebe, die Abhängigkeit oder das Vertrauen für seine sexuellen Bedürfnisse -und setzt sein Bedürfnis nach Unterwerfung, Macht oder Nähe mit Gewalt durch. Er gefährdet die Lebens- und Entwicklungsgrundlage und schädigt die Seele des Kindes.

Für viele Mädchen und Jungen gehört der sexuelle Missbrauch zum Lebensalltag. Sexueller Missbrauch kommt so häufig vor, dass man davon ausgehen kann, in jeder Kindergartengruppe, in jeder Schulklasse, in jeder Nachbarschaft oder Verwandtschaft Kinder zu finden, die missbraucht werden. Opfer sexueller Gewalt sind überwiegend Mädchen, aber auch Jungen werden sexuell missbraucht. Nicht selten sind schon sehr kleine Mädchen und Jungen betroffen, denn auch Säuglinge und Kleinkinder werden sexuell ausgebeutet.
Mädchen und Jungen werden gezwungen, lüsterne Blicke und Redensarten zu ertragen, Zungenküsse zu geben, sich nackt zu zeigen, sich berühren zu lassen, den Missbraucher nackt zu sehen und ihn anzufassen, Pornographie anzusehen, bei Pornoaufnahmen mitzumachen, den Erwachsenen mit der Hand oder dem Mund zu befriedigen. Mädchen und Jungen werden vergewaltigt, anal, oral oder vaginal mit Fingern, Gegenständen oder dem Penis.

Dies sind nur einige Beispiele. Darüber hinaus werden Mädchen und Jungen zu allen vorstellbaren -und manchmal auch unvorstellbaren sexuellen Praktiken gezwungen.
Der überwiegende Teil der Täter sind Männer. Manchmal wird Mädchen und Jungen auch durch Frauen sexuelle Gewalt zugefügt. Die Täter sind meist Personen, die das Kind kennt, denen es vertraut, wie etwa ein Freund der Familie, der Kollege des Vaters, der Nachbar, der Vater der besten Freundin, der Erzieher, der Lehrer, der Pastor, der Kinderarzt, der Jugendgruppenleiter, der Sporttrainer, der Babysitter usw. Ein weiterer Teil der Täter kommt aus der Familie: Der Vater, Stiefvater oder Partner der Mutter, der Opa, der Onkel, der ältere Bruder.

Sexueller Missbrauch durch Fremde ist im Verhältnis eher selten. Wir haben oft den Eindruck, dass die meisten Fälle von sexueller Gewalt solche durch Fremde sind, weil darüber in aller Ausführlichkeit in den Medien berichtet wird. In der Realität aber ist das Risiko höher, dass die Mädchen und Jungen im Verwandten- und Freundeskreis sexuell ausgebeutet werden.

Man sieht es keinem Menschen an, ob er Kinder missbraucht. Oft ist der Täter ein Mann mit tadellosem Ruf und gilt als guter Ehemann und Vater. Vielleicht ist er religiös oder politisch aktiv, beruflich erfolgreich oder er engagiert sich besonders für Kinder, ein Mann, dem niemand zutrauen würde, dass er sich an Mädchen und/oder Jungen vergreift.

Viele Leute vermuten, der sexuelle Missbrauch sei für den Täter ein “einmaliger Ausrutscher”. Aber der Täter handelt in den seltensten Fällen spontan. Vielmehr plant und organisiert er ganz bewusst Gelegenheiten, um sich Mädchen und Jungen zu nähern. Manche Missbraucher suchen sich eigens einen erzieherischen Beruf oder eine entsprechende Freizeitbeschäftigung, um an ihre Opfer zu kommen. Dabei missbrauchen sie meist nicht nur ein Kind, sondern mehrere, entweder gleichzeitig oder in Folge.

Der sexuelle Missbrauch kann über lange Zeit andauern, besonders wenn er in der Familie stattfindet. Manche Mädchen und Jungen werden über viele Jahre hinweg missbraucht, wobei sich meist der Grad der Gewalttätigkeit und die Intensität der sexuellen Übergriffe steigert.

Fast alle Täter missbrauchen immer wieder Mädchen und Jungen, so als wären sie süchtig danach. Gleich welche Ausreden sie auch immer finden, sie sind voll verantwortlich für ihr Tun.

Kinder tragen niemals die Verantwortung für einen sexuellen Übergriff.

