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Das "Handwörterbuch von Bayerisch-Franken"
und der fränkische Dialekt
(erschienen unter dem Titel "Schlafen – slapen – schlofm: Wie
sagt man in Franken ?." in: Akademie Aktuell 04/2007, S.6-9)
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Mit einer Buchpräsentation legte die Kommission für
Mundartforschung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften am 25.
Oktober 2007 das „Handwörterbuch von Bayerisch-Franken“ vor, das im
Verlag Fränkischer Tag erscheint. Verfasst wurde das Dialektwörterbuch
von Eberhard Wagner, die Karten erstellte Alfred Klepsch. Es enthält
über 1800 Stichwörter, die aus einer Sammlung von ca. 6 Millionen
Belegen sowie aus zahlreichen, nur teilweise veröffentlichten
Lokalwörterbüchern zusammengestellt wurden. Grundlage des
Handwörterbuches ist die Sammlung von Daten für das Projekt eines
umfassenden „Ostfränkischen Wörterbuchs“.
Hiermit wird erstmals eine Lücke in der oberdeutschen
Dialektlexikographie geschlossen. Der Wortschatz der Nachbardialekte
Bairisch und Alemannisch ist schon seit längerer Zeit durch
umfangreiche Wörterbücher dokumentiert, nämlich durch das
Schweizerdeutsche Idiotikon (erschienen 1885 bis 1999), das Schwäbische
Wörterbuch (erschienen 1904 bis 1936) und das Bayerische Wörterbuch von
J. A. Schmeller (erschienen 1827 bis 1837).
Nur Schmellers Werk ist das Ergebnis der Arbeit eines
einzelnen Menschen. Die meisten anderen Regionalwörterbücher des
Deutschen wurden durch Teams mehrerer Wissenschaftler, meist über
mehrere Generationen, recherchiert und verfasst. Unter den genannten
oberdeutschen Dialekten hat das Bairische die größte Verbreitung,
sowohl, was die Zahl seiner Sprecher, als auch die Fläche seines
Gebiets betrifft.
Es lag daher schon früh auf der Hand, dass Schmellers Werk, so
innovativ und sorgfältig recherchiert es sein mochte, nicht den
gesamten Wortschatz dieses Sprachgebiets erfassen konnte. Pläne für ein
"umfassendes Wörterbuch des ganzen Bayerisch-Österreichischen
Dialektgebiets" reiften in Österreich. Die Österreichische Akademie der
Wissenschaften unternahm 1911 einen Vorstoß in diese Richtung und
sprach sich für eine Zusammenarbeit mit der Bayerischen Akademie der
Wissenschaften aus. Nach anfänglichem Zögern arbeiteten die zuständigen
Kommissionen beider Akademien Ende 1912 einen gemeinsamen Arbeitsplan
aus. In beiden Ländern sollte unter der Ägide der jeweiligen Akademie
Material gesammelt werden, die Endauswertung sollte dann in Wien
geschehen.

In München wurde Ende 1912 eine Redaktion eingerichtet, die
die Erhebungen im ganzen Staatsgebiet – damals noch einschließlich der
Rheinpfalz – organisieren sollte. Es war aber vorgesehen, für Franken
und die Pfalz eigene Redaktionen einzurichten zu dem Zweck, in eigener
Regie Erhebungen für ein ostfränkisches und ein pfälzisches Wörterbuch
durchzuführen. Solche eigenen Redaktionen entstanden in
Kaiserslautern 1926 und in Erlangen 1933.
Ab 1914 begann in Bayern die Materialsammlung anhand
einheitlicher Fragebogen. Es gab hiervon zwei Typen: einen
"systematischen", der 1914 bis 1933 und einen "mundartgeographischen",
der 1927 bis 1940 versandt wurde. Die Serie der mundartgeographischen
Fragebogen sollte die Datenbasis für einen Bayerisch-Österreichischen
Sprachatlas erheben. Beide Sammelaktionen litten aber unter der
geringen Zahl an Gewährspersonen (durchschnittlich etwa 500 in ganz
Bayern), die für die Bearbeitung gewonnen werden konnten.
