Das Haus des Schreckens - oder: Bloß nicht alt werden!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Ein Bericht von unserer Kult(ur) - Reporterin Hilde Steinbäschel
Standardmäßig ist die Nervensäge eingeschaltet, aber Sie können ja einfach abschalten!

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Letzten Montag 3.30 Uhr...

Nachtschwester Olia Brnzyczkowa findet, dass es Zeit wäre, schon mal die ersten 20 Heimbewohner zu waschen. (Auch ich - Hilde Steinbäschel - wurde gegen meinen Willen am letzten Freitag - trotz meines noch jugendlichen Alters von erst 71 Jahren - von meinen Kindern in das scheußliche Schachtelheim gesteckt. Ich vegetiere jetzt zusammen mit 3 Leidensgenossinnen in einem 20 qm - Zimmerchen und muss dafür auch noch 6770,99 DM zahlen, denken Sie nur! d. Red.) Meine Bettdecke wird mir entrissen, das Kopfende des Bettes knallt in die unterste Position, das Kopfkissen und ein Büschel meiner Haare landen schwungvoll auf dem Kopf meiner Bettnachbarin, welche dann in der Folge seltsam blaue Fingerkuppen bekommt. "Gute Morrrgen Frrrau Steinbääääschel! Da wollen Wirr mal wiederrr WascheWasche machen!" gibt die Schwester übernächtigt von sich. Zu dieser unchristlichen Zeit gibt es natürlich noch kein warmes Wasser und der kalte Waschlappen rast nur so über meinen Körper. "Schwester! Ich kann mich alleine waschen! Ich hab das immer gemacht!!!" gebe ich lautstark zu bedenken. Schwester Olia stellt darauf hin mal eben eine Diagnose: " Verrrrdacht auf Parrrranoia! Morgen ich werde geben 70 Tropfen Haloperrridol und damit ich können endlich in Rrrruhe wasche diese alte Oma, ich geben noch 20 Tropfen Atosil dazu! Dann ich haben endlich Rrrruhe vor alte Schrreihals..." Seltsame Geräusche dringen von meiner Bettnachbarin herüber, denn gerade hat sie mein Haarbüschel eingeatmet - nur gut, denn davon wacht sie endlich auf und entfernt das Kissen von ihren Gesicht, welches ungewöhnlich blau - violett ausschaut. 

6.30 Uhr...

Der Frühdienst beginnt. Schwester Gudrun kommt unausgeschlafen ins Dienstzimmer getorkelt, wo Schwester Olia schon Unmassen von Kaffee fabriziert hat. "Morgen! War was?" Gudrun ist mürrisch und ihre Miene wird noch finsterer, als sie auf dem Dienstplan erblickt, dass sie heute nur mit Herrn Göbel - einem tüteligen Altenpflegekollegen - allein ist. Und das bei 31 Heimbewohnern! "Wo ist der Zucker? Wo ist der Zivi? Igitt! Die Milch ist ja sauer!" Gudrun scheint heute einen schlechten Tag zu haben. "Also, was war jetzt los in der Nacht!?"

"Ach, nichts ist gewesen grroß los. Nur die Alte aus Zimmer 13 haben gemacht grosses Theaterrr beim Waschen heute morrrgen...(damit meinte sie mich - d. Red.) Übrigens ich haben fertig gestrrrickt meine Pullover heute nacht. Da, schau mal!" Gudrun betrachtet Olias Kunstwerk und denkt sich: ’Sieht aus, wie Kartoffelsack von Nadja!’ aber sie sagt: "Wow! So ein tolles Teil könnte mir auch gefallen! Der sieht ja rattenscharf aus."

Da kommt Herr Göbel in korrektem strahlendem Weiß und mit Aktentasche ins Dienstzimmer getrabt. "Danke Schwester Gudrun für das Kompliment. Und allseits einen guten Morgen!" "Auch einen Kaffee, Herr Göbel?" fragt Gudrun kalt. "Ähem, nein danke, ich trinke nichts, ich bin im Dienst." ‘Arschloch’ denkt sich Gudrun und ihre Miene verfinstert sich noch mehr. "Kannst gehen Olia..." Das lässt diese sich nicht zweimal sagen und entschwindet fluchtartig zu ihren Fiat Panda. (Das Lieblingsauto von Altenpflegerinnen auf Grund schlechter Bezahlung des Jobs - achten Sie mal drauf.)

Herr Göbel liest das Übergabebuch, wie einen Krimi, zückt sein Notizbüchlein und seinen Kuli und erarbeitet sich erst mal einen Tagesplan. Gudrun schlürft an ihrem Kaffee, den sie heute schwarz trinken muss und schwarz sieht sie auch für den ganzen Tag. Ein widerlich hoher Pfeifton zerreißt die morgendliche Stille im Dienstzimmer. Zimmer 7 - na klar, wieder dieser Herr Ändert, der hat doch dauernd was! Herr Göbel fühlt sich nicht im geringsten genötigt, seine Planungsarbeit einzustellen. Mit hochrotem Kopf und kurz vorm Gehörsturz stapft Schwester Gudrun griesgrämig aus dem Zimmer. Die rote Lampe über der Tür von Zimmer 7 leuchte schon einladend und irgend wie schadenfroh. "Morgen Herr Ändert! Der Herr haben geläutet!?" "Na endlich kommt ma jemand angetrabt! Saftladen hier! Wenn ich noch Beine hätte, würde ich euch welche machen..." "aber Herr Ändert..." versucht ihn Gudrun zu besänftigen "was haben sie denn so dringendes auf dem Herzen?" "Ich hab nix auf´m Herzen, sondern was in der Urinflasche und ich muss ma rappeln oder soll ich gleich ins Bett pinkeln?