Oft wird behauptet, Mädchen “verführten” oder “provozierten” den Täter. Das ist falsch. Manchmal machen kleine Mädchen Rollenspiele: Sie spielen “große Frau”, verkleiden sich und sagen vielleicht: “Ich will einen Kuss, so einen richtigen, wie im Film!” Dies ist keine Aufforderung zur Sexualität. Der Erwachsene muss die Grenzen ziehen, er kann abschätzen, was ein Kind nicht absehen und verantworten kann. Dies wird deutlich an einem Beispiel:
Ein kleiner Junge sagte zu seinem Vater: “Komm, wir machen einen Boxkampf, aber nicht gespielt, einen richtigen Boxkampf!” Vater sagt: “Okay!” und verpasst dem Kleinen einen Kinnhaken, so dass dieser ohnmächtig zu Boden fällt. Und was meint der Vater: “Er hat es doch so gewollt, er hat mich provoziert!”

Natürlich ist der kleine Junge nicht schuld an diesem Vorfall,
und natürlich ist kein Kind schuld an einem sexuellen Missbrauch.

Mädchen und Jungen fantasieren oder erlügen auch keine sexuellen Übergriffe. “Kinder haben so viel Fantasie”, heißt es und das stimmt. Sie haben Fantasie über Zauberer, Hexen und Gespenster, aber einen sexuellen Missbrauch erfinden sie nicht. Eher leugnen Kinder einen Missbrauch, um eine geliebte Person zu schützen als dass sie ihn erfinden.

Wenn Mädchen oder Jungen von sexuellen Übergriffen berichten,
so ist sicher, dass sie einen sexuellen Missbrauch erlebt haben.


(Quelle: Gegen den sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen.
Ein Ratgeber für Mütter und Väter, herausgegeben von der
AJS)

 

Merkt man es dem Kind denn nicht an?

Auch wenn die meisten Mädchen und Jungen nicht wagen, offen über den sexuellen Missbrauch zu reden, so teilen sie sich dennoch mit, um diese unerträgliche Situation zu beenden. Ihre verdeckten Hinweise sind aber für Dritte oft schwer verständlich.

Ein Anzeichen für sexuellen Missbrauch kann sein, dass sich das Verhalten eines Kindes ändert, ohne dass ein Grund ersichtlich ist. Vielleicht ist sie oder er auf einmal verschlossen und bedrückt, zieht sich zurück, erzählt nicht mehr unbefangen von alltäglichen Erlebnissen. Oder aber das Kind ist plötzlich übernervös und unruhig, zeigt vielleicht ein unübliches aggressives Verhalten. Manche Mädchen und Jungen spielen nach, worüber sie nicht reden dürfen, oder benutzen eine auffällige sexuelle Sprache. Mag sein, das Kind meidet plötzlich bestimmte Orte, Situationen oder Personen. Man hat das Gefühl:

“Was ist bloß mit ihr los, so war sie doch sonst nicht.”
“Irgendwas stimmt mit ihm nicht, so kenne ich ihn ja gar nicht.”

Diese Verhaltensenderungen können immer auch verschiedene andere Gründe haben, die ernst zu nehmen und wichtig sind, die Ursache kann aber auch ein sexueller Missbrauch sein.

 

Jedes Kind versucht, den sexuellen Missbrauch zu verhindern.

Es ist vielleicht ganz besonders artig, es geht dem Täter aus dem Weg, nimmt den Hund mit ins Bett, bemüht sich, nicht aufzufallen, es versucht, sich durch dicke Kleidung zu schützen, verbarrikadiert die Zimmertür mit Spielzeug, schläft bei den Geschwistern im Bett und, und, und.

Alle betroffenen Mädchen und Jungen wehren sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den sexuellen Missbrauch.

Wenn der Täter sich nicht abschrecken lässt, bleibt nur die Hoffnung, dass einem Erwachsenen in der Umgebung dieses Verhalten auffällt und er oder sie den stummen Botschaften des Kindes nachgeht.

Also:
Nehmen Sie sich Zeit, mit Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn über alle Erlebnisse zu reden. Seien Sie offen und interessiert und hören Sie genau hin. Sprechen Sie an, wenn Ihnen etwas auffällt, ohne Vorwürfe zu machen. Drängen Sie dem Kind nicht Ihre Meinung auf, sondern lassen Sie es eigene Eindrücke und Einschätzungen äußern. Und vertrauen Sie Ihrem Gefühl, wenn Sie meinen, mit Ihrem Kind stimmt etwas nicht.