Mehr Erfolg hatte eine Kampagne der neu gegründeten Redaktion
des Ostfränkischen Wörterbuchs in Erlangen. Die 1934 in ganz Bayern
versandte, 90 Fragen beinhaltende Wortliste erbrachte in Altbayern 2200
und in Franken und benachbarten Gebieten Badens und Württembergs ca.
2500 Einsendungen. Eine schlimme Zäsur war der Zweite Weltkrieg auch
für das gesamtbairische Wörterbuchprojekt. Wertvolles Material wurde in
München durch Bomben zerstört, und die Sammelarbeit musste Ende 1940
eingestellt werden.
Im Verlauf der 1950er Jahre "zerfiel" das
Gemeinschaftsprojekt. Das Sprachatlasprojekt wurde aufgegeben und erst
in den 1980er Jahren als Gemeinschaftsprojekt von sechs bayerischen
Universitäten neu belebt. 1951 wurde im Bundesland Rheinland-Pfalz die
Wörterbuchredaktion der Akademie der Wissenschaften und der Literatur
in Mainz unterstellt. 1965-1997 erschien das Pfälzische Wörterbuch in
sechs Bänden. 1955 trennten sich auch die Wege des Bayerischen
Wörterbuchs und des Wörtbuchs der bairischen Mundarten in Österreich.

Das Projekt Ostfränkisches Wörterbuch in Erlangen war in den
1950er Jahren stark gefährdet. Es war seit seiner Gründung 1933 an den
Lehrstuhl für germanische Philologie der Universität gebunden. Seit
Kriegsende gab es keine Redaktion mehr. 1960 begannen die Assistenten
von Siegfried Beyschlag, Otmar Werner und Reinhold Grimm, wieder mit
dem Versand von Fragebogen innerhalb der Regierungsbezirke Ober-,
Mittel- und Unterfranken. In dem Zeitraum zwischen 1960 bis 2001 wurden
an anfangs 1200, am Ende nur noch 200 Mitarbeiter insgesamt 116
Fragebogen geschickt. In diesem Zeitraum wurden auch direkte Erhebungen
durchgeführt, wobei man die Belege vor Ort in Lautschrift
transkribierte.
1962 richtete die Bayerische Akademie der Wissenschaften in
Erlangen wieder eine eigene Redaktion für das Ostfränkische Wörterbuch
ein und besetzte sie mit Erich Straßner. Das Projekt ist seither
unabhängig von der Erlanger Universität und wird von der Kommission für
Mundartforschung an der BADW geleitet. 1993 wurde die Forschungsstelle
von Erlangen nach Bayreuth verlegt, 2012 erfolgte der Umzug nach Fürth.
2001 beschloss die Kommission, den Fragebogenversand in
Franken einzustellen, unter anderem um die Arbeit ganz auf die
Vorbereitung einer auszugsweisen Veröffentlichung zu konzentrieren.
Diese liegt nun in Form des Handwörterbuchs von Bayerisch Franken vor.
Ähnlich wie Schmellers Bayerisches Wörterbuch kann man dieses
Handwörterbuch als das Werk eines einzelnen Menschen bezeichnen,
nämlich des langjährigen Redaktors Eberhard Wagner. Es liegt auf der
Hand, daß dies nicht die endgültige und letzte "Wortmeldung" zum
Ostfränkischen sein kann. Das vorliegende Belegmaterial umfasst ein
Vielfaches des im Handwörterbuch dargestellten Wortschatzes.