Bei solchen Heimbewohnern macht der Job echt Spaß. Also trabt Schwester Gudrun los, um auf der Toilette die Flasche zu entleeren. Als sie diese schon fast erreicht hat spürt sie plötzlich einen kalten Schauer im Rücken. "Haaalt!!! Schwester Gudrun, wohin wollen Sie denn mit der Urinflasche? Seit Freitag haben wir eine nagelneue Fäkalienspüle! Haben Sie wieder mein Rundschreiben nicht gelesen? Und wehe ich sehe noch mal, wenn die Flaschen in der Toilette entleert und dann auch noch unterm Wasserhahn ausgespült werden! Wo sind wir denn hier? Das ist hier ein anständiges Haus!!!" Mit diesen Worten entfernt sich die Heimleiterin Fr. Dr. Schreckensberger in Richtung Cafeteria. ‘Nomen est omen’ denkt sich Gudrun. 'Ja, wenn ich nur wüsste, wo das Ding steht, ich bin ja auch noch neu hier!' Da erblickt sie hinter sich den riesigen Wegweiser an der Wand - FÄKALIENSPÜLE 120 m rechts - Gudrun ändert ihren Kurs in Richtung Fäkalienspüle, die einen eigenen Raum hat - nur leider ist es auch der entfernteste von allen in diesem Wohnbereich. An der Tür steht auf einem noblen Schild: - Fäkalienspüle - Fehlte nur noch: - vor Eintreten bitte klopfen! - Na dann... Gudrun atmet tief durch, drückt mutig die Klinke herunter, öffnet die Tür und... ihr fällt der Unterkiefer runter und die Urinflasche beinahe aus der Hand. 

Da steht ein chromblitzendes Ding, halb Geschirrspülmaschine, halb Computermonitor. Angestrahlt wird das Hightechgerät von einem halben Dutzend Halogenstrahlern, die in die getäfelte Decke des Zimmers eingelassen sind. Ein Schildchen auf der Fäkalienspüle tut sich besonders hervor und sieht echt hipp aus: - INTEL INSIDE - steht da dran! So vornehm kann man also Fäkalien wegspülen. ‘Jetzt versteh ich auch, warum mein Gehalt so niedrig ist und wo das ganze Geld aus der Pflegeversicherung bleibt.’ denkt sich Gudrun. Vorsichtig nähert sie sich dem heißen Teil. Der Monitor zeigt ein Bildchen mit Wolken und den Schriftzug WINDOWS 98! Der vermeintliche Monitor ist ein Touchscreen und da Gudrun so was vom Fahrkartenautomaten am Bahnhof kennt, tatscht sie mal eben mit einem ihrer Wurstfinger auf den START - Button. Mit Dolby surround und THX - Effekt erschallt eine beeindruckende Begrüßungsmelodie im Fäkalienspülraum. Darauf öffnet sich ein Menüfenster auf dem Bildschirm:

Was wollen Sie tun? Wählen Sie aus und berühren Sie mit dem Finger das Menü Ihrer Wahl...

Möchten Sie Lara Croft spielen?

Einen Betrag von Ihrem Konto an Bill Gates überweisen? 

Das Microsoft Office Programm starten?

Im Internet surfen? (aber nicht mit Netscape Navigator!)

Die Fäkalienspüle im DOS - Modus starten?

Die Fäkalienspüle herunterfahren?

Sonstiges tun?

Eigentlich wollte ich doch nur die verdammte Urinflasche leeren und reinigen!’ Gudrun ist verzweifelt. Also tatscht sie mal auf - Sonstiges tun - was auch immer das sein mag. Und siehe da, es öffnet sich ein neues Fenster:

Programm Urinflasche leeren und reinigen

Touchen Sie hier, um die Klappe der Spüle zu öffnen!

Mit einem Geräusch, das aus der Star - Wars - Triologie stammen könnte, öffnet sich wie von Geisterhand die Klappe der Spülmaschine und auf dem Bildschirm erscheint:

Bitte stellen Sie die Urinflasche in die dafür vorgesehene Halterung!

Drücken Sie dann den  (Drücken Sie in diesem Text auf keinen Fall den Start - Button!)

Na, das klappt ja sogar...’ Also auf gedrückt und nun müssten Herrn Änderts Ausscheidungen endlich aus der Flasche verschwinden! Aber mitnichten! Denn gleich nach dem Betätigen des Start-Buttons wird Gudrun von der eigenwilligen Maschine aufs neue geschockt...

Achtung! 