Eine systematische Aufarbeitung mit der Hilfe der
elektronischen Datenverarbeitung wurde 2003 unter dem neuen Redaktor
Alfred Klepsch in Angriff genommen. Derzeit werden die noch nicht
exzerpierten Antworten aus der Zeit zwischen 1965 und 2001 von
Werkvertragnehmern mit einem Tabellensystem erfaßt. Die so entstehenden
Dateien sollen im nächsten Jahr zu einer Datenbank verknüpft werden.
Diese Datenbank soll dann in den nächsten Jahren kontinuierlich durch
neu exzerpierte Belege erweitert werden bis das gesamte, bislang nur im
handschriftlichen Original vorliegende Material unabhängig vom Archiv
der Bayreuther Forschungsstelle von jedermann zu Recherchen benutzt
werden kann.
Der Titel "Handwörterbuch von Bayerisch-Franken" soll
folgende Tatsachen zum Ausdruck bringen: "Handwörterbuch" deutet an,
dass es sich um ein kurzes Auswahlwörterbuch handelt, dass es nur einen
Teil des vorliegenden Materials dokumentiert und dass es deswegen nicht
mit einer vollständigen Veröffentlichung verwechselt werden darf, wie
sie z.B. das in Lieferungen seit 1995 erscheinende Bayerische
Wörterbuch der Kommission für Mundartforschung darstellt.

Die Bezeichnung "von Bayerisch Franken" umreißt das
Untersuchungsgebiet. Dessen Grenzen sind nämlich nicht sprachlicher,
sondern administrativer Natur. Das Wörterbuch behandelt den Wortschatz
aller Dialekte, die in den drei fränkischen Regierungsbezirken Bayerns
vorkommen. Im Folgenden werden diese Dialekte kurz umrissen. Zur groben
Orientierung vergleiche man die Karte "Deutsche Dialekte", die auch im
Handwörterbuch abgedruckt ist.
Am verbreitetsten ist das Ostfränkische. Dieser Dialekt wird
heute als das Fränkische schlechthin empfunden, obwohl die Wissenschaft
auch Dialekte, die in den Bundesländern Hessen, Rheinland-Pfalz und
Nordrhein-Westfalen gesprochen werden, als Fränkisch bezeichnet.
Ostfränkisch ist ein oberdeutscher Dialekt wie Schwäbisch, Alemannisch
und Bairisch1. Gemeinsam ist allen oberdeutschen Dialekten, daß hier
die Zweite Lautverschiebung vollständig durchgeführt ist. Die Zweite
Lautverschiebung ist ein Lautwandel, der sich kurz nach der
Völkerwanderung, etwa im 5. bis 7. nachchristlichen Jahrhundert in den
germanischen Dialekten Süddeutschlands ereignet hat. Er betraf die
germanischen Konsonanten p, t und k, die dadurch je nach Stellung im
Wort zu f, s und ch oder zu pf und z wurden. Die neuhochdeutsche
Schriftsprache hat diese, ursprünglich nur in Süddeutschland
verbreitete Erscheinung zur gesamtdeutschen Norm erhoben.
Die folgende Tabelle vergleicht anhand einiger Beispielwörter
die Sprachen Englisch (als eine nicht von der Zweiten Lautverschiebung
betroffene germanische Sprache) und Standarddeutsch, sowie die drei
Dialekte Niederdeutsch (auch Plattdeutsch genannt), Rheinfränkisch
(z.B. Hessisch) und Ostfränkisch.
| Englisch |
Standarddeutsch |
Niederdeutsch |
Rheinfränkisch |
Ostfränkisch |
| pound |
Pfund |
Pund |
Pund |
Pfund |
| tide |
Zeit |
Tid |
Zeit |
Zeit |
| cow |
Kuh |
Kau |
Kuh |
Kuh |
| apple |
Apfel |
Appel |
Abbl |
Apfl |
| sleep |
schlafen |
slapen |
schlafe |
schlofm |
| better |
besser |
beter |
besser |
besser |
| make |
machen |
maken |
mache |
machen |
Man erkennt, dass Niederdeutsch in dieser Beziehung dem
Englischen gleicht, Ostfränkisch mit dem Standarddeutschen
übereinstimmt und Rheinfränkisch eine Zwischenstellung einnimmt.
Rheinfränkische Mundarten sind auch im Westen des Regierungsbezirks
Unterfranken verbreitet, und zwar vom Spessart bis zur Landsgrenze und
in der westlichen Rhön. Ein weiterer mitteldeutscher Dialekt, der auch
in Bayerisch-Franken gesprochen wird, ist das Thüringische. Bezüglich
der Zweiten Lautverschiebung ähnelt Thüringisch stark dem
Rheinfränkischen, nur daß das standarddeutsche Wort Pfund hier wie Fund
gesprochen wird. Thüringisch ist in Bayerisch-Franken auf ein kleines
Gebiet im nördlichen Landkreis Kronach beschränkt. Umgekehrt wird aber
in weiten Teilen des Bundeslands Thüringen Ostfränkisch gesprochen.

Das Bairische ist am Ostrand der Regierungsbezirke Ober- und
Unterfranken verbreitet. Wie in der Oberpfalz spricht man hier
Nordbairisch. Nordbairisch unterscheidet sich von dem in München, Linz
und Wien gesprochenen Mittelbairischen vor allem durch bestimmte
Vokale. Während die standarddeutsche Kuh im Mittelbairischen Kua heißt,
nennt man sie im Nordbairischen Kou, Eier lauten im Mittelbairischen
Oa, im Nordbairischen Oier.
Im Süden Mittelfrankens grenzt das Ostfränkische an das
Schwäbische. Als typisch schwäbisch kennt man die mundartliche Lautung
der Wörter du hast und du bist als du hascht und du bischt. Dieses
schwäbisch-alemannische Merkmal reicht jedoch weit in das Ostfränkische
hinein, ist südlich einer Linie Rothenburg-Hilpoltstein auch in
ansonsten völlig mit dem Ostfränkischen identischen Mundarten
verbreitet. Erst südlich des Hesselbergs, in Dinkelsbühl und
Wassertrüdingen, kann man von "reinem" Schwäbisch sprechen. Hier lautet
der Wagen nicht wie im Ostfränkischen Woong, sondern Waage, für ihr
geht sagt man diir gangt und nicht wie im Ostfränkischen ihr gedd.
Für alle die genannten "Randdialekte" bietet das
Handwörterbuch von Bayerisch-Franken Einträge, es beschränkt sich also
nicht auf den ostfränkischen Dialekt.
Umgekehrt ist das Geltungsgebiet des Wörterbuchs aber kleiner
als das Verbreitungsgebiet des Ostfränkischen. Nicht berücksichtigt
sind Wortbelege, die aus dem nichtbayerischen "Ausland" kommen. Das
Ostfränkische wird nämlich auch in einem großen Gebiet im Norden
Baden-Württembergs gesprochen, nördlich einer Linie
Karlsruhe-Heilbronn-Crailsheim.
Auch die Mundarten des südlichen Thüringens, südwestlich einer
Linie Sonneberg-Eisenach (also südlich des Rennsteigs) werden dem
Ostfränkischen zugerechnet, ebenso wie das Vogtländische zwischen
Plauen und Zwickau in Sachsen. Von hier aus reichte das Gebiet des
Ostfränkischen über das Erzgebirge nach Böhmen hinein bis zur alten
tschechisch-deutschen Sprachgrenze. Und selbst in Amerika gibt es eine
ostfränkische Sprachinsel, nämlich das Städtchen Frankenmuth in
Michigan/USA. Alte Einheimische sprechen hier noch ein leicht
amerikanisiertes Ostfränkisch (sie nennen es "bavarian"), das bis auf
manche englische Lehnwörter genau der Mundart der Stadt Neuendettelsau
bei Ansbach entspricht.
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