Das Programm Fäkalspül ist auf Ihrer Fäkalienspüle als Shareware - Version installiert. Die Urinflasche wird nur bis zur Hälfte geleert und nicht desinfiziert. Der Füllstand kann nicht gespeichert werden. Auch das Recycling des Urins in Apfelsaft und die Weiterleitung in den Getränkeautomaten ist nur bedingt möglich!

Wenn Sie in den vollen Genuss dieses Programms kommen wollen, bestellen Sie jetzt bei Ihrem Microsoft - Händler eine lizenzierte Vollversion.

Das gibt's ja nicht! Das träume ich doch nur!’ "Aber Schwester Gudrun! soll ich sie aufwecken, indem ich ihnen mal kräftig aber heftig in den Po zwicke?" grinst der Zivi, der plötzlich hinter Gudrun steht. "Ha! Du fauler Zivi! Wo treibst Du Dich rum? Ich hetze mich hier ab, es müssen noch ein paar Omas und Opas gewaschen werden, dann kommt das Frühstück..." Von wegen faul!" entgegnete der Zivi. "Ich sollte hier gerade eine CD-ROM raubkopieren! Befehl von allerhöchster Stelle - von der Heimleitung! Es iss'n sauteures Buchhaltungsprogramm..." Gudrun war verwirrt. "CD - ROM? Raubkopieren? Du täuschst wohl schon Paranoia vor, nur um Dich von der Arbeit drücken zu können? Aber mit mir nicht! Los, wasch jetzt den Herrn Ändert und mach bei Frau Grohmann ein Klysma." Der Zivi entschwindet widerwillig und Schwester Gudrun rollt schon verdächtig wahnsinnig mit den Augen. Aber wie es sich für eine auf WINDOWS 98 basierende Fäkalienspüle gehört, kommt es noch schlimmer:

Error in file Faekalien. exe!

Der schwere Ausnahmefehler 000FFF67J890K45LM ist in

vxx4.xrv aufgetreten

Drücken Sie Strg + Alt + Entf und starten Sie die Fäkalienspüle neu!

Nichtgespeicherte Urinflaschen gehen dabei verloren.

"Neeeiiin!!!! Hilfe!!! Ich werde wahnsinnig! Das gibt's ja nicht Wo ist dieser nichtsnutzige Hausmeister?" Schreiend und ganz rot vor Wut rennt sie in den Keller, wo Herr Kannitz, der Hausmeister seine Werkstatt hat und dort seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht - BÜLD - Zeitung lesen. Schon von weitem hört er das hysterische Geschrei der Schwester und er ahnt schon, dass seine Ganztagspause akut in Gefahr ist. "Bei Gudrun ist nicht gut ruh’n" seufzt er.

"Herr Kannitz! Die Fäkalienspüle ist abgestürzt und hat die Urinflasche von Herrn Ändert gelöscht!" 'Oh Gott!' denkt sich der Hausmeister 'die arme Frau; da sind erst ein paar Tage seit Eröffnung des Altenheimes vergangen und schon ist die erste Schwester GAGA...' "Bleiben Sie ganz ruhig Schwester Gudrun, setzen Sie sich hin, ich hole Hilfe..." Etwas verängstigt erinnert sich der Hausmeister, dass gerade ein Psychiater im Haus zur Visite weilt. 'Ja, genau den braucht die Gudrun jetzt!' und er eilt los...

Eilenden Schrittes kommt der Doktor der Psychiatrie begleitet von zwei Krankenpfleger in die Hausmeisterwerkstatt. "Schwester Gudrun, was ist denn passiert?" "Die Fäkalienspüle hat schuld, dass mein Gehalt so niedrig ist und außerdem hat dieses Mistding eine Urinflasche verschwinden lassen und Herr Ändert hat mir jetzt sicher schon das ganze Bett vollgepinkelt."

'Hm...Haluzination eindeutig. Und paranoid ist sie auch...Fäkalienspüle tzetze... Aber was mach ich da nur? Vielleicht hätte ich doch lieber studieren sollen, als den Doktortitel zu kaufen' denkt sich Dr. Mogelmog. Aber gerade noch rechtzeitig fällt ihm der alte Krankenpflegespruch wieder ein:

Bei allen Arten von Psychosen hilft Haldol in hohen Dosen!

Und dass hier eine schwere Psychose vorlag, unterlag für Dr. Mogelmog keinem Zweifel. "Fasst sie!" Die Krankenpfleger stürzen sich auf Schwester Gudrun und diese kann gerade noch schreien: "Hilfe! Was soll denn das? Ich bin nicht krank!" Das war für den Doktor die Bestätigung seiner Diagnose; alle Psychopathen behaupten, dass sie gesund wären. 

Aus der Krankenakte:

...Patientin Gudrun Weizenkeim wurde in hochgradigem Erregungszustand vorgefunden; Diagnose: produktive halluzinatorisch - paranoide Psychose; Therapie: 30 ml Haldol i.v.; da die Patientin starke Gegenwehr leistete und rumzappelte wurde es nur eine i.m. Injektion; Einlieferung ins Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie zur weiteren Beobachtung.

 

 

 